Das Grauen hat einen Namen

Der beste Web-Witz der vergangenen Woche ist seit Freitag auf Facebook zu lesen: „Aufgrund exzessiver Gewaltdarstellung in Beitrag 19.1070 hat Facebook uns bis auf Weiteres gesperrt. Sorry. “ heißt es dort im aktuellsten Beitrag einer Gruppe, die in der Tat aus der Darstellung exzessiver Gewalt besteht. Sie heißt „Gärten des Grauens“, eine Garten-Satire. Ihre Betreiber fotografieren seit 2012 das Entsetzen, das sich seit Jahren nicht nur in der Provinz, den Eigenheimsiedlungen und den Vorstädten der Republik breitmacht: Schottergärten. In Fifty shades of Grey werden Grünflächen rund um Gebäude mit geraspelten Steinen zugekübelt. Gerne mit eingestreuten – pfiffigen, hihi – Mustern, und als Krönung wird das gegen jedes Leben vollversiegelte Areal noch mit einer einsamen Pflanze dekoriert. Gärten des Grauens präsentiert dieses Elend und versieht es mit verdienten Kommentaren.

Sollte die Sperre durch Facebook echt sein und nicht nur ein neuer, genialer Scherz der Betreiber, wäre sie so verdient wie falsch: Die Bilder sind wahrhaftig Dokumente der Gewalt, die die Besitzer der bedauernswerten Immobilien ebenjenen, sich selbst und arglosen Flaneuren antun. Das muss man so oft wie möglich zeigen. Die Gemüter der Schotter-Streuer sind womöglich ebenso verwüstet wie ihre Gärten, man kann nur hoffen, dass sie innerlich nicht noch durch Gabionen (ein weiterer baukultureller Horror der 2010er-Jahre) gesichert sind. Vielleicht sorgt die Präsentation des angerichteten Grauens doch noch für ein Umdenken bei ihnen. Kein Mensch wird als Naturfeind geboren.

Aber sind diese Schottergärten nicht einfach nur konsequent? Die getöteten Flächen findet man oft in „nachverdichteten“ Vierteln. Oder in Neubaugebieten, die nach neuesten städtebaulichen Trends auch dort, wo Platz vorhanden ist, Menschen wie Gebäude so eng wie möglich stapeln. Boden ist unbezahlbar, die Zerstörung jeglicher nicht denkmalgeschützer Bausubstanz scheint nicht mehr aufzuhalten. Wenn dann statt der Fünfziger-Jahre-Villa samt parkähnlichem Garten Eigentumswohnungs-Schuhkartons das Grundstück bis auf den vorletzten Quadratzentimeter füllen, ist es nur folgerichtig, jenen letzten Quadratzentimeter mit Schotter statt Muttererde zu bedecken. Wohnen statt leben. Derartige Anlagen heißen dann gerne „Wasweißich-Gärten“ oder „Keineahnung-Park“. Früher hat man den Grünwuchs mit Waschbetonplatten unterdrückt, heute ist man kreativer. Auch im Kampf gegen seine Gegner auf Facebook, denen lediglich Humor als Waffe dient. Anders ist dieses Steingeschütte auch nicht zu ertragen. (11.3.19)

Daniel Bartetzko

Titelmotiv: Schottergarten (Bild: Gärten des Grauens)

Handlungsentlastet

Der Saal war voll, volle drei Tage der Konferenz „Underground Architecture Revisited“. Das Landesdenkmalamt Berlin, ICOMOS Deutschland, Sharing Heritage, die Berlinische Galerie und die Initiative Kerberos versammelten vom 20. bis 23. Februar 2019 U-Bahnfreunde aus ganz Deutschland – und darüber hinaus. Experten und Interessierte aus dem Gebiet der ehemaligen UdSSR, aus Griechenland, München, Stuttgart, Bonn und natürlich Berlin sprachen vor- und miteinander über die Zukunft des Untergrunds. Der Zeitpunkt war gut gewählt, denn Bedrohung und Wertschätzung treffen gerade intensiv aufeinander, nicht nur in der U-Bahn: Während das Kulturerbe der 1950er, 1960er, 1970er und 1980er Jahre fortlaufend an die neuen Erfordernisse von Brandschutz und Nutzungserwartung „angepasst“ wird, hat die pastellfarbene bis poppige Ästhetik aus seiner Entstehungszeit neue Konjunktur.

Mit einem der Berliner Eröffnungsvorträge legte der Wuppertaler Theaterwissenschaftler Christoph Rodatz den unerwarteten Ariadne-Faden durch das unterirdische Labyrinth: Der U-Bahn-Passagier sei „handlungsentlastet“. Er kann sich zurücklehnen, ein Buch blättern oder die Mitreisenden durch die Spiegelung in den Scheiben beobachten. Für die Bewegung sorgt ja schon der Zug. Damit wird der Untergrund, so wir uns auf ihn einlassen, zum kreativen Freiraum, zur stilvollen Zeitreise, zur unbezahlbaren Ruhezone. Und zum Sinnbild für den Über-Pflaster-Raum, für Straßen, Plätze und Infrastrukturen der modernen Stadt. Mit dem Blick für diesen besonderen Wert entfällt auch der Druck, alles sofort verändern zu müssen. Umso wichtiger wird dann die Kunst des guten Wartens, des bewegten Verweilens, des aktiven Vorbeigleiten-Lassens.

