FACHBEITRAG: Brutalismus für Betagte

von Gerhard Kabierske (22/2)

Die Betonfassade war vielen Karlsruherinnen und Karlsruhern ein Stein des Anstoßes: Ausgerechnet an der Aufgabe Altersheim demonstrierte der Architekt Reinhard Gieselmann (1925–2013) seine eigenwilligen Vorstellungen, und ausgerechnet mit dem spektakulären Neubau in einer der Radialstraßen im Zentrum der Fächerstadt, die das sonst verlorene Bild der klassizistischen Residenzstadt einigermaßen bewahrt hatte. Weder dem, was sich damals ältere Menschen unter einer ‘schönen’ Architektur für ihren letzten Lebensabschnitt vorstellten, noch dem, was als Einordnung in einen städtebaulichen Kontext verstanden werden konnte, entsprach dieser Bau. Er war bei seiner Fertigstellung 1967 schlichtweg ein Akt der Selbstdarstellung. Aus heutiger Perspektive gesehen, hat Gieselmann der Stadt zu einem überregional bedeutenden Zeugnis des Betonbrutalismus verholfen.

Karlsruhe, Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Erdgeschossgrundriss der Gesamtanlage (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT))

Karlsruhe, Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Erdgeschossgrundriss der Gesamtanlage (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT))

Ein besonderer Auftrag

‘Licht, Luft, Sonne’, die Doktrin der Moderne, galt in der Nachkriegszeit auch beim Bauen für Betagte. Selbstverständlich sollten sie am neuen ‘befreiten’ Lebensgefühl teilhaben. Alten- und Pflegeheime entstanden deshalb gerne als Solitäre in Neubaugebieten, wo die ‘gesunde’ Ausrichtung nach Himmelsrichtungen sowie umgebendes Grün gewährleistet waren. Funktion und Hygiene schien Genüge getan, wenn sich die Zimmer mit Balkon und Waschbecken schematisch entlang eines Flurs aufreihten, die gemeinschaftlichen Sanitärräume nicht allzu weit vom Zimmer entfernt waren und auch ein Personenaufzug nicht fehlte.

Ein neues Heim in einer Kriegslücke an einer viel befahrenen Innenstadtstraße zu bauen, war eher die Ausnahme. 1960 hatte das Deutsche Rote Kreuz (DRK) den Architekten Alfred Fischer (1889–1969) mit einem Gutachten beauftragt, wie das verbandseigene Grundstück an der Stephanienstraße intensiver genutzt werden könnte. Nach der Trümmerräumung diente es nur als Stellplatz für die DRK-Krankenwagen. Hier stand auch eine Baracke als provisorische Einsatzzentrale. Fischer schlug für das schmale und tiefe Areal eine Heimnutzung vor. Da es in Karlsruhe an Altenheimplätzen mangelte und überdies eine Finanzierung möglich war, entschied man sich für ein solches Projekt. Die Stadt stimmte baurechtlich zu. Da Fischer aus Altersgründen die weitere Planung nicht übernehmen wollte, brachte er seinen damals erst 36-jährigen Schwiegersohn Reinhard Gieselmann als Architekten ins Spiel. Ohne personelle Alternative oder einen Wettbewerb erhielt dieser 1962 den Auftrag.

Bald stand sein Konzept eines Heims für rund 70 alte Menschen: Die Krankenwagen wurden in eine Tiefgarage verbannt. Die zugehörigen Wartungs- und Einsatzräume verortete man ebenso im Tiefgeschoss und belichtete sie über einen Lichtgraben im hinteren Grundstücksteil. Die Bauflucht an der Straße sollte durch einen viergeschossigen Trakt geschlossen werden, der sich entlang einer Brandmauer zum Nachbargrundstück nach hinten entwickeln und diese verdecken sollte. Ferner sollte ein zweigeschossiger Querriegel dahinter das Grundstück in der Tiefe teilen sowie inmitten des baumbestandenen, rückwärtigen Grundstücksteils eine eingeschossige bungalowartige Baugruppe mit Altenwohnungen entstehen. Im Grunde übernahm Gieselmann mit Vorderhaus, Seitenbau, Hinterhaus und Gartenhaus ein Bebauungsschema des 19. Jahrhundert, wie es sich auch in der Karlsruher Innenstadt finden lässt.

Ein Blick auf die ausgeführte Straßenansicht und den Erdgeschossgrundriss macht jedoch deutlich, dass der Architekt weitergehende Ambitionen hatte. Um so viel Sonnenlicht wie möglich einzufangen, wird die Fassade an der Straße mit Loggien und über Eck geführten Fenstern aufgebrochen. Auf der Rückseite ist die Baugruppe extrem in Höhe und Tiefe gestaffelt, die Fronten sind gebogen und abgetreppt. Aber man ahnt sofort: Es geht dem Architekten nicht nur um das Einfangen von Sonne, sondern vor allem um das Spiel mit plastischen Formen. Er liebt spannungsreiche Inszenierungen, im Äußeren mit einem ungewöhnlichen, fast dreieckigen Hofbereich, im Inneren mit expressionistisch-irrationalen Raumzuschnitten.

