FACHBEITRAG: Das Cabaret „Eden“ in Ulm

von Peter Liptau und Cora Schönemann (21/1)

Der Schriftzug „Eden“ aus dem Jahr 1961 ist bis heute erhalten. Und wenn aufgrund des Corona-Lockdowns nicht gerade die Türen verschlossen wären, würde er in Ulm weiterhin nachts erstrahlen. Nach vielen bewegten Jahrzehnten – vom historistischen Biergarten über die Kriegsruine bis zum freizügigen Cabaret der Wirtschaftswunderzeit – ist das Gebäude immer noch in gastronomischer Hand. Das Besondere am „Eden“: Seine bewegte Architektur- wie Sittengeschichte ist in vielen Details und Dokumenten ablesbar geblieben.

Das „Eden“ mit dem Hauptbau (gelb) von 1954 und dem sog. Casino-Anbau (rot) von 1956 (Bild: Peter Liptau, 2020)

Eine Geschichte des Vergnügens

Bevor es schlüpfrig wird, beginnt die Historie des späteren „Eden“ zunächst ganz konventionell. Im Norden, vor den damaligen Toren Ulms, entstand vermutlich um 1878 eine Gaststätte: der Pfluggarten, Biergarten der damaligen Brauerei „Pflug“, die ihren Hauptbetrieb in der Kernstadt hatte. Über die Jahre wuchs Ulm durch Zuwanderung und Industrialisierung um den Betrieb herum, vereinnahmte seine Grünfläche und die Außenkegelbahn. Auch die Gaststätte wurde sukzessiv um- und ausgebaut. Um 1900 trug sie die Fassadenmode der Zeit. Bei verheerenden Luftangriffen wurde der Bau 1944 nahezu gänzlich zerstört, lediglich die Kellergewölbe und ein paar Grundmauern blieben erhalten.

Nach 1945 passierte in der Karlstraße 71 erst einmal nichts, nahezu zehn Jahre lang. Im Adressbuch von 1949 findet sich schlicht der Eintrag „Ruine“. 1951 verzeichnete man immerhin einen Besitzernamen: Georg Schöllkopf, Sohn des vorherigen Besitzers Karl Schöllkopf. Erst 1954 wurde damit begonnen, das Trümmergrundstück neu zu beleben. Über dem erhaltenen Kellergewölbe beauftragte Schöllkopf – gemeinsam mit der Bauherrin Anna Lerche, der späteren Betreiberin des Hauses – den Stuttgarter Architekten Theo A. Karbiener mit einem eingeschossigen pavillonartigen Gastraum. Dieser Massivbau auf Beton-Fundament mit Stahl-Beton-Geschossdecke und Pultdach wurde mit Dachpappe eingedeckt.

Ausgestattet war der Gastraum mit einer halbrunden Bierbar (mit zuziehbaren Vorhängen und Séparée), zahlreichen Tischen sowie einer Tanzfläche mit Orchesterpodium. Nach außen zeigte sich das Gebäude nahezu nüchtern und zurückhaltend. Dem Hauptraum mit Panoramafenster zur Straße hin wurde nach Westen ein kleines Foyer vorgesetzt. Es diente zugleich als Zwischenstufe für den Aufstieg von der Bordsteinkante zum hoch gelegenen Gastraum, der auf das historische Kellergewölbe aufgesetzt wurde. Weiter westlich befand sich, wie bereits vor 1945, der Biergarten mit altem Baumbestand.

Die Karlstraße 71 vor und nach dem zweiten Weltkrieg (Bilder: Stadtarchiv Ulm, links: Baugesuch von 1899, rechts: Baugesuch von 1954)

Mit Gastraum und Bierbar

Um die Gaststätte „Atelier“ herum entwickelte sich der heutige Stadtteil Ulm-Ost zu einem recht umtriebigen Quartier. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite gab es bereits unter dem Hakenkreuz ein Offizierscasino, das nun die mal mehr, mal weniger willkommenen amerikanischen Besatzer besuchten. Die Nachfrage nach Glücksspiel und Amüsement wuchs in doppeltem Sinne. Im „Blue Byway“, der Bar der US-Unteroffiziere, war Mitte der 1950er Jahre, wie Zeitzeugen versichern, „mächtig etwas los“. Aber das Lokal schloss zu früh, und die einsamen Männer fern der Heimat mussten zu später Stunde nur die Karlstraße überqueren, um den Abend im „Atelier“ in netter Gesellschaft zu beschließen.

