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Elbingerode/Harz, Kirche des Diakonissen-Mutterhauses (Bild: kirchbautag.de)

Aufgeschlossen in Mitteldeutschland

200 Kirchenmitglieder pro Kirchenbau, mit diesem Zahlenverhältnis müssen die Gemeinden in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) personell und finanziell zurechtkommen. In der Ankündigung zum 29. Evangelische Kirchbautag, der vom 19. bis 22. September 2019 in Erfurt stattfinden wird, nennt die Landeskirche ihre Bauten dennoch (oder gerade deswegen) einen Schatz: „Es sind schöne und wertvolle Kirchen, die überwiegend unter Denkmalschutz stehen.“ Doch mindestens ein Viertel dieser Kirchen wird aktuell nicht mehr für Gottesdienste genutzt.

Daher hat es sich der Kirchbautag – veranstaltet von der EKM und vom Kirchbauinstitut in Marburg – zur Aufgabe gesetzt, für die Öffnung dieser Kirchen zu werben. Denn nur eine genutzte Kirche kann der Öffentlichkeit zugute kommen. Unter dem Motto „Aufgeschlossen“ warten auf die Besucher der Fachtagung daher vier Tage volles Programm: von rahmenden Gottesdiensten über Exkursionen bis hin zu thematischen Vorträgen und Workshops. So wird z. B. das Projekt „Querdenker“ vorgestellt, mit dem auf der Internationalen Bauausstellung 500 Ideen für 500 Kirchen gesammelt wurden. Das vollständige Programm ist online einsehbar, hier ist auch die Anmeldung zur Veranstaltung möglich. (kb, 28.4.19)

Elbingerode/Harz, Kirche des Diakonissen-Mutterhauses (Bild: kirchbautag.de)

Wendlingen am Neckar, Johanneskirche (Bild: Gunther Seibold, CC BY 3.0, via kirchbau.de)

„Der Hemdkragen Gottes“

Schon seit 2013 wird diskutiert, entworfen, protestiert, weitergeplant. Jetzt scheint es ernst zu werden mit dem Neubau in Wendlingen am Neckar. Ein evangelisches Gemeindezentrum mit Andachtsraum soll im Ortszentrum entstehen – das Problem: Da steht schon eines. Die Johanneskirche wurde um 1961 fertiggestellt und markiert seitdem mit Natursteinwänden, Turm und spitzem Dachaufsatz den gemeindlichen Lebensmittelpunkt. Im Inneren wird der Altarraum durch einen Lichtschlitz geprägtt, der zu viellen Assoziationen („Hemdkragen Gottes“) Anlass gibt.

Nach Abriss des bestehenden Gebäudes würde, so der Plan, die Bruderhaus-Diakonie Reutlingen auf den Grundstück zusätzlich Wohnplätze für Behinderte und Senioren einrichten. Seit 2013 kämpft die Initiative pro Johanneskirche“ gegen den avisierten Abriss. 2016 konnte zwar ein Bürgerentscheid durchgeführt, aber nicht die notwendige Grenze von 20 Prozent Abrissgegnern überschritten werden, um politischen Druck auszuüben. In einem offenen Brief an den evangelischen Landesbischof Otfried July bittet die Initiative nun, den Kirchengemeinderatsbeschluss aufzuheben und damit den Abriss zu verhindern. Unter den Erstunterzeichnern finden sich lokal bedeutsame Namen wie der Altbürgermeister Hans Köhler. Der Alternativvorschlag: Man könnte den Kirchenbau – ohne große Kostensteigerung – in das neue Konzept einbeziehen. Ein Hoffnungsschimmer besteht aktuell noch, denn im Mai muss der Stiftungsrat der Bruderhaus-Diakonie dem Vorhaben erst noch zustimmen. (kb, 26.4.19)

Wendlingen am Neckar, Johanneskirche (Bild: Gunther Seibold, CC BY 3.0, via kirchbau.de)

Lauenburg-Köthel, Johanniskapelle (Bild: Nachlass Raimund Marfels, Foto: Raimund Marfels, wohl um 1966, CC BY NC SA 4.0)

Kommune rettet Kapelle

Mitte der 1960er Jahre versorgte die schleswig-holsteinische Landeskirche viele kleine Gemeinden mit „vielen kleinen Kirchen“. Unter den Architekten, welche die Einzel- und Musterentwürfe erstellen, finden sich zu Recht bekannte und zu Unrecht unbekannte Namen. In der Mehrheit gelangen qualitätvolle maßstäbliche Bauwerke, die neben der liturgischen Nutzung auch Raum für weltliche Nutzungen ließen. Auch in Lauenburg-Köthel errichtete man im Rahmen des Kapellenbauprogramms 1966 eine Kapelle nach dem Musterentwurf des Architekten Gert Johannsen.

Ende März diesen Jahres wurde die Johanniskapelle in einem Gottesdienst entwidmet, das Gebäude hatte man bereits im Dezember 2018 an die Kommune verkauft. Hintergrund dieser Entscheidung war das 2017 vom Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg beschlossene Gebäudekonzept, das die finanzielle Förderung für verschiedene Kirchen und Kapellen einstellte. Die gute Nachricht: In der Johanniskapelle von Köthel sollen weiterhin Gottesdienste gefeiert werden, neben kulturellen und anderen besonderen Veranstaltungen, auch der angestammte Kinderspielkreis soll hier weiterhin stattfinden. Was aktuell nach einer Win-Win-Situation für beide Seiten aussieht, wird sich in den kommenden Monaten und Jahren in der Praxis bewähren müssen. Von der baulichen Seite stehen die Karten dafür gut – schon bei anderen entwidmeten Kapellen des Bauprogramms ist der Übergang in kommunales oder privates Eigentum geglückt. (kb, 17.4.19)

