Kolumne

Die Schauspielerin Louise Brooks 1929 mit Bubikopf (Bild: gemeinfrei, via wikimedia commons)

Die frisierte Moderne

Mit den Feierlichkeiten von 2019 ist die Moderne auf den Köpfen angekommen: In ausgewählten Magdeburger Salons gibt es bis zum 21. September das „Frisieren eines Bubikopfes zum Aktionspreis von 30,- € (Waschen, Schneiden, Föhnen)“. Anlass ist – natürlich – das Bauhausjubeljahr, das in der Landeshauptstadt unter dem Motto „100 Jahre Magdeburger Moderne“ begangen wird. In der Sonderausstellung des dortigen Friseurmuseums dreht sich alles um den Bubikopf. Titelgesicht der Kampagne ist zielgruppengerecht Li Krayl, Gattin des modern gesinnten Architekten Carl Krayl, deren Foto 1927 den Ausweis zur Deutschen Theaterausstellung schmückte. Obendrein liegt der Museumsbau samt einer original ausgestatteten Frisierstube von 1929 inmitten der Beimssiedlung, einem Flächendenkmal im Stil des Neuen Bauens. Ein Marketingtraum für Kulturbourgeoisie und Haar-Verband.

Damit ist das Neue Bauen jetzt (auch) Mode. Doch in Magdeburg wird die Kurzhaarfrisur nicht ganz zu Unrecht zum Symbol des Aufbruchs stilisiert: Zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Machtergreifung der Nationalsozialisten stand die maskuline Haartracht für die Neue Frau. 2019 ist diese Form der Emanzipation wieder schick, so stapeln sich aktuell die Publikationen rund um Modernistinnen wie Gunta Stölzl, Ise Gropius (Ilse Frank), Dörte Helm, Marianne Brandt, Florence Henri oder Lou Scherper in bildungsbürgerlich gesinnten Buchläden. Die Bandbreite der Kulturproduktionen reicht von der gutgemeinten Rosamunde-Pilcher-Variante in den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten bis zum Feuilleton-Bericht in der streitbaren „Emma“. Eine dringend notwendige Ehrenrettung, machten die Frauen doch 1919 noch die Mehrheit unter den Bauhaus-Studierenden aus – bis sie von den Herren auf die Gestaltung von Küchen, Webmustern und Kinderspielzeug festgeschrieben wurden. Da half auch der maskuline Kurzhaarschnitt nicht.

Selbst das modische Leitbild der Bubikopfträgerinnen, die amerikansiche Schauspielerin Louise Brooks konnte ihren Ruhm nur wenige Jahre auskosten. Nach ihrem filmischen Durchbruch als „Lulu“ in Berlin kehrte sie 1930 in die USA zurück, wo sie nach gewagten Rollen und Honorarforderungen rasch ins Karriereaus geriet. Bis ihr Frauentypus Jahrzente später wiederentdeckt und in den Mittelpunkt von Dokumentationen gerückt wurde. Einige dieser späten Film-Interviews gab die ergraute Brooks souverän im Nachthemd und mit geöffneten Haaren. Wahrer Stil kommt eben von innen. Angesichts von Muttidutt, Teilzeitfalle und Rentenlücke – wenn Emanzipation bedeutet, die Schere im Kopf selbst anlegen zu dürfen – lohnt heute der Blick zurück auf die Neuen Frauen. Nicht umsonst heißt einer der Salons der Magdeburger Frisurenkampagne „Kopfarbeit“. (20.5.19)

Karin Berkemann

Die Schauspielerin Louise Brooks 1929 mit Bubikopf (Bild: gemeinfrei, via wikimedia commons)

Berlin, Tierversuchsanstalt der FU/sog. Mäusebunker (Bild: Rodib6950, CC BY SA 4.0, 2015)

Rückerobern oder bewahren?