Das nach außen eher prüde Tanzlokal wurde zunehmend zum Amüsierbetrieb, vorangetrieben auch durch den Marktwert des US-Dollars bzw. der Ersatz-Wertmarken. Der Zugewinn der „Golden Fifties“ war im „Atelier“ groß genug, um bereits ab 1956 einen Casino-Anbau zu errichten: auf der westlichen Seite, an der Stelle des jahrzehntealten Biergartens mit Baumbestand.

Das „Atelier“ wurde ab 1956 um einen Anbau (den sog. Casino-Anbau) erweitert, wenn man auch die Bäume nicht in dieser Form einbezogen hat (Bild: Stadtarchiv Ulm, Baugesuch von 1956)

Ein Anbau entsteht

Erste Pläne des Architekten Hugo Hötzel aus Deggingen (mit dem Innenarchitekten Roland Kühnel) zeigen eine kühne Idee: die Einbindung des Baumbestands in den neuen Gastraum. Die Stämme wären ringsum abgedichtet worden, um auch im Inneren die „Biergarten-Atmosphäre“ zu erhalten. Der Entwurf wurde aus unbekannten Gründen nicht genehmigt. Grundsätzlich verwirklichte man den geplanten Anbau in dieser Form, doch der Baumbestand musste der Axt weichen. Da die Erweiterung nicht unterkellert werden konnte, hob ihn ein verhältnismäßig hohes Fundament auf eine Ebene mit dem bestehenden Haus.

Der Anbau blieb mit einer Deckenhöhe von knapp drei Metern etwas hinter dem Lokal von 1954 zurück. Nach den vorliegenden Plänen nutzte man den verbliebenen Biergarten nicht weiter, so fehlte ihm z. B. ein direkter Zugang vom Gastraum. Der Durchlass zwischen beiden Räumen wurde an die Stelle des früheren Biergartenausgangs gelegt – vermutlich sogar mit der Tür, die sich dort heute noch befindet. Nun veränderte sich auch das Innere von 1954: Die Theke wanderte 1956 mehr ins Zentrum.

Einer der Barhocker der 1960er Jahre, die sich bis heute im „Eden“ erhalten haben (Bild: privat)

Ein neuer Namen

Den Namen „Atelier“ ändert man 1961 in „Eden“, höchstwahrscheinlich in Anlehnung an die von Rolf Eden in Berlin etablierten Varieté-Theater und Nachtclubs. 1963 tritt die Familie Schöllkopf das gesamte Anwesen an Walter Aubera ab, der das Lokal dann gemeinsam mit Anna Lerche betreibt. Im gleichen Jahr werden die Innenräume großzügig umgestaltet: Teile dieser Ausstattung, die einem Entwurf der Stuttgarter Innenarchitektin Hildegard Kühnel folgen, haben sich bis heute erhalten.

Nun sollen Tanzdarbietungen die Kundschaft anlocken. In einem Antrag an die Stadt betont man, dass lediglich in den Tanzpausen der Gäste „von Berufskräften in Gestalt von etwa 3 bis höchstens 5 ausgebildeten Tänzerinnen humoristische, folkloristische oder rein gesellschaftstänzerische gute Darbietungen erbracht werden“. Nicht beabsichtigt seien „Entkleidungstänze, Schönheitstänze und dgl.“. Offenbar hielt man sich nicht immer ganz daran, denn 1971 ersucht man die Kommune um eine Konzession für „Vollakt- und Striptease-Vorstellungen“. Der Antrag wird bewilligt – mit der kleinen Einschränkung: „Die Darbietungen dürfen nicht gegen die guten Sitten verstoßen“.