Reinhard Gieselmann (links) mit Oswald Matthias Ungers, 1957 (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT))

Reinhard Gieselmann (links) mit Oswald Matthias Ungers, 1957 (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT))

Ein engagierter Architekt

Reinhard Gieselmann baute keinen Standard, dafür war er schon zuvor bekannt. 1944 noch als 19-Jähriger zur Wehrmacht eingezogen, entschied er sich nach traumatischen Erlebnissen am Kriegsende höchst motiviert für ein Architekturstudium in Karlsruhe. Prägend wurde zunächst Egon Eiermann, bei dem er 1950 sein Diplom machte: mit dem Entwurf eines Motels an der Autobahn, für das er – typisch Eiermann-Schule – in einem Baukastensystem Container in Leichtbauweise aneinanderreihte. Die Ablösung von der Vaterfigur Eiermann begann, als er 1953 auf dem Motorrad bis Finnland fuhr und dort Alvar Aalto und seine Bauten kennenlernte. Zum Schlüsselerlebnis wurde im selben Jahr auch der CIAM-Kongress in Aix-en-Provence, auf dem Peter und Alison Smithson ihre ‘brutalistischen’ Bauten vorstellten und offen gegen die Meister der weißen Moderne der 1920er Jahre opponierten. Das Zusammentreffen mit Le Corbusier, der dem jungen Deutschen persönlich eine Wohnung in der gerade fertig gestellten Unité d’Habitation in Marseille zeigte, sollte ebenso nicht folgenlos bleiben.

Schon Gieselmanns erste eigene Bauten zeigen besondere Plastizität und Raumwirkung, den Einsatz von groben Materialien wie Sichtbeton, Backstein, Kalksandstein oder Rauputz. Er nahm damit Trends der 1960er Jahre vorweg. Belesen und interessiert an Architekturtheorie, promovierte er mit einer Arbeit über den modernen Kirchenbau und meldete sich zu aktuellen Themen mit aufmüpfigen Leserbriefen in Bauzeitschriften zu Wort. Mit seinem Freund Oswald Matthias Ungers verfasste er 1960 ein „Manifest zu einer neuen Architektur“. In 20 Thesen beschwor ihr „Credo des Subjektiven“ den Vorrang der künstlerischen Schöpfung vor Ratio und Technik in der Architektur. Sie müsse „Erlebnis des Körperhaften und Räumlichen“ sein. In diesem Sinne baute Gieselmann mehrere individualistische Einfamilienhäuser und eine erste Kirche, die deutlich Le Corbusier rezipierte.

Karlsruhe, Altenheim des Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Straßenfassade, 1967 (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Straßenfassade, 1967 (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Béton brut in der Stephanienstraße

Beim Großprojekt für das Altersheim konnte Gieselmann in den 1960er Jahren alle Register seines baukünstlerischen Wollens ziehen, seine Liebe für Sichtbeton und eine neoexpressive raumbildende Architektur ausleben. Weder der Bauherr noch die Stadt redeten ihm bei der Gestaltung hinein. So wurde schon die Straßenfassade zu einem Manifest: Das hohe Erdgeschoss tritt nach außen als zurückgesetzte dunkle Sockelzone in Erscheinung, aus der nur die Rahmung von Eingang und Tiefgarageneinfahrt hervortreten.

Die drei aufgeständerten Wohngeschosse präsentieren sich wie ein abstraktes Relief, das durch vorkragende Wandteile, Rücksprünge der Fensternischen und dunkle eingetiefte Loggien eine stark plastische Struktur erhält. Um jedes Schema der dahinter gleichartig gereihten Zimmer zu vermeiden, sind die Öffnungen von Fenstern und Loggien in einem raffinierten Spiel von Symmetrie und Asymmetrie gespiegelt. Im Gegensatz zur Horizontalen wird der Kamin der Heizung im Untergeschoss turmartig als vertikaler Akzent in die Fassade gerückt, manieriert überdimensioniert, nach oben auskragend, in einem dreiteilig gestaffelten Kopf über der Traufe auslaufend und die breite Front wiederum asymmetrisch teilend.

Karlsruhe, Altenheim des Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Eingangsbereich mit Blick in die Treppenhalle, 1967 vor Anbringung der Wandreliefs aus Majolika, in der Mitte eine der 'Säulen' mit Kapitell (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Eingangsbereich mit Blick in die Treppenhalle, 1967 vor Anbringung der Wandreliefs aus Majolika, in der Mitte eine der ‘Säulen’ mit Kapitell (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Im Inneren

Genauso expressiv gibt sich das Innere. Sichtbeton mit Kalksandstein-Ausmauerungen dominiert auch die Eingangshalle und den sich anschließenden, nach oben schachtartig über die gesamte Gebäudehöhe führenden Lichthof. In einem freistehenden Betonzylinder fährt der Personenaufzug nach oben, ebenso wird die zum Lichthof offene Treppe zum Blickpunkt. Beides erschließt die umlaufenden Laubengänge vor den Zimmern. Geradezu barock ist die Lichtregie mit einem pointierten Hell-Dunkel-Kontrast. Während an der Straßenseite das große Hallenfenster Seitenlicht spendet, fällt von oben indirekt Sonne durch einen über das Dach ragenden Aufbau mit umlaufendem Fensterband.

