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Wulfertshausen, St. Radegundis (Bild: Hubi1802, via mapio.com)

Ein junges Denkmal für Wulfertshausen

Im bayerischen Friedberg wurde gerade ein kaum 39-jähriges Bauwerk zum Kulturdenkmal erhoben: die Kirche St. Radegundis. Das katholische Kirchenzentrum wurde 1980 nach den Entwürfen des Architekten Josef Wiedemann (1910-2001) fertiggestellt. Wiedemann hatte in München u. a. bei Hans Dölgast studiert und sich dem Stil der Stuttgarter Schule angenähert. In der Zeit des Nationalsozialismus wirkte er u. a. an den Bauprojekten am Obersazlberg mit. Nach 1945 orientierte er sich neu: Neben prominenten profanen Projekten wie der Münchener Allianz-Generaldirektion (1954) profilierte er sich vor allem im kathlischen Kirchenbau – mit Bauten wie der Kirche Zu den Heiligen Engeln in Landsberg (1967) oder der Todesangst-Christi-Kapelle auf der KZ-Gedenkstätte Dachau (1961).

In Wulfertshausen verband Wiedemann die Klarheit skandinavischer Vorbilder mit dem nachkonziliaren Gemeinschaftsgedanken zu einem neuen, modernen Ortsmittelpunkt. Die Denkmalausweisug des Landes für St. Radegundins wurde von der Kommune in einem Punkt ergänzt: Die ehemalige Messnerwohnung sei bereits vor der Unterschutzstellung zur Kinderkrippe umgebaut worden – man gehe davon aus, dass ähnliche Maßnahmen weiter möglich seien. Bei jüngeren Denkmale, so der Baureferent Carlo Haupt gegenüber der Presse, gehe es ja „mehr um die Optik, weniger um das Material“. Es klingt, als hätte man noch Pläne für das frischgebackene Kulturdenkmal … (kb, 9.2.19)

Friedberg-Wulfertshausen, St. Radegundis (Bild: Hubi1802, via mapio.com)

Bergisch Gladbach-Frankenhorst, St. Maria Königin (Bild: Emanuel Gebauer)

Ein Kompromiss für St. Maria Königin

Vor fast drei Jahren war die Kirche St. Maria Königin in Bergisch-Gladbach-Frankenforst, ein zwischen 1954 und 1959 nach Entwürfen von Bernhard Rotterdam errichtetes und 1988 nochmals erweitertes Ensemble, zum ersten Mal Gegenstand einer mR-Meldung. Damals hatte man die Kirche bereits geschlossen und die Profanierung beantragt – als Grund wurde ein gesundheitsgefährdender Schimmelbefall angeführt. Schon 2008 hatte man beschlossen, den pastoralen Schwerpunkt nicht hier, sondern bei St. Johann Baptist zu legen. Zudem verfügt die inzwischen fusionierte Gemeinde mit St. Elisabeth noch über einen weiteren Kirchenbau.

Doch St. Maria Königin stand unter Denkmalschutz: Rotterdam (1893-1974), der für den langgestreckten Kirchenbau mit Satteldach zur Formensprache der gemäßigten Moderne griff, war ein Schüler des Architekten Emil Fahrenkamp, der seinerseits tief  im Neuen Bauen wurzelte. Die Interessengemeinschaft „Rettet die Kirche St. Maria Königin“ setzte sich für die Sanierung und Wiedereröffnung des Bauwerks ein. Nun wurde der – auch juristisch ausgetragene – Konflikt zwischen Stadt und Kirchengemeinde mit einem Kompromiss beigelegt: Das Kirchengebäude bleibt Denkmal, aber die Begründung wird etwas verschlankt. Dies ermöglicht das Bauvorhaben der Gemeinde, die Wohnbauten auf dem Kirchengrundstück errichten will. Auch der Abriss von Nebengebäuden wird nun offensichtlich neu nachgedacht. Es bleibt also noch abzuwarten, wohin dieser Kompromiss tragen wird. (kb, 31.1.19)

Bergisch Gladbach-Frankenforst, St. Maria Königin (Bild: Emanuel Gebauer)

Friedberg, Gemeindezentrum West (Bild: Lixe D., via yelp.de)

Das Aus für die Friedberger Welle?

