Wo wohnt das Klima?

Gegen „die da oben“, „das System“ oder neuerdings „das Establishment“ oder „den Mainstream“ kann man nichts ausrichten. Obwohl „die“ längst die Quittung für ihr Handeln hätten bekommen müssen. So lautet ein langgehegtes Klischee, mithilfe dessen sich Menschen gerne echauffieren. Oder nichts tun, anstatt gegen gesellschaftliche oder politische Missstände anzugehen. Dass man eben doch etwas ausrichten kann, beweisen längst Greta Thunberg und die Fridays-for-Future-Bewegung. Und nun „Extinction Rebellion“ – kannte die vor zwei Monaten irgendwer? Wirklich gehandelt hat die weltweite Politik zwar noch nicht, doch mittlerweile hat man das Anliegen der Klimaschützer vernommen. Und wird in irgendeiner Form reagieren müssen. Das Erdklima ist ein essentieller Grund, auf die Straße zu gehen und ein Eindämmen des menschengemachten Schadstoffausstoßes zu fordern. (Nebenbei: 20 Zentimeter dicke Kunststoffschichten auf Plattenbauten sind dabei keine Hilfe). Werden wir von Hochwasser oder Dürre niedergemetzelt oder verbrutzeln unter der Sonne, ist logischweise auch jeder Protest gegen andere Übel sinnlos. Noch braten wir aber nicht. Gibt es daher also Gründe, alle anderen Probleme hintenanzustellen?

Am 11. Oktober will eine Tagung nachkriegsmoderne Großwohnsiedlung erhalten und zukunftstauglich machen (Bild: Berlin-Spandau, Falkenhagener Feld, Gunnar Klack, CC BY SA 2.0, via flickr.com)

Das Statistische Bundesamt hat am 1. Oktober die Ergebnisse einer Mikrozensus-Zusatzerhebung zur Wohnsituation in Deutschland bekanntgegeben. Die Lage auf den Wohnungsmärkten der Metropolen in Deutschland hat dazu geführt, dass Haushalte, die ab 2015 eine Wohnung neu angemietet haben, überdurchschnittlich hohe Mieten zahlen. Das überrascht niemanden. Die tatsächlichen Zahlen knallen dagegen aber noch übler rein als befürchtet: Wie das Statistische Bundesamt (Neudeutsch: „Destatis“) mitteilt, mussten private Haushalte nach eigenen Angaben bundesweit im Schnitt 7,70 Euro Nettokaltmiete pro Quadratmeter für eine ab 2015 angemietete Wohnung bezahlen. Damit liegen die Mietkosten um 12 % über der durchschnittlichen Nettokaltmiete in Deutschland (6,90 Euro). Erwartungsgemäß trifft der Preisanstieg in erster Linie die Metropolen: 2018 lag die durchschnittliche Nettokaltmiete je Quadratmeter für Neuanmietungen ab 2015 in Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt/Main, Stuttgart und Düsseldorf mit 10,80 Euro um gut 21 % über dem allgemeinen Durchschnitt in diesen Städten von 8,90 Euro. Noch mal zum auf der Zunge zergehen lassen: Es geht um einen Zeitraum von drei (!) Jahren …

Geteilte Freude (Bild: Udo, CC BY 2.0, via flickr, 2015)

Der soziale, gesellschaftliche Sprengstoff liegt nicht nur im Klimawandel und wie wir ihn bekämpfen. Geehrte Investoren: How dare you?! Im immer größeren Schlagschatten dieses Protests wird in den Städten weiter Segregation betrieben. Wird gentrifiziert, abgeräumt, gedämmt und luxussaniert. Die Ressourcen – Stichwort: graue Energie! – werden beim flächendeckenden Abriss des gebauten nachkriegsmodernen Erbes munter verschleudert. Und damit die bereits existierende Wohnraumreserve der metropolnahen Klein- und Mittelstädte zugusten neuer flächendeckender, Pappmaché-Wohnparks. In denen die einziehen, die zwar in den Städten arbeiten und recht gut verdienen, sich das Wohnen dort aber nicht mehr leisten können. Und wer in der fernen Provinz wohnt, wird gleich ganz abgehängt. Geringer als im Bundesdurchschnitt war der Unterschied bei den Neuanmietungen zu den jeweiligen Durchschnittsmieten vor allem in Sachsen-Anhalt, Thüringen, Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz, aber auch im von der Deindustrialisierung betroffenen Nordrhein-Westfalen. Willkommen am Rande. Doch wo bleibt der Massenprotest gegen die gesellschaftliche Spaltung durch die Wohnpreise? Klima gerettet, Gesellschaft im Eimer – das ist keine angenehme Aussicht. Dabei zeigt sich doch gerade, wie schnell Massenbewegungen entstehen. Abgesehen davon ist die kluge Nutzung des Baubestands immer ressourcen- und in Folge klimaschonender als ungebremster Neubau. Sind Nettokaltmieten von 13,20 Euro pro Quadratmeter „Mainstream“? Wer dagegen protestiert, dürfte noch schneller die Mitmenschen für sein Anliegen gewinnen können, als wenn er im Berufsverkehr eine Kreuzung blockiert und ein „Go Vegan“-Pappschild hochhält. Wenn die Miete alles auffrisst, kann man sich sowieso keine fleischfreien Leckerlis mehr leisten … (7.10.19)

