KLEINKIRCHEN: Die Ansgarkirche in Hamburg-Othmarschen

Bei moderneREGIONAL erscheinen in der Rubrik „invisibilis“ – neben der virtuellen Karte zu bedrohten Kirchen und aktuellen Meldungen – regelmäßig ausführlichere Beiträge zum Thema. Dazu zählt auch die Beitragsreihe „Kleinkirchen“, die bislang zu Unrecht übersehene Zeugnisse der Kirchbaumoderne in Einzelporträts vorstellt.

Manchmal hilft ein Perspektivwechsel dabei, alte Werte neu zu entdecken. Bei der Ansgarkirche in Hamburg-Othmarschen wäre dies der Blick aus einem der gegenüberliegenden Häuser – zumindest durch die Linse des Architekturfotografen Georg Baur, der den Bau kurz nach seiner Einweihung 1965 von schräg oben einfängt. Ihm öffnet sich ein weiter Vorplatz, links zur Straße hin gerahmt durch einen schlanken Stahlbeton-Glockenträger mit zarter Wendeltreppe. Dahinter beherrscht ein mediterranes Streifenmuster das Bild: Der langgestrecktes Pflasterbelag zielt mittig auf das hochgeschlossene Kirchenschiff auf sechseckigem Grundriss. Selbst die sich nach rechts anschließenden flachen Gemeindebauten zeigen einen Wechsel aus hell- und dunkelgrauen Granitsteinchen.

Links: Hamburg-Othmarschen, Ansgarkirche, Innenraum und Oberlicht (Bilder: links: historische Postkarte, Sammlung Karin Berkemann, nach 1965; rechts: Matthias Kaiser)

Die Ansgarkirche

Heute stellt sich das Äußere der Ansgarkirche anders dar: Zwar sind alle Grundformen noch vorhanden, sogar der Pflasterbelag zeigt sich unverändert. Aber die Bäume sind hochgewachsen, der Campanile wurde hell überstrichen, das Streifenmuster der Wände hat man mit braun-beigen Fliesen nachgestellt und das Flachdach neu kupferbeschlagen. Der Innenraum hingegen blieb weitgehend im Originalzustand erhalten. Hochgeschlossene, ganz in Weiß getauchte Ziegelwände werden erst ganz oben von einem umlaufenden Fensterband durchbrochen. Darüber ist eine Flachdecke aufgespannt, die von einem wabenförmigen Relief ihre grafische Struktur erhält – zum Himmel geöffnet durch ein sechseckiges Oberlicht.

Hamburg-Othmarschen, Ansgarkirche, Schema des Dachtragwerks und Grundriss (Bildquellen: Tabita-Kirchengemeinde/Soeffner 1998)

Hamburg-Othmarschen, Ansgarkirche, Schema des Dachtragwerks und Grundriss (Bildquellen: links: Tabita-Kirchengemeinde; rechts: Soeffner 1998)

So zurückhaltend der Innenraum auf den ersten Blick daherkommt, so raffiniert hat ihn der Architekt Otto Andersen 1965 durchgestaltet. Im Grundriss, vor allem im Tragwerksplan des Flachdachs wird deutlich, wie sich klare geometrische Formen wiederholen und das Grundmaß für jedes noch so kleine Detail bilden: In einen fiktiven Kreis eingeschrieben, lässt sich das Sechseck der Außenmauern wiederum auf Dreiecke reduzieren. Das Oberlicht rückt Andersen leicht aus der Mitte, nutzt es als Schnittmenge zwischen Altar- und Gemeinderaum. Hier ist auch der Taufständer der Bildhauerin Ursula Querner verortet. Die Schale wird sinnfällig von einem sternförmigen Einsatz gehalten. Für das ungewöhnliche Altarkreuz wählte Querner ein Quadrat, aus dem heraus der Auferstehende schreitet. Eine Überraschung wartet noch im angegliederten Sakristeiraum, wo der Künstler Ernst Günter Hansing ein farbiges Dallglasfenster einpasste.

