Einfach überspringen

Es gab in den vergangenen Jahren nur wenige (streng genommen gar keine) Anlässe, zu denen ich bedauern musste, die Kanzel gegen die Baustelle eingetauscht zu haben. Doch in diesem Winter juckt es mich als studierte Theologin akut in den Fingern. Was ließe sich predigttechnisch nicht alles an Sinngehalt aus der Lage der Nation ziehen: Endlich werden wir auf die wahren Werte von Familie/Kultur/Weihnachten zurückgeworfen. Aller Tand fällt von uns ab und gibt den Blick frei auf das Wesentliche, das Echte. Doch so viel online bestellte Tofu-Gans ließe sich gar nicht essen, um dem dabei aufkommenden Brechreiz zu entsprechen. Denn am Ende des coronageplagten Jahres 2020 bleibt für viele einfach nur Müdigkeit. Und der tiefe Wunsch, 2021 zu überspringen.

13 (Bild: MetalShaper, CC BY SA 3.0, 2012)

Unglücksverheißende Zahlen werden oft einfach ausgespart (Bild: MetalShaper, CC BY SA 3.0, 2012)

So wie gute Hotels die 13. Etage aussparen und renommierte Theater die gleichlautende Reihe dezent auslassen, scheinen Kulturveranstalter 2021 bereits ganz gestrichen zu haben. Geplant wird für 2022, mit dem leichten Nervenkitzel, ob wenigstens dann wirklich alles wieder planbar sein wird. Ja, natürlich hat uns das gerade auslaufende Jahr bemerkenswerte digitale Blüten der sonst analog aufgelegten Kulturinstitutionen gebracht. Vieles davon wird uns auf Dauer bereichern. Nur, und hier liegt ein Schönheitsfehler für die meisten Freiberufler, in den seltensten Fällen wird der geisteswissenschaftliche Arbeitsanteil daran (finanziell) angemessen gewürdigt. Man bleibt sichtbar – und wird im Verborgenen nur noch ärmer an Geld und Sinnen.

Das Kölner Rheinparkcafé (Bild: Owi)

Das Kölner Rheinparkcafé soll 2021 wiedereröffnet werden (Bild: Owi, CC BY SA 3.0, 2008)

Wir wissen nicht, welche intensiven Momente 2021 für uns bereithält. Wie man sich beim Open-Air-Konzert mit Glühwein über Wasser und dem Gefrierpunkt hielt. Wie man sich in der WG-Küche halblegal zur Online-Vorlesung und zum anschließenden Käsefondue zusammenrottete. Selbst die diversen Kriegsweihnachten des 20. Jahrhunderts haben schöne Erinnerungen produziert, der Anlass blieb ein erdenklich falscher. Auch wenn dieser Vergleich auf drei von vier Füßen hinkt, ergibt sich eine Gemeinsamkeit: Mit Duldungsstarre ist niemandem geholfen. Benennen wir laut und deutlich, was uns in Theater, Museum und Universität sorgenvoll umtreibt! Ohne Kultur gerieten die kommenden Monate verdammt dunkel. Halten wir uns fest an den für 2021 angekündigten Lichtpunkten – wie das Kölner Rheinparkcafé, das nach langen denkmalfachlichen Nachbesserungen im Juni wiedereröffnen will. (5.12.20)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Konzertveranstalter planen aktuell in großen Zeiträumen (Bild: K. Berkemann, November 2020)

Zählt die Kugelleuchten!

Heute sind Fußgängerzonen zu tristen Wüsten geworden. Die großen Shoppingmalls haben die Kunden extra muros gezogen und der Innenstadt das Wasser abgegraben. Ohnehin sind hier die Mieten nur noch für Filialisten erschwinglich, der Onlinehandel tat ein Übriges. Manche Kommunen werben mit „neuer Attraktivität“ für ihre Zentren. Oftmals werden bei solchen „Verschlimmbesserungen“ – es muss ja auch pflegeleicht sein – die Gestaltungsideen der 1950er bis 1980er Jahre aufgegeben. Dieser Epoche widmet sich nun ein Buch des Architekturkritikers und Bauwelt-Redakteurs Ulrich Brinckmann: „Achtung vor dem Blumenkübel!“ Vielleicht eine Warnung beim (verbotenen) Befahren der Fußgängerzonen. Oder der Hinweis, den quasi historischen Blumenkübeln mehr Beachtung zu schenken.