Ulm, "Eden" (Bild: Peter Liptau, 2020)

Im sog. Casino-Anbau des „Eden“ sind noch viele Details wie die Strip-Stange erhalten (Bild: Peter Liptau, 2020)

„Neppschuppen und Porno-Pinten“

In den 1970er Jahren geriet das Ulmer Milieu in Schwierigkeiten. Mit internationalen Tanzdarbietungen distanziert sich das „Eden“ von üblen Nachrichten über „Bierbars, Neppschuppen und Porno-Pinten“. Am 1. Oktober 1977 titelte die „Südwest Presse“: „Unter dem Strich bleibt nicht viel übrig“. Die Kommune hatte die gesamte Innenstadt bereits 1969 als Sperrbezirk ausgewiesen und setzte diesen nun forcierter durch. Daher legte das „Eden“ seinen Schwerpunkt auf ein erweitertes Geschäftsfeld: Im sog. Casino-Anbau wurde Glücksspiel (vorwiegend Roulette) betrieben, im großen Hauptraum verblieb das Tanzlokal. Die Verbindungstür zwischen beiden Nutzungsbereichen wurde geschlossen.

Diese Umwertung fand nach dem überraschenden Tod von Walter Aubera 1973 statt – unter neuen, diffusen Besitzverhältnissen. Der wegen illegalen Glücksspiels zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilte Manfred Hauschild, dem der „Spiegel“ den Titel „Casino-Papst Deutschlands“ gab, muss das Gebäude bis 1989 in seinem Besitz gehabt haben: In diesem Jahr trennt er sich wegen seiner Haftstrafe vom „Eden“.

Eine pikante Währung – der „Eden-Dollar“ (Bild: privat)

Einige wenige verwegene Jahre

Es folgten einige verwegene, doch stillere Jahre mit Striptease-Betrieb. Aus dieser Zeit haben sich noch unterschiedliche Elemente erhalten, inklusive der Strip-Stange und einer originalen Hausordnung. Auf die Rückseite eines Oben-Ohne-Kalenders notiert, wird strikt untersagt, „ohne Slip“ zu arbeiten oder sexuelle Beziehungen zu Gästen zu unterhalten. Wichtig: Immer alles „tadellos“!

In den frühen 1990er Jahren werden die US-amerikanischen Truppen aus Ulm und Neu-Ulm abgezogen. Damit verlagert sich die Rotlicht-Meile an den Stadtrand. Auch die aufkommende Digitalisierung macht der Erotikbranche und dem „Eden“ zu schaffen. 2007 endet die Strip-Ära des Etablissements, das nach außen immer noch die Gestalt von 1956 zeigt.

Ulm, "Eden" (Bild: Peter Liptau, 2020)

Das „Eden“ wurde wegen der Corona-Krise im Sommer 2020 als Billardcafé betrieben (Bild: Peter Liptau, 2020)

Im „Lustgarten“

Nach dem Verkauf an das gegenwärtige Besitzerpaar entstand ein populärer Club. Unter dem etablierten Namen „Eden“ avanciert das Lokal zur Institution in Ulm und Umgebung. Im Sommer 2020 nutzt man den Bau, um ihn in der Corona-Krise weiterhin offenhalten zu können, als Billard-Café mit Biergarten. Genauer gesagt: Unter dem Betreiber Klaus Erb wird das Außenareal als „Lustgarten“ wiederbelebt.

Heute läuft das Quartier, so die Baugutachten von 2016, als zentrale Innenstadtlage mit gemischter, drei- bis fünfgeschossiger Bebauung – inmitten einer wachsenden Stadt. Hier sticht das „Eden“ als eingeschossiges Nachkriegslokal deutlich hervor. Es musste bislang nicht den wirtschaftlichen Fantastereien von Investoren weichen. Ein Detail hat übrigens alles von Anfang an miterlebt: Der im Titelbild gezeigte Gartenzaun! Er umsteht den heutigen „Lustgarten“, aktuell frisch lackiert. Schon in den Bauplänen des späten 19. Jahrhunderts lässt er sich ausmachen.

Von den Fenstern am Hauptbau des „Eden“ lächeln „Gabriella“ und ihre Freundinnen (Bild: Peter Liptau, 2020)

Was bleibt, was kommt?

Ob man 2021 wieder im „Lustgarten“ wandeln kann, ob der Clubbetrieb wieder aufgenommen wird, all das steht bei Redaktionsschluss noch in den Sternen. Sicher ist: Das „Eden“ bildet ein Zeitzeugnis der besonderen Art, wahrscheinlich eines der wenigen, das in dieser Form überliefert wurde. Geplant ist daher die Anbringung einer Geschichtstafel an der Außenfassade, die dann direkt neben „Gabriella“ und ihren Freundinnen auf den Fenstern zu sehen sein soll.