links: Schulensee bei Kiel, Thomaskirche (Bild: Matthias Süßen, CC BY SA 4.0, 2020); rechts: Hamburg-Rahlstedt, Trinitatiskirche als Pappmodell (Bild: Faller-Magazin 54, 1966)

links: Schulensee (Kiel-Molfsee), Thomaskirche (Bild: Matthias Süßen, CC BY SA 4.0, 2020); rechts: Hamburg-Rahlstedt, Trinitatiskirche als Pappmodell (Bild: Faller-Magazin 54, 1966)

Die Kirchen von Otto Andersen

Der Architekt Otto Andersen (1924-1981) hat in rund zwei Jahrzehnten fast 20 Kirchen und Kapellen umgesetzt – vorwiegend im Raum Hamburg. Den prominenten Anfang diese Reihe bildet 1956 die Paul-Gerhardt-Kirche in Hamburg-Bahrenfeld, entworfen gemeinsam mit seinem Schwiegervater Alfred Behrmann. Während hier noch klassische, fast basilikale Motive die Oberhand haben, schwimmt sich Andersen 1959 gestalterisch frei: mit St. Peter in Hamburg-Groß Borstel auf parabelförmigem Grundriss und vor allem mit der organoid gedrungenen Thomaskirche in Schulensee (Kiel-Molfsee). Um 1960 folgen verschiedene, zumeist längsgerichtete Kirchenprojekte von Uetersen (1961, Erlöserkirche) bis nach Pinneberg (1964, Heilig Geist).

Otto Andersen entwickelt sich vom längsgerichteteten Raum um 1965 für kurze Zeit zum zentralisierenden Grundriss, um in den späten 1960ern über organoide Konzepte teils wieder zum längsgerichteten Konzept zurückzukehren: Hamburg, Paul-Gerhardt-Kirche (1956), Hamburg-Rahlstedt, Trintiatiskirche (1965), Hamburg-Othmarschen, Ansgarkirche (1965) und die Bonnuskirche in Osnabrück (1966) (Bilder: Grundrisse, teils schematisiert)

In den 1960ern hatte Andersen seine Kirchenkonzepte weiterentwickelt: vom längsgerichteten, häufig parabelförmig gestreckten Grundriss hin zu zentralisierenden Räumen auf vieleckiger Grundfläche. Dazu zählten 1965 die Trintatiskirche in Hamburg-Rahlstedt und die hier im Mittelpunkt stehende Ansgarkirche in Hamburg-Othmarschen. Nach einigen wenigen organoiden Grundrissen wie in Bliesdorf (Kapelle, 1966), konzentrierte sich Andersen bis in die frühen 1970er Jahre auf Varianten des langgestreckten Zelts wie bei der Bonnuskirche in Osnabrück (1967). Zuletzt näherte er diesen Typus in Bremen-Osterholz (Gemeindehaus Blockdiek) 1971 leicht einem Gemeindezentrum an, ohne jedoch von seiner Grundvorstellung eines sakralen lutherischen Gottesdienstraums abzuweichen.

Links: Tagungsband zum Ev. Kirchbautag in Hamburg 1961; rechts: Berlin, Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche (Bilder: links: Buchcover; rechts: historische Postkarte)

Links: Tagungsband zum Ev. Kirchbautag in Hamburg 1961 mit der Martinskirche in Hamburg-Rahlstedt auf dem Titel; rechts: Berlin, Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche (Bilder: links: Buchcover; rechts: historische Postkarte)

Die Kirchbaumoderne

Otto Andersen war bestens vernetzt in der norddeutschen lutherischen Expert:innenszene. So ist u. a. seine Teilnahme am Evangelischen Kirchbautag in Hamburg belegt, der 1961 internationale Vergleichsbeispiele diskutierte. Immer wieder ließ sich Andersen in seinem engeren Umfeld inspirieren, um diesen Vorbildern dann eine eigene Prägung abzugewinnen. Am sichtbarsten sind die gestalterischen Bezüge zu Hamburger Kollegen, ob als respektvolle Annäherung an Gerhard Langmaack oder als freundliche Umarmung von Friedhelm Grundmann. Einiges erinnert auch an die rheinische Kirchbaumoderne der Zwischen- und Nachkriegszeit, wie sie prominent von Rudolf Schwarz, Hans Schilling und Fritz Schaller vertreten wurde. Und man denkt bei Andersen-Kirchen nicht zuletzt an die parabel- oder kreisförmigen Grundrisskonzepte eines Otto Bartning.

