Urlaub wie 1976

Während sich Bauten der Nachkriegsjahrzehnte in den abrissfreudigen Nachcorona-Zeiten gerade warm anziehen müssen, ist das Reiseverhalten unversehens in die 1970er Jahre zurückgekehrt. Der öffentliche Nah- und Fernverkehr erscheint durch die Maskenpflicht aktuell wenig gastlich. Stattdessen findet man im Auto oder auf dem Fahrrad einen mobilen Rückzugsraum. Mit dem Picknick im Kofferraum oder auf dem Gepäckträger ist man autark. Der Ausflug in die nähere Umgebung wird oft von einem wohligen Nostalgiegefühl begleitet. Nicht umsonst verbrachte man viele Stunden der Kindheit auf der Rückbank des Volvo oder VW, um sonntags – nicht immer ganz freiwillig – bei Kaffee und Kuchen an der Rheinpromenade ausgelüftet zu werden. Oder auf Bildungsbürgertour vor Schlössern und in Kirchen. Nun gewinnt selbst das innerdeutsche Feriendorf wieder an Reiz. Wo sich einst Westberliner im Harz einen Rückzugsort für den Fall der russischen Invasion schufen, finden jetzt lockdowngeplagte Familien überschaubaren Auslauf.

Michelstadt-Vielbrunn, Parkhotel 1970 (Bild: D. Bartetzko)

Michelstadt-Vielbrunn, Parkhotel 1970 (Bild: D. Bartetzko)

Manche Orte unterstützen das Gefühl der Zeitreise ganz handfest: In Vielbrunn bei Michelstadt wurde vor 20 Jahren ein Hotel stillgelegt. Die Ausstattung blieb – von der Deckenverkleidung über die Sitzgruppe bis zum Handtuchhalter – liebevoll gepflegt erhalten. Erst seit 2010 können die Räume wieder unter dem Namen Parkhotel 1970 für Übernachtungen, Feiern und Fotoshootings gebucht werden. Das Ursprungshaus, mitten im malerischen Fachwerkdörfchen, stammt aus dem 17. Jahrhundert. Im Jahr 1870 wurde erstmals eine Gastwirtschaft angemeldet – und das Hotel nach dem Krieg Stück für Stück erweitert. Vor einigen Jahren wurde das Anwesen aus dem Dornröschenschlaf geweckt. Inzwischen ist das Parkhotel 1970 beliebt für Oldtimerausfahrten und Fotoshootings.

Phantasialand, Gondelbahn „1001 Nacht“, 1984 (Bild: Stefan Scheer, CC BY SA 3.0 oder GFDL)

Auch andere Anbieter der Naherholung wollen sich die neue Häuslichkeit zu Nutze zu machen – darunter Freizeitparks wie das Phantasialand, das sich ab 1967 aus einem Märchenpark heraus zur Parallelwelt entwickelt hatte. Seit den 1980er Jahren boten Themenfahrten wie die Gondelbahn „1001 Nacht“ die Illusion einer Weltreise zum Tageseintritt. Im Sommer-Werbespot 2020 sieht man nun begeisterte Familien, adrett mit Mundnaseschutz ausgestattet, auf der Wildwest-Achterbahn oder im chinesischen Dorf. Hier könne man „Corona entfliehen“ und den Kurzurlaub sogar im Themenhotel genießen. Wem die bundesdeutsche Variante von Disneyworld nicht behagt, der kann es im heimischen Freibad oder auf Brutalismus-Fototour versuchen. Es ist an der Zeit, eine neue Kindergeneration mit Kaffee-und-Kuchen-Ausflügen zu traumatisieren. (13.7.20)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Wolfshagen, Nurda-Ferienhäuser (Bild: historische Postkarte, wohl 1970er Jahre)

Schnell noch den Schreibtisch leermachen

Wir sind es müde – das Warten, auf das alte Normal, oder das neue. Während die Bürokratie schon wieder greift (eine Steuererklärungsabgabefrist ist eine Steuererklärungsabgabefrist), zählen wir die Tage bis zum verdienten kurzen Urlaub. Ob Balkonien oder Ostsee, Hauptsache, das Homeoffice bleibt geschlossen. Und dennoch hatte sich der beruhigend-beunruhigende Gedanke in den Köpfen festgesetzt, dass „danach“ alles, oder zumindest vieles, anders wird. Zu den beglückenden Erfahrungen zählt die Solidarität unter Kulturschaffenden, die neue Wertschätzung des Digitalen in der Baukunstvermittlung. Irritierend ist hingegen die Abrisswelle. Gerade verkündet man schnell und hemmungslos das Aus für historistische Häuserzeilen, nachkriegsmoderne Villen und Kirchenbauten. Schneller und hemmungsloser als vor Corona.

Köln-Nippes, St. Hildegard in der Au (Bild: © Raimond Spekking, CC BY SA 4.0, 2020)

Wird für Wohnungen abgerissen: Köln-Nippes, St. Hildegard in der Au (Bild: © Raimond Spekking, CC BY SA 4.0, 2020)

Was sich noch Anfang 2020 durch die Hintertür hereinschleichen musste, nimmt jetzt wie selbstverständlich den Haupteingang. Vor allem im Rheinland und im Süden kommen gerade Kirchen unter den Bagger, für die noch nicht einmal pro forma eine andere Nutzung diskutiert wurde. Schließlich haben wir andere Probleme. Im Tagebaugebiet rund um Garzweiler rufen Pfarrer und Gemeindeglieder Alarm: Nach den coronabedingten Kirchenschließungen wird, so fürchten sie, erst gar nicht mehr aufgemacht. Die meisten Gottesdiensträume sind ja bereits an RWE verkauft – und der Letzte löscht das Ewige Licht. Manches mag auf einen Abrissstau zurückgehen. Am klassischen Kirchenschließungstermin Ostern (Frühling hilft beim Abschied, Auferstehung hilft bei der Abschiedspredigt) war man in diesem Jahr verhindert. Doch es scheint um mehr zu gehen, das Säbelrasseln ist deutlich lauter geworden.