In diesem Sinne diskutierten in Berlin zum Abschluss Vertreter von Stadt und Denkmalpflege, Architektenschaft und BVG über die Zukunft der nachkriegsmodernen U-Bahnhöfe und -strecken. Grundsätzlich sei man ja schon im guten Gespräch, der Rest kläre sich unterwegs. Als offene Baustellen verblieben, neben vielen praktischen Fragen bei anstehenden Sanierungen, die noch nicht vollzogene Unterschutzstellung der Berliner DDR-U-Bahnhöfe und die ebenfalls noch schwebende Denkmalfrage für die Bonner U-Bahnstationen – eine Petition wird vorbereitet. Auch in weiteren Städten dürfte das Berliner Beispiel Schule machen. Und in der Berlinischen Galerie können sich U-Bahnfreunde die Wartezeit noch bis zum 20. Mai mit der Ausstellung „Underground Architecture“ verkürzen. (24.2.19)

Karin Berkemann und Daniel Bartetzko

Titelmotiv: Impression vom Abschlusspodium der Berliner-U-Bahntagung (Bild: D. Bartetzko)

Ab sofort wird (zu)rückgebaut

Unter Denkmalpflegern kursiert eine Anekdote, die zu glaubwürdig ist, um vollständig wahr zu sein: Nach dem Krieg trat ein Koservator seinen Posten in einem Landkreis an, über den er zuvor promoviert hatte. Alle Bauernhäuser, so seine These, hätten hier schiefververkleidete Wände und grüne Fensterläden. Als besagter Denkmapfleger nach 30 Jahren in den Ruhestand ging, hatten tatsächlich alle Bauhernhäuser in seinem Bezirk schieferverkleidete Wände und grüne Fensterläden. Kurz: Wir bauen uns die Welt (um), wie sie uns gefällt. So weit, so menschlich. Schwieriger wird die Sache, wenn die Politik ins Spiel kommt, wenn es um das kulturelle Erbe der 1920er und 1930er Jahre geht. Da stilisieren wir (unter äußerst großzügiger Anwendung des Labels) Bauhaus-Bauten zu Denkmalen der Demokratie und sanieren sie in ihren unbelasteten Urzustand zurück. Zur gleichen Zeit werden Zeugnisse der NS-Zeit wiederendeckt und weggesäubert.

In Zeiten der Sternchen-Sprache und Unisex-Toiletten macht die neu erwachte Aufmerksamkeit auch vor der gebauten Umwelt nicht halt. Da soll ein Mainzer Dachdecker seinen Familiennamen „Neger“ und das – zugegebenermaßen recht plakative – jahrzehntealte Firmenlogo aufgeben. Da werden vermeintliche Machismo-Gedichte von Hauswänden und Aktdarstellungen aus Museen entfernt. In diesem Geist soll auch die hakenkreuzhaltige Kapellendecke im Essener Huyssenstift weiß beigestrichen werden. Zuletzt forderte die Jüdische Landesgemeinde in Thüringen, sechs „Naziglocken“ zu bereinigen – was andernorts „besorgte Bürger“ schon bei Nacht und Nebel bersorgten. Da bleibt nicht viel Zeit für vielschichtige historische Details: Dass NS-Symbole in Kirchen zumeist bereits von den Nazis selbst beseitigt wurden (über das Hakenkreuz sollte alleine der Staat verfügen). Dass gerade von den Amerikanern weitergenutzte Räume oft ihre NS-Symbole aus ganz pragmatischen Überlegungen heraus behielten (und anschließend von der Denkmalpflege als historische Zeitspuren geschützt wurden). Was die versicherungsrechtlichen Gründe der 1990er und der Brandschutz der 2000er Jahre übrig ließen, erledigt nun die Political Correctness: Wir gehen lieber auf Nummer sicher.

Mit aktuellen Nazi-Schmierereien setzt sich seit 2015 die Initiative #paintback auseinander: Hakenkreuz-Graffitis verschwinden unter Hasen-, Wurst- und Kohlrabi-Bildchen. Gut deutsch werden vorher die betroffenen Hauseigentümer und bei Bedarf auch der Denkmalschutz um Erlaubnis angefragt. In Berlin müht man sich seit Jahren um eine angemessene, gedenkend-museale Nutzung der von NS-Sympbolen geprägten Martin-Luther-Gedächtniskirche. In der bayerischen Landeshauptstadt zeigt und erläutert die Stadtführung „Hitlers München“ Orte der NS-Geschichte, darunter etwa Hakenkreuze in den Baudetails des Staatsministeriums. Dies sind nur einige von vielen überlebensnotwendigen Initiativen, um historische Zeugnisse der NS-Zeit weder totzuschweigen, noch wegzusäubern, sondern einzuordnen und zu kontern. Denn solange eine einzelne Punkband einen Bauhaus-Raum zu entweihen droht, solange das Geld für Rekonstruktionen lockerer sitzt als für den Unterhalt kultureller Räume, solange wird ein Eimer „Alpina Weiß“ gegen die neue braune Welle nicht ankommen. (11.2.19)

Karin Berkemann

Berlin, Reichsadler am Hauptportal des Finanzamts Charlottenburg (Bild: Christian Mentel, CC BY SA 3.0, 2012)