Ulm-Wiblingen, Versöhnungskirche, Olaf Andreas Gulbransson, 1963 – Visualisierung eines virtuellen 3D-Modells im Rahmen des Ausstellungsprojekts „Zwölf Kirchen“ der baden-württembergischen Denkmalpflege (Bild: Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg im Regierungspräsidium Stuttgart)

Mit Blick auf die Ansgarkirche stechen drei überregionale Parallelen ins Auge: Als hätte Andersen den Flachdachbau auf polygonalem Grundriss von Egon Eiermann (Berlin, Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, 1961) verknüpft mit der liturgisch ausbalancierten Raumordnung eines Olaf Andreas Gulbransson (Ulm-Wiblingen, Versöhnungskirche, 1963) – und zuletzt die strahlend weiße, indirekt belichtete Raumstimmung der Skanmoderne hinzugefügt. So prominent die Vorbilder der Ansgarkirche sein mögen, so sehr bedarf sie heute einer werbenden Vermittlung. Es ist kein Geheimnis, dass die Hamburger Kirchenlandschaft aktuell ausgedünnt wird. Die Ansgarkirche bittet gerade um Unterstützung für die Sanierung von Turm und Schiff. Zudem wird diskutiert, das Umfeld der Kirche für Wohnbauten auszunutzen. In jedem Fall sollte dabei die kongeniale Komposition von Otto Andersen, sein sensibles Wechselspiel aus Freifläche und umbautem Raum, behutsam neu zur Geltung gebracht werden. (kb, 19.2.21)

Bedrohte (hellgrün), geschlossene (schwarz), abgegebene (violett), umgenutzte (dunkelgrün) und abgerissene (rot) Kirchen in Hamburg (Auszug aus der moderneREGIONAL-Karte „invisibilis“)

Literatur und Quellen

Ev.-Luth. Tabita-Kirchengemeinde Hamburg; Hamburgisches Architekturarchiv.

Hotz, Walter (Bearb.), Moderne Kirchen, Bayreuth o. J. (1960er Jahre).

Gerhard Langmaack (Bearb.), Kirchenbau und Ökumene. Bericht über die Elfte Tagung für evangelischen Kirchenbau vom 8. bis 12.Juni 1961, hg. vom Arbeitsausschuß des Evangelischen Kirchbautages, Hamburg 1962.

Eine moderne Kirche in Hamburg, in: Faller-Magazin 54, 1966, 2, S. 1933–1937.

Poscharsky, Peter (Bearb.), Kirchen von Olaf Andreas Gulbransson, München 1966.

Schnell, Hugo, Kirchenbau des 20. Jahrhunderts. Dokumentation, Darstellung, Deutung, München/Zürich 1973.

Soeffner, Hans-Georg u. a., Dächer der Hoffnung. Kirchenbau in Hamburg zwischen 1950 und 1970, Hamburg 1995.

Nikula, Riitta, Bauen für die Staatskirche. Kirchenarchitektur in Finnland 1950-2000/Building for the State Church. Church Architecture in Finland 1950–2000, in: Stock, Wolfgang J. (Bearb.), Europäischer Kirchenbau 1950–2000/European Church Architecture 1950–2000, München u. a. 2001, S. 236–245.  

Rauterberg, Claus, Der Architekt Otto Andersen (1924–1981) und seine Kirchen in Schleswig-Holstein und Hamburg, in: DenkMal! 10, 2003, 1, S. 89–100.

Berkemann, Karin (Bearb.), „Baukunst von morgen“. Hamburgs Kirchen der Nachkriegszeit, hg. vom Denkmalschutzamt Hamburg, Hamburg 2007.