Die Rückeroberung der Stadt wurde nicht nur im Untertitel der sehr feinen Ausstellung „Fahr Rad“ 2018 im Deutschen Architekturmuseum (DAM) propagiert. Es ist auch der Trend der Architekturdebatte angesichts immer dichter werdenden Städten, die oft kurz vorm Verkehrkollaps stehen. Der droht freilich kaum mehr in den längst heruntergebremsten Cities, sondern an deren Rändern. Dort, wo ein immer größer werdender Pendlerstrom an Pförtnerampeln, Einfallstraßen und S-Bahnhöfen kumuliert. Doch wir kommen vom eigentlichen Thema ab. Es geht ja um die Rückeroberung der Straßen und Plätze in der Stadt. Die auch von denen gefordert wird, die sich vehement – und richtigerweise – fürs bedrohte Erbe der urbanen Nachkriegsarchitektur einsetzen. Doch was ist nach 1945 in den repräsentativen Lagen entstanden? In der Regel großformatige, zukunfts- und technikorientierte Büro-Riesen. Sie stehen in ihrer zeitgenössischen Kunstfertigkeit für jene fortschrittsgläubige Ära, in der die Grenzen des Wachstums noch nicht ausgelotet waren. Und doch werden sie heute von vielen, die lautstark den Platzbedarf parkender Automobile kritisieren, verteidigt und geliebt.

Das Hamburger Allianz-Hochhaus (Bernhard Hermkes, 1971-2017) beanspruchte im Gegensatz zum Automobil aber nicht nur den Platz auf der Straße, sondern gleich die Straße selbst – genauer die damals zur Sackgasse verkommene Bohnenstraße. Auch der nahe gelegene City-Hof (Rudolf Klophaus, 1955-58), der nun unter üblem Umständen abgerissen wird, stand mit Tiefgarage und einst integrierter Tankstelle für eine autogerechte, bürokratische Stadt. In Frankfurt am Main ist man erleichtert, dass die Zentrale der Bundesbank (ABB, 1972), ein Tempel des Geldes, behutsam saniert wird. In Berlin sorgt man sich hingegen um den „Mäusebunker“ (Gerd Hänska, 1969-72) – ein Gebäude, das für Tierversuche errichtet wurde. Und in London ging ein Aufheulen nicht nur durch die Brutalisten-Szene, als jüngst die Abrissbagger das Parkhaus in der Welbeck Street (Eric Perry Architects, 1969-71) zerkleinerten. Kein Wohnhaus, sondern ein Bau für Autos. Mit Verbrennungsmotoren. Damals noch ohne Kat. Roar!

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Diese Bauwerke gilt es zu verteidigen und einen angemessenen, respektvollen Umgang mit ihnen einzufordern. Es mutet nur kurios an, dass mancher, der die mittlerweile als politisch unkorrekt eingestuften Stadt-, Kommerz- und Industriekonzepte der Elterngeneration vehement kritisiert, sich für ihre architektonischen Symbole begeistert. Selbst wenn sie, wie ein Parkhaus, kaum neuen Nutzungen zuzuführen sind. Wer sich dieses Widerspruchs bewusst wird, wird vielleicht auch wieder verständnisvoller auf Pendlerstaus blicken. Die Leute sitzen da nicht drin, weil sie Umwelthasser sind. Sie können es sich nur (noch) nicht leisten, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren. Denn sie können sich es nicht (mehr) leisten, in der Stadt zu wohnen. Aber erst, wenn jeder die Alternative hat, per Pedale oder öffentlichem Nahverkehr angemessen unterwegs zu sein, sind die Städte wirklich rückerobert. (6.5.19)

Daniel Bartetzko

Titelmotiv: Berlin, Tierversuchsanstalt der FU/sog. Mäusebunker (Bild: Rodib6950, CC BY SA 4.0, 2015)

Eisenach, Elefantenrutsche (Bild: Dk0704, CC BY SA 4.0, 2018)Eisenach, Elefantenrutsche (Bild: Dk0704, CC BY SA 4.0, 2018)

Beton Ost

Im Eisenacher Thälmannviertel musste der Beton 2018 hinter Gitter, genauer gesagt hinter Absperrgitter. Dabei kommt die Ostmoderne in der Wilhelm-Pieck-Straße maximal niedlich daher: als Elefantenrutsche. Doch als die – von der Produktionsgenossenschaft „Kunst am Bau“ ab 1962/65 in Serie gefertigte – Spielplastik in die Jahre gekommen war, schien sie den Eigentümern mit einem Mal zu gefährlich für ihre Nutzer. Die Rüsselrutsche sollte weg, bis die Stadt nach öffentlichen Protesten der Elternschaft dann doch Sanierungsangebote einholte. Ab Mai wird der Betonelefant fachgerecht durchrepariert – und bekommt gleich noch die Stoßzähne gestutzt, sicherheitshalber. Auch andernorts werden die künstlerischen Erzeugnisse der DDR-Zeit entschärft, baulich wie sprachlich.