Die Hallenwand wird durch gerahmte, geschichtete Rechteckfelder gegliedert, die wie ein aus der Architektur heraustretendes Relief erscheinen. Später erhielten die Felder Majolikareliefs mit stark abstrahierten, vegetabilen Motiven des Meistermann-Schülers Karlheinz Overkott. Einen überraschenden Dekor bekamen auch die mächtigen zweiteiligen Rundstützen, deren kubisch verschachtelte Fantasiekapitelle die Decke tragen. Ebenso erstaunlich sind der Speisesaal und die Flure des rückseitigen Querbaus mit nicht alltäglichen Rauminszenierungen und der Härte der Materialien. Der Anspruch eines Gesamtkunstwerks wurde noch unterstrichen, indem Gieselmann auch die Möbel der Gemeinschaftsräume entwarf.

Karlsruhe, Altenheim des Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Treppenhalle mit Laubengängen zur Erschließung der Zimmer, 1967 (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Treppenhalle mit Laubengängen zur Erschließung der Zimmer, 1967 (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Kritik und Anerkennung

Nicht nur bei Karlsruher Bürgerinnen und Bürger sorgte Gieselmanns Werk für Kopfschütteln. Es kam in der Gestaltungsfrage auch zum Zwist zwischen ihm und seinem Schwiegervater Alfred Fischer, der ihm den Auftrag vermittelt hatte. Und er bekam das Befremden der Karlsruher Kollegen zu spüren: „Sie wollten Funktion, ich: Struktur und Atmosphäre“, so fasste der Architekt selbst die Distanz zusammen, die er im regionalen Kontext fühlte. Dass „Brutalismus“ in Karlsruhe nicht gelitten war, lag an der Prägung durch die Schule von Egon Eiermann, der in seinen Vorlesungen das Altersheim „des Herrn G.“ sogar als Negativbeispiel vorführte. Beton, zumal plastisch geformter Sichtbeton, galt dem Liebhaber des Stahls und Perfektionisten in der Kunst der Fügung von Einzelelementen als geradezu anstößig. Man könne mit diesem Baustoff disziplinlos „alles machen“ und das Material anschließend nie wieder beseitigen. Mit negativen Gutachten torpedierte Eiermann in der Folge sogar zweimal Berufungen seines ehemaligen Schülers, mit dem er sich duzte und dessen Frau eine gute Freundin seiner Frau war.

Gieselmann wollte sich gegen die Vorbehalte wehren. In seiner Eröffnungsrede und in weiteren Texten erläuterte er den sozialen Aspekt seines Gebäudes: Ein Altersheim dürfe nicht nur reine Funktionen des Wohnens im Alter erfüllen, es müsse für die Seniorinnen und Senioren auch architektonische Reize bieten, Abwechslung wegen des im Alter immer enger werdenden Bewegungsradius. Das Haus müsse quasi die Stadt ersetzen, die selbst nicht mehr erlebt werden könne. Und er sah seine Formspielereien legitimiert durch Geschichte: Hatte nicht der Architekt Hermann Billing, dem er einen Aufsatz widmete, 1900 in der gleichen Straße ein Hauptwerk des Jugendstils hinterlassen, dessen Fassade auch gegen alle Konventionen verstieß?

Doch es gab keineswegs nur Kritik. In der überregionalen Fachpresse stieß das Gebäude auf großes Interesse. Es erschienen zahlreiche Artikel, selbst in französischen, ungarischen und japanischen Zeitschriften. Zusammen mit Gottfried Böhms wenig jüngerem Altenheim in Düsseldorf-Garath, das ähnliche architektonische Reize bietet, stand der DRK-Bau in Karlsruhe für einen neuen Ansatz in dieser Gattung. Gruppen von Architekten und Architektinnen aus dem ganzen deutschsprachigen Raum kamen nach Karlsruhe. Offenbar schätzten sie vor allem den Mut, die Stützen wieder mit Kapitellen auszubilden – hier zeichnet sich schon die Postmoderne ab, der sich Gieselmann später zuwenden sollte. Nicht zuletzt dürfte das Werk mitverantwortlich dafür gewesen sein, dass sein Urheber zwei Jahre nach Fertigstellung einen Ruf auf einen Lehrstuhl an die Technische Hochschule (TH) Wien erhielt.

Karlsruhe, Altenheim des Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Rückansicht des Vorderbaus mit Rauputzfassade, 1967 (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Rückansicht des Vorderbaus mit Rauputzfassade, 1967 (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Umgang mit dem Gebäude

Seit den 1980er Jahren steht das Altersheim bereits unter Denkmalschutz und eine in den frühen 1990ern geplante, entstellende Generalsanierung – unter Beteiligung von Gieselmann selbst – wurde zum Glück nicht realisiert. Dennoch hat der Bau in der Zwischenzeit viel von seiner ursprünglichen Wirkung verloren. Neue Standards für Altenheime, Sicherheits- und Brandschutzauflagen sowie Dämmmaßnahmen führten an vielen Stellen zu unglücklichen Eingriffen. Anstriche und Verkleidungen des Sichtbetons im Inneren demonstrieren das geringe Verständnis der neuen Eigentümerin, der Evangelischen Stadtmission, für die historische Bedeutung und die bauliche Qualität des Hauses. Die neue Erschließung über einen benachbarten Erweiterungsbau führte zur Degradierung des eigentlichen Zentrums der Anlage, der Eingangshalle. Zudem kann sie nicht mehr von der Straße eingesehen werden. Es bleibt zu hoffen, dass in Zukunft denkmalpflegerische Belange mehr Berücksichtigung finden.

