GASTKOMMENTAR: Eine Gefahr für junge Bauten

von Tobias Flessenkemper

„Eine Zukunft für unsere Vergangenheit“, so lautete das Motto des Denkmaljahrs 1975. Diese Initiative des Europarats führte in Nordrhein-Westfalen (NRW) zu einem fortschrittlichen Denkmalschutzgesetz, das prägende kulturpolitische Neuerungen möglich machte. Mit „Ruhr.2010“ etwa wurde die Industriegeschichte als demokratische Ressource erschlossen und die Zeche Zollverein als UNESCO-Weltkulturerbe positioniert. Die nun vorgeschlagene Neufassung des Denkmalschutzgesetzes verfehlt es, das Erreichte zu sichern und weiterzuentwickeln. Sie scheitert deutlich an den Ansprüchen, die an jede wirkliche Modernisierung gestellt werden müssen. Kurz: Dem Kultur-, Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort Nordrhein-Westfalen droht – im Bereich Denkmalschutz, -pflege, und -forschung – ein gravierender Relevanzverlust.

Zeche Zollverein (Bild: Spyrosdrakopoulos, CC BY SA 4.0, 2014)

Zeche Zollverein (Bild: Spyrosdrakopoulos, CC BY SA 4.0, 2014)

Eine europäische Verpflichtung

Der vorliegende Gesetzesentwurf wird der europäisch-globalen Dimension des baulichen Erbes nicht gerecht, denn Denkmalschutz und -pflege bilden eine Verpflichtung der internationalen Kulturpolitik. Artikel 5 der Europäischen Kulturkonvention legt bindend fest: „Jede Vertragspartei betrachtet die europäischen Kulturgüter […] als Bestandteil des gemeinsamen europäischen kulturellen Erbes, trifft die erforderlichen Maßnahmen zu ihrem Schutz und erleichtert den Zugang zu ihnen.“ Im Zentrum stehen also seit fast 70 Jahren „Schutz“ und „Zugang“. Im Vorschlag der Landesregierung hingegen kommen „international“ und „europäisch“ nur fünfmal vor, im Gesetz selbst gar nicht. Explizite Verweise auf europäische Werte und Ziele fehlen völlig – insbesondere auf das Rahmenübereinkommen des Europarates über den Wert des Kulturerbes für die Gesellschaft.

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet wurde Anfang 2019 deutsch-französischer Kulturbevollmächtigter, kurz darauf fiel Notre Dame in Paris einem Feuer zum Opfer. Am 3. Mai 2019 tagten die Kulturminister:innen in Paris und einigten sich auf eine sektorübergreifende europäische Kulturerbepolitik. Die Landesregierung von NRW ignoriert dies, genauso wie Initiativen des deutschen EU-Vorsitzes 2020 und die aktuellen Empfehlungen des Europarats zur Risikoprävention für Denkmäler. Allein schon die Beratung über den vorgelegten Entwurf würde dem europäischen Ansehen Nordrhein-Westfalens schaden. Die Landesregierung aber spricht von „veränderten Rahmenbedingungen“ – und meint damit Umweltschutz, Energieeinsparungen und Zugang, z. B. für Menschen mit eingeschränkter Mobilität. Doch diese Punkte können bereits im Rahmen bestehender Gesetze berücksichtigt werden. Der vorgelegte Entwurf wird den realen Veränderungsdynamiken nicht gerecht. Stattdessen droht er die Chance zu verpassen, Denkmalschutz als moderne gesellschaftliche Aufgabe zu leben, den Klimaschutz zu stärken und zum Erhalt der gebauten Umwelt als Ressource beizutragen (wie von Europa Nostra empfohlen).

Zeche Zollverein (Bild: Spyrosdrakopoulos, CC BY SA 4.0, 2014)

Eine neue Zeitgrenze

Selbst Grundlegendes soll entsorgt werden, so will man Artikel 1 (1) des jetzigen Gesetzes ändern. Heute gilt in NRW: „Denkmäler sind zu schützen, zu pflegen, sinnvoll zu nutzen und wissenschaftlich zu erforschen. Sie sollen der Öffentlichkeit im Rahmen des Zumutbaren zugänglich gemacht werden.“ Das bestehende Recht erweitert den „Schutz“ aus der Europäischen Kulturkonvention, um „pflegen“, „sinnvoll nutzen“ und „wissenschaftlich erforschen“. Alle drei Aspekte vergrößern und verbessern den Schutz des Denkmals. Die Denkmäler im Land sind nach internationalem Recht nicht allein „historisch-kulturelles Erbe des Landes“. Denkmäler sind vielmehr ein Schlüssel zu unserer europäisch-globalen Identität, auch für die nachwachsende Generationen.