Lauenburg-Köthel, Johanniskapelle (Bild: Nachlass Raimund Marfels, Foto: Raimund Marfels, 1966, CC BY NC SA 4.0)

Pforzheim, Sclloßberg mit Lutherhaus (Bild: historische Postkarte)

Pforzheim wird City Ost

Was sich zunnächst nach einer moderneREGIONAL-tauglichen Trabantenstadt der 1970er Jahre anhört, entpuppt sich leider als das Gegenteil: City Ost, der Umbau der Pforzheimer Innenstadt auf Kosten der Nachkriegsmoderne. Dabei hat die Drei-Flüsse-Stadt bei Architekturfans einen glänzenden Ruf – wagte man hier doch nach der verheerenden Kriegszerstörung mit vielpublizierten Kirchenbauten von Bartning bis Eiermann, mit dem brutalistischen Rathaus und anderen Schönheiten ein klares Bekenntnis zur Moderne. Nach langem Hin und Her starten die ersten baulichen Maßnahmen zu „City Ost“ in diesen Tagen. Investor Ten Brinke verspricht eine besser durchmischte, sprich nachverdichtete Innenstadt.

Eines der Opfer dieser „Stadtreparatur“ wird das Lutherhaus, das evangelische Gemeindezentrum am Schloßberg. Der Namensvorgänger, das historistische Lutherhaus von 1913/14, war vom Krieg als Ruine zurückgelassen worden, die für kurze Zeit Mahnmalcharakter tragen sollte. Der Nachfolger schmiegt sich inkl. dem Jugendhaus „Schloßbergzentrum“ seit 1968 mit seinen gestaffelten, teils großzügig verglasten Kuben an den Hang. Bereits 2013 beschloss die Synode, sich u. a. vom Lutherhaus zu trennen, Teile wurden 2016 an die Stadt verkauft – auf Abriss. Denn eben jener Schloßberg soll verkehrsberuhigt und baulich verändert werden – und die Kuben des Lutherhauses stören aus Sicht der Planer das übrige „historische“ (sprich nach dem Krieg wiederaufgebaute) Ensemble. (kb, 2.4.19)

Pforzheim, Lutherhaus am Schloßberg (Bild: historische Postkarte)

Wolfsburg-Rabenberg, St. Heinrich (Bild: Kirchenfan, CCC0, 2008)

Wolfsburg: St. Heinrich dankt ab

Als Wolfsburg in der NS-Zeit als „Stadt des KdF-Wagens“ (später VW) gegründet wurde, waren im Stadtbild ausdrücklich keine Kirchen vorgesehen. Nach Kriegsende entstanden hier gleich mehrere prominente Kirchenbauten von renommierten Architekten von Alvar Aalto bis Gerhard Langmaack. Im Stadtteil Rabenberg wählte der Architekt Peter Koller jun. 1961 die äußerwöhlnliche Form einer Krone auf ovalem Grundriss – als Verneigung vor dem Namenspatron St. Heinrich. Der usrpünglich geplante Turm wurde nicht mehr umgesetzt. 1971 erfolgten eine liturgische Neuordnung und Erweiterung um das Pfarrzentrum, in den 1980er Jahren eine Sanierung des Kirchenraums und künstlerische Neuausstattung.

Nachdem man noch 2008 in eine Dachsanierung des denkmalgeschützten Bauwerks investiert hatte, folgte 2014 der Beschluss: Die Kirche soll verkauft werden. Am 22. März 2019 wird der Kirchenraum nun endgültig profaniert. Grundstück und Gebäude wurden bereits vor Monaten an einen Architekten veräußert, der das Areal für Studentenapartments erschließen will. Für den Kirchenraum ist keine Wohnnutzung, sondern eine kulturelle Funktion in Aussicht gestellt. Die Bauarbeiten im angrenzenden Kloster und Pfarrheim haben bereits begonnen, die ersten Studenten könnten Ende des Jahres einziehen. (kb, 16.3.19)

Wolfsburg-Rabenberg, St. Heinrich (Bild: Kirchenfan, CC0 1.0, 2008)

Coventry Cathedral (Bild: Diliff, CC BY SA 3.0 oder GFDL, 2014)

100 Jahre. 100 Kirchen.

Nach den Vorgängerbänden – „100 Buildings. 100 Years“ und „100 Houses. 100 Years“ – lag der nächste Buchtitel für die britische Twentieth Century Society auf der Hand: „100 Churches. 100 Years“. Auf 208 Seiten wird so der britische Kirchenbau der Moderne seit 1914 entfaltet. Mit von der Partie sind ikonische Bauten wie die Coventry Cathedral von Basil Spence von 1962 oder die Liverpool Cathedral von Giles Gilbert Scott von 1978.

Neben solch allgemein geschätzten Baukunstwerken werden ebenso erhaltenswerte Orte porträtiert wie das brutalistische St Peter’s Seminary von 1966 oder die lichtdurchflutete Bishop Edward King Chapel von 2013. Das Buch umfasst Kirchen, Moscheen und Syngogen, befasst sich mit dem Werk von Architekten wie George Pace, Eric Gill oder Frederick Gibberd. Zudem warten auf den geneigten Leser Essays von Architektur- und Kunsthistorikern über bauliche Details ebenso wie Betonblas und Bezüge zum europäischen Kontinent. Unter den Autoren finden sich Experten wie Elain Harwood, Alan Powers und Clare Price. (kb, 9.3.19)

100 Churches. 100 Years, hg. Von der Twentieth Century Society, Batsford Ltd., London 2019, 208 Seiten, ISBN: 9781849945141.

Coventry Cathedral (Bild: Diliff, CC BY SA 3.0 oder GFDL, 2014)