Rundgang

Karlsruhe, Altenheim des Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Rückansicht des Vorderbaus mit „Himmelsleiter“ als Fluchtweg (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Rückansicht des Vorderbaus mit „Himmelsleiter“ als Fluchtweg (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Gesamtanlage von der Rückseite (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Gesamtanlage von der Rückseite (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Bungalow im Garten (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Bungalow im Garten (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Eingangshalle mit Majolikareliefs von Karlheinz Overkott (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Eingangshalle mit Majolikareliefs von Karlheinz Overkott (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Blick nach oben im Lichthof (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Blick nach oben im Lichthof (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Haupttreppe im Lichthof (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Haupttreppe im Lichthof (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Dachterrasse (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Dachterrasse (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Speisesaal (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Speisesaal (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Möblierung nach einem Entwurf von Reinhard Gieselmann (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Möblierung nach einem Entwurf von Reinhard Gieselmann (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Flurbereich im Rückgebäude (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Karlsruhe, Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes, Flurbereich im Rückgebäude (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Foto: Thilo Mechau)

Quellen und Literatur

 
saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Werkarchiv Reinhard Gieselmann.

Gieselmann, Reinhard, On the Search of Style. Auf der Suche nach Stil, Stuttgart/London 2007.

Titelmotiv: Karlsruhe, Altenheim des Deutschen Roten Kreuzes (Bild: Gerhard Kabierske)

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LEITARTIKEL: Bauen und Pflegen für das Wohlbefinden

LEITARTIKEL: Bauen und Pflegen für das Wohlbefinden

Jürgen Tietz über die große Verheißung der Moderne.

FACHBEITRAG: Opas Heilbad ist tot!

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Oliver Sukrow über Kurorte und ihre Architektur in der Nachkriegsmoderne.

FACHBEITRAG: Das Bundes­­wehr­­kranken­haus in Ulm

FACHBEITRAG: Das Bundes­­wehr­­kranken­haus in Ulm

Peter Liptau über ein “zukunftsoffenes Krankenhaus” des Architekten Robert Wischer.

FACHBEITRAG: Brutalismus für Betagte

FACHBEITRAG: Brutalismus für Betagte

Gerhard Kabierske über einen Karlsruher Bau von Reinhard Gieselmann.

PORTRÄT: Bahnhof-Apotheke Lübbecke

PORTRÄT: Bahnhof-Apotheke Lübbecke

Karin Berkemann über einen der ersten Bauten der Postmoderne in Deutschland.

INTERVIEW: "Nach wie vor verliebt in dieses Klinikum"

INTERVIEW: “Nach wie vor verliebt in dieses Klinikum”

Die Architektin Petra Wörner (wtr) über die Sanierung des Aachener Klinikums.

FOTOSTRECKE: Auf Kur mitten im Krieg

FOTOSTRECKE: Auf Kur mitten im Krieg

Peter Raaf besuchte Kuranlagen der 1930er bis 1950er Jahre.

Der Best-of-90s-Beitrag

PORTRÄT: Bahnhof-Apotheke Lübbecke

von Karin Berkemann (22/2)

Diese Apotheke ist der wahrgewordene Traum jedes Designvictims der späten 1970er Jahre. Als Grundlage dienten die Zeichnungen eines ostwestfälischen Apothekers: Der stilsichere Rainer Krause (1952–2013) konnte 1974/76 die italienische Architektengruppe Superstudio, hier speziell Adolfo Natalini (1941–2020), für den Neubau des Familienbetriebs gewinnen. In Lübbecke störte man sich zunächst an diesem 1979 fertiggestellten Haus, das als eines der ersten Zeugnisse der Postmoderne in Deutschland gilt. Rasch waren Spitznamen wie “Waschmaschine” oder “Pillenbunker” zur Hand. Doch als Zeitschriften wie “Casa Vogue” oder “Schöner Wohnen” positiv über die Bahnhof-Apotheke schrieben, stellte sich bald Stolz ein. Schließlich richtete sich Krause im Dachgeschoss der Stilikone mit seinem neuen Designberatungsbüro ein, dessen Ausstellungen es bis zur Documenta schaffen sollten.

Superstudio, Supersuperficie: Vita, 1970–1972 (Bild: trevor.pott, CC BY NC SA 2.0, via flickr)

Superstudio, Supersuperficie: Vita, 1970–1972 – mit künstlerischen Mitteln gegen die Hochglanzarchitektur (Bild: trevor.pott, CC BY NC SA 2.0, via flickr)

Anti-Architektur

Unter dem Namen Superstudio hatten sich ab 1966 in Florenz mehrere Avantgarde-Architekten zusammengetan, darunter Peter Frassinelli, Alessandro Magris, Roberto Magris, Alessandro Poli, Cristiano Toraldo di Francia und Adolfo Natalini. Ihr Anspruch war kein Geringerer, als eine Persiflage auf die vorherrschende Baukunst zu erschaffen. Daher kehrten sie die Logik der Megacities mit Zeichnungen und Collagen ins Absurde. Zudem entstanden – über alle Gattungsgrenzen hinweg – Filme, Modelle, Ausstellungen, reale Architekturen und Designentwürfe.

Als sich das Kollektiv gegen Ende der 1970er Jahre auflöste, wandte sich Adolfo Natalini dem Städtebau zu, um ab 1991 mit seinem Sohn ein eigenes Büro zu betreiben. Die Superstudio-Collagen wanderten in die großen Architektursammlungen der Welt. Doch am populärsten sollten die Designstücke werden, die man heute zu hohen Preisen handelt. Da ist es nur konsequent, dass die Lübbecker Apotheke wie eine Mischung aus italienischer Espressomaschine und amerikanischem Art Déco daherkommt.