Artikel 1 (1) des neuen Entwurfs stellt die Zusammenhänge auf den Kopf: „Der Denkmalschutz und die Denkmalpflege liegen im öffentlichen Interesse. Es ist Aufgabe von Denkmalschutz und Denkmalpflege, die Denkmäler wissenschaftlich zu erforschen und das Wissen über Denkmäler zu verbreiten sowie nach Maßgabe dieses Gesetzes Denkmäler zu schützen und zu pflegen. Dabei ist auf eine sinnvolle Nutzung hinzuwirken.“ Statt des Denkmals wird nun dessen Verwaltung – gesichtslos und transaktional – in den Mittelpunkt gerückt. Kernbegriffe sind nun „Interesse“, „Aufgabe“ und „Wissen“, was nicht zwangsläufig in den Schutz eines Denkmals mündet. Damit droht eine Abkehr von europäischen Grundwerten, wie sie auch im Europäischen Übereinkommen zum Schutz des architektonischen Erbes Europas (Granada-Konvention) festgelegt werden, der im Landtag 1986 ausdrücklich zugestimmt wurde.

Und so geht es weiter, Artikel 2 (1) des Entwurfs erweitert den Denkmalbegriff um „aus vergangener Zeit“. Die geltende Regelung hingegen ermöglicht es, alle relevanten Zeitschichten in ihrem überregionalen Kontext zu würdigen. Eine neue Begrenzung könnte viele (für das 1946 gegründete Bundesland prägende) Bauten schutzlos zurücklassen. Gleichzeitig provoziert der vorliegende Entwurf viele Interessenskonflikte: Alleinentscheider und Eigentümer sollen in Eins fallen sollen, denn Städte und Kreise als Denkmalbehörde würden damit oft über ihren eigenen Besitz befinden – auch dies könnte in einem jungen Bundesland besonders Bauten nach 1945 treffen. Man könnte versucht sein, Grundstücke in wirtschaftlich interessanter Lage anders zu „verwerten“. Dem Sanierungsstau würde die öffentliche Hand allzu leicht durch Neubau und „public-private partnership“ bzw. Rückmietgeschäfte begegnen. Damit wären, wie zahlreiche Gerichtsverfahren bereits jetzt belegen, Integritätsprobleme in Politik und Verwaltung vorprogrammiert. Die Neufassung des Gesetzes droht solche Interessenkonflikte (ohne Rekurs auf Fachämter und fachlichen und interesselosen Denkmalschutz) deutlich zu verschärfen.

Zeche Zollverein (Bild: Steffen Schmitz, CC BY SA 3.0, 2013)

Zeche Zollverein (Bild: Steffen Schmitz, CC BY SA 3.0, 2013)

Ein Rückschritt

Sorge bereitet auch die fehlende Transparenz: Das Ministerium sollte offenlegen, welche Außenstehende etwas vor dem förmlichen eingeleiteten Beteiligungsverfahren beigetragen haben. Welche Kontakte bestanden zwischen hochrangigen Personen mit Entscheidungsverantwortung, Lobbyisten:innen und sonstigen relevanten Dritten? Denn die Novellierung will nicht weniger, als das Gesetz „vollständig neu aufzustellen“. Das vom Ministerium 2015 beauftragte Evaluationsvorhaben hingegen hatte die Stärke des Denkmalschutzes in NRW festgestellt und keine vollständige Neuaufstellung empfohlen. (Der Landtag lehnt übrigens entgegen den klaren europäischen Empfehlungen ein Lobbyregister ab.) Schon das bestehende Gesetz von 1980 weist in die richtige Richtung. Verbesserungen können so im bestehenden Rahmen vorgenommen werden. Eine vollständige Neufassung jedoch bedeutet einen Rückschritt – und birgt weitreichende Risiken für Denkmäler, für die Zukunft der Vergangenheit des Landes Nordrhein-Westfalens. (11.4.21)

Überblick über die Stellungnahmen

Zeche Zollverein (Bild: db3em, CC BY 2.0, 2019)