Daniel Bartetzko

Titelmotiv: Cottbus, Wärmedämmung im Fortschritt – ein Motiv aus unserem Themenheft „Verdämmt“ (17/2) (Bild: Martin Maleschka, um 2017)

Suchbild mit Turm

Manchmal verdichten sich vier Tage in einem Bild, so auch am Samstag, am letzten Abend des 29. Evangelischen Kirchbautags in Erfurt. Zur Verleihung des Preises „Dorfkirchen“ der Wüstenrot Stiftung warf Stefan Krämer hier ein Foto der Frankfurter Skyline an die Wand. Zwischen den Wolkenkratzern wiesen rote Pfeile in die Tiefe, wo sich die Kirchtürme versteckten. Auch in vielen anderen Großstädten haben die Kirchenbauten ihre Wahrzeichenfunktion längst verloren (was nicht nur in den Hochhausneubauten, sondern ebenso in den Kirchenabrissen begründet liegt). Anders auf den Dörfern, deren Kirchen am Samstag für beispielhafte Bau- und Nutzungsprojekte ausgezeichnet wurden. Denn bliebe hier der Gottesdienstraum dauerhaft geschlossen, ginge damit oft der letzte öffentliche Raum verloren. Und genau das wollte Kirche an diesem Wochenende wieder sein: aufgeschlossener, öffentlicher Raum.

Anders, irgendwie

Neustadt am Rennsteig, Her(r)bergskirche (Bild: Renè Zieger, 2019)

Champing mit Stil: Her(r)bergskirche in Neustadt am Rennsteig (Bild: © René Zieger, 2019)

Mit Nachdruck diskutierte der Kirchbautag über Chancen und Gefahren der Nutzung: „Eine Grenze ist der religiöse Anspruch der Kirchen.“ Das liege auch im Interesse der außerkirchlichen Öffentlichkeit. Auf die Frage nach dem Lieblingsprojekt fiel auf den Erfurter Podien und in den Pausengesprächen immer wieder ein Name: Her(r)bergskirche. Die Initiative erschließt Gottesdiensträume im Thüringer Wald als ungewöhnliche Übernachtungsorte. Mit wenig Mitteln und viel Stil integriert das Architektenteam Sero in den Bestand eine einfache Schlafgelegenheit mit sakralem Ausblick. Die auf Nachahmung angelegte Idee bildet eines der Ergebnisse des Aufrufs „500 Kirchen – 500 Ideen“ zur Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen. Ein Konzept, das ähnlich auch in einem modernen Kirchenbau funktioniert, so z. B. in der Jugendkapelle von Nordrach im Schwarzwald, einer der Wüstenrot-Preisträgerinnen. Kirche auf Zeit, als Zaungast hat Konjunktur.