Lübbecke, Bahnhof-Apotheke (Bilder: links: Aldo Ballo, rechts: Reinhard Wolf)

Lübbecke, Bahnhof-Apotheke – seit den 1990er Jahre liegt die Leitung der Apotheke bei den Pharmazeut:innen Elke und Volkhard Meyer (Fotos: links: Aldo Ballo, rechts: Reinhard Wolf, Bild: Archiv Michael von Jakubowski

Krause-Frassinelli-Natalini

Rainer Krause sprach fließend Italienisch. Schon 1974 hatte er um Superstudio geworben, mit einem Brief auf einem kreisrunden Blatt Papier. Nach einem zweiten Schreiben mit konkreten Vorschlägen erhörten ihn die italienischen Architekten. Natalini und Frassinelli erstellten je einen eigenen Entwurf. Auf dem Grundstück in Lübbecke stand noch ein Backsteinhaus des 19. Jahrhunderts. Im Neubau sollten neben der Apotheke auch eine Arztpraxis und zwei Wohnungen unterkommen. Während sich Frassinelli mit Backstein und einer markanten Silhouette an den Vorgänger anlehnen wollte, blieb Natalini nah an Krauses Vorschlägen und schuf etwas völlig Neues.

In der Bahnhofstraße, auf halber Strecke zwischen Eisenbahn und Altstadt, entstand so ein Kubus, der von zwei schlanken U-Formen durchdrungen wird: Eine der halben Röhren nimmt das Treppenhaus auf, die andere bekrönt das ansonsten flach gehaltene Dach. Immer wieder bringen aufstrebende Glasprismen Tageslicht ins Innere. Nach außen sind die Wände eingehüllt in das regelmäßige Raster grauer Fliesen, gerahmt und durchzogen von blau-grauen Mosaikbändern. Auch die Fenstersprossen tragen diesen Farbton. Später gab Natalini an, er habe sich von deutschen Häusern mit ihren gebogenen Dächern und bunten Dekorfriesen inspirieren lassen – und hat dabei wohl innerlich den Mittelfinger gegen Adolf Loos erhoben.

Konsequent ausgestattet – Deckenleuchte von Superstudio (Edelstahl, Alabaster) und Uhr für den unteren Erker, entworfen von Adolfo Natalini (Fotos: Michael von Jakubowski)

Stilbewusst bis ins Detail

Schon früh hatte sich Krause in gutes Design verliebt und vorausschauend kommende Klassiker gesammelt: amerikanische Stücke aus den 1930er/40er Jahren und vieles, natürlich, aus Italien. 1983 zählte Krause zu den vier Gründungsmitgliedern der Designgalerie “quartett” in Hannover, die das opulente Design jener Jahre zelebrierte – schon zur ersten Kollektion gehörten klangvolle Namen wie Ettore Sottsass und Philippe Starck. Mit seinem neuen Partner Michael von Jakubowski überführte Krause die Idee 1987 in die Designfirma “anthologie quartett”, die sich im Schloss Hünnefeld bei Bad Essen ansiedelte. Schon ein Jahr später etablierten beide ihr Beratungsbüro im Loft in der Bahnhofstraße. Folgerichtig war Krause formbewusst bis ins Detail, auch bei der Ausstattung des Lübbecker Hauses. Für die Büromaschinen etwa griff er ausschließlich zur italienischen Marke Olivetti.

Lübbecke, Bahnhof-Apotheke (Bild: Grundrisse und Modellstudie, Adolfo Natalini, Scan/Foto: Michael von Jakubowski)

Lübbecke, Bahnhof-Apotheke – ein Kubus, zwei halbe Röhren und viele Glasprismen (Bild: Grundrisse und Modellstudie (Terracotta), Adolfo Natalini, Scan/Foto: Michael von Jakubowski, Bilder: Archiv Michael von Jakubowski)

Lübbecke, Bahnhof-Apotheke (Bild: Aldo Ballo)

Lübbecke, Bahnhof-Apotheke (Foto: Aldo Ballo, Bild: Archiv Michael von Jakubowski)

Lübbecke, Bahnhof-Apotheke (Bild: Aldo Ballo)

Lübbecke, Bahnhof-Apotheke (Foto: Aldo Ballo, Bild: Archiv Michael von Jakubowski)

Lübbecke, Bahnhof-Apotheke (Bild: Aldo Ballo)

Lübbecke, Bahnhof-Apotheke (Foto: Aldo Ballo, Bild: Archiv Michael von Jakubowski)

Lübbecke, Bahnhof-Apotheke (Bild: Aldo Ballo)

Lübbecke, Bahnhof-Apotheke (Foto: Aldo Ballo, Bild: Archiv Michael von Jakubowski)

Superstudio, Deckenleuchte (Edelstahl/Alabaster) für die Bahnhof-Apotheke in Lübbecke (Foto: Michael von Jakubowski)

Superstudio, Deckenleuchte (Edelstahl/Alabaster) für die Bahnhof-Apotheke in Lübbecke (Foto: Michael von Jakubowski)

Adolfo Natalini, Studie zur Bahnhof-Apotheke Lübbecke, Gouache (Scan: Michael von Jakubowski)

Adolfo Natalini, Studie zur Bahnhof-Apotheke Lübbecke, Gouache (Bild: Archiv Michael von Jakubowski)

Lübbecke, Vorgängerbau der Bahnhof-Apotheke (Bild: Archiv Michael von Jakubowski)

Lübbecke, Vorgängerbau der Bahnhof-Apotheke (Bild: Archiv Michael von Jakubowski)

Literatur

Felicori, Bianca, Pharmacist Rainer Krause’s house designed by Superstudio, in: domus, 13. Januar 2021.

