Auto vor Haus

Blättert man in Denkmaltopographien der 1980er Jahre, ist auf den Schwarz-Weiß-Fotos eines Bandes das immer selbe Auto zu sehen – das Kraftfahrzeug des Inventarisators: Er parkte vor dem Fachwerkhaus, fertigte die Beschreibung und gleich noch das Foto. Samt Auto. Heute freut sich die Kunsthistorikerin über diese unfreiwillige Datierungshilfe, die obendrein ein bisschen Retroflair einspielt. Doch es gibt auch Menschen, die machen genau das mit Absicht: Carspotter fotografieren ein in Ehren gealtertes Automobil vor einem in Ehren gealterten Gebäude. In dieser geheimen Königsdisziplin des Archporn haben es Instagramer wie Cordula Schulze bis zur Meisterschaft gebracht.

Klassische Autowerbung: Elsbeth Böklen posierte 1928 vor dem Le-Corbusier-Haus in der Stuttgarter Weißenhof-Siedlung (Foto: Daimler)

Wird heute via Social Media der Retroeffekt gesucht, kommt er auf historischen Autofotos oft erst nachträglich zustande. Ein Klassiker dieser Gattung entstand 1928 in der seinerzeit brandneuen Weißenhof-Siedlung in Stuttgart. Vor, bzw. auf einem Mercedes-Benz 8/38 PS Typ Roadster – Höchstgeschwindigkeit satte 75 Studenkilometer – posierte eine topfbehutete Schönheit: Elsbeth Böklen (1905-84), ausgebildete Ausdruckstänzerin, sollte später eine Schule für Gymnastik und Tanz begründen. Autofahren hat sie selbst nie gelernt. Dafür schaffte es ihr Foto, eine professionelle Autowerbung, später in diverse Architekturbände. Heute reibt sich das rasch gealterte Auto-Design mit der weiterhin fast zeitlosen Modernität der Architektur. Vor wenigen Jahren wurde das Foto von Daimler-Benz nachgestellt, dieses Mal mit einem brandeuen Automobil.

Mobile vor immobiler Kunst: Werbefoto für den NSU Ro 80 um 1969 vor der Akademie der Künste in Berlin (Bild: Audi NSU Auto Union AG)

Die Kombination Auto-Architektur funktioniert seit fast hundert Jahren blendend. Mal betonen Werber die technische Innovation mit einem zeitgenössischen Bauwerk, mal unterstreichen sie die klassische Eleganz mit einer Inkunabel des International Style. Auch privat schätzen immer mehr Carspotter die Jagd nach kultigen Oldtimern der mobilen wie immobilen Sorte. Langeweile dürfte kaum aufkommen, denn dieses Hobby kennt noch viele Spielarten: von Trainspotting bis Planespotting. Denn ob Sie historischen Personenwagen, Traktoren, Flugzeugen, Zügen oder Straßenbahnen hinterherjagen: Das Objekt der Begierde ist immer Teil einer gebauten Infrastruktur. Durch die Kameralinse schärft sich so oft auch der Blick für die besten Seiten der Architekturmoderne. (9.9.19)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Antwerpen-Kiel, ein Cirtoën Ami 8 vor zeitlich passendem Haus (Bild: Cordula Schulze, 2018)

Und weg damit …

Die Frankfurter Initiative Stadtteilbüro Bockenheim trifft sich demnächst zu einer Protestaktion vorm Haus Leipziger Straße 68, das abgerissen werden soll. Eigentümer ist die Erbengemeinschaft eines stadtbekannten Immobilienspekulanten. Obgleich im Jahr 1828 gebaut und somit eines der ältesten Gebäude der Straße, steht es nicht unter Denkmalschutz. Vor einiger Zeit war diese Liegenschaft schon wegen Überbelegung in die Schlagzeilen geraten, als hier nicht weniger als 45 Menschen in Hinterhaus und Anbauten einquartiert waren. Das dreistöckige Wohn- und Geschäftshaus in der Blumentorstraße 4 in Karlsruhe-Durlach, im Kern von etwa 1860, ist gerade zugunsten eines Mehrfamilienhauses plattgemacht worden. Mit abgeräumt wurde auch ein Hinterhaus, an dem die Initialen im Türsturz auf das Baujahr 1835 hinwiesen. Und wer den reich verzierten, gelb geklinkerten Jahrhundertwendebau in der Chemnitzer Reinhardtstraße Ecke Palmstraße sucht, findet schon lange nur noch eine Brache. Nein, wir befinden uns nicht im Jahr 1972. Es ist der 26. August 2019.

