Zweimal Spätmoderne bitte!

Mainz, Rathaus (Bild: Symposiarc, GFDL oder CC BY SA 3.0-2.5-2.0-1.0)
Als Arne Jacobsen mal fünf Minuten nicht aufgepasst hat: die – sage wir einmal authentische – Weinstube im Mainzer Rathaus (A. Jacobsen/O. Weitling, 1974) (Bild: Symposiarc, GFDL oder CC BY SA 3.0-2.5-2.0-1.0)

Es gehört zu den selbsternannten Privilegien ehrenamtlicher Architekturblogger, die angenehmeren Modernetermine eines Tages um eine Käsewurst herum gruppieren zu dürfen. In diesem Fall gehörte der Vormittag der Tagung, mit der ICOMOS seine deutsche Gründung vor 50 Jahren im Mainzer Rathaus feiert. Am Abend beging das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt die Vernissage seiner Ferdinand-Kramer-Ausstellung. Und besagte Käsewurst fand sich auf dem Weihnachtsmarkt im Schatten des Mainzer Doms, wo natürlich auch eine tierfreie Champignonpfanne zu erwerben wäre.

 

„The invisible work“ (M. Kuipers)

So, oder zumindest so ähnlich stellt man sich eine UNO-Vollversammlung vor: Viele Delegierte, viele Sitzungen, viel international. Dazu mag auch der Veranstaltungsort, das Mainzer Rathaus (Arne Jacobsen/Otto Weitling, 1974), mit seinem kreisrunden Ratssaal beigetragen haben. Passend zum 50. Gründungstag von ICOMOS Deutschland stand die gesamte Tagung im Zeichen der jüngeren Denkmale und eine Expertenrunde widmete sich speziell der „späten“, der Postmoderne. Moderiert wurde die Sektion vom Architekten Alex Dill (DOCOMOMO, Karlsruhe), der sich neue Bewertungskriterien und gleich noch einen neuen positiveren Begriff für diese Stilepoche wünschte. Die Referentenliste war honorig: Die Architektin Ana Tostoes (DOCOMOMO, Lissabon) stellte die im besten Fall unsichtbare, weil Eingriffe verhindernde Arbeit der dortigen Moderneretter vor. Der Architekt Philipp Meuser (Berlin) reiste virtuell zur jüngeren Baukunst im orientalischen Teil der ehemaligen Sowjetrepublik. Und nicht zuletzt führte der Architekt Wilfried Posch (ICOMOS Österreich) durch das Werk seines Kollegen Roland Rainer (1910-2004).

 

„More than 10 million new projects“ (F. Kramer)

Schnitt. Das heutige, nachkriegsmoderne Frankfurt (oder das, was Revitalisierung und Wärmedämmung davon übrig gelassen haben) wäre ohne ihn nicht denkbar: Ferdinand Kramer (1898-1985). Schon vor dem Zweiten Weltkrieg hatte er unter und mit Ernst May am Neuen Frankfurt mitgebaut. Ins projektreiche amerikanische Exil gezwungen, kam Kramer nach Kriegsende so rasch als ihm möglich zurück und baute „sein“ Frankfurt wieder auf. Hier waren es als Baudirektor der Universität vor allem Räume für Forschung und Lehre. Dass Kramer dabei nicht immer zimperlich mit den baulichen Überlebenden des Kriegs umging, zeigt eines der augenzwinkernden Exponate der Ausstellung: ein Sandsteinfuß. Diesen schickte Kramer einem seiner Kritiker, denn für den neuen Haupteingang zum historischen Universitätsbaus hatte er ein neubarockes Portal beräumen lassen.  Auf diesen Rest des baulichen Vorgängers klebte und unterschrieb Kramer die Nachricht: „Dem Empörten zum Trost! Vom Barbar. Dieser Stein fiel mir vom Herzen am 17. 5. 53, 17 Uhr nachmittags.“

 

„Dem Empörten zum Trost!“ (F. Kramer)

Frankfurt am Main, Philosophicum (Bild: Privatarchiv Kramer, Foto: Ferdinand Kramer)
Ferdi Kramer fotografiert Ferdi Kramer: einer seiner radikal schlichten und hochdemokratischen, heute oft missverstandenen Frankfurter Universitätsbauten, das Philosophicum (Bild: Privatarchiv Kramer, Foto: F. Kramer)

Der Kampf für die späten Blüten der Moderne, darin waren sich beide Veranstaltungen mehr als einig, drängt. Man nehme allein das Mainzer Rathaus, das heute ebenso denkmalgeschützt wie umstritten ist. Auch die Frankfurter Kramer-Bauten stehen mitten im Umbruch: Erste wurden abgerissen, das Philiosphicum wird aktuell für Wohnzwecke umgestaltet und die Mensa dient jüngst als Unterkunft für Flüchtlinge. Was also tun? Keiner der Akteure hatte ein Patentrezept, aber alle empfahlen das genaue Hinsehen: Was steht, was passiert in meinem näheren Umfeld? In diesem Sinne: Besuchen Sie die Kramer-Ausstellung und seine verbliebenen Bauten. Flanieren Sie durch das Mainzer Rathaus – und es spricht sicher nichts gegen einen kulinarischen Abstecher in Domnähe. (db/kb, 27.11.15)

„Nicht schubsen. Treten!“

Ich war auf einer Kirchbautagung. Es war sogar eine von den schönen – mit klugen Menschen, kalten Getränken und warmen Gesprächen. Wir haben uns gegenseitig unsere neuesten Bücher vorgestellt, haben fleißig diskutiert und waren uns furchtbar einig, dass jede gute moderne Kirche unsere Schützenhilfe braucht. Dass wir nicht nur emsig forschen, sondern die Entscheidungsträger im Dienst der guten Sache auch mal „schubsen“ müssen. Am Ende sollte eine pensionierte Kollegin alles auf den Punkt bringen und uns in den Abend verabschieden. Sie schloss mit dem ihr eigenen energischen Erstaunen darüber, wie verzagt der akademische Nachwuchs geworden sei. Gegen Borniertheit helfe nur Entschlossenheit: „Nicht schubsen. Treten!“

 

Früher hatten wir Lagerfeuer, …

Frankfurt am Main, Kirchentag, 1975 (Bild: B 145, Bild F045686-0005, CC BY SA 3.0)
Wunderbar geborgen? H. Schmidt, L. Funcke und E. Maseberg 1975 auf dem 16. Evangelischen Kirchentag in Frankfurt (Bild: B 145, Bild F045686-0005, CC BY SA 3.0)

Vieles ließe sich einwenden. Dass es sich mit einer sicheren Beamtenpension leicht zur Revolution aufrufen lässt. Dass das alles heute viel komplizierter ist. Denn eines ist unbestreitbar: Die Zeiten haben sich geändert. Wir wurden religiös sozialisiert von denen, die der kürzlich verstorbene Kirchenbauer Helmut Striffler die „Gitarrenspieler und Flaschenbierverkäufer“ nannte. Von den friedensbewