Denkmalcornern

Die Stadt gehört allen, nur nicht immer: In meinem sich gentrifizierenden Heimatquartier lösen das die Bewohner rund um den lokalen Minisupermarkt im Schichtdienst. Auf die frühmorgendlichen Schulklassen (Schokokuss mit Brötchen) folgen die Fachkräfte des örtlichen Abrisstrupps (Wodka und Milch). Mittags kommen die Logistiker der nahen DB-Zentrale (einmal quer durch die Salattheke), nachmittags die Muttigruppen („Nein, jetzt nichts Süßes!“), deren angeheirateter Beruf nicht ganz für Berlin-Mitte gereicht hat. Neu ist die Abendschicht: Mittelalthipster, die mit Mehrwegbrause in der angrenzenden Grünanlage cornern gehen – mal wild, mal „antikapitalistisch“ mit weltanschaulichem Überbau.

Auch die Denkmalpflege hat die Zeichen der Zeit erkannt. Freie Stadtteilinitiativen besetzen immer öfter den öffentlichen Raum. Was letztes Jahr am Kölner Ebertplatz schon zum Erfolg führte (der Brunnen sprudelt wieder), versammelt in diesen Wochen auch in Hamburg die Denkmalretter. Auf der abrissbedrohten Cremon-Brücke wird gecornert, nicht nur der Alliteration wegen. Musik und andere niederschwellige Freizeitangebote helfen dabei, die Zielgruppe bei Laune zu halten. Hier tut Denkmalschutz mal das, was er am besten kann: Er verbessert den Lebensraum und damit die Stimmung.

Alt-Engagierte mögen sich verwundert die Augen reiben. Hatten wir alles schon mal, nach 1975, in den geistbewegten Zeiten der Denkmalpflege. So manche gesellschaftspolitisch brisante Aktion ließ sich mit Fanta und Butterkeks freundlicher gestalten. Zwar lag das stilistische Beuteschema damals mehr in Richtung Historismus, doch die Zeiten sind heute gar nicht mal so anders. Die institutionelle Denkmalpflege stößt an personelle, finanzielle und ideelle Grenzen, während die Innenstädte baulich von hinten aufgerollt werden. Da kann es nicht schaden, wenn jetzt die Modernisten ihre Ziele auf Straßen und Plätzen austragen – äußerst gechillt bei Yoga und Matemischgetränk. (11.8.19)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Hamburg, „Cornern auf Crémant“ (Bild: Denkmalverein Hamburg e. V., Kristina Sassenscheidt)

Laubenpieper-Love

Ach, es klingt ja so einleuchtend: „Es gibt ein Recht auf Wohnraum, aber keines auf das eigene Kartoffelbeet“, schrieb Paul Wrusch am Samstag in der Rubrik „Die steile These“ in der taz. Sie ahnen es: Es geht um die Kleingärtner, die in den berstenden, überteuerten Städten wertvollen Platz für günstigen Wohnraum wegnehmen. „Der Schrebergarten ist verstaubte Bundesrepu­blik, ist Spießertum und Egoismus. Ist Abschottung gegen Fremde, Angst vor Veränderung und überhaupt auch oft rechts, bedenkt man die zahlreichen verwitterten Deutschlandflaggen, die über fast jeder Gartenkolonie wehen“, haut der offenkundige Liebhaber der moralischen Argumentation munter fast eine Million Menschen in die Pfanne. Dabei ist doch alles so einfach: „Wer Natur und Erholung in der Stadt will, soll in den Park gehen. Wer ein kleines Idyll abseits vom Stadttrubel sucht, soll aufs Land ziehen.“ Noch immer habe ich die Ironie in der ironisch überbauten Kolumne nicht wirklich gefunden.

Aber gut, die gerade sehr hoch gehandelte Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling rät ja als Argumentationverstärker: „Denken und sprechen Sie nicht primär in Form von Faktenlisten und einzelnen Details. Denken und sprechen Sie zunächst immer über die moralischen Prämissen.“ Doch hier dürfte dann wirklich mal im positiven Sinne das Fressen vor der Moral kommen: Abgesehen davon, dass die meisten Kleingärtner ihr Recht, Kartoffeln anzubauen mit einer Pacht bezahlt haben, stehen weitere Erklärungen aus. Etwa, wieso ausgerechnet auf den freiwerdenden Kleingartenflächen günstiger Wohnraum entstehen werde – an der Schaffung von selbigem scheitern Städte und Gemeinden seit Jahrzehnten. Ist Kleingartenboden gesegnet? Und ob man den nicht eben wenigen Laubenpiepern mit Migrationshintergrund eine rechte Gesinnung und die Absicht, sich gegen Fremdes abzuschotten, vorwerfen kann, ist gleichfalls anzuzweifeln. Fremd könnte diesen Leuten höchstens sein, wenn jemand ihr Tun, an dem über Generationen nichts Verwerfliches moniert wurde, mit der Sensibilität einer Dampfwalze als unsozial und (stadt-) gesellschaftsschädigend anprangert, ohne ihnen zu erklären, warum. Steile These halt …

