Künstler und Kirche im Dritten Reich

Künstler und Kirche im Dritten Reich

Hamburg-Wellingsbüttel, Lutherkirche (Bild: Dirtsc, CC BY SA 3.0)
Die Lutherkirche in Hamburg-Wellingsbüttel (1937, Hopp und Jäger) zeigt in ihren Gefachen „germanische Symbole“ (Bild: Dirtsc, CC BY SA 3.0)

Kunstwerke, die im „Dritten Reich“ entstanden sind, befinden sich auch in den Kirchen der hannoverschen Landeskirche. Diese Werke sind bis heute nur unzureichend untersucht und gedeutet worden. Dieser vernachlässigten Aufgabe nimmt sich die Tagung „Künstler und Kirche im ‚Dritten Reich‘ – Mitgestalter oder Mitläufer?“ an. Die Evangelische Akademie Loccum, die Hanns-Lilje-Stiftung und das Kunstreferat der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers veranstalten die Konferenz in Hannover (Hanns-Lilje-Haus, Knochenhauerstraße 33, 30159 Hannover) am 14. März 2016.

Als Ausgangspunkt dient das Werk des niedersächsischen Künstlers Erich Klahn. Um die Deutung seines Werks entzündete sich eine bemerkenswerte Streitgeschichte. Die wiederum veranlasste die hannoversche Landeskirche dazu, angeregt und gefördert durch die Hanns-Lilje-Stiftung, ein Gutachten in Auftrag zu geben. Vor dem Hintergrund dieser Streitgeschichte und der Publikation des Gutachtens geht die Tagung der übergeordneten Frage nach, wie kirchliche Kunst im Dritten Reich überhaupt einzuordnen ist. Die Referate drehen sich um Themen wie „Kirchenpolitische Strömungen vor und während des ‚Dritten Reichs'“, „Die künstlerische Gestaltung von Kirchen in der Zeit des Nationalsozialismus“ oder  „Kirchen und ihre Ausstattung im 3. Reich in der hannoverschen Landeskirche“, um Beispiele aus Pommern oder Lübeck. (kb, 9.2.16)

Fluch und Segen?

Die Situation ist nicht neu, aber sie spitzt sich zu: Immer mehr – vor allem moderne – Kirchenbauten werden geschlossen, umgenutzt oder abgerissen. In NRW sollen von den rund 6.000 Räume in den nächsten Jahren rund 30 Prozent leerstehen (Jörg Beste, Synergon 2018). Daher zeigt das Museum für Architektur und Ingenieurkunst NRW (M:AI) die Ausstellung „Fluch oder Segen? Kirchen der Moderne“. Ausstellungsort ist St. Gertrud in Köln: Die 1965 geweihte Sichtbetonkirche des Architekten Gottfried Böhm wird seit 2010 auch für Ausstellungen und Installationen genutzt. Mit Projektionen inszeniert „Fluch oder Segen?“ den Raum und erläutert seine Hintergründe.

Im zweiten Teil der Ausstellung sollen aktuelle Projekte die baulichen wie inhaltlichen Verschiebungen durch eine neue Neunutzung vermitteln. Ausstellungspartner ist „Zukunft.Kirchen.Räume“ von StadtBauKultur NRW, das innovative Kirchennutzungen bündeln und Gemeinden im Umbruch unterstützen will. Die Ausstellungseröffnung wird gefeiert am 8. September 2019 um 15 Uhr. Im Anschluss ist die Ausstellung, die von Ursula Kleefisch-Jobst, Peter Köddermann und Karen Jung kuratiert wurde, bis zum 10. November 2019 zu sehen in St. Gertrud (Krefelder Straße 57, 50670 Köln). (kb, 28.6.19)

Köln, St. Gertrud (Foto: © Michael Rasche)

Karte bedrohter (hellgrün), geschlossener (schwarz), abgegebener (violett), umgenutzter (dunkelgrün) und abgerissener (rot) Kirchenbauten des Historismus und der Moderne in NRW (Auszug der moderneREGIONAL-Karte „invisibilis“)

Bartning-Kirche: Ein Klappaltar auf Reisen

„Eine Kirche ist kein Museum!“ An diesem Satz stimmen mindestens zwei Dinge nicht: das verstaubte Bild von Museen ebenso wie das kulturferne Bild von Kirche. Und seit Mitte diesen Monats trifft diese Aussage erst recht nicht auf zwei Bartning-Notkirchen zu. Denn die Evangelische Kirchengemeinde Oberpleis, stolze Nutzerin einer dieser Inkunabeln, hat einen ihrer beiden Original-Klappaltäre an das LVR-Freilichtmuseum Kommern verschenkt. Nach dem Abriss einer anderen Notkirche hatte die Gemeinde in den 1960er Jahren das Sakralmöbel übernommen und wollte es jetzt einer sinnvollen Drittverwendung übergeben. Denn in Kommern wird gerade eine Bartning-Notkirche wiederaufgebaut.

Hintergrund der praktisch klappbaren Altäre war der hohe Bedarf an neuen Kirchenräumen nach dem Zweiten Weltkrieg. Um den vielen Provisorien in Schulen und Wirtshäusern abzuhelfen, entwickelte der Architekt Otto Bartning das heute legendäre Notkirchensystem: kostengünstige, leicht transportable und montierbare Systembauteile wurden mit viel Eigenleistung zu einem Gottesdienstraum gefügt. Auf die äußerst erfolgreichen Typen A bis C folgte D, die „Diasporakapelle“ bzw. das „Gemeindezentrum“. Das Konzept wurde zwischen 1949 und 1953 ingesamt an 52 Orten umgesetzt. Der Innenraum konnte sowohl für ganz profane Veranstaltungen als auch – mit einer aufgeklappten Altarnische – für den sonntäglichen Gottesdienst genutzt werden. Viele Gemeinden lieben und nutzen diese multifunktionalen Baukunstwerke bis heute, so auch in Oberpleis.

In Overath hingegen sah sich die Evangelische Gemeinde gezwungen, sich zugunsten eines Neubaus von ihrer Versöhnungskirche, einem Bartning Typ D, zu trennen. Daraufhin wurde der hölzerne Systembau in seine Einzelteile zerlegt und im Freilichtmuseum Kommern wieder zusammengesetzt. Hier gingen die Experten detailgetreu vor, suchten u. a. via Social Media nach den passenden Kacheln für den Sanitärbereich. Die fertige Notkirche wird in Kommern am 21. Juli 2019 als Teil der Baugruppe „Marktplatz Rheinland“ eröffnet und größtenteils im Originalzustand von 1951 präsentiert – inkl. des geschenkten Klappaltars aus Oberpleis. (kb, 25.5.19)

Titelmotiv: Übergabe eines Bartning Klappaltars von der Ev. Kirchengemeinde Oberpleis an das LVR-Frelichtmuseum Kommern (Bild: Evangelische Kirchengemeinde Oberpleis, Zielke)