Das Lokal wird 1954 auf dem erhaltenen historistischen Keller neu aufgebaut (Bild: Stadtarchiv Ulm, Baugesuch von 1954)

Noch findet sich neben dem Gastraum ein großzügiger Biergarten (Bild: Stadtarchiv Ulm, Baugesuch von 1954)

Das Lokal wird 1956 um den sog. Casino-Anbau ergänzt (Bild: Stadtarchiv Ulm, Baugesuch von 1956)

Die Theke der 1960er Jahre im Hauptraum hat sich bis heute erhalten (Bild: privat)

Die Kühltheke der 1960er Jahre hat sich bis heute erhalten (Bild: privat)

In den 1980er Jahre will sich das „Eden“ mit einem internationalen „Spitzen-Programm“ von der Konkurrenz absetzen (Bild: historischer Prospekt)

Die Hausordnung der 1980er Jahre wird auf der Rückseite eines Oben-Ohne-Kalenders notiert (Bild: Peter Liptau, 2020)

In den 1980er Jahren wirbt man offensiver mit „Voll Strip“ (Bild: historischer Prospekt)

Titelmotiv: Ulm, „Eden“ (Bild: Peter Liptau, 2020)

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Winter 21: Nachtleben

LEITARTIKEL: Nomadisierendes Nachtleben

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FACHBEITRAG: München leuchtet

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FACHBEITRAG: Paul's Playground

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FACHBEITRAG: Das Cabaret "Eden" in Ulm

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PORTRÄT: Ein Musikclub in der Niederlausitz

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Johannes Medebach über selbstorganisiertes Nachtleben in der DDR.

INTERVIEW: "What happens in Berghain ..."

INTERVIEW: „What happens in Berghain …“

Thomas Karsten von studio karhard® über eine Berliner Club-Legende.

FOTOSTRECKE: Photos of the Dancefloor

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Giovanna Silva porträtiert die Räume des Berliner Nachtlebens.

PORTRÄT: Ein Musikclub in der Niederlausitz

von Johannes Medebach (21/1)

Lugau, knapp 400 Einwohner, Kreis Finsterwalde, Bezirk Cottbus, DDR: Zwischen schier endlosen, genossenschaftlich bewirtschafteten Ackerflächen und volkseigenen Kohlengruben schützte der „antifaschistische“ Schutzwall die Provinz vor der westlichen Kultur. Doch ein rebellischer junger Bürger des Arbeiter-und-Bauern-Staats ließ sich nicht davon abhalten, die große weite Welt in das kleine Dorf zu holen. Alexander Kühne und seine Mitstreiter gründeten hier in den 1980er Jahren einen besonderen Musikclub. In der „Partyrepublik Lugau“ traten am Ende sogar westdeutsche und internationale Bands auf. Für kurze Zeit konnte dieser hedonistische Staat im Staate die Sehnsüchte einer wilden Jugend stillen.

Mit Boney M unter Palmen

Nach einer relativ gradlinigen DDR-Kindheit, als Sohn einer Schuldirektorin und eines Ingenieurs, offenbarte der Staat für Kühne langsam sein wahres Gesicht. Die Verbote und das allgegenwärtige Kollektiv machten vielen jungen Menschen damals das Leben schwer. Der einzige Weg, sich aus diesem drögen Alltag zu befreien, war die Musik. Trotz aller staatlichen Auflagen wurden vor allem Westplatten gespielt. Wenn man nur die Augen schloss, konnte man mit David Bowie durchs pulsierende London schreiten oder mit Boney M unter karibischen Palmen tanzen. Und so beschloss Alexander Kühne: Wenn ich nicht hinaus in die Welt darf, dann muss ich sie eben zu mir holen.

