Bücher-Spezial 2020

Buchmesse digital hin oder her, auch in diesem Herbst hat sich moderneREGIONAL wieder nach lesenswerten Neuerscheinungen rund um die Moderne umgeschaut. (kb, 12.10.20)

Otto Wagner und die Fotografie

Otto Wagner und die Fotografie

Über den Wegbereiter der Moderne und seinen strategischen Einsatz der Kamera.

Die Neurosen der Architekturmoderne

Die Neurosen der Architekturmoderne

Gerd de Bruyns neuer Roman „Bremens letzte Jahre“ als Sinnbild moderner Architektur.

Kleiner Raum ganz groß

Kleiner Raum ganz groß

Eine neue Publikation präsentiert die Frankfurter Küche, Prototyp aller Einbauküchen, aus sechs Blickwinkeln.

Fly me to the moon

Fly me to the moon

Wie Menschen architektonisch den Mond erobern (wollten).

Hanseatisch modern

Hanseatisch modern

Frank Schmitz porträtiert die oft privat getragene oder initiierte Baukultur in Hamburg.

Architektur an der Adria-Magistrale

Architektur an der Adria-Magistrale

Der im Jovis-Verlag erschienene Reiseführer „Mapping the Croatian Coast“ ist die ideale Urlaubslektüre, um sich von Balkonien an die Adria versetzen zu lassen.

(K)ein Idyll

(K)ein Idyll

Wohin mit den Einfamilienhausgebieten des 20. Jahrhunderts?

Behelfsheim

Behelfsheim

Philipp Meuser und Enver Hirsch über die Provisorien der Zeit um 1945.

Die Architekturmaschine

Die Architekturmaschine

Die Rolle des Computers in der Architektur – Thema einer Publikation mit folgender Ausstellung.

Kärnten - Land der Moderne

Kärnten – Land der Moderne

Bemerkenswerte Bauten der Nachkriegsmoderne in Österreichs südlichstem Bundesland jetzt in einem Buch – und nach Corona in einer Ausstellung.

Titelmotiv: Computer (Bild: CC0, via pxhere.com)

Otto Wagner und die Fotografie

„100 Jahre später geboren wäre Otto Wagner wohl zu einem der ersten Architekten mit einem kreativ gestalteten Webauftritt geworden und als Pionier der Social-Media-Kommunikation in die Geschichte eingegangen“ – so fassen Monika Faber (Photoinstitut BonartesWalter Moser, Albertina) und Walter Moser (Fotosammlung der Albertina, Wien) die Aussage einer frisch erschienenen Publikation zusammen. Andreas Nierhaus – Kunsthistoriker und Kurator in der Architektursammlung des Wien Museums – analysiert darin die Bildstrategien eines Vorreiters der Moderne.

Als Grundlage dienen 80 Architekturaufnahmen aus dem Nachlass Otto Wagners (1841–1918), die erst jüngst der Forschung zugänglich gemacht wurden. Erstmals umreißt Nierhaus, was im Rückblick mehr als Sinn macht: Ein radikaler Erneuerer der Baukunst bedient sich einer radikal neuen Bildtechnik. Wagner nutzte private Aufnahmen, ungewöhnliche Perspektiven und Ausschnitte. Dabei war er sich, so Nierhaus, der Vorzüge der Fotografie – gegenüber der seinerzeit unter Architekten üblichen Zeichnungen und Modelle – sehr wohl bewusst. (kb, 18.9.20)

Nierhaus, Andreas, Ein Architekt als Medienstratege. Otto Wagner und die Fotografie (Beiträge zur Geschichte der Fotografie in Österreich 19), Fotohof-Editionen, Salzburg 2020, französische Broschur, 180 Seiten, 178 Schwarz-Weiß- und Farbabbildungen, 21×21,5 cm, ISBN: 978-3-902993-90-8.

Titelmotiv: Wien, Miethaus Köstlergasse 1 (Linke Wienzeile 38), Ansicht vom Gerüst des Hauses Linke Wienzeile 40, 1899, Silbergelatinepapier, 23,9 × 18,2 cm (Bild: © Privatbesitz; Courtesy Photoinstitut Bonartes, Wien; Bild für diesen Post gereiht)

Die Neurosen der Architekturmoderne

Er ist schon ein merkwürdiger Kauz, dieser Franz Bremen, Hauptfigur in Gerd de Bruyns neuem Roman „Bremens letzte Jahre“. Ein selbsternannter Eremit, der nichts so sehr verabscheut wie die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten seiner Mitmenschen. Zudem plagen ihn gleich mehrere Neurosen und Wahnvorstellungen. Nach dem Tod seiner Frau flüchtet er aus Berlin, dem denkbar schlechtesten Ort für seine Menschenscheu, in die niedersächsische Provinz. In einer Kleinstadt, die sich eines Schnarchmuseums rühmt, müsste man unbehelligt seinen Lebensabend verbringen können – nicht jedoch als Sonderling. Franz Bremens kränklich asketisches Erscheinungsbild sorgt bald dafür, dass er (wider Willen) in die Kreise der Kleinstadtschickeria gerät. Hier erfährt er geballt ein letztes Mal, was ihm an der Gesellschaft anderer Menschen schon immer verhasst war. Nach dem Ableben findet er endlich seine Katharsis – in einer fragmentarischen Schattenwelt ohne soziale Verpflichtungen

Drahtglas (Bild: CC0, PD, via pxhere.com)

Raster (Bild: CC0, PD, via pxhere.com)

Gerd de Bruyns Roman „Bremens letzte Jahre“ erscheint als letzter einer Trilogie, die sich wichtigen Lebens- und Zeitabschnitten widmet. „Das mächtige Häuflein“ drehte sich noch um das selbsternannte Intellektuellenmilieu im Frankfurt der 1980er Jahre. Bei „Erlenbruch“ standen dann adoleszente Bikergang-Träume im Mittelpunkt. Nun geht es um den Lebensherbst und die nüchterne Gegenwart. De Bruyn zeichnet seinen Protagonisten so nicht als entrückte Gestalt, sondern als (wenn auch offenkundig lebensfeindliche) Bezugsperson. Wir verstehen nur allzu gut die Ablehnung, die Franz Bremen all den unsäglichen Oberflächlichkeiten und Possen unseres Alltages entgegenbringt. Dennoch zeigt diese Gesellschaftsstudie mit Hang zum Namedropping gelegentlich Längen.

Raster (Bild: PD, via pixabay.com)

Nichtsdestotrotz sind das komische Potenzial der Geschichte und die Anspielungen auf die Architekturgeschichte für Eingeweihte ein Vergnügen. Das ist nicht verwunderlich, stammt der Roman doch von einem ehemaligen Lehrstuhlinhaber für Architekturtheorie. Gekonnt verpasst er Franz Bremen ein großes „Lebensreformprojekt“: Die Möbel in dessen neuem Domizil sollen von sämtlichen Ornamenten befreit und in eine Flucht gebracht werden – ein treffendes Sinnbild für die Neurosen der Architektur des 20. Jahrhunderts. Am Ende ist es ausgerechnet die hitzige Diskussion um ein modernes Bauwerk, die Bremen endgültig mit seinem Umfeld brechen lässt. Als sein Ordnungszwang öffentlich angeprangert wird, verlassen ihn desillusioniert die Lebenskräfte. (16.9.20, jm)

Bruyn, Gerd de, Bremens letzte Jahre, Skript-Verlag, Neuss 2020, Paperback, 176 Seiten, 12 x 19 cm, ISBN: 978-3-928249-85-0.

Titelmotiv: Raster (Bild: PD, via pixabay.com)