Einfach überspringen

Es gab in den vergangenen Jahren nur wenige (streng genommen gar keine) Anlässe, zu denen ich bedauern musste, die Kanzel gegen die Baustelle eingetauscht zu haben. Doch in diesem Winter juckt es mich als studierte Theologin akut in den Fingern. Was ließe sich predigttechnisch nicht alles an Sinngehalt aus der Lage der Nation ziehen: Endlich werden wir auf die wahren Werte von Familie/Kultur/Weihnachten zurückgeworfen. Aller Tand fällt von uns ab und gibt den Blick frei auf das Wesentliche, das Echte. Doch so viel online bestellte Tofu-Gans ließe sich gar nicht essen, um dem dabei aufkommenden Brechreiz zu entsprechen. Denn am Ende des coronageplagten Jahres 2020 bleibt für viele einfach nur Müdigkeit. Und der tiefe Wunsch, 2021 zu überspringen.

13 (Bild: MetalShaper, CC BY SA 3.0, 2012)

Unglücksverheißende Zahlen werden oft einfach ausgespart (Bild: MetalShaper, CC BY SA 3.0, 2012)

So wie gute Hotels die 13. Etage aussparen und renommierte Theater die gleichlautende Reihe dezent auslassen, scheinen Kulturveranstalter 2021 bereits ganz gestrichen zu haben. Geplant wird für 2022, mit dem leichten Nervenkitzel, ob wenigstens dann wirklich alles wieder planbar sein wird. Ja, natürlich hat uns das gerade auslaufende Jahr bemerkenswerte digitale Blüten der sonst analog aufgelegten Kulturinstitutionen gebracht. Vieles davon wird uns auf Dauer bereichern. Nur, und hier liegt ein Schönheitsfehler für die meisten Freiberufler, in den seltensten Fällen wird der geisteswissenschaftliche Arbeitsanteil daran (finanziell) angemessen gewürdigt. Man bleibt sichtbar – und wird im Verborgenen nur noch ärmer an Geld und Sinnen.

Das Kölner Rheinparkcafé (Bild: Owi)

Das Kölner Rheinparkcafé soll 2021 wiedereröffnet werden (Bild: Owi, CC BY SA 3.0, 2008)

Wir wissen nicht, welche intensiven Momente 2021 für uns bereithält. Wie man sich beim Open-Air-Konzert mit Glühwein über Wasser und dem Gefrierpunkt hielt. Wie man sich in der WG-Küche halblegal zur Online-Vorlesung und zum anschließenden Käsefondue zusammenrottete. Selbst die diversen Kriegsweihnachten des 20. Jahrhunderts haben schöne Erinnerungen produziert, der Anlass blieb ein erdenklich falscher. Auch wenn dieser Vergleich auf drei von vier Füßen hinkt, ergibt sich eine Gemeinsamkeit: Mit Duldungsstarre ist niemandem geholfen. Benennen wir laut und deutlich, was uns in Theater, Museum und Universität sorgenvoll umtreibt! Ohne Kultur gerieten die kommenden Monate verdammt dunkel. Halten wir uns fest an den für 2021 angekündigten Lichtpunkten – wie das Kölner Rheinparkcafé, das nach langen denkmalfachlichen Nachbesserungen im Juni wiedereröffnen will. (5.12.20)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Konzertveranstalter planen aktuell in großen Zeiträumen (Bild: K. Berkemann, November 2020)

Zählt die Kugelleuchten!

Heute sind Fußgängerzonen zu tristen Wüsten geworden. Die großen Shoppingmalls haben die Kunden extra muros gezogen und der Innenstadt das Wasser abgegraben. Ohnehin sind hier die Mieten nur noch für Filialisten erschwinglich, der Onlinehandel tat ein Übriges. Manche Kommunen werben mit „neuer Attraktivität“ für ihre Zentren. Oftmals werden bei solchen „Verschlimmbesserungen“ – es muss ja auch pflegeleicht sein – die Gestaltungsideen der 1950er bis 1980er Jahre aufgegeben. Dieser Epoche widmet sich nun ein Buch des Architekturkritikers und Bauwelt-Redakteurs Ulrich Brinckmann: „Achtung vor dem Blumenkübel!“ Vielleicht eine Warnung beim (verbotenen) Befahren der Fußgängerzonen. Oder der Hinweis, den quasi historischen Blumenkübeln mehr Beachtung zu schenken.