Kraftwerk Boxberg (Foto: Rainer Weisflog, Bild: Bundesarchiv BIld 183-1990-0629-013, CC BY SA 3.0)

Bergbaulandschaft in der Lausitz, 1990 (Kraftwerk Boxberg, Foto: Rainer Weisflog, Bild: Bundesarchiv BIld 183-1990-0629-013, CC BY SA 3.0)

Popper statt Hippies

Gemeinsam mit Freunden wurde ein Partykonzept ausgeheckt. In der DDR war ein alternativer Lebensstil meist von den Hippies beeinflusst. Doch in Lugau wollte man nicht in den 1960ern steckenbleiben, es herrschte sowieso Stillstand allenthalben. Die coole, düster aristokratische Eleganz der New Romantic Bewegung sollte einziehen: Glitzer und Glamour statt Wildwuchs. Zuerst wurde der Wirt der „Konsum Gaststätte Lugau“ überzeugt, seinen Landgasthof temporär in eine kosmopolitische Partyhöhle verwandeln zu lassen. Dann musste man gegen eine viel größere Instanz angehen: den auf Regularien versessenen Staatsapparat. Offiziell war es Privatleuten nicht gestattet, größere Veranstaltungen abzuhalten. Es sei denn, es handelte sich um Familienfeiern. Offiziell galt das Event daher als Polterabend der imaginären Schwester Kühnes, Teilnehmeranzahl 40 Personen. Letztlich kamen 500 – und die Volkspolizei. Für die „dekadent geschminkten Bürger“, so der Polizeibericht, war die Ausgelassenheit damit erst einmal vorbei.

Unter blauen Hemden

Die Staatsmacht hatte den Ausreißer nun auf dem Kieker, so erledigte sich jede (ohnehin nicht geplante) sozialistische Karriere. Stattdessen wurde Kühne wochentags auf den Kohlenplatz verbannt. Das fütterte wiederum sein Verlangen, an den Wochenenden eine Gegenrealität aufzuziehen. Getreu dem Motto „If you can’t beat them join them“ wurde Lugau ein zweites Mal zum Partyhotspot: Mit dem engen Freund und Organisationstalent Henri Manigk wurde die FDJ dafür gewonnen, gemeinsam einen Jugendclub aufzubauen. Bei den Behörden machte man mit den Blauhemden einen passablen Eindruck. So konnte der Jugendclub „Extrem“ unter dem Dach der FDJ ganz offiziell durchstarten. Um die Beschwerden der ordnungsliebenden Bürger kümmerte sich derweil hingebungsvoll Kühnes Mutter. Insgesamt blieb man unpolitisch. Es ging schließlich um Spaß, nicht um Revolution. Und an Henri prallte jeder Annäherungsversuch der Stasi ab. 

The Waltons (Bilder: Plattencover der 1980er Jahre)

West-Berliner Punkmusik, 1980er Jahre (Bilder: The Waltons, Plattencover der 1980er Jahre)

Lugau City Lights

Ende der 1980er Jahre wurde der winzige Ort zu einem zentralen Treffpunkt von Underground, Punk und New Wave. Hier gab es den einzigen Nachtclub der DDR, der ein regelmäßiges Programm anbot. Nun zog es die angesagten Leute aus Berlin oder Leipzig nach Lugau (auch wenn sich die ein oder andere Band auf dem Weg in die Provinz verirrte und nie ankam). Im „Extrem“ konnte man sich und den grauen DDR-Alltag vergessen. Den größten und wohl auch gefährlichsten Coup landeten die Veranstalter kurz vor dem Mauerfall, als sie die West-Berliner Band „Die Waltons“ einluden. Offiziell meldete man eine DDR-Kombo an. Niemand glaubte so recht daran, dass die Wessis tatsächlich kommen wollten. Diese waren jedoch so wild entschlossen, dass sie ihren „geheimen“ Auftritt im Radiosender SFB ausplauderten. Kühne sah sich schon hinter Schloss und Riegel. Am Ende konnte die Band dann doch noch unter falscher Identität auftreten.

Das Ende zweier Republiken

Die Jahre 1989/90 veränderten alles. Während sie für viele DDR-Institutionen das Aus bedeuteten, konnten das „Extrem“ und Alexander Kühne nun durchstarten. Bald wurden Acts aus L. A. oder London in den umliegenden Gasthöfen untergebracht. Jetzt zeigte sich auch die Bevölkerung offener, denn mit der langersehnte Freiheit waren die wirtschaftlichen Probleme eingezogen. Langsam blutete die Region aus, kaum ein Betrieb blieb von Schließung verschont. Damit sank auch der Stern der „Partyrepublik Lugau“, daran konnten selbst Techno und die „Rallye Monte Lugau“ nichts ändern. Was bleibt, ist die Erinnerung an einen besonderen Musikclub in der Niederlausitz.