Ludwig, Matthias, „… viele kleine Kirchen“. Das Kapellenbauprogramm der 1960er Jahre in Schleswig-Holstein (Beiträge zur Denkmalpflege in Schleswig-Holstein 2), hg. vom Landesamt für Denkmalpflege Schleswig-Holstein, Kiel 2011. 

Hamburg-Othmarschen, Ansgarkirche, Sakristeifenster und Altarkreuz (Bilder: Matthias Kaiser)

Hamburg-Othmarschen, Ansgarkirche, Sakristeifenster und Altarkreuz (Bilder: Matthias Kaiser)

Titelmotiv: Hamburg-Othmarschen, Ansgarkirche (Foto: Georg Baur, um 1965, Bild: Hamburgisches Architekturarchiv)

KLEINKIRCHEN: 9 x Wiesbaden

mit Fotografien von Peter Frenkel

Bei moderneREGIONAL erscheinen in der Rubrik „invisibilis“ – neben der virtuellen Karte zu bedrohten Kirchen und aktuellen Meldungen – regelmäßig ausführlichere Beiträge zum Thema. Dazu zählt auch die Beitragsreihe „Kleinkirchen“, die bislang zu Unrecht übersehene Zeugnisse der Kirchbaumoderne in Einzelporträts vorstellt.

Im Sommersemester 2020 erkundeten Ute Dreyer und Peter Frenkel – beide studieren Architektur an der Bauhaus-Universität Weimar – die Nachkriegskirchen in Wiesbaden. Unter Betreuung von Dr. Annika Tillmann (Landesamt für Denkmalpflege Hessen) und Dr.-Ing. Mark Escherich (Professur Denkmalpflege und Baugeschichte, Prof. Dr. phil. habil. Hans-Rudolf Meier) rückte dabei der mögliche Denkmalwert der Bauwerke in den Mittelpunkt. Als ein erstes Ergebnis dieser Streifzüge entstanden eindrucksvolle Fotografien von Peter Frenkel, die einen Blick auf den Reichtum der damaligen kirchlichen Baukunst in der hessischen Landeshauptstadt ermöglichen. (Zu Wiesbaden rechnet man politisch wie historisch auch Mainz-Kastel und -Kostheim.)

Den Anfang des virtuellen Rundgangs macht Maria Hilf (Franz Mertes, 1954). Zu den prägenden Architekturbüros jener Jahre gehört Rainer Schell, hier mit der Erlöser- (1963), der Stephanus- (1963) und der Thomaskirche (1964). Für die katholischen Gottesdiensträume sind die gemeinsam entwerfenden Brüder Paul und Fritz Johannbroer zu nennen. Ersterer gestaltete für Wiesbaden gleich drei Gemeindezentren, darunter die Christkönigkirche (1965). Nicht vergessen seien die Lukaskirche (Fritz Soeder, 1962-71), St. Andreas (Hans Weber, 1965) – und natürlich die beiden „Stars“ der Wiesbadener Nachkriegskirchen: die von Herbert Rimpl entworfene Heilig-Geist-Kirche (1961) in Biebrich und die brutalistische Kirche St. Mauritius (Martin Braunstorfinger/Jürgen Jüchser/Peter Ressel, 1968) im Stadtteil Sonneberg. (Peter Frenkel/Karin Berkemann, 22.1.21)

Mainz-Kostheim, Maria Hilf (Franz Mertes, 1954) (Bild: Peter Frenkel, 2021)

Mainz-Kostheim, Maria Hilf (Franz Mertes, 1954) (Bild: Peter Frenkel, 2021)

Wiesbaden, Erlöserkirche (Rainer Schell, 1962) (BIld: Peter Frenkel, 2020)

Mainz-Kastel, Erlöserkirche (Rainer Schell, 1963) (Bild: Peter Frenkel, 2020)

Mainz-Kostheim, Stephanuskirche (Rainer Schell, 1963) (Bild: Peter Frenkel, 2020)

Wiesbaden, Thomaskirche (Rainer Schell, 1964) (Bild: Peter Frenkel, 2020)

