Kulti für alle

Der DAM-Preis für Architektur geht 2019 an das Büro von Gerkan, Marg und Partner – nicht für ein Neubauprojekt, sondern für eine Sanierung: Der Kulturpalast Dresden (Entwurf Leopold Wiel, ausführender Architekt Wolfgang Hänsch) wurde 1969 eingeweiht und zeigt sich heute nach dem mehrjährigen Umbau samt Neuaufteilung noch immer als ein lichtdurchtetes Bauwerk der Internationalen Moderne. Und steht damit für einen so ganz anderen Stil als jenen, der derzeit die Architekturdebatten beherrscht. Nennen wir ihn einfach mal „Rekonstruktivismus“.

Die Revision der Moderne (um gleich nochmal das DAM mit seiner 1984er Eröffnungsausstellung zu zitieren) wird immer lauter und emotionaler gefordert. Und das natürlich nicht zugunsten der Postmoderne – die ist längst auch schon ad acta gelegt. Es geht ums Ganze: um traditionelle, jeglicher Moderne unverdächtiger Architektur mit hochrechteckigen Sprossenfenstern, Satteldächern, Steinfassaden, gerne auch Fachwerk. Und wo immer sich die Chance bietet, sich von einem öffentlichen Bau der Jahre 1945 bis 1995 zu verabschieden oder eine grundlegende Umgestaltung dräut, stehen die Wiederaufbaufans bereit. Was an Stelle der ungeliebten Nachkriegs-, Spät- oder Postmoderne einst stand, soll doch bitteschön dort wieder entstehen (Zugegeben: Das Beispiel Frankfurter Altstadt zählt zu den Besseren). Wie wohltuend ist in dieser allgemein historisierenden Gemengelage die diesjährige Frankfurter Juryentscheidung – in der man mehrere Botschaften und Bezüge erkennen mag.

Als hessischer Kulturbürger fühlt man sich angesichts des Dresdner Wunderwerks an Zuhause erinnert. Genauer: an die Städtischen Bühnen Frankfurt. Die 1963 fertiggestellte, dem „Kulti“ ausgesprochen ähnliche Doppelanlage aus Oper und Theater (in der auch noch das historistische alte Schauspielhaus von 1902 steckt) steht schon länger in der Diskussion. Abriss oder Umbau lautet die Gretchenfrage bezüglich des sanierungsbedürftigen Ensembles von ABB Architekten. Währenddessen wird in Sachsen ein eleganter Wiedergänger einfach so – gegen den Trend – gerettet. Eine bewusste Entscheidung der barocksatten Stadt Dresden für einen identitätsstiftenden Bau der Moderne. Und mit Gerkan, Marg und Partner auch für ein Architekturbüro, das andernorts nicht erwünscht war, um ein weiteres prägendes Nachkriegsgebäude zu restaurieren: Volkwin Marg lief 2015 mit seinem Sanierungsentwurf für die Hamburger City-Höfe ins Leere. Der Bau von Rudolf Klophaus soll trotz Denkmalschutz plattgemacht werden. Was bleibt den Entscheidungsträgern in Frankfurt und Hamburg nun angesichts des im wahren Wortsinn ausgezeichneten Kulturpalasts Dresden zu sagen? „Bürgermeister der Republik – schaut auf diese Stadt!“ Das Heil liegt nicht immer im Rückgriff auf Vorgestern. (27.1.19)

Daniel Bartetzko

Titelmotiv: Dresden, Kulturpalast (Bild: SchiDD, CC BY SA 4.0, 2017)

„Mit Fanta und mit Butterkeks“

Funny van Dannen hatte Recht, als er 1996 zur Gitarre sang: „Die Welt ist aus den Fugen“ – die kirchliche zumindest. Zum Jahresende kümmerte sich der Vatikan höchstpersönlich um die Frage „Wohnt Gott hier nicht mehr?“. Den Experten ging es um die leerstehenden Kirchen, zumindest die „historisch bedeutsamen“ unter ihnen. Fast zeitgleich kuschelten sich (van Dannen lässt grüßen) „Junge Christen“ in Madrid in nüchternen Messehallen zum Taizé-Treffen zusammen. Die Keimzelle ihrer Bewegung liegt im Burgund, in der Versöhnungskirche. Den dortigen Brüdern war der Bau 1962 etwas zu schroff geraten: Mit den Jahren wurde das betonierte Chorgestühl entfernt, eine Vorhalle mit Zwiebeltürmchen angefügt und der Altarraum mit bunten Tüchern aufgehübscht.

Eben jene Räume des 20. Jahrhunderts sind es, die am stärksten von der Finanz- und Mitgliederschwäche der beiden großen Konfessionen betroffen sind. Da wird gespart, umgebaut – und halbiert, um für den Kirchenrumpf (wie in Frankfurt oder Steinfurt) eine liturgische Grundversorgung aufrechterhalten zu können. Wenn es dann doch eine andere Nutzung sein soll, bevorzugt der Pästliche Kulturrat eine religiöse, kulturelle oder karitative Bestimmung. Bei einem geringen architektonischen Wert seien auch private Wohnzwecke denkbar. Nach der 14-seitigen Verlautbarung vom Dezember 2018 wäre der Verkauf erst die letzte Alternative, das Thema „Abriss“ wird umschifft. Grundsätzlich solle alles mit der zugehörigen kirchlichen wie weltlichen Gemeinde geplant und für die würdige Weitergabe (selbst moderner) liturgischer Gegenstände gesorgt werden.

All das ist nicht wirklich überraschend. So hatte die Presse einige Mühe, daraus mit Überschriften à la „Kein Nachtclub, keine Diskothek“ eine Schlagzeile zu basteln. Die römischen Feinheiten liegen zwischen den Zeilen: Zu Beginn des Kongresses richtete Papst Franziskus eine Botschaft an die Teilnehmer. Kirchen seien „heilige Zeichen“, die Sparprozesse ein „Zeichen der Zeit“. Damit war das Problem amtlich und ein ungewohnt weiter Rahmen abgesteckt. Bei der gelobten „religiösen“ Weiternutzung schweigen die Leitlinien zum Islam (also eher keine Moschee), sprechen aber positiv von „anderen christlichen Gemeinschaften“. Das adelt die neuen ökumenischen Mischnutzungen (wie in Herten oder Mettmann), die jedoch häufig Abriss und Neubau bedeuten – während zeitgleich bewährte Ökumenische Zentren ausgeschlichen werden. Da wünscht man sich ein wenig der kostengünstigen Fanta-und-Butterkeks-Pragmatik der jungen Taizé-Christen. Nur über die Sache mit den bunten Tüchern müssten wir noch mal reden … (1.1.19)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Taizé, Mittagsgebet (Bild: Chiristian Pulfrich, CC BY SA 4.0, 2015, der Chorraum wurde 2018 neu gestatltet )