Es gibt ein Recht auf Wohnraum. Es gibt in der Tat zu Unrecht als billigen Wohnraum genutzte Gärten. Ja, es gibt auch Kleingartenbereiche in städtischen Lagen, die entbehrlich sind. Und ja, es gibt den moralischen Druck (und die politische Verpflichtung) Wohnen bezahlbar zu halten. Dieses nun aber mit dem Zubetonieren der letzten grünen Flächen zu versuchen und gleichzeitig Mitmenschen pauschal das Recht auf ihre Art der Kleinen Flucht abzusprechen, trägt nur weiter zur Spaltung der Gesellschaft bei. Es an Fakten orientiert zu erklären und einen (sozialen) Lösungsansatz für alle Beteiligten zu formulieren, wäre doch mal einen Versuch wert. Man könnte ja auch eine Erhebung des Durchschnittseinkommens der Kleingärtner in der Bundesrepublik durchführen. Nicht unwahrscheinlich, dass es unter dem eines Redakteurs in Festanstellung liegt. Vielleicht fehlt manchen von jenen zum Runterkommen auch nur ein gemütlicher Abend unter Freunden. Im Garten. Bei selbstgemachtem Kartoffelsalat. Keine steile These. (29.7.19)

Daniel Bartetzko

Titelmotiv: Hannover, Dauerkolonie Annateich (Bild: Axel Hindemith, CC0)

Spießig ist das neue modern

Während der Brutalismus eine späte Ehrenrettung in den populäreren Medien findet, während das Bauhaus bis zur Übersättigung durchfeiert, hat sich im Windschatten der akzeptierten Moderne eine andere Spielart des 20. Jahrhunderts zurückgemeldet: die Idylle. Streng genommen war sie nie weg, aber wir hatten sie in die Nische der plakativen Ironie abgedrängt. Der röhrende Hirsch war salonfähig, solange er zusammen mit mauve-farbenen Schaffellen und einer kupfergetönten Designerlampe auftrat. Neu ist die unverhohlene Freude, mit der in den Sozialen Medien die Schnappschüsse von Gartenzäunen, Hauseingängen und Ladeneinrichtungen der 1950er und frühen 1960er Jahre geteilt werden. Abseits des reduzierten Designs der großen Stilikonen hat die geranientaugliche Moderne neue Freunde gefunden.

Eigentlich musste es so kommen. So aufgeräumt wie die Moderne in den letzten Monaten museal inszeniert wird, fand sie nur in den Vorzeigebunglows einer kleinen Geschmackselite statt. Und das wohl auch nur, wenn der Fotograf fürs Fachmagazin vorbeischaute. Der gemeine Endverbraucher lebte pragmatisch mit dem neuen Design. Mit Zierdeckchen und Mixed-Pickles-Etagere würde es schon gehen. Was für die 1968er-Generation tausendjährigen Muff verströmte, hat inzwischen den Grad der Unschuld wiedererlangt. Und je energischer wir die undogmatische, manchmal kitschig daherkommende Alltagsmoderne zugunsten eines aufgebügelten Bauhaus-Stils weggentrifizieren, desto kostbarer werden die letzen Spuren der einstigen Idylle.

Die wahre Avantgarde liegt genau dort, wo bei den meisten die Geschmackssperre einsetzt: Auf Berliner Flohmärkten wird, so berichten es zumindest sammelwütige Freunde, der Arcoroc-Octime-Teller der 1990er Jahre inzwischen zu hohen Preisen gehandelt. Schwarz, achteckig und unkaputtbar hatte sich diese eigenwillige Geschirrform gefühlt gerade erst aus den Wohnzimmervitrinen in die ostdeutschen Nachwendeimbissbuden zurückgezogen. Vielleicht kündigt sich hier auch die lange beschworene Renaissance der postmodernen Baukunst an. In jedem Fall sucht die neue Lust an der idyllischen Moderne nach dem echten Leben jenseits der Hochglanzmagazine, nach dem menschlichen Maß in Architektur und Design. Und damit unterscheidet sie sich wohltuend von nostalgisch verbräunten Rekonstruktionsträumen. (15.7.19)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Berlin, Hansaviertel, Niemeyerhaus (Bild: Kurt Weinland (Vater), CC BY SA 3.0, 1957)