Wiesbaden, Thomaskirche (Rainer Schell, 1964) (Bild: Peter Frenkel, 2020)

Wiesbaden-Nordenstadt, Christkönigkirche (Paul Johannbroer, 1965) (Bild: Peter Frenkel, 2020)

Wiesbaden-Gräselberg, Lukaskirche (Fritz Soeder, 1962-71) (Bild: Peter Frenkel, 2020)

Wiesbaden-Gräselberg, Lukaskirche (Fritz Soeder, 1962-71) (Bild: Peter Frenkel, 2020)

Wiesbaden, St. Andreas (Hans Weber, 1965) (Bild: Peter Frenkel, 2020)

Wiesbaden, St. Andreas (Hans Weber, 1965) (Bild: Peter Frenkel, 2020)

Wiesbaden-Biebrich, Heilig Geist (Herbert Rimpl, 1961) (Bild: Peter Frenkel, 2020)

Wiesbaden-Biebrich, Heilig Geist (Herbert Rimpl, 1961) (Bild: Peter Frenkel, 2020)

Wiesbaden-Biebrich, Heilig Geist (Herbert Rimpl, 1961) (Bild: Peter Frenkel, 2020)

Wiesbaden, St. Mauritius (Martin Braunstorfinger/Jürgen Jüchser/Peter Ressel, 1968) (Bild: Peter Frenkel, 2020)

Wiesbaden, St. Mauritius (Martin Braunstorfinger/Jürgen Jüchser/Peter Ressel, 1968) (Bild: Peter Frenkel, 2020)

Titelmotiv: Wiesbaden-Gräselberg, Lukaskirche (Fritz Soeder, 1962-71) (Bild: Peter Frenkel, 2020)

KLEINKIRCHEN: Die Neue Schlosskirche in Offenbach

Bei moderneREGIONAL erscheinen in der Rubrik „invisibilis“ – neben der virtuellen Karte zu bedrohten Kirchen und aktuellen Meldungen – regelmäßig ausführlichere Beiträge zum Thema. Dazu zählt ab sofort auch die Beitragsreihe „Kleinkirchen“, die bislang zu Unrecht übersehene Zeugnisse der Kirchbaumoderne in Einzelporträts vorstellt.

Vor Kurzem hat die Stadt Offenbach – vor allem durch den Biennale-Beitrag des Deutschen Architekturmuseums – eine verdiente Ehrenrettung erfahre.: Pragmatisch und damit besonders erfolgreich reagiere man hier auf Veränderung. Auch die Kirchenlandschaft der geheimen hessischen Metropole wartet noch auf ihre Wiederentdeckung: Am Rand der City setzt z. B. eine sehenswerte brutalistische Raumschöpfung die Tradition der kriegszerstörten barocken Schlosskirche fort. Dieser moderne Neubau entstand zwischen 1970 und 1971 nach Entwürfen des Architekten Gunnar Bruhns (mit Hans Georg Heimel) mit einer Glasgestaltung des Künstlers Bernd Rosenheim.

Offenbach, Neue Schlosskirche (Bild: Modell der Bauzeit, G. Bruhns mit Hans Georg Heimel))

Offenbach, Neue Schlosskirche (Bild: Modell der Bauzeit, Gunnar Bruhns mit Hans Georg Heimel, Nachlass Gunnar Bruhns)

Mit „Betonbügel“ und Kerbe

Im Offenbacher Osten wird die Neue Schlosskirche nach Osten von einem Gewerbegebiet und dem Alten Friedhof, nach Westen von der Arthur-Zitscher-Straße und Wohnbebauung, nach Norden vom Main, nach Süden von einer mormonischen Kirche umgeben. Als Leicht-/Stahlbetonkonstruktion zeigt sich das Schiff der Schlosskirche nach außen materialsichtig blockhaft geschlossen. Mit den Gemeindebauten umfasst die Anlage einen Hof, der sich zur Straße – gerahmt von Schiff und Campanile – öffnet. Das Schiff wird durch zwei, sich zur Mitte an ihrem niedrigsten Punkt treffende Pultdächer überfangen. Den Altarraum betont ein aus dem Schiff plastisch hervortretender „Betonbügel“, der ebenfalls V-förmig eingekerbt ist. Ein Motiv, das sich im Abschluss des betonplastischen Campaniles wiederholt.