Stark, Ulrike, Architekten – Adolfo Natalini und Superstudio, Stuttgart 1993, 3. Auflage.

Natalini, Adolfo/Superstudio, Una casa fatta (anche) di memoria – Superstudio. Ein Haus (auch) aus Erinnerungen, Lübbecke 1979.

Superstudio, Una casa fatta anche di memorie, in: Casa Vogue 98, 1979.

Verwendung der Bilder von der und zur Bahnhof-Apotheke Lübbecke mit freundlicher Genehmigung von Michael von Jakubowski.

Titelmotiv: Lübbecke, Bahnhof-Apotheke (Bild: Aldo Ballo)

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LEITARTIKEL: Bauen und Pflegen für das Wohlbefinden

LEITARTIKEL: Bauen und Pflegen für das Wohlbefinden

Jürgen Tietz über die große Verheißung der Moderne.

FACHBEITRAG: Opas Heilbad ist tot!

FACHBEITRAG: Opas Heilbad ist tot!

Oliver Sukrow über Kurorte und ihre Architektur in der Nachkriegsmoderne.

FACHBEITRAG: Das Bundes­­wehr­­kranken­haus in Ulm

FACHBEITRAG: Das Bundes­­wehr­­kranken­haus in Ulm

Peter Liptau über ein “zukunftsoffenes Krankenhaus” des Architekten Robert Wischer.

FACHBEITRAG: Brutalismus für Betagte

FACHBEITRAG: Brutalismus für Betagte

Gerhard Kabierske über einen Karlsruher Bau von Reinhard Gieselmann.

PORTRÄT: Bahnhof-Apotheke Lübbecke

PORTRÄT: Bahnhof-Apotheke Lübbecke

Karin Berkemann über einen der ersten Bauten der Postmoderne in Deutschland.

INTERVIEW: "Nach wie vor verliebt in dieses Klinikum"

INTERVIEW: “Nach wie vor verliebt in dieses Klinikum”

Die Architektin Petra Wörner (wtr) über die Sanierung des Aachener Klinikums.

FOTOSTRECKE: Auf Kur mitten im Krieg

FOTOSTRECKE: Auf Kur mitten im Krieg

Peter Raaf besuchte Kuranlagen der 1930er bis 1950er Jahre.

Der Best-of-90s-Beitrag

INTERVIEW: “Nach wie vor verliebt in dieses Klinikum”

Petra Wörner (wtr) über das Klinikum Aachen (22/2)

Das Aachener Klinikum (Weber & Brand, 1971–1985) gilt als deutsches Gegenstück zum Centre Pompidou, dessen High-Tech-Architektur durch ein Gewirr aus Röhren und Versorgungsschächten zeichenhaft nach außen sichtbar wird. Im Jahr 2004 gewann das Büro wörner traxler richter planungsgesellschaft mbH (wtr) die Ausschreibung, um den gesamten Pflegebereich des Krankenhauses zu sanieren und neu zu strukturieren. Die Arbeiten erstreckten sich von 2008 bis 2013, im Jahr 2008 stellte man das Klinikum zusätzlich unter Denkmalschutz. In der Folge wurde ein Drittel der etwa 10.000 Quadratmeter fassenden Nutzfläche renoviert. moderneREGIONAL sprach mit der Architektin Petra Wörner (*1957) von wtr über den Umgang mit dieser ebenso umstrittenen wie geliebten ‘Gesundheitsfabrik’.

Aachen, Klinikum (Bild: Klinikum der RWTH Aachen)

Aachen, Klinikum (Bild: Klinikum der RWTH Aachen)

Was war genau Ihr Auftrag, als das Büro wtr Architekten 2004 mit der Sanierung des Aachener Klinikums begonnen hat?

In der Ausschreibung war von Sanierung die Rede, der genaue Umfang dieser „Neustrukturierung“ wurde nicht konkret ausgeführt. Doch wir wussten zum damaligen Zeitpunkt, dass bei allen Kliniken von einer Reduzierung der Betten gesprochen wurde. Der Gesamtumfang bestand aus drei Bauphasen von je vier Bettenflügeln à drei Geschosse – inklusive einer psychiatrischen Abteilung, die seinerzeit auszog und damit Flächen sowie einen Dachgarten freigab.

Während der Planungsphase erstellten wir ein Gutachten zur aufkommenden Frage, ob man das Gebäude nicht gänzlich abbrechen und neu errichten sollte. Die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH) Aachen, die mit Lehre und Forschung im Klinikum untergebracht war und ist, wurde gerade als neue Exzellenzuniversität zertifiziert. Damit stand die Frage im Raum, ob sie aus dem Gebäude ausziehen soll. Das hätte Fläche für den Klinikbetrieb frei gemacht, aber die RWTH blieb und das Klinikum wurde nicht abgerissen. Doch der Pflegebereich war damals vollständig klimatisiert, was aus heutiger Sicht energetisch schwierig ist. Einige Kranken- und Personalzimmer mussten völlig ohne Tageslicht auskommen. Das ist nicht nur unkomfortabel, sondern widerspricht jeglicher Aufenthaltsqualität für Patient:innen und angemessener Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter:innen.

