Beton Ost

Im Eisenacher Thälmannviertel musste der Beton 2018 hinter Gitter, genauer gesagt hinter Absperrgitter. Dabei kommt die Ostmoderne in der Wilhelm-Pieck-Straße maximal niedlich daher: als Elefantenrutsche. Doch als die – von der Produktionsgenossenschaft „Kunst am Bau“ ab 1962/65 in Serie gefertigte – Spielplastik in die Jahre gekommen war, schien sie den Eigentümern mit einem Mal zu gefährlich für ihre Nutzer. Die Rüsselrutsche sollte weg, bis die Stadt nach öffentlichen Protesten der Elternschaft dann doch Sanierungsangebote einholte. Ab Mai wird der Betonelefant fachgerecht durchrepariert – und bekommt gleich noch die Stoßzähne gestutzt, sicherheitshalber. Auch andernorts werden die künstlerischen Erzeugnisse der DDR-Zeit entschärft, baulich wie sprachlich.

Mitte der 2000er Jahre hatte sich, nach politisch korrektem Herumgestottere, endlich ein pressetauglicher Name für das Bauen der DDR-Zeit durchgesetzt: die Ostmoderne. Der Stilbegriff ließ sich damit leichter vom kontaminierten Staatsbegriff trennen und zog (fast) gleichauf mit der BRD-Moderne, die wiederum keiner so betiteln mochte. Die zeitliche Lücke, in der sich die DDR auf Sowjetgeheiß in nationalen Eigenformen versucht hatte, wurde zur verzögerten, zur „verspäteten Moderne“ aufgehübscht. Nur langsam kam die neue Wertschätzung der Ostmoderne in der Praxis an: In Leipzig etwa musste 2008/12 die markante Hochhausreihe am Brühl (1968, H. Krantz und Kollektiv) einer Neubebauung weichen. Nur mit Müh und Not blieb der benachbarten Warenhaus-„Blechbüchse“ das gleiche Schicksal erspart. In Hamburg zeichnet sich mit den Lookalikes, den Cityhöfen (1957, R. Klophaus) gerade ein ähnlicher Sieg des real existierenden Investorenkapitalismus ab. Auch eine Form der Wiedervereinigung.

Was nach Leipzig zurückkehren durfte, war die Baudekoration. Seit Kurzem grüßt vom Dach der Neubauten die DDR-Leuchtschrift: „Willkommen in Leipzig!“ In den letzten Monaten wird so manche baugebundene Kunst aus der ideologischen Quarantäne der Keller und Lapdarien hervorgeholt und neu im öffentlichen Raum platziert. Im fachlichen und medialen Diskurs wird zeitgleich der Begriff der DDR-(Bau-)Kunst wieder salonfähig. Mit dem größer werdenden zeitlichen Abstand neutralisiert sich offensichtlich die ein oder andere immaterielle Grenzziehung der (k)alten Krieger. Selbst im rekonstruktionsgeplagten Potsdam scheint das lange abrissbedrohte „Minsk“ nun erfreulicherweise als Museum für – sic! – ostmoderne Kunst zu überleben. Nach innen wohl in Form eines wertneutralen White-Cube, denn die belorussisch verantwortete Originalausstattung ist längst verlorengegangen. Hipster aller Länder vereinigt euch! (22.4.19)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Eisenach-Thälmannviertel, Elefantenrutsche, 1967 (Bild: Dk0704, CC BY SA 4.0, 2018)

Die ergraute Republik

Gestatten Sie, dass ich mit einem Gropius-Zitat beginne – obwohl moderneREGIONAL 2019 so wenig Bauhaus-Hype wie möglich betreiben will. Doch ein wunderbar passender Kommentar zum allgemeinen Beige-Grau-Elend, das uns landauf, landab in immer weiter wuchernden Eigentums-Wohnanlagen überkommt, stammt halt vom einstigen Kunstschul-Direktor: „Bunt ist meine Lieblingsfarbe“. Und aufs Bauhaus berufen sich Investoren-Hausarchitekten gerade sehr gerne. Paradoxerweise haftet ja der meist weißen Klassischen Moderne das Klischee der Farblosigkeit hartnäckig an – außer acht lassend, dass weiß sehr wohl eine Farbe ist. Wissenschaftlich gesagt, eine additive Mischung gleicher Intensitäten der Farben Rot, Grün und Blau. Wer es lieber popkulturell verifizieren mag, kann das Cover der Pink-Floyd-Schallplatte „Dark Side of the Moon“ studieren, auf dem ein weißer Lichtstrahl im Prisma aufgedröselt wird. Aber wir drohen, jetzt schon vom Thema abzukommen.