Offenbach, Neue Schlosskirche (Bild: K. Berkemann)

Offenbach, Neue Schlosskirche (Bild: K. Berkemann)

Ein Betonlamellenfenster zum Hof

Betritt man die Kirche über den Vorplatz von Süden durch das vorgelagerte Foyer, öffnet sich nach Osten ein bestuhlter Saal mit holzverkleideter Decke, die sich auf den mittig von West nach Ost verlaufenden Stahlträger hin absenkt und auf den Altarraum zielt. Licht erhält der Raum von Süden, von der Hofseite, durch ein halbhohes, die Wandbreite ausfüllendes Betonlamellenfenster mit strahlenförmiger grautoniger Bleiglasgestaltung. Der kaum erhöhte Altarraum mit hölzernem Tisch und Ambo wird durch ein Oberlicht und von der Seite indirekt erhellt. Nach Nordwesten begrenzt den Raum eine L-förmige Betonempore, ebenfalls durch ein Glasband zwischen Wand und Decke indirekt beleuchtet.

Offenbach, Neue Schlosskirche (Bild: K. Berkemann)

Offenbach, Neue Schlosskirche (Bild: K. Berkemann)

Ein Gemeindezentrum mit Turm

Am 20. Dezember 1943 zerstörten Bomben die barocke Offenbacher Schlosskirche (1703), deren Turm (1713) in der Kirchgasse erhalten blieb. Doch wuchs die Stadt, deren Protestanten sich zum Gemeindeverband zusammenschlossen, nach dem Krieg weiter nach Osten. So gliederte der Offenbacher Architekt Fritz Reichard an den historischen Kirchenturm 1960 ein Zentrum für den Gemeindeverband an. Einige hundert Meter weiter erhielt die alte/neue Schlosskirchengemeinde 1955, ebenfalls durch Fritz Reichard, in der Gerberstraße (heute Arthur-Zitscher-Straße) auf einem ehemaligen Gerbereigelände ein Gemeindehaus mit Mitarbeiterwohnungen. Der Traum von einer neuen Schlosskirche konnte erst Ende der 1960er Jahre verwirklicht werden, als die Fachwelt gerade kontrovers über das turmlose Gemeindezentrum stritt. Im Offenbacher Neubauwettbewerb entschied man sich für ein Gemeindezentrum mit deutlich akzentuierter Kirche und Turm – ein Entwurf des Frankfurters Gunnar Bruhns (mit Hans Georg Heimel), der sich damit gegen renommierte Kirchenbauer wie das Darmstädter Büro Lothar Willius/Rolf Romero und den Offenbacher Paul F. Posenenske durchsetzte.

Offenbach, Neue Schlosskirche (Bild: Schnitt)

Offenbach, Neue Schlosskirche (Bild: Schnitt der Bauzeit, Gunnar Bruhns mit Hans Georg Heimel, Nachlass Gunnar Bruhns)

Eingeweiht 1971

Nach seinem Studium in Braunschweig wirkte Bruhns (* 1929, + wohl 2005) vorwiegend im Wohnungsbau. Für die Neue Schlosskirche, deren Genehmigungsplanung er unterzeichnete, arbeitete Bruhns (so belegt es der Nachlass beider Architekten) mit Heimel (1927–2015) zusammen, der sich mit der Langener Martin-Luther-Kirche (1963) für diese Baugattung empfohlen hatte. Die strahlenförmige Glasgestaltung der Schlosskirche schuf der Offenbacher Künstler Bernd Rosenheim, der um 1970 vermehrt im öffentlichen/kirchlichen Raum vertreten war, z. B. mit der Plastik „Flamme“ (1971) vor dem Offenbacher Rathaus. 28 Jahre nach der Zerstörung der Schlosskirche wurde am 19. Dezember 1971 der Nachfolgebau eingeweiht. 1972 erhielt dessen Turm neben drei neuen auch drei historische Glocken aus der alten Schlosskirche, eine von ihnen installierte man zur Mahnung an der Turmaußenseite. In den 1980er Jahren wurde das Emporengeländer erhöht. Den bauzeitlichen hölzernen Taufständer ersetzte man durch einen historischen, in einem Bestattungsunternehmen aufgefundenen Taufstein.