Mitte der 2000er Jahre hatte sich, nach politisch korrektem Herumgestottere, endlich ein pressetauglicher Name für das Bauen der DDR-Zeit durchgesetzt: die Ostmoderne. Der Stilbegriff ließ sich damit leichter vom kontaminierten Staatsbegriff trennen und zog (fast) gleichauf mit der BRD-Moderne, die wiederum keiner so betiteln mochte. Die zeitliche Lücke, in der sich die DDR auf Sowjetgeheiß in nationalen Eigenformen versucht hatte, wurde zur verzögerten, zur „verspäteten Moderne“ aufgehübscht. Nur langsam kam die neue Wertschätzung der Ostmoderne in der Praxis an: In Leipzig etwa musste 2008/12 die markante Hochhausreihe am Brühl (1968, H. Krantz und Kollektiv) einer Neubebauung weichen. Nur mit Müh und Not blieb der benachbarten Warenhaus-„Blechbüchse“ das gleiche Schicksal erspart. In Hamburg zeichnet sich mit den Lookalikes, den Cityhöfen (1957, R. Klophaus) gerade ein ähnlicher Sieg des real existierenden Investorenkapitalismus ab. Auch eine Form der Wiedervereinigung.

Was nach Leipzig zurückkehren durfte, war die Baudekoration. Seit Kurzem grüßt vom Dach der Neubauten die DDR-Leuchtschrift: „Willkommen in Leipzig!“ In den letzten Monaten wird so manche baugebundene Kunst aus der ideologischen Quarantäne der Keller und Lapdarien hervorgeholt und neu im öffentlichen Raum platziert. Im fachlichen und medialen Diskurs wird zeitgleich der Begriff der DDR-(Bau-)Kunst wieder salonfähig. Mit dem größer werdenden zeitlichen Abstand neutralisiert sich offensichtlich die ein oder andere immaterielle Grenzziehung der (k)alten Krieger. Selbst im rekonstruktionsgeplagten Potsdam scheint das lange abrissbedrohte „Minsk“ nun erfreulicherweise als Museum für – sic! – ostmoderne Kunst zu überleben. Nach innen wohl in Form eines wertneutralen White-Cube, denn die belorussisch verantwortete Originalausstattung ist längst verlorengegangen. Hipster aller Länder vereinigt euch! (22.4.19)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Eisenach-Thälmannviertel, Elefantenrutsche, 1967 (Bild: Dk0704, CC BY SA 4.0, 2018)

Neubau "Hoppegarten" (Bild: immowelt.de)

Die ergraute Republik

Gestatten Sie, dass ich mit einem Gropius-Zitat beginne – obwohl moderneREGIONAL 2019 so wenig Bauhaus-Hype wie möglich betreiben will. Doch ein wunderbar passender Kommentar zum allgemeinen Beige-Grau-Elend, das uns landauf, landab in immer weiter wuchernden Eigentums-Wohnanlagen überkommt, stammt halt vom einstigen Kunstschul-Direktor: „Bunt ist meine Lieblingsfarbe“. Und aufs Bauhaus berufen sich Investoren-Hausarchitekten gerade sehr gerne. Paradoxerweise haftet ja der meist weißen Klassischen Moderne das Klischee der Farblosigkeit hartnäckig an – außer acht lassend, dass weiß sehr wohl eine Farbe ist. Wissenschaftlich gesagt, eine additive Mischung gleicher Intensitäten der Farben Rot, Grün und Blau. Wer es lieber popkulturell verifizieren mag, kann das Cover der Pink-Floyd-Schallplatte „Dark Side of the Moon“ studieren, auf dem ein weißer Lichtstrahl im Prisma aufgedröselt wird. Aber wir drohen, jetzt schon vom Thema abzukommen.