Der Beitrag beruht auf einem Treffen mit dem Berliner Journalisten Alexander Kühne. Seine Erlebnisse wurden im Dokumentarfilm „Lugau City Lights“ (Evers, 2019) sowie in seinen Romanen „Düsterbusch City Lights“ und „Kummer im Westen verarbeitet.

Titelmotiv: Punk in der DDR, 1990 (junger Mann in besetztem Haus in Berlin, Bild: Merit Schambach, CC BY SA 3.0)

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Winter 21: Nachtleben

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PORTRÄT: Ein Musikclub in der Niederlausitz

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INTERVIEW: "What happens in Berghain ..."

INTERVIEW: „What happens in Berghain …“

Thomas Karsten von studio karhard® über eine Berliner Club-Legende.

FOTOSTRECKE: Photos of the Dancefloor

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Giovanna Silva porträtiert die Räume des Berliner Nachtlebens.

INTERVIEW: „What happens in Berghain …“

Thomas Karsten im Gespräch über eine Club-Legende (21/1)

Seit seiner Eröffnung im Jahr 2004 zieht das „Berghain“ die Menschen in seinen Bann. „What happens in Berghain stays in Berghain“, lautet das diskrete Credo der Betreiber. Nur so kann der Safe Space im Inneren gewahrt werden. Doch wie eng ist der „Mythos Berghain“ mit der Architektur verknüpft? Wie entstand aus einer Kraftwerksruine einer der Ankerpunkte des Berliner Nachtlebens? moderneREGIONAL sprach mit Thomas Karsten, einem der Gründer von studio karhard®, der mit seiner Partnerin Alexandra Erhard als Hausarchitekt das „Berghain“ von Beginn an begleitet hat.

Berlin, „Berghain“ (Bild: Gunnar Klack, CC BY SA 4.0, 2018)

moderneREGIONAL: Wie kam es vor 20 Jahren zum Auftrag für das „Berghain“?

Thomas Karsten: Wie so vieles, durch Zufall und Bekannte. Wir hatten schon den Vorgängerclub, das „Ostgut“, mit aus der Taufe gehoben. Damals suchten wir zusammen mit den Betreibern eine feste Location, denn bis dato fanden die Veranstaltungen immer an verschiedenen Orten statt. Als das „Ostgut“ schließen musste, nahmen wir das leerstehende Kraftwerksgebäude ins Visier. Der damalige Eigentümer Vattenfall wusste nichts damit anzufangen und keiner wollte das Objekt haben. Es drohte der Abriss.

mR: Stand der Bau nicht unter Denkmalschutz?

TK: Doch, es gab einen Ensembleschutz, da die Anlage aus dem nationalen Wiederaufbauprogramm der DDR stammt. Man findet diese Formensprache entlang der ganzen ehemaligen Stalinallee wieder. Es handelte sich dabei um das Heizwerk, das die Gebäude zunächst mit Wärme und später mit Strom versorgte. Trotz des Denkmalschutzes hätte der Besitzer – bei Ausbleiben eines Nachnutzers – einen Abbruch ins Auge gefasst.

Berlin, „Berghain“ – die „strengste Tür der Welt“ (Bild: Michael Mayer, CC BY 2.0, 2018, via flickr.com)

mR: Kennt man die Urheber des Ensembles?

TK: Es ist ein namenloser Bau, damals wurde alles von Kombinaten errichtet. Wir haben versucht, den Entwurfsverfasser ausfindig zu machen. Uns liegen auch originale Pläne vor, dort taucht aber kein bekannter Name auf. Man muss sich vor Augen halten, dass das Ganze acht Jahre nach Kriegsende errichtet wurde. Das konnte nur mit einer begrenzten Menge an Materialien erfolgen. Stahl zum Beispiel war absolute Mangelware, das sieht man auch heute noch im Kraftwerk. Dort ist sehr viel Beton, aber wenig Stahl verbaut. Die Anlage wurde nach und nach erweitert. So haben wir heute eine ehemalige Außenfassade im Innenraum.

mR: Wie erlebten Sie die Zusammenarbeit mit den Auftraggebern?