Offenbach, Neue Schlosskirche (Bild: K. Berkemann)

Offenbach, Neue Schlosskirche (Bild: K. Berkemann)

Betonplastisch sensibel

In Offenbachs Osten, zwischen Main und Altem Friedhof, in der Flucht der Arthur-Zitscher-Straße, ist der vorgerückte Campanile der Neuen Schlosskirche unverzichtbar. Hier wude die Tradition der kriegszerstörten Barockkirche in eine überzeugende moderne Großform überführt, die bis heute fast unverändert erhalten ist. Bruhns glückte damit, kongenial begleitet durch die grafische Fenstergestaltung Rosenheims, ein betonplastisch sensibel differenzierter Bau, der im besten Sinne von Heimels Mitarbeit zeugt. Nicht umsonst erinnert der Offenbacher Campanile an den Turm der Frankfurter Gethsemane, die Heimel als Archtiekt und Rosenheim als Glaskünstler 1970 fertiggestellt hatte. (kb, 8.1.21)

Offenbach, Neue Schlosskirche (Bild: K. Berkemann)

Offenbach, Neue Schlosskirche (Bild: K. Berkemann)

Literatur

Das Münster 20, 1967, S. 167.

Bernd Rosenheim (Edition [Beck] 69/2), Zweibrücken 1969 [Mappe mit limitierten Original-Lithographien].

Evangelisches Dekanat Offenbach am Main, Zürich 1983; Bernd Rosenheim. Plastische Arbeiten 1966–1986 (Edition Beck), Homburg-Schwarzenacker, 1987.

Kurt, Alfred, Stadt und Kreis Offenbach in der Geschichte. Am Main, im Rodgau und in der Dreieich, Offenbach am Main 1998.

Bonin, Sonja u. a. (Bearb.), Stadt Offenbach (Kulturdenkmäler in Hessen; Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland), hg. von Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Wiesbaden/Stuttgart 2007, S. 291–292.

Berkemann, Karin, Nachkriegskirchen in Frankfurt am Main (1945v76) (Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland; Kulturdenkmäler in Hessen), Stuttgart 2013 [zugl. Diss., Neuendettelsau, 2012], S. 84, 148–149, 226.

Ziegler, Philipp R. (Bearb.), Orte des Glaubens. Wegeweiser zu Räumen und Religionen in Offenbach am Main, hg. vom Magistrat der Stadt Offenbach am Main, Forum Kultur und Sport, Offenbach am Main o. J. [um 2013].

Offenbach, Neue Schlosskirche (Bild: K. Berkemann)

Offenbach, Neue Schlosskirche (Bild: K. Berkemann)

Offenbach, Neue Schlosskirche (Bild: K. Berkemann)

Offenbach, Neue Schlosskirche (Bild: K. Berkemann)

Offenbach, Neue Schlosskirche (Bild: K. Berkemann)

Offenbach, Neue Schlosskirche (Bild: K. Berkemann)

Offenbach, Neue Schlosskirche (Bild: Grundriss)

Offenbach, Neue Schlosskirche (Bild: Grundriss der Bauzeit, Gunnar Bruhns mit Hans Georg Heimel, Nachlass Gunnar Bruhns)

Offenbach, Neue Schlosskirche (Bild: K. Berkemann)

Offenbach, Neue Schlosskirche (Bild: K. Berkemann)

Titelmotiv: Offenbach, Neue Schlosskirche (Bild: Zeichnung der Bauzeit, Gunnar Bruhns mit Hans Georg Heimel, Nachlass Gunnar Bruhns)