Bonn, Stadthaus (Bild: mibro, via pixabay.com)

Der Abrissbeschluss droht: Bonn, Stadthaus (Bild: mibro, via pixabay.com)

Denkmalnetz Bayern fragte in der vergangenen Woche, ob „der gesetzliche Auftrag einer Behörde durch die Corona-Hintertür zurückgeschraubt werden“ soll. Hintergrund ist das Vorwort des bayerischen Generalkonservators in der aktuellen Ausgabe von „Denkmalpflege Informationen“. Als Lehre aus Corona-Zeiten hatte er ein konzentrierteres Arbeiten angekündigt: mehr digital, weniger vor Ort. In Bonn plant man bereits den Neubau des Stadthauses, wo der Abriss des jetzigen noch nicht einmal final beschlossen ist. Künftig ließe sich ja kostengünstig mit weniger Bürofläche auskommen – Homeoffice sei Dank. Man mag einwenden, dass eine Sanierung der bestehenden Architektur noch nachhaltiger sein könnte. Aber dieser Gedanke ist vielleicht zu vor-corona. (29.6.20)

Karin Berkemann

Medizischer Dienst in Indien, 1944 (Bild: Cecil Beaton, PD)

Luftgefechte

Berlin tut sich schwer mit seinen Kuppeln, spätestens seit der deutsch-deutschen Wiedervereinigung. Schon die Frage, ob der Architekt Sir Norman Foster dem wiederaufgebauten Reichstag eine Haube aufsetzen sollte, geriet zum Streit um das neue Selbstverständnis der Hauptstadt. Am Ende glückte der Kunstgriff, die gläserne Kuppel zum Zeichen von Transparenz und Offenheit zu stilisieren. Die Rekonstruktion des Berliner Schlosses hingegen setzt auf blickdichte Detailtreue – bis hin zum nachgebildeten Kreuz mit biblischem Spruchband, beide finanziert aus privaten Spenden. Und wieder entzündet sich an diesem Bauteil eine Grundsatzdebatte: Was haben christliche Zeichen mit revanchistischen Untertönen im säkularen Berlin zu suchen, noch dazu über einem künftigen Ort der Wissenschaften?

Berlin, Humboldtforum (Bild: Mike Peel, CC BY SA 4.0, 2017)

Berlin, Wiederaufbau des Schlosses/Humboldtforum, Konstruktion der Kuppel, 2017 (Bild: Mike Peel, CC BY SA 4.0)

In Blickweite zur Domkuppel steckt der Teufel im Detail. Für das umstrittene Schloss-Spruchband vermischte Friedrich Wilhelm IV. zwei Bibelzitate (Apostelgeschichte 4,12/Philipper 2,10): „Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, denn in dem Namen Jesu, zur Ehre Gottes des Vaters. Dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.“ Das Verschneiden von Bibelversen klingt für jeden theologisch vorgebildeten Leser wie quietschende Kreide auf einer Tafel: Geht gar nicht! Denn beide Originalverse sprechen einzeln von der Freiheit des Gläubigen von weltlicher Willkür. Die Berliner Inschrift hingegen mahnt zum Staatsbückling im Namen der Religion. An dieser Stelle sind sich die meisten Kommentatoren einig, dass eine Chance vertan wurde. Wenn es denn unbedingt eine Rekonstruktion sein muss, hätte man die königliche Inschrift (ohne die angestrebte historische Silhouette zu beeinträchtigen) besser durch einen neuen künstlerischen Impuls ersetzt und damit elegant die Vorgeschichte des Gebäudes kritisch kommentiert.

Berlin, Wiederaufbau des Schlosses/Humboldtforum, Aufsetzen der Kuppel, Sommer 2020 (Bild: © SHF, Foto: David von Becker)

Berlin, Wiederaufbau des Schlosses/Humboldtforum, Aufsetzen der Laterne, 2020 (Bild: © SHF, Foto: David von Becker)

Das Kuppelkreuz hingegen wird sehr unterschiedlich gewertet. Manche verweisen auf die historischen Wurzeln (es gehört halt zu unserer Kultur), andere wünschen sich eine versöhnliche Neudeutung (tolerante Nächstenliebe statt preußischem Staatskirchentum), wieder andere fürchten revanchistische Signale. Eine Schieflage erfährt die berechtigte Diskussion, sobald von „dem“ Christentum die Rede ist. Wenn sich Kanzel und Thron zusammentaten, wurde allzu oft unterdrückt, ausgebeutet und gemordet. Doch einen Glauben mit seinem fehlbaren Bodenpersonal gleichzusetzen, greift auch bei anderen Religionen zu kurz (der Islamismus ist nicht „der“ Islam, die Politik des Staates Israel ist nicht „das“ Judentum). Die eigentliche Front verläuft nicht auf dem Dach, sondern am Fundament: Für ein weltoffen daherkommendes Nutzungskonzept ein Bauwerk der Monarchie zu rekonstruieren, ist widersinnig. Wer würde für ein veganes Restaurant einen Schlachthof wiederherstellen? (1.6.20)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Berlin, Wiederaufbau des Schlosses/Humboldtforum, 2016 (Bild: Julius1990, CC BY SA 4.0)