TK: Das gestaltete sich sehr geschmeidig, denn die beiden Auftraggeber hatten schon genaue Vorstellungen und brachten viel Erfahrung als Veranstalter von Events mit. Ihre Ideen für die Nutzung der öffentlichen Bereiche wurden letztlich genauso umgesetzt. Wo die „Panorama Bar“ hinsollte, war von vornherein klar: Dort befand sich die ehemalige Schaltwarte des Kraftwerks mit großen Fensterflächen. Sogar die Lage von Toiletten und Lagerräumen wurde schon bei den ersten Begehungen festgelegt. Dass die Tanzfläche in den ersten Stock kommt (und nur über eine große Treppe erreichbar ist), fanden wir damals allerdings etwas problematisch. Schließlich waren unsere Bedenken aber unbegründet.

Berlin, Berghain, Installation, 2020 (Bild: Udo Siegfriedt, via flickr.com)

Berlin, „Halle am Berghain“ während der Klanginstallation „Eleven Songs“ (Bilder: rechts: Udo Siegfriedt, via flickr.com, auch als gedruckte Dokumentation erschienen)

mR: Welche Rolle spielt die Architektur beim „Mythos Berghain“?

TK: Eine große! Der Raum mit der Innenfassade zum Beispiel ist schon sehr speziell: elf Meter hoch und nur eine Bar darin platziert. Für uns war es aber zunächst eher ein praktisches Bauwerk. Verschiedene Szenarien, die wir uns ausgemalt hatten, passten einfach gut in den Bestand. Die Eingriffe waren sehr zurückhaltend und pragmatisch. Dass das Ganze als Club seine Wirkung entfaltet, hat sich unmittelbar nach Betriebsbeginn gezeigt. Man merkte sofort, dass dort etwas sehr Besonderes entstanden ist. Es ist bemerkenswert, dass das Konzept nach 15 Jahren – mit nur kleinen Modifikationen – immer noch so gut funktioniert.

mR: Die starke Wirkung des „Berghain“ hat Sie also überrascht?

TK: Wir haben natürlich alle das Potential gesehen, aber nicht die volle Tragweite. Auch heute hält der Bau noch Überraschungen parat. Ich denke an „Die Säule“, den neuesten Clubteil, der in einem lange untergenutzten Raum entstanden ist. Dieser Ort funktioniert mit seinen speziellen Eigenheiten, den vielen Betoneinbauten und Stützen, sehr gut und erzeugt ein sehr beschützendes Raumgefühl. Was aber während der Bauphase schon auftrat, waren unkonventionelle Umstände in Form von Menschen: Die ersten Entrümpelungen des Kraftwerks wurden zum Beispiel mit Mitarbeitern und Türstehern des Clubs vollzogen, die teilweise heute noch dort tätig sind. Das war eine sehr familiäre Übernahme des Komplexes.

Berlin, Berghain, Installation, 2020 (Bild: Udo Siegfriedt, via flickr.com)

Berlin, „Halle am Berghain“ während der Klanginstallation „Eleven Songs“, 2020 (Bild: Udo Siegfriedt, via flickr.com, auch als gedruckte Dokumentation erschienen)

mR: Sind Erfahrungen aus anderen Clubs in das „Berghain“ mit eingeflossen? 

TK: Natürlich hat man einige Eindrücke mitgenommen aus ersten Clubs, die in der Hochphase der frühen 1990er entstanden sind – wie das „Planet“, der „Tresor“ oder das „E-Werk“. Der Umbau des „Berghain“ fand allerdings schon in der Second Generation der Szene statt, die durch die Professionalisierung des Gewerbes gekennzeichnet war. Man hat Geld in die Hand genommen und wollte die Dinge nun richtig machen. Die Berghain-Betreiber waren sozusagen Vorreiter. Wir als junges Büro haben die Aufgabe tatsächlich eher aus architektonisch-logistischer Sicht gesehen, denn als Ostgut-Stammkunden. Zeitgleich mit dem „Berghain“ wurde in Frankfurt am Main der „Cocoon-Club“ von Sven Väth eröffnet. Das Design war hypermodern und an Locations auf Ibiza angelehnt. Wir haben uns das angeschaut und mit unserem Projekt eine architektonische Antithese aufgestellt.

mR: Sie wurden und werden weiter für Clubentwürfe angefragt, aktuell z. B. in Kiew. Lässt sich das „Berghain „exportieren?