Paderborn, Marienplatz mit Rathaus (Bild: historische Postkarte, Wolfgang Hans Klocke Verlag Paderborn)

Drei Raumtypen

In der Stadt der Nachkriegsjahrzehnte gibt es, so Brinckmann, drei Raumtypen: die Fußgängerzone im Zentrum, die Wohnsiedlung am Stadtrand sowie die Ein- und Ausfallstraßen mitsamt den Magistralen und Ringstraßen. Geplant ist eine Buchtrilogie zu diesem architektonischen Dreigestirn zwischen 1949 und 1989. Den Fußgängerzonen hat Brinckmann nun den ersten Band gewidmet, die er anhand von Postkarten betrachtet. Er wählt bewusst Fotos, die nicht für einen Wettbewerb geschossen wurden. Professionelle Aufnahmen, die aber nicht von der Stadtverwaltung oder einem Planungsbüro in Auftrag gegeben wurden.

Solche Postkarten dokumentieren bei Brinckmann den Wandel der Innenstadt – gleichsam in Ost und West. In den 1950er Jahren stand vor allem der Wiederaufbau kriegszerstörter Gebäude im Mittelpunkt, im Hintergrund retuschierte man gern noch die letzten Ruinen. Die Innenstädte wandelten sich in den 1960er Jahren zu Geschäftszentren mit Parkhäusern. Ab Mitte der 1970er Jahre, immerhin war 1975 das Europäische Denkmalschutzjahr, wurde schließlich mehr Rücksicht genommen auf das historisch Gewachsene.

Magdeburg, Karl-Marx-Straße (Bild: historische Postkarte, VEB Bilddruck Magdeburg)

Die ersten Fußgängerzonen

Brinckmann untersucht insgesamt 200 ausgewählte Postkarten. Einleitend schaut er auf Paderborn – auch vor der eigentlich im Buch behandelten Zeit, um den Kontext herzustellen. Das nächste Kapitel führt durch die Geschichte der Fußgängerzonen: anhand von Beispielen wie Rotterdam, Kassel (als erste bundesdeutsche Fußgängerzone), Magdeburg (als Projekt der DDR) und Kiel. In der Folge betrachtet Brinckmann einige Phänomenen wie Pflasterbeläge, Brunnen, Kunst im öffentlichen Raum, Pflanzschalen und Werbung. Ein Exkurs beschreibt die bis heute oft als Bausünden verschrienen Warenhäuser: Horten, Merkur oder Kaufhof mit den Wabenfassaden, die sich gegen die innerstädtische Kleinteiligkeit lehnten.

Ein besonderes Augenmerk legt das Buch auf die Prager Straße in Dresden. Dieses Paradebeispiel einer DDR-Fußgängerzone wurde auf besonders vielen Postkarten abgedruckt. Auch die zuvor erwähnten Shoppingzentren werden zum Thema, sind sie doch auch nichts anders als eine Fußgängerzone – nur eben außerhalb der Stadt und mit Dach. Dieses darf dann gerne, wie in Marl, aus einem dauerhaft gefüllten Luftkissen bestehen. Gegen Ende wagt der Autor noch einen Ausblick auf die Frage: Wie steht es um sie Zukunft der Fußgängerzonen?

Essen, Kettwiger Straße (Bild: historische Postkarte, Schöning und Co.)