Gotische Kathedralen in rotem Sandstein, helle Fachwerkhäuser mit dunkel hervorgehobenem Gebälk, weiße Bauhaus-Kuben mit wohlgesetzten – bisweilen grellbunten – Farbakzenten. Auch der nüchterne International Style kam selten bleich daher. Von den poppig-schrillen späten 1970ern und den modischen Farbspielereien der Postmoderne ganz zu schweigen. Unterschiedlicher könnten die Baustile nicht sein, und doch eint sie die gezielt eingesetzte Farbe als Ausdrucksmittel. Warum ist nichts mehr davon übrig? Wann ist es aus der Mode gekommen, mit Farbe ein Bekenntnis abzugeben? Gefühlt wird sie heute als Beruhigungsmittel eingesetzt: Die Grundfarbe Weiß wird begleitet von beige, hellbeige, dunkelbeige, mittelbeige, graubeige, lichtgrau, hellgrau, mausgrau – pastell abgetönt und Ton für Ton aufeinander abgestimmt kommen sie daher, die Wohnkuben, in denen sich die Individualisten von heute wohlfühlen und selbst verwirklichen dürfen. So sie denn Geld haben, eine Wohnung dort zu kaufen.

Mittlerweile hat die blasse Einförmigkeit das öffentliche Bauen längst erreicht. Vergleichsweise junge, gestenstarke Gebäude wie der Berliner Hauptbahnhof oder das Frankfurter Museum für Moderne Kunst sind Zeugen einer vergangenen Ära. Selbst das Stuttgarter Porsche-Museum fällt nach 10 Jahren schon allmählich aus der Zeit. Heute stellt man lieber das Bauhaus-Erbe in Weimar in einen frisch errichteten Sarkophag. Der weder mit Humor noch mit Transparenz dem benachbartem pompös-klassizistischen NS-Gauforum eine architektonische Geste entgegenzusetzen vermag. Er versucht es stattdessen mit gleicher Wucht. Und das ist nicht unbedingt der Architektin Heike Hanada vorzuwerfen, deren Entwurf für das gerade eröffnete Bauhaus-Museum zigfach geändert wurde. Bis er genau das Elend ausdrückt, das die Baukultur (fast schon europaweit) erfasst hat: keine klare Position zu beziehen, keine eindeutigen Farbakzente zu setzen. Selbst die nachträgliche Entscheidung, Beton- statt Glaswände zu wählen, ist eher Reaktion denn Aktion. Sicher, eine klarer Standpunkt macht angreifbar. Grau-beiger Einheitsbrei hingegen sollte angegriffen werden. Das sah die Bauhaus-Schule doch auch schon so … (8.4.19)

Daniel Bartetzko

Neubau „Hoppegarten“ (Bild: immowelt.de)

Kalte Küche [durch die]

Nichts gegen weiche Entscheidungsprozesse, starke (alte, weiße) Männer haben wir schon genug. Doch das Geflecht aus Ahnungen und Halbinformationen, Beteuerungen und Appellen, das seit einigen Tagen Hamburg in Atem hält, droht wenig auszutragen – außer vielleicht einer im vielfachen Sinne teuren Baulücke. Da erfuhr die Öffentlichkeit am Montag indirekt aus einer getwitterten Störmeldung des Verkehrsverbunds, dass die Stadt ernst machen wolle mit dem Abriss des Cityhofs. Am Mittwoch erklärten die Behörden dann auf Anfrage der Presse, die Genehmigung sei bereits erteilt. Derweil verschoben die Parteien und Gruppierungen in ungewohnten Konstellationen den Schwarzen Peter für einen noch nicht vollzogenen Abbruch.

Ob der Chtyhof noch eine Chance bekommen wird, ob er bessere Chancen hätte, gäbe man ihm noch zwei/drei/vier Jahre Gnadenfrist? Wir wissen es nicht. Sicher scheint, dass die vier Hochhausscheiben nicht die letzten Opfer eines äußerst ungelenken Stadtumbaus bleiben werden. Die Liste der Hamburger Abbrüche ist lang und gerade mit den jüngeren Kandidaten wurde zumeist weit weniger Federlesen gemacht als mit dem Symbolbau Cityhof. Manchmal ist es nicht so sehr der baukünstlerische Wert, um den es schade wäre. Häufig wurde einfach die Gelegenheit vertan, sich für vorhandene Räume behutsam an neue Nutzungen heranzutasten. Oder hätte etwa beim Deutschlandhaus (wenn denn wirklich kaum noch Originalsubstanz vorhanden ist) nicht auch ein günstigeres Makeover ausgereicht?

Daher: Es lebe das Interim! Nicht jede Änderung wird gleich und sauber am grünen Tisch entschieden. Manchmal lohnt der Umweg über eine Zwischennutzung. Das muss nicht immer die Hipster-Stadtgartenkooperative sein. In Hamburg-Horn beispielsweise stand am Anfang eine Investorenpleite: Als die evangelische Gemeinde ihre nachkriegsmoderne Kapernaumkirche verkaufte, hoffte sie auf eine kulturelle Nutzung des ehemaligen Gottesdienstraums. Der neue Eigentümer bebaute zwar das Restgrundstück mit Wohnungen, ließ aber die Kirche brach liegen. Am Ende erwarb eine muslimische Gemeinde das Kulturdenkmal und verwandelte es in eine Moschee. Diesen Weg hätte wohl keiner der Beteiligten direkt gewählt, nun entwickelt sich hier – unter dem kollektiven Vergrößerungsglas – ein bundesweit einmaliges Projekt. Ausgang ungewiss, aber vieles sieht gut aus. Hamburg, es geht doch (und ginge noch beim Cityhof)! (22.3.19)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Hamburg, Cityhof (Bild: Oliver Elser und Andreas Muhs, CC BY NC ND, 2006, via flickr)