„Jutta, er kratzt“

Die Farbe stimmte, der Preis auch – Jutta hatte endlich den passenden Trevira zur khakifarbenen Hose gefunden. Da störte es nicht, dass die Verkäuferin erst lange auf sich warten ließ und dann schnippisch bemerkte: Die Bluse bestehe eigentlich aus einer Qualitätsfaser, die ausschließlich in der DDR produziert werde. Und die hieße nun mal, sie betonte jede Silbe mit Nachdruck, De-De-Ron. Dass fast alles davon in den Westen verkauft wurde, um dort als Trevira in die Läden zu kommen, blieb unausgesprochen. Jutta nahm die Szene ungewohnt heiter. Hier ging es um Höheres als den Klassenkampf. Sie musste gut aussehen am Samstag, für Klaus-Günther.

Auch am Nachmittag, auf dem „Platz der Freundschaft“, hatte man sie rasch als Westdeutsche ausgemacht. Immer wieder vergaß sie im Café, sich einen Platz anweisen zu lassen. Aber vielleicht waren pommersche Servierkräfte einfach nur von Natur aus unhöflich. Immerhin, das Aprilwetter spielte mit und sie konnte in der Frühlingssonne ihre Postkarte schreiben. Ihre Schulfreundin Rosemarie (Rosi!) musste erfahren, dass das Problem „Bluse“ gelöst war. Noch vor zwei Tagen hatten sie in Greifswald gemeinsam die Läden durchkämmt – auf der Suche nach dem einzig wahren Oberteil durchsucht. „Du brauchst Dich nicht mehr bemühen“, notierte Jutta nun auf der Karte und adressierte sie nach Wiesbaden-Dotzheim. Rosi würde die Anspielung verstehen: Klaus-Günther und sie, das war auf einem guten Weg.

Dann, endlich, war der Tag gekommen für das große Spiel. Klaus-Günther trat an für die Betriebssportgemeinschaft Kernkraftwerk Greifswald. Sie waren sich erst letzte Woche auf dem Wall begegnet: die Touristin aus Südhessen und der Freizeitfußballer vom KKW (zu mehr als Bezirksliga hatte es wieder einmal nicht gereicht). Aber das war ihr egal, damals. Man war ins Gespräch gekommen – und zwei Eierliköre im „Boddenhus“ später hatte er sie zu seinem großen Spiel eingeladen. Freikarten, erste Reihe. Doch am Ende hatte auch die neue Garderobe nichts genutzt. Bei einer ersten zarten körperlichen Annäherung nach dem Spiel hatte Klaus-Günther trocken bemerkt: „Jutta, er kratzt.“ Darauf hatte sie sich rasch von ihm losgesamt, samt ihrem braunen Trevira. (kb, 24.12.20)

Bilder: Zeitschriftencover (Sibylle, 1976), historische Postkarte und Fußballspielprogramm (1976)

mR-Adventskalender 2020

Vor 50 Jahren, im Herbst 1970, wurde das erste Frankfurter Haus besetzt. Um die historistischen Wohnblocks durch Hochhaus-Neubauten ersetzen zu können, wurden damals angestammte Mieter aktiv verdrängt. 1970 protestierten Bewohner, Studierende und Gastarbeiter daher gegen die Interessen der Immobilienwirtschaft. Diese – teils auch gewaltsam ausgetragenen – Konflikte markierten einen Wendepunkt in der Stadtplanung und stärkten nicht zuletzt die Denkmalpflege. Heute geraten viele Quartiere (nicht nur) in Frankfurt erneut unter Gentrifizierungsdruck. Zugleich sind es gerade die damals bekämpften Hochhaus-Neubauten, denen der Abriss droht. Vor diesem Hintergrund lässt der mR-Adventskalender 2020 den Frankfurter Häuserkampf und seine Folgen anhand markanter Zitate und Bilder lebendig werden.

„50 Jahre Hausbesetzung“: Sie können hier jeden Tag ein virtuelles Türchen öffnen – oder Sie folgen uns auf instragram unter #50jahrehausbesetzung

Wir danken für die Mitarbeit von: Daniel Bartetzko, Karin Bekemann, Maximilian Kraemer, Peter Liptau, Johannes Medebach.

Sie suchen noch ein modernistentaugliches Weihnachtsgeschenk? Da hätten wir was!

Titelmotiv: (gemeinfrei, via pixabay.com)

Der mR-Adventskalender 2020 wird unterstützt vom Dezernat Kultur und Wissenschaft der Stadt Frankfurt am Main.