Wenn es darum geht, das Werk des Architekten Johannes Peter Hölzinger zu beschreiben, landen die Annäherungsversuche irgendwo zwischen „Psychodynamische Raumstrukturen“ und „Wellenförmiges Dilemma“. Denn Hölzinger, 1936 geboren im hessischen Bad Nauheim, bewegt sich mit seine Bauten lustvoll an der Nahtstelle zwischen Architektur und Skulptur – nicht umsonst arbeitete er fast 20 Jahre mit dem Zero-Künstler Hermann Goepfert in einer Planungsgemeinschaft zusammen. Seit rund 10 Jahren wird Hölzingers Schaffen in der Fachwelt neu gewürdigt: vom Symposion bis zur Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum.

Auch im hessischen Friedberg schuf das Duo Goepfert-Hölzinger eine außergewöhnliche Bauform. Das evangelische Gemeindezentrum dient der Gruppen- und Gottedienstarbeit, als Wohnung und Kindergarten. Doch seit Monaten ringen die Verantwortlichen um das 2008 zum Kulturdenkmal erhobene Ensemble: Hübsch anzusehen sei das ja alles, aber die Folgekosten aus eindringender Feuchtigkeit für die Kirchengemeinde nicht mehr zu stemmen. Und nun wird in der Presse die schon 2017 genannte Jahreszahl bekräftigt: 2020 könnte, sollte, müsste die Kita schließen, vielleicht sogar das ganze Gemeindezentrum. Auch das Tehma Abriss steht im Raum. Man führe Gespräche mit der Landeskirche, so die Auskunft der Landesdenkmalpflege gegenüber der Wetterauer Zeitung, doch vor einer endgültigen Entscheidung müsse zunächst der volle Schadensumfang vorgelegt werden. (kb, 28.1.19)

Friedberg, Gemeindezentrum West (Bild: Lixe D., via yelp.de)

Paul Böhm mit seinem Vater Gottfried, dessem älteren Bruder Paul Böhm (*1918) und seinem eigenen Bruder Stephan bei der Filmpremiere von „Die Böhms – Architektur einer Familie“ in Köln (Bild: Shedow373, CC BY SA 4.0, 2015)

Einen Schnaps auf Gottfried Böhm

Sie können wahlweise auch ein Glas Kinderpunsch erheben, aber gratulieren sollten Sie unbedingt: Gottfried Böhm wird heute 99 Jahre alt. Geboren wurde er am 23. Januar 1920 in Offenbach. Nach Kriegsende arbeitete der ausgebildete Architekt und Bildhauer gemeinsam mit seinem Vater, dem Baumeister Dominikus Böhm. Als erstes eigenständiges Werk gilt die Kölner Kapelle „Madonna in den Trümmern“ (St. Kolumba, 1947/57, erweitert 2007 von Peter Zumthor zum Diözesanmuseum). Es folgten über die Jahrzehnte betonplastische Ikonen wie der Mariendom in Neviges (1968) oder das Rathaus in Bensberg (1972). Nicht zuletzt setzte er mit seiner Frau, der Architektin Elisabeth Haggenmüller (1921-2012) und seinen Söhnen Stephan, Peter und Paul erfolgreich die künstlerische Familientradition fort.

Schon lange genießt Gottfried Böhm hohes internationales Ansehen: 1986 etwa erhielt er den renommierten Pritzker-Preis. Doch selbst seine Kirchen blieben nicht völlig verschont von Schließung und Umnutzung: Das Gesamtkunstwerk St. Ursula in Hürth-Kalscheuren (1956, mit Dominikus Böhm) wurde 2006 profaniert, dient heute als Kultur- und Ausstellungsraum. In Bochum wurden gleich zwei seiner Gottesdiensträume geschlossen, in Oberhausen diskutiert man aktuell die Aufgabe der Klosterkirche Zu unserer Lieben Frau (1957). (kb, 23.1.19)

Oben: Gute Gene – Paul Böhm mit seinem Vater Gottfried, seinem Onkel Paul (* 1918) und seinem Bruder Stephan bei der Filmpremiere von „Die Böhms“ (Bild: Shedow373, CC BY SA 4.0, 2015)

Hamburg-Harburg, Dreifaltigkeitskirche (Bild: Holger X., via fotocummunity.de)

Hamburg-Harburg: Der letzte Versuch?