Wortfindungen

Köln, St. Gertrud während der Ausstellung "Fluch und Segen" (Bild: Michael Rasche)

Ausstellungsprojekt des Museum für Architektur und Ingenieurkunst NRW (M:AI) in Kooperation mit „StadtBauKultur NRW“: die Ausstellung „Fluch und Segen“ in St. Gertrud in Köln (Bild: © Michael Rasche, 2019)

Während vielerorts innovative Ansätze erprobt werden (was hat man schon zu verlieren), rangen die Experten in Erfurt noch nach Worten (es gibt so viel zu bedenken): „Nutzung“ schien zu trocken, zu funktional. Da war von „Nutzbarkeit“ die Rede, von „Nachnutzung“, „Quernutzung“ oder „sakralsäkularer Kühnheit“. „Aufgeschlossen“ will Kirche jetzt sein, anders, ein Erlebnis, ein öffentlicher Raum. Nicht nur vernetzt, sondern verbunden mit der nichtkirchlichen Öffentlichkeit. Diese hat sich derweil ihre eigenen Wege zu den Kirchenbauten gebahnt. Gerade die geschlossenen, verborgenen, fast verlorenen Räume üben einen besonderen Reiz aus: Kirchen als „Lost Places“. Vielleicht muss Kirche sich gar nicht sofort selbst finden, vielleicht darf sie sich dieses Mal einfach finden lassen. Als Brotkrumen am Weg sollte sie dafür im eigenen Interesse genügend ihrer Bauten stehen lassen. (23.9.19)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Frankfurt am Main, Skyline, mit dem roten Pfeil markiert: St. Antonius (1900, August Menken) (Bild: Leonhard Niederwimmer, via pixabay.com)

Auto vor Haus

Blättert man in Denkmaltopographien der 1980er Jahre, ist auf den Schwarz-Weiß-Fotos eines Bandes das immer selbe Auto zu sehen – das Kraftfahrzeug des Inventarisators: Er parkte vor dem Fachwerkhaus, fertigte die Beschreibung und gleich noch das Foto. Samt Auto. Heute freut sich die Kunsthistorikerin über diese unfreiwillige Datierungshilfe, die obendrein ein bisschen Retroflair einspielt. Doch es gibt auch Menschen, die machen genau das mit Absicht: Carspotter fotografieren ein in Ehren gealtertes Automobil vor einem in Ehren gealterten Gebäude. In dieser geheimen Königsdisziplin des Archporn haben es Instagramer wie Cordula Schulze bis zur Meisterschaft gebracht.

Klassische Autowerbung: Elsbeth Böklen posierte 1928 vor dem Le-Corbusier-Haus in der Stuttgarter Weißenhof-Siedlung (Foto: Daimler)

Wird heute via Social Media der Retroeffekt gesucht, kommt er auf historischen Autofotos oft erst nachträglich zustande. Ein Klassiker dieser Gattung entstand 1928 in der seinerzeit brandneuen Weißenhof-Siedlung in Stuttgart. Vor, bzw. auf einem Mercedes-Benz 8/38 PS Typ Roadster – Höchstgeschwindigkeit satte 75 Studenkilometer – posierte eine topfbehutete Schönheit: Elsbeth Böklen (1905-84), ausgebildete Ausdruckstänzerin, sollte später eine Schule für Gymnastik und Tanz begründen. Autofahren hat sie selbst nie gelernt. Dafür schaffte es ihr Foto, eine professionelle Autowerbung, später in diverse Architekturbände. Heute reibt sich das rasch gealterte Auto-Design mit der weiterhin fast zeitlosen Modernität der Architektur. Vor wenigen Jahren wurde das Foto von Daimler-Benz nachgestellt, dieses Mal mit einem brandeuen Automobil.

Mobile vor immobiler Kunst: Werbefoto für den NSU Ro 80 um 1969 vor der Akademie der Künste in Berlin (Bild: Audi NSU Auto Union AG)

Die Kombination Auto-Architektur funktioniert seit fast hundert Jahren blendend. Mal betonen Werber die technische Innovation mit einem zeitgenössischen Bauwerk, mal unterstreichen sie die klassische Eleganz mit einer Inkunabel des International Style. Auch privat schätzen immer mehr Carspotter die Jagd nach kultigen Oldtimern der mobilen wie immobilen Sorte. Langeweile dürfte kaum aufkommen, denn dieses Hobby kennt noch viele Spielarten: von Trainspotting bis Planespotting. Denn ob Sie historischen Personenwagen, Traktoren, Flugzeugen, Zügen oder Straßenbahnen hinterherjagen: Das Objekt der Begierde ist immer Teil einer gebauten Infrastruktur. Durch die Kameralinse schärft sich so oft auch der Blick für die besten Seiten der Architekturmoderne. (9.9.19)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Antwerpen-Kiel, ein Cirtoën Ami 8 vor zeitlich passendem Haus (Bild: Cordula Schulze, 2018)