Das Europäische Denkmalschutzjahr 1975 ist Lichtjahre von der Gegenwart entfernt. Rund 20 Jahre verschaffte es einst Fachwerk, Barock, Jugendstil oder Gründerzeit zumindest in den Städten relative Sicherheit. Selbst was nicht unter Schutz stand, wurde wieder mit Respekt behandelt: Innen mögen Portas-Türen, Kassettendecken aus Plastik und Röhrende Hirsche den Wohnraum dominiert haben. Doch auch bürgerliche Gemüter spendierten ihren 100-jährigen Häuschen gerne wieder Sprossenfenster, Schmiedegitter und halbwegs originalgetreue Farbgebungen. Die abgewendet gehoffte Bedrohung ist aber längst zurückgekehrt: Während sich heute auf der einen Seite Liebhaber gegen das Verschwinden der Spätmoderne-Architektur der 1970er engagieren (derweil Reko-Fans die Nachkriegsmoderne abräumen möchten) befinden sich auch wieder die Bauten des 18. und 19. Jahrhunderts auf der Abschussliste. Was nicht unter Denkmalschutz steht, ist verloren. Und zwar alles, was betriebswirtschaftlich abgeschrieben ist. Man könnte also grob vom Baujahr 1200 bis 2005 sprechen, je nach dem einstigen Investitionsvolumen.

Die Bodenpreise sind explodiert, Investoren kaufen in Ballungsräumen alles, was nicht niet- und nagelfest ist zum x-fachen Marktwert auf und ersetzen es durch Wohnanlagen, die jeden Quadratmillimeter der Grundstücke füllen. Die Gesetzeslage gibt es her. Inwieweit Verbote dieses Problem lösen können, sei dahingestellt. Die Zerstörung der Klein- und Vorstädte sowie der unscheinbaren Bauten in den Cities ist wohl immer noch am besten durch bürgerliches Engagement zu verhindern. Wir propagieren ja nicht die Rückkehr des Häuserkampfs der 1970/80er in Westberlin oder dem Frankfurter Westend. Aber dennoch haben auch diese Proteste in letzter Konsequenz bewirkt, dass zahlreiche Gebäude erhalten wurden. Auch insofern, dass Investoren aufgrund schlechter Publicity die Bagger lieber nicht anrücken ließen. Das Bewusstsein für den eigenen Lebensraum war in weiten Teilen der Bevölkerung geschärft. Sie fänden gut, wenn wir wieder dorthin kämen? Na dann schauen Sie doch mal vorbei auf der Leipziger Straße in Frankfurt – Treffpunkt ist am 4. September um 18 Uhr. Ist Ihnen zu weit? Dann sehen Sie sich in Ihrer Nachbarschaft um: Es gibt quasi vor jeder Haustür ortsbildprägende Bauten, die akut bedroht sind. Und hier ist es gleich, ob sie 1980 oder 1890 errichtet wurden … (25.8.19)

Daniel Bartetzko

Bilder: Titelmotiv: Chemnitz, Abriss Reinhardtstraße (Bild: Sandro Schmalfuß, CC BY-SA 3.0), Mitte: Frankfurt, Leipziger Straße 68 (Bild: Deutsches Architektur-Forum, Schmittchen); unten: Karlsruhe-Durlach, Hengstplatz, Abriss (Bild: Copyright Arbeitsgemeinschaft Karlsruher Stadtbild).

Denkmalcornern

Die Stadt gehört allen, nur nicht immer: In meinem sich gentrifizierenden Heimatquartier lösen das die Bewohner rund um den lokalen Minisupermarkt im Schichtdienst. Auf die frühmorgendlichen Schulklassen (Schokokuss mit Brötchen) folgen die Fachkräfte des örtlichen Abrisstrupps (Wodka und Milch). Mittags kommen die Logistiker der nahen DB-Zentrale (einmal quer durch die Salattheke), nachmittags die Muttigruppen („Nein, jetzt nichts Süßes!“), deren angeheirateter Beruf nicht ganz für Berlin-Mitte gereicht hat. Neu ist die Abendschicht: Mittelalthipster, die mit Mehrwegbrause in der angrenzenden Grünanlage cornern gehen – mal wild, mal „antikapitalistisch“ mit weltanschaulichem Überbau.

Auch die Denkmalpflege hat die Zeichen der Zeit erkannt. Freie Stadtteilinitiativen besetzen immer öfter den öffentlichen Raum. Was letztes Jahr am Kölner Ebertplatz schon zum Erfolg führte (der Brunnen sprudelt wieder), versammelt in diesen Wochen auch in Hamburg die Denkmalretter. Auf der abrissbedrohten Cremon-Brücke wird gecornert, nicht nur der Alliteration wegen. Musik und andere niederschwellige Freizeitangebote helfen dabei, die Zielgruppe bei Laune zu halten. Hier tut Denkmalschutz mal das, was er am besten kann: Er verbessert den Lebensraum und damit die Stimmung.

Alt-Engagierte mögen sich verwundert die Augen reiben. Hatten wir alles schon mal, nach 1975, in den geistbewegten Zeiten der Denkmalpflege. So manche gesellschaftspolitisch brisante Aktion ließ sich mit Fanta und Butterkeks freundlicher gestalten. Zwar lag das stilistische Beuteschema damals mehr in Richtung Historismus, doch die Zeiten sind heute gar nicht mal so anders. Die institutionelle Denkmalpflege stößt an personelle, finanzielle und ideelle Grenzen, während die Innenstädte baulich von hinten aufgerollt werden. Da kann es nicht schaden, wenn jetzt die Modernisten ihre Ziele auf Straßen und Plätzen austragen – äußerst gechillt bei Yoga und Matemischgetränk. (11.8.19)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Hamburg, „Cornern auf Crémant“ (Bild: Denkmalverein Hamburg e. V., Kristina Sassenscheidt)