Kulturhamstern

Stellt euch vor, es ist Vernissage und keiner wird reingelassen. So zumindest sieht gerade die Realität vieler Ausstellungsmacher aus. Im besten Fall gibt es eine „Flüster-Eröffnung“ ohne Ansprachen im kleinen Kreis. Soziale Distanzierung zu Corona-Zeiten ist nicht zuletzt auch Kultur-Distanzierung. Die leergefegten Straßen erinnern Betagte an Edgar-Wallace-Fernsehabende – und Mittelbetagte an die autofreien Sonntage der Ölkrise von 1973. Für kurze Zeit gehörten die Autobahnen wieder den Spaziergängern. Aus kindlicher Perspektive hatte das etwas Beruhigendes: Alle teilten dasselbe Vergnügen und dieselbe Beschränkung. Jetzt hat ein Virus genau diesen Effekt. Ob die Maßnahmen nötig und sinnvoll sind, mögen Kundigere beurteilen. Nur die Folgen für das Kulturprekariat könnten verheerend sein.

Vancouver, Erinnerung zur Bildung von Fahrgemeinschaften während der Ölkrise, 1974/74 (Bild: U.S. National Archives, PD)

Freie werden nur für das entlohnt, was auch stattfindet. Keine Ausstellung, kein Honorar. Ebenso ergeht es Filmvorführungen, Konzerten, Theaterpremieren u. v. m. Was dem Landwirt der Hagelschaden, ist für den rücklagearmen Kulturschaffenden nun der Corona-Bann. Denn während die Kosten für Miete und Versicherung weiterlaufen, fällt die Gage aus. Eine Pandemie hätte man bei der letzten Honorarverhandlung halt einplanen müssen. Vielleicht helfen da wieder die Strategien aus Ölkrisenzeiten: „Pool it / Bildet (Fahr-)Gemeinschaften!“ Wenn sich unterbezahlte Geistesarbeiter (natürlich berührungsfrei) zusammenrotten, könnte sich dieses Mal tatsächlich etwas bewegen.

Online-Petition für Hilfen für Kulturschaffende (openpetition.de)

Per Onlinepetition fordern bereits gut 140.000 Unterzeichnende staatliche „Hilfen für Freiberufler und Künstler“ in Corona-Zeiten. Schließen wir uns diesem Anliegen an, nicht nur virtuell. Investieren wir in Hoffnung: Kaufen wir Jahreskarten fürs Museum, ein Abo fürs Theater, einen Mehrfachgutschein für die Oper. Hamstern wir gute Klolektüre, investieren in kunstvollen Wandschmuck fürs unfreiwillige Homeoffice. Damit der private Raum nicht völlig verzweckt wird. Wenn Kultur im öffentlichen Rahmen nicht mehr möglich ist, holen wir sie uns nach Hause. Bücher lesen, Platten auflegen, Fotoalben ausgraben, den Diaprojektor anwerfen – ganz wie 1973. Dann werden das hier vielleicht irgendwann mal ganz wunderbare „Weißt du noch“-Geschichten. (15.3.20)

Karin Berkemann

Portland, leere Straße während der Ölkrise, November 1973 (Bild: National Archives at College Park, PD)

Orientierungsverluste

So muss es sich in den 1990er Jahren für ehemalige DDR-Bürger angefühlt haben (und oft immer noch anfühlen): Da verschwindet in einem Streich die bauliche (tief Luft holen) Heimat einer ganzen Generation. Nicht nur einzelne Inkunabeln aus der Silhouette, sondern ganze Häuserzeilen und Infrastrukturen. Mit einem Mal fehlt dem Auge der Halt. Nach längerer Abwesenheit zieht sich der Magen auf der Fahrt nach Hause flau zusammen. Man zählt rasch durch: Hochhausspitzen, Kirchtürme, Fernsehturm, Hochstraße, Brücke. Und im Nahabgleich noch den Kiosk um die Ecke. Irgendwas fehlt immer.

Aerobus zur Buga 75 in Mannheim (Bild: historische Postkarte, 1975, Alfred Ziethen Verlag, Sinthern)

Kommt (fast) alles weg: Mannheim zu Zeiten der Buga 75 (Bild: historische Postkarte, 1975, Alfred Ziethen Verlag, Sinthern)

Jetzt ließe sich kontern: Aus einer Stilepoche, die groß dachte und groß baute, gibt es eben auch viel abzureißen. Und die Moderne war selbst nicht gerade zimperlich mit den vorgefundenen Stadtbildern. Doch die Menge und Geschwindigkeit der aktuellen „Stadtreparaturen“ von Ludwigshafen, Mannheim, Heidelberg, Hamburg (bitte in Gedanken ergänzen) lässt selbst Fortschrittsnostalgiker schnappatmen. Was an die Stelle der Verluste tritt, muss formal nicht schlechter sein, aber es ist allzu oft dichter. Der Stadtraum schließt sich, verliert an Freiflächen und Nischen für karriereferne Bastler, liebevolle Krauterer und sinnsuchende Flaneure.