Gotische Kathedralen in rotem Sandstein, helle Fachwerkhäuser mit dunkel hervorgehobenem Gebälk, weiße Bauhaus-Kuben mit wohlgesetzten – bisweilen grellbunten – Farbakzenten. Auch der nüchterne International Style kam selten bleich daher. Von den poppig-schrillen späten 1970ern und den modischen Farbspielereien der Postmoderne ganz zu schweigen. Unterschiedlicher könnten die Baustile nicht sein, und doch eint sie die gezielt eingesetzte Farbe als Ausdrucksmittel. Warum ist nichts mehr davon übrig? Wann ist es aus der Mode gekommen, mit Farbe ein Bekenntnis abzugeben? Gefühlt wird sie heute als Beruhigungsmittel eingesetzt: Die Grundfarbe Weiß wird begleitet von beige, hellbeige, dunkelbeige, mittelbeige, graubeige, lichtgrau, hellgrau, mausgrau – pastell abgetönt und Ton für Ton aufeinander abgestimmt kommen sie daher, die Wohnkuben, in denen sich die Individualisten von heute wohlfühlen und selbst verwirklichen dürfen. So sie denn Geld haben, eine Wohnung dort zu kaufen.

Mittlerweile hat die blasse Einförmigkeit das öffentliche Bauen längst erreicht. Vergleichsweise junge, gestenstarke Gebäude wie der Berliner Hauptbahnhof oder das Frankfurter Museum für Moderne Kunst sind Zeugen einer vergangenen Ära. Selbst das Stuttgarter Porsche-Museum fällt nach 10 Jahren schon allmählich aus der Zeit. Heute stellt man lieber das Bauhaus-Erbe in Weimar in einen frisch errichteten Sarkophag. Der weder mit Humor noch mit Transparenz dem benachbartem pompös-klassizistischen NS-Gauforum eine architektonische Geste entgegenzusetzen vermag. Er versucht es stattdessen mit gleicher Wucht. Und das ist nicht unbedingt der Architektin Heike Hanada vorzuwerfen, deren Entwurf für das gerade eröffnete Bauhaus-Museum zigfach geändert wurde. Bis er genau das Elend ausdrückt, das die Baukultur (fast schon europaweit) erfasst hat: keine klare Position zu beziehen, keine eindeutigen Farbakzente zu setzen. Selbst die nachträgliche Entscheidung, Beton- statt Glaswände zu wählen, ist eher Reaktion denn Aktion. Sicher, eine klarer Standpunkt macht angreifbar. Grau-beiger Einheitsbrei hingegen sollte angegriffen werden. Das sah die Bauhaus-Schule doch auch schon so … (8.4.19)

Daniel Bartetzko

Neubau „Hoppegarten“ (Bild: immowelt.de)

Hamburg, Cityhof (Bild: Oliver Elser und Andreas Muhs, CC BY NC ND, 2006, via flickr)

Kalte Küche [durch die]

Nichts gegen weiche Entscheidungsprozesse, starke (alte, weiße) Männer haben wir schon genug. Doch das Geflecht aus Ahnungen und Halbinformationen, Beteuerungen und Appellen, das seit einigen Tagen Hamburg in Atem hält, droht wenig auszutragen – außer vielleicht einer im vielfachen Sinne teuren Baulücke. Da erfuhr die Öffentlichkeit am Montag indirekt aus einer getwitterten Störmeldung des Verkehrsverbunds, dass die Stadt ernst machen wolle mit dem Abriss des Cityhofs. Am Mittwoch erklärten die Behörden dann auf Anfrage der Presse, die Genehmigung sei bereits erteilt. Derweil verschoben die Parteien und Gruppierungen in ungewohnten Konstellationen den Schwarzen Peter für einen noch nicht vollzogenen Abbruch.

Ob der Chtyhof noch eine Chance bekommen wird, ob er bessere Chancen hätte, gäbe man ihm noch zwei/drei/vier Jahre Gnadenfrist? Wir wissen es nicht. Sicher scheint, dass die vier Hochhausscheiben nicht die letzten Opfer eines äußerst ungelenken Stadtumbaus bleiben werden. Die Liste der Hamburger Abbrüche ist lang und gerade mit den jüngeren Kandidaten wurde zumeist weit weniger Federlesen gemacht als mit dem Symbolbau Cityhof. Manchmal ist es nicht so sehr der baukünstlerische Wert, um den es schade wäre. Häufig wurde einfach die Gelegenheit vertan, sich für vorhandene Räume behutsam an neue Nutzungen heranzutasten. Oder hätte etwa beim Deutschlandhaus (wenn denn wirklich kaum noch Originalsubstanz vorhanden ist) nicht auch ein günstigeres Makeover ausgereicht?