Aachen, Klinikum, Schema zur Sanierung des Pflegebereichs (Bild: rwt Architekten)

Aachen, Klinikum, Schema zur Sanierung des Pflegebereichs (Bild: wtr Architekten)

Mit der Sanierung konnten Sie die Bettenanzahl reduzieren und rund 10 Prozent Nutzfläche gewinnen, um etwas Licht und Luft hereinzulassen. War das gerasterte Bausystem dabei von Vorteil?

In die Gebäudeflügel wollten wir von oben ‘Löcher’ stanzen, um Innenhöfe zu schaffen. Damit erhielten die Zimmer natürliches Licht, Luft und mehr Aufenthaltsqualität. Die gerasterte Bauweise war dafür besonders gut geeignet, weil man die Elemente einfach herausheben und vergleichsweise unkompliziert Innenhöfe herstellen konnte. Wir mussten dafür keine Stahlbetondecken und Ziegelwände einreißen. Im Innern ließen sich die Materialien zudem bis auf den Rohbau abtragen. Unseren gesamten Ausbau konnten wir dann quasi als Neubau behandeln. Durch die klar gerasterte Struktur der Medienversorgung erfolgte auch der neue Innenausbau, jetzt im Trockenbauverfahren, zügig und problemlos.

Aachen, Klinikum (Bild: Klinikum der RWTH Aachen)

Aachen, Klinikum, Bauarbeiten, frühe 1970er Jahre (Bild: Klinikum der RWTH Aachen)

Wo liegen die Schwachstellen des Klinikums?

Leider gibt es zu wenig Menschen, die eine solche Megastruktur weiterdenken können und wollen. Es wäre sinnvoll, dauerhaft Ausgleichsflächen bereitzuhalten, die eine rotierende Sanierung eines solchen Großkomplexes ermöglichen. Beispielsweise lässt sich nicht der gesamte OP-Bereich auslagern, immerhin gibt es im Klinikum 30 OP-Säle! Eigentlich hätte man etwa 15 Jahre nach der Inbetriebnahme des Krankenhauses auch einen dauerhaften Interimsbereich einrichten müssen, einen oder gleich zwei ‘Blanko-Gebäudeflügel’ – wie ein kleines Ersatzkrankenhaus.

Selbstverständlich war es auch schwierig und aufwändig, die zeittypischen Materialien zu entsorgen. Die Nasszellen beispielsweise bestanden aus tiefgezogenen einteiligen Kunststoffelementen, die heute als Sondermüll gelten. Zudem entstand das Klinikum in „Synchronplanung“: Während man bereits mit den Arbeiten begonnen hatte, wurde noch weitergeplant. Aber das ist an sich kein Problem. Irgendwann müssen Sie ja mal anfangen. Und gerade beim Krankenhausbau sind kontinuierliche Anpassungen an den aktuellen Betrieb die Regel.

Auch Ihre Sanierung war Änderungen unterworfen: Von den drei geplanten Arbeitsphasen konnten zwei nicht mehr umgesetzt werden.

Ja, die Sanierung, die dem Haus neue Klarheit geben sollte, blieb soweit wir wissen ein Fragment. Das lag vor allem an großen Umstrukturierungen innerhalb der Zuständigkeiten für den Bau und explizit des Klinikums. So wechselt man heute quasi zwischen Design und Struktur der 1970er und 2010er Jahre.

Aachen, Klinikum (Bild: Klinikum der RWTH Aachen)

Aachen, Klinikum (Bild: Klinikum der RWTH Aachen)

Ist Denkmalschutz für ein solches Nutzgebäude sinnvoll?

Schon vor der offiziellen Unterschutzstellung war das Gebäude als denkmalwürdig eingestuft und insofern haben wir während der gesamten Planungsphase mit den zuständigen Behörden sehr kontruktiv zusammengearbeitet. Aber selbst wenn ein Gebäude dieser Bedeutung aus ikonographischen Gründen erhalten werden soll, so ist im Rahmen des Denkmalschutzes auch ein geeignetes Nutzungskonzept zu entwicklen. Wenn man in Aachen irgendwann gar nicht mehr Krankenhaus sein kann, dann eignet sich diese Architektur vielleicht als Universitätsgebäude oder als Ministerium. Denkmalschutz ist nichts Triviales! Es bedarf eines unglaublichen Wissens, um die Fügungen sowohl funktional als auch konstruktiv / ästhetisch richtig herzustellen – und zu verstehen, was das Gebäude für ein Individuum ist.

Aachen, Klinikum (Bild: Klinikum der RWTH Aachen)

Aachen, Klinikum (Bild: Klinikum der RWTH Aachen)

Wie konnten durch die Sanierung die besonderen Qualitäten des Klinikums herausgearbeitet werden?