Die Frage steht seit – mindestens – zwölf Jahren im Raum: Was wird aus der Dreifaltigkeitskirche in Hamburg-Harburg? Die 1966 von Friedrich und Ingeborg Spengelin fertiggestellte Kirche ist ihrerseits der Wiederaufbau eines barocken Vorgängers, der 1944 zerstört wurde. An diese Vorgeschichte erinnern z. B. das erhaltene Westportal, das heute zum Innenhof führt, und einige Ausstattungsstücke. Für die Zukunft dieses nicht mehr regelmäßig liturgisch genutzten Ensembles wurden bereits viele Konzepte geschmiedet: Der Verkauf an einen Investor zur gastronomischen Nutzung etwa wurde kurz vor knapp von der Gemeinde gestoppt.

Seit Juni 2018 läuft mit dem Nutzungskonzept „3falt. Kunst – Kultur – Kreativität“ eine Erprobungsphase, die von der zuständigen Pastorin Sabine Kaiser-Reis im Sommer 2018 als der „letzte Versuch“ bezeichnet wurde. Lokale Vereine und Träger haben sich zusammengetan, um die Möglichkeiten des denkmalgeschützten Raums auszuloten. Die einen zeigen sich zum Jahresbeginn zufrieden – es fehle eigentlich „nur“ noch die Finanzierung. Die anderen sprechen davon, dass von Umnutzung bis Abriss wieder alles möglich sei. Die Testphase soll noch bis Februar 2019 andauern und dann ausgewertet werden. Vor rund einem Jahr musste bereits aus Sicherheitsgründen die kriegsversehrte, dem Gedenken gewidmete Christusfigur über dem barocken Westportal entfernt werden. (kb, 19.1.19)

Hamburg-Harburg, Dreifaltigkeitskirche, 2014 (Bild: Ajepbah, CC BY SA 3.0)

Hamburg-Harburg, Dreifaltigkeitskirche, oben: Portalplastik (Bild: Holger X., via fotocummunity.de), unten: Außenbau (Bild: Ajepbah, CC BY SA 3.0)

Karlsruhe, Militärkirche (Bild: Harald Kucharek, CC BY SA 2.0, 2011)

Karlsruhe im Rütteltest

In Karlsruhe hat die Fraktion „Die Grünen“ einen weitreichenden Antrag an die Stadt gestellt: Auf der einen Seite stehe der hohe Bedarf an Kultur-, Versammlungs- und Wohnraum. Auf der anderen Seite blieben den Kirchen immer öfter die Mitglieder weg und die Gottesdiensträume leer. Daher müsse die Stadt beide Seiten zusammenbringen: „Vielen Gemeinden fällt es allerdings schwerer, Teile ihrer Liegenschaften abzugegeben“, erklärten die Grünen gegenüber ka-news. Diese Hemmschwelle könne überwunden werden, wenn ein „konkreter gesellschaftlicher Zweck“ für solche Bauten aufgezeigt würde.

Die Stadt Karlsruhe verweist darauf, dass sie bereits regelmäßig Gespräche mit den Kirchenvertretern führe, ob und wenn ja wo Räume abgetreten werden könnten. Es gebe erste Listen möglicher Flächen, doch die beiden großen Konfessionen zögen nur „soziale Zwecke und den sozialen Wohnungsbau“ in Betracht. Da haben also die einen zu viel, die anderen zu wenig Raum – ideale Voraussetzung für den Erhalt moderner Kirchenbauten? Die Militärkirche (1951) etwa, die ab den 1990er Jahren von verschiedenen religösen Gemeinschaften zwischengenutzt worden war, soll neuen Wohnbauten weichen. Und bei der Zusammenlegung von Petrus- und Jakobuskirche (1961 bzw. 1970) ging es nach dem Prinzip: aus zwei mach eins (zwei Abrisse, ein Neubau). Das scheint weder substanz-, noch umweltschonend. (kb, 11.1.19)

Karlsruhe, Militärkirche (Bild: Harald Kucharek, CC BY SA 2.0, 2011)