Daher: Es lebe das Interim! Nicht jede Änderung wird gleich und sauber am grünen Tisch entschieden. Manchmal lohnt der Umweg über eine Zwischennutzung. Das muss nicht immer die Hipster-Stadtgartenkooperative sein. In Hamburg-Horn beispielsweise stand am Anfang eine Investorenpleite: Als die evangelische Gemeinde ihre nachkriegsmoderne Kapernaumkirche verkaufte, hoffte sie auf eine kulturelle Nutzung des ehemaligen Gottesdienstraums. Der neue Eigentümer bebaute zwar das Restgrundstück mit Wohnungen, ließ aber die Kirche brach liegen. Am Ende erwarb eine muslimische Gemeinde das Kulturdenkmal und verwandelte es in eine Moschee. Diesen Weg hätte wohl keiner der Beteiligten direkt gewählt, nun entwickelt sich hier – unter dem kollektiven Vergrößerungsglas – ein bundesweit einmaliges Projekt. Ausgang ungewiss, aber vieles sieht gut aus. Hamburg, es geht doch (und ginge noch beim Cityhof)! (22.3.19)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Hamburg, Cityhof (Bild: Oliver Elser und Andreas Muhs, CC BY NC ND, 2006, via flickr)

Schottergarten (Bild: Gärten des Grauens)

Das Grauen hat einen Namen

Der beste Web-Witz der vergangenen Woche ist seit Freitag auf Facebook zu lesen: „Aufgrund exzessiver Gewaltdarstellung in Beitrag 19.1070 hat Facebook uns bis auf Weiteres gesperrt. Sorry. “ heißt es dort im aktuellsten Beitrag einer Gruppe, die in der Tat aus der Darstellung exzessiver Gewalt besteht. Sie heißt „Gärten des Grauens“, eine Garten-Satire. Ihre Betreiber fotografieren seit 2012 das Entsetzen, das sich seit Jahren nicht nur in der Provinz, den Eigenheimsiedlungen und den Vorstädten der Republik breitmacht: Schottergärten. In Fifty shades of Grey werden Grünflächen rund um Gebäude mit geraspelten Steinen zugekübelt. Gerne mit eingestreuten – pfiffigen, hihi – Mustern, und als Krönung wird das gegen jedes Leben vollversiegelte Areal noch mit einer einsamen Pflanze dekoriert. Gärten des Grauens präsentiert dieses Elend und versieht es mit verdienten Kommentaren.

Sollte die Sperre durch Facebook echt sein und nicht nur ein neuer, genialer Scherz der Betreiber, wäre sie so verdient wie falsch: Die Bilder sind wahrhaftig Dokumente der Gewalt, die die Besitzer der bedauernswerten Immobilien ebenjenen, sich selbst und arglosen Flaneuren antun. Das muss man so oft wie möglich zeigen. Die Gemüter der Schotter-Streuer sind womöglich ebenso verwüstet wie ihre Gärten, man kann nur hoffen, dass sie innerlich nicht noch durch Gabionen (ein weiterer baukultureller Horror der 2010er-Jahre) gesichert sind. Vielleicht sorgt die Präsentation des angerichteten Grauens doch noch für ein Umdenken bei ihnen. Kein Mensch wird als Naturfeind geboren.

Aber sind diese Schottergärten nicht einfach nur konsequent? Die getöteten Flächen findet man oft in „nachverdichteten“ Vierteln. Oder in Neubaugebieten, die nach neuesten städtebaulichen Trends auch dort, wo Platz vorhanden ist, Menschen wie Gebäude so eng wie möglich stapeln. Boden ist unbezahlbar, die Zerstörung jeglicher nicht denkmalgeschützer Bausubstanz scheint nicht mehr aufzuhalten. Wenn dann statt der Fünfziger-Jahre-Villa samt parkähnlichem Garten Eigentumswohnungs-Schuhkartons das Grundstück bis auf den vorletzten Quadratzentimeter füllen, ist es nur folgerichtig, jenen letzten Quadratzentimeter mit Schotter statt Muttererde zu bedecken. Wohnen statt leben. Derartige Anlagen heißen dann gerne „Wasweißich-Gärten“ oder „Keineahnung-Park“. Früher hat man den Grünwuchs mit Waschbetonplatten unterdrückt, heute ist man kreativer. Auch im Kampf gegen seine Gegner auf Facebook, denen lediglich Humor als Waffe dient. Anders ist dieses Steingeschütte auch nicht zu ertragen. (11.3.19)

Daniel Bartetzko

Titelmotiv: Schottergarten (Bild: Gärten des Grauens)