Potsdam, Terrassenrestaurant "Minsk", Esssaal während der Bauzeit (Bildquelle: Privatarchiv Wladimir Stelmaschonok)

In letzter Sekunde: Aus dem Potsdamer Terrassenrestaurant „Minsk“ wird gerade ein Kunstmuseum (Bildquelle: Esssaal während der Bauzeit, Privatarchiv Wladimir Stelmaschonok)

Da finden wir uns in Tagungen zusammen und wärmen das geschundene Modernistengemüt an den geretteten, gut sanierten oder hoffnungsvoll in Liebe gehüllten Einzelbeispielen. Oder wir trösten uns mit ästhetischen Dokumentationsfotografien (kurz bevor der Bagger kommt). Doch es gibt sie noch, die Überraschungen: Wer hätte ernsthaft noch mit dem Potsdamer Terrassenrestaurant Minsk gerechnet? Oder dass ein offener Brief die Berliner U-Bahn unter Schutz und ins Museum bekommt? Gelegentlich unterliegt der Architekturdarwinismus. (Optimistisch sind wir hier morgen wieder. Versprochen.) (2.3.20)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Mülheim-Kärlich, Abriss des Kühlturms (Bild: Lothar Spurzem, CC BY SA 2.0, 2018)

Hoffentlich ist es Beton

Es wohl keinen Baustoff, der stärker symbolgeladen ist als Beton – jenes Gemisch aus Zement, Gesteinskörnung und Wasser, das dem 20. Jahrhundert sein architektonisches Antlitz verlieh (und bislang auch dem 21. Jahrhundert noch verleiht). Was für die einen das Fundament des Fortschritts war, war für andere der graue Klebstoff von Kapitalismus, Verdrängung und Brutalität. Und der Betonbrutalismus gab dem vermeintlich unmenschlichen Umgang mit dem ultraharten Werkstoff unfreiwillig den über-eindeutigen Namen – er konnte ja nichts für seine Herkunft vom französischen Wort „brut“ (roh). „Schade, dass Beton nicht brennt“ heißt ein 1981 entstandener Dokumentarfilm über die Berliner Hausbesetzerszene jener Jahre. Über 30 Jahre später nutzt das Rostocker Hip-Hop-Trio „Waving the Guns“ den Slogan noch immer ziemlich erfolgreich. Liebe sieht anders aus.

Doch die Bewunderung wie auch das Wundern vor allem über die Betonbauwerke der 1960er bis frühen 1990er Jahre wächst – und hat längst etwas Nostalgisches. Denn ehrlicher Umgang mit diesem Baustoff ist rar geworden: Auch, wenn der Kern aus solidem Beton ist, suggeriert die Zeitgenössische Architektur mit vorgeblendeten (Kunst-) Steinplatten, Klinker-Riemchen oder – Gipfel der Schummelei – durch Holzverschindelungen, dass sie gar nicht so brutal sei. Doch abseits des vorätzlichen Aufbringens von Vorsatzverblendungen birgt auch der versteckte Beton ein gewaltiges Problem: Er ist eine Umweltsau. Der Zement, sein wichtigstes Bindemittel, wird aus Kalkstein, Lehm, Sand und Eisenerz bei 1.450°C gesintert, dann gekühlt und schließlich zermahlen. Pro Tonne Zement werden etwa 110 Kilowattstunden Strom benötigt. So viel verbraucht auch ein Drei-Personen-Haushalt in etwa zwei Wochen. Sechs bis neun Prozent der globalen Treibhausgasemissionen gehen auf Zementwerke zurück. Das ist vier mal so viel, wie der gesamte internationale Flugverkehr ausstößt. Neben CO₂ werden auch Stickstoffoxide und Schwefeldioxide im Umfeld der Zementfabriken in die Luft geblasen. By the way: Weltweit wird heute dreimal so viel Zement hergestellt wie 2001.

Die Ära des Betons wird aus Umweltgründen unweigerlich zuende gehen. Dann werden womöglich auch die nach Plänen von Ernst Neufert 1970 errichteten Wärmetauschertürme des Dyckerhoff-Zementwerks im Mainz-Amöneburg stillstehen. Grund genug, sich gut zu überlegen, ob man die gebauten Zeitzeugen der Ära des Fortschrittsglaubens einfach so abräumen sollte. Neben echter Ödnis verschwinden zu viele Beispiele des kreativen Umgangs mit jenem Baustoff, der seine Unschuld damals noch nicht verloren hatte. Vieles dürfte bald auch konstruktiv unwiederbringlich sein, denn ob alternative, klimaschonende Baustoffe die gleichen statischen Eigenschaften wie (Stahl-) Beton haben werden, darf angezweifelt werden. Gottfried Böhms Wallfahrtsdom zu Neviges, das Berliner ICC vom Ehepaar Schüler-Witte, Fritz Wotrubas Kirche Zur Heiligsten Dreifaltigkeit in Wien: Sie sind Inkunabeln der Beton-Ära. Doch auch die Kleinstadt-Sparkassen, die Kirchbauten, die Rathäuser und die Schulen des betongläubigen Aufbruchs sind meist eben nicht banal. Und sie werden immer rarer. Im Namen des Klimas: nehmen wir Abschied vom Beton. Aber nehmen wir nicht vorschnell Abschied von den Bauwerken, die er ermöglicht hat. (db, 3.2.20)

Titelfoto: München-Neuperlach (Bild: TobiWanKenobi, CC0)