Kleine Sehschule

Das Buch bietet einen durchaus bemerkenswerten Überblick über Innenstadtgestaltungen im heutigen Bundesgebiet. Durch das lobenswerte Namens-, Orts- und Sachregister ist zugleich ein wissenschaftlich erschlossenes Nachschlagewerk entstanden. Die Texte bilden eine gelungene Handreichung, um sich selbst die Bilder genauer anzusehen und zu vergleichen. Also: Zählt die Kugelleuchten! (pl, 11.10.20)

Brinkmann, Ulrich, Achtung vor dem Blumenkübel! Die Fußgängerzone als Element des Städtebaus. Ansichtspostkarten in Ost- und Westdeutschland 1949 bis 1989, Dom Publishers, Berlin 2020, 248 Seiten, 200 Abbildungen, Softcover, ISBN 978-3-86922-717-7.

Titelmotiv: Kassel, Treppenstraße (Bild: historische Postkarte, Bild-Druck & Verlag GmbH, Lübeck)

Weite suchen

Es war die große Verheißung von Freiheit: Im Studentendorf Schlachtensee sollte „die akademische Elite von morgen Demokratie lernen, üben und sich vor allem als selbstbewusste Gemeinschaft empfinden, unterstützt durch die Architektur.“ Was die Amerikaner in den 1950er Jahren als Geschenk errichten ließen, wurde ab 2002/03 von einer Genossenschaft aus Studierenden und Befürwortern vor dem Abriss gerettet und als neuer Freiraum denkmalgerecht wiederhergerichtet. Diese Vision von akademischer Gemeinschaft ist aktuell an vielen Universitäten nicht lebbar – der Campus wurde an den heimischen Laptop verlagert. Umso schützenswerter erscheint das Berliner Beispiel. Als vor einigen Tagen die Prämierten beim Deutschen Preis für Denkmalschutz bekanntgegeben wurden, war auch die Studentendorf Schlachtensee eG darunter.

Köln, Ebertplatz (Bild: © Raimond Spekking, CC BY SA 4.0, Wikimedia Commons)

Letzter Freizeitspaß am Kölner Ebertplatz (Bild: © Raimond Spekking, CC BY SA 4.0, Wikimedia Commons)

Überraschenderweise wurde das große Thema der letzten Monate, die digitale Kulturarbeit, nun schon im zweiten Jahr in Folge nicht mit einem Denkmalschutzpreis bedacht. Der virtuelle Raum erschien den Juroren vielleicht zu wenig greifbar. Dabei waren es in jüngster Vergangenheit oft die Sozialen Medien, die Denkmalbelange erfolgreich ins Gespräch brachten. Das vielfach geteilte Musikvideo von Erdmöbel und Judith Holofernes half den Kölnern dabei, ihren Ebertplatz wieder unter Wasser zu setzen. Die Hamburger versammelten sich nach Facebookaufrufen zu Musik und Open-Air-Yogastunden, um für ihre denkmalwerten Brücken zu werben. Wir entdeckten den öffentlichen Raum neu und besetzten ihn hoffnungsvoll.

Pop-up-Absperrung für freien Fahrradverkehr in Berlin-Kreuzberg im Mai 2020 (Bild: onnola, CC BY SA 2.0, via flickr.com)

Im Shutdown wurden Zäune und Absprerrungen ironischerweise oft zum Garant kleiner Freiheiten. Pop-up-Fahrradwege etwa machten den Kampf um den öffentlichen Raum unübersehbar. Wie viel davon bleiben wird, bleibt abzuwarten. Mit einem Herbst, der sich kaum noch als Spätsommer wegignorieren lässt, mit immer mehr abgeriegelten Hotspots sind uns die kleinen Fluchten ins Freie zunehmend verwehrt. Die Maske schränkt nun oft schon auf Straßen und Plätzen das Blickfeld ein. Der Spielraum verlagert sich nach innen. Zurück auf normal, ob alt oder neu, wird immer unwahrscheinlicher. Und wo nichts mehr zu verlieren ist, wächst bekanntlich der Mut. Denken wir immer mal wieder frei vor uns hin, waschen uns natürlich davor und danach gründlich die Hände und verbergen ggf. aufkommende gute Laune hinter dem Mund-Nase-Schutz. Der nächste Frühling wird ein Fest! (9.10.20)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Die Verheißung eines freieren Lebens im Studentendorf Schlachtensee Berlin (Bild: Mila Hacke, Berlin, CC BY SA 4.0, 2009)