TK: Nein! Das „Berghain“ kann nur in einem ganz bestimmten Kosmos entstanden sein und existieren. Es hat auch sehr lange gedauert. bis der Markenname bekannt geworden ist. Wir bekommen heute sehr viele internationale Anfragen für Clubentwürfe mit teils sehr spannenden Aufgaben. Weltweit gibt es nur eine geringe Anzahl von Menschen, die diese Läden betreiben, und die bilden eine sehr eingeschworene Gemeinschaft.

Berlin, "Berghain" (Bild: Michael Kerling, 2020, via flickr.com)

Berlin, „Halle am Berghain“ während der Klanginstallation „Eleven Songs“, 2020 (Bild: © Michael Kerling, 2020, via flickr.com, auch als gedruckte Dokumentation erschienen)

mR: Zurzeit ist ein regulärer Clubbetrieb leider nicht möglich. Als Überlebensstrategie zeigt das „Berghain“ nun Kunst aus der Boros-Sammlung.

TK: Meiner Meinung nach haben die Betreiber das richtig gemacht und keine Berührungsängste gezeigt. Durch die Vernetzung gab es Kontakte zum Hochkulturbetrieb und es folgten eigene Produktionen und Kollaborationen, die sich sehen lassen konnten! Dabei kann schon einmal etwas kaputt gehen. Dass die Arbeiten von Wolfgang Tillmanns in regelmäßigen Abständen erneuert werden müssen, ist Teil des Konzepts. Für mich als Besucher wirkt das im Rahmen des „Berghain“ sehr passend und nicht aufgesetzt.

mR: Wie haben Sie als Architekt den Clubbetrieb in den letzten 15 Jahren persönlich miterlebt?

TK: Ich bin gerne dort und habe nur sehr wenig unangenehme Überraschungen erlebt. Es gab dort nicht einmal einen Generationswechsel – es kommen einfach immer neue Generationen hinzu und die Alten bleiben trotzdem da. Ich kenne keinen Club der Welt, den Menschen von Anfang 20 bis in die 50er zusammen besuchen, ohne dass es sich merkwürdig anfühlt. Das zieht sich sogar weiter bis in das Personal. Dort gehen jetzt die Ersten in Rente, die ihr Leben als Clubmitarbeiter verbracht haben. Eine weitere Überraschung war für mich eine gewisse Heterochronie: das Gefühl, hier tickt die Zeit anders. Es kann einem durchaus passieren, dass man aus Versehen zwölf Stunden im „Berghain“ verbringt, ohne es gemerkt zu haben. Oder man kommt sonntagnachmittags ausgeschlafen, trinkt drei Gin Tonic, begibt sich abends wieder nach Hause und hat das Gefühl, eine Clubnacht durchlebt zu haben.

Das Gespräch führte Johannes Medebach.

Alexandra Erhard und Thomas Karsten vom studio karhard® (Bild: © Robin Kater)

Thomas Karsten ist geschäftsführender Architekt von studio karhard®. Das Büro wurde von ihm – gemeinsam mit seiner Partnerin Alexandara Erhard – 2003 gegründet. Zu den prominentesten Projekten des Architektenduos zählen in Berlin die Gourmet-Etage im Kaufhaus des Westens, das Sony Music Entertainment und die Gestaltung des Clubs „Berghain“.

Berlin, "Berghain" im Schnee (Bild: Michael Mayer, CC BY 2.0, 2016, via flickr.com)

Berlin, „Berghain“ im Schnee (Bild: Michael Mayer, CC BY 2.0, 2016, via flickr.com)

Alle Inenaufnahmen zeigen die „Halle am Berghain“, Innenraufnahmen der Clubräume (Tanzfläche etc.) selbst sind nicht gestattet.

Titelmotiv: Berlin, „Berghain“ mit künstlerischer Installation, 2020 (Bilder: © Carsten Goebell, via flickr.com)

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Winter 21: Nachtleben

LEITARTIKEL: Nomadisierendes Nachtleben

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Ulrich Gutmair über einen Mythos und seine Geschichte.

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INTERVIEW: "What happens in Berghain ..."

INTERVIEW: „What happens in Berghain …“

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FOTOSTRECKE: Photos of the Dancefloor

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Giovanna Silva porträtiert die Räume des Berliner Nachtlebens.