In den eingefügten Innenhöfen nehmen die Brüstungen aus gefärbtem Glas nun das bauzeitliche Farbkonzept auf, aber sie bringen ein neues Material ein. Die Technikaufbauten reflektieren sich in den Oberflächen und werden quasi im übertragenen Sinne bildhaft fortgesetzt. Das Achsmaß und die Fensterteilung wurden beibehalten. Damit sind die Innenhöfe zwar repräsentativ für die neue Bauphase zu erkennen, aber erscheinen auf Augenhöhe mit dem Bestandsbau. In den Innenräumen konnten wir wegen des Brandschutzes nicht ganz die Offenheit des Ursprungsbaus beibehalten. Gerade die Nasszellen der Zimmer, die Farben von Böden und Wänden, die Teppiche auf den Gängen waren charakteristisch für Ihre Zeit. Wir haben das Farbkonzept analysiert und auf das Heute übertragen.

Wichtig war es, den Charakter des Hauses zu erkennen und beizubehalten. Denn im Gegensatz zu unzähligen anderen Krankenhauskonglomeraten, hat man beim Klinikum Aachen schon während des Bauens sehr systemisch gedacht. Einige Dinge konnten wir dann vereinheitlichen, um diese Flexibilität zu bewahren. Beispielsweise eignen sich die Pflegezimmer nun für Low- und High-Care gleichzeitig. Mit einigen kleineren technischen Änderungen können Sie so aus einem normalen Krankenzimmer ein Intensivzimmer machen.

Aachen, Klinikum (Bild: Klinikum der RWTH Aachen)

Aachen, Klinikum (Bild: Klinikum der RWTH Aachen)

Kann gute Architektur bei der Genesung helfen?

Wir sind überzeugt von der Wirksamkeit der Individualität eines jeden Gebäudes, der Ausstrahlung seiner Seele auf die Benutzer:innen, des sich Wohlfühlens in seinem Kosmos. Ob ich beispielsweise eine Wand weiß streiche oder rosa, kostet das Gleiche. Aber die Umsetzung eines sensiblen auf den Ort abgestimmten Farb- und Materialkonzeptes ist für den Charakter des Hauses essentiell. Daher versuchen wir, die Gebäude auch für das Personal attraktiv zu gestalten: lichte, luftige Aufenthaltsräume mit guten Möbeln, eben nicht nur die Besenkammer für die Rauchenden.

Als Anwält:innen der Menschen, die diese Gebäude später nutzen werden, haben wir Architekt:innen eine große Verantwortung. Wenn ich Vertrauen in die Atmosphäre des Hauses habe, dann fördert das mit absoluter Sicherheit den Heilungsprozess. Die Aufenthaltsdauer der Patient:innen verkürzt sich deutlich und ist messbar. Dafür investieren wir in ein attraktives Wegeleitsystem, arbeiten mit Künstler:innen und visuellen Designer:innen zusammen. Da bin ich ja ganz in Ulm, Otl Aicher auf der Schulter sitzend … (lacht)

Aachen, Klinikum (Bild: Klinikum der RWTH Aachen)

Aachen, Klinikum (Bild: Klinikum der RWTH Aachen)

Bei Ihrem aktuellen Projekt, am neuen Städtischen Klinikum in Karlsruhe, haben Sie mit verschiedenen Künstler:innen und einem Philosophen zusammengearbeitet haben, um eine ganz neue Form des ‘Willkommenheißens’ zu schaffen. Warum ist Ihnen dieser Ansatz so wichtig?

Ein Krankenhaus ist kein Gebäude, vor dem man Angst haben muss. Dort arbeitet keine hingebungsvollere Berufsgruppe als medizinische oder pflegende Mitarbeiter:innen! Wir möchten als Architekt:innen für das Wohl der Patient:innen unser Bestes geben, damit die traditionelle Schwellenangst abgebaut wird. Es müsste eigentlich normal sein, dass wir mit der Verletzlichkeit unseres Leibes gerne in diese Institutionen gehen, um dort geheilt zu werden. Ein Krankenhaus bedeutet auch Begleitung bei der Geburt und, beispielsweise bei der Palliativbehandlung, am Lebensende. Hier gibt man den Kranken, aber auch den Angehörigen, Schutz und nimmt sie sinnbildlich an die Hand. Genau deshalb bin ich nach wie vor verliebt in das Aachener Klinikum, das diesen Dienst seit Jahrzehnten verlässlich mit Hochleistung verrichtet.

Das Gespräch führte Peter Liptau.

Aachen, Klinikum (Bild: Klinikum der RWTH Aachen)

Aachen, Klinikum (Bild: Klinikum der RWTH Aachen)

Petra Wörner (*1957, Karlsruhe), studierte Architektur an der Universität Stuttgart und am IIT-Illinois Institute of Technology in Chicago. Nach beruflichen Aufenthalten in Chicago und New York arbeitet sie seit 1984 für wörner traxler richter, zunächst als Entwurfsarchitektin und Projektleiterin. 1991 wurde Petra Wörner Gesellschafterin, 1993 Büromitinhaberin und Partnerin am Standort Frankfurt und ist seit 1997 geschäftsführende Gesellschafterin der wörner traxler richter planungsgesellschaft mbh. Petra Wörner ist als Referentin und Preisrichterin tätig und war von 2015 bis 2017 Mitglied und Vorsitzende des Gestaltungsbeirates der Stadt Linz und satzungsgemäß von 2017 bis 2021 als Vertreterin des BDA gewähltes Mitglied des Städtebaubeirates der Stadt Frankfurt am Main.

Titelmotiv: Petra Wörner (Bild: Frank Blümler)

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