Paderborn, Marienplatz mit Rathaus (Bild: historische Postkarte, Wolfgang Hans Klocke Verlag Paderborn)

Drei Raumtypen

In der Stadt der Nachkriegsjahrzehnte gibt es, so Brinckmann, drei Raumtypen: die Fußgängerzone im Zentrum, die Wohnsiedlung am Stadtrand sowie die Ein- und Ausfallstraßen mitsamt den Magistralen und Ringstraßen. Geplant ist eine Buchtrilogie zu diesem architektonischen Dreigestirn zwischen 1949 und 1989. Den Fußgängerzonen hat Brinckmann nun den ersten Band gewidmet, die er anhand von Postkarten betrachtet. Er wählt bewusst Fotos, die nicht für einen Wettbewerb geschossen wurden. Professionelle Aufnahmen, die aber nicht von der Stadtverwaltung oder einem Planungsbüro in Auftrag gegeben wurden.

Solche Postkarten dokumentieren bei Brinckmann den Wandel der Innenstadt – gleichsam in Ost und West. In den 1950er Jahren stand vor allem der Wiederaufbau kriegszerstörter Gebäude im Mittelpunkt, im Hintergrund retuschierte man gern noch die letzten Ruinen. Die Innenstädte wandelten sich in den 1960er Jahren zu Geschäftszentren mit Parkhäusern. Ab Mitte der 1970er Jahre, immerhin war 1975 das Europäische Denkmalschutzjahr, wurde schließlich mehr Rücksicht genommen auf das historisch Gewachsene.

Magdeburg, Karl-Marx-Straße (Bild: historische Postkarte, VEB Bilddruck Magdeburg)

Die ersten Fußgängerzonen

Brinckmann untersucht insgesamt 200 ausgewählte Postkarten. Einleitend schaut er auf Paderborn – auch vor der eigentlich im Buch behandelten Zeit, um den Kontext herzustellen. Das nächste Kapitel führt durch die Geschichte der Fußgängerzonen: anhand von Beispielen wie Rotterdam, Kassel (als erste bundesdeutsche Fußgängerzone), Magdeburg (als Projekt der DDR) und Kiel. In der Folge betrachtet Brinckmann einige Phänomenen wie Pflasterbeläge, Brunnen, Kunst im öffentlichen Raum, Pflanzschalen und Werbung. Ein Exkurs beschreibt die bis heute oft als Bausünden verschrienen Warenhäuser: Horten, Merkur oder Kaufhof mit den Wabenfassaden, die sich gegen die innerstädtische Kleinteiligkeit lehnten.

Ein besonderes Augenmerk legt das Buch auf die Prager Straße in Dresden. Dieses Paradebeispiel einer DDR-Fußgängerzone wurde auf besonders vielen Postkarten abgedruckt. Auch die zuvor erwähnten Shoppingzentren werden zum Thema, sind sie doch auch nichts anders als eine Fußgängerzone – nur eben außerhalb der Stadt und mit Dach. Dieses darf dann gerne, wie in Marl, aus einem dauerhaft gefüllten Luftkissen bestehen. Gegen Ende wagt der Autor noch einen Ausblick auf die Frage: Wie steht es um sie Zukunft der Fußgängerzonen?

Essen, Kettwiger Straße (Bild: historische Postkarte, Schöning und Co.)

Kleine Sehschule

Das Buch bietet einen durchaus bemerkenswerten Überblick über Innenstadtgestaltungen im heutigen Bundesgebiet. Durch das lobenswerte Namens-, Orts- und Sachregister ist zugleich ein wissenschaftlich erschlossenes Nachschlagewerk entstanden. Die Texte bilden eine gelungene Handreichung, um sich selbst die Bilder genauer anzusehen und zu vergleichen. Also: Zählt die Kugelleuchten! (pl, 11.10.20)

Brinkmann, Ulrich, Achtung vor dem Blumenkübel! Die Fußgängerzone als Element des Städtebaus. Ansichtspostkarten in Ost- und Westdeutschland 1949 bis 1989, Dom Publishers, Berlin 2020, 248 Seiten, 200 Abbildungen, Softcover, ISBN 978-3-86922-717-7.

Titelmotiv: Kassel, Treppenstraße (Bild: historische Postkarte, Bild-Druck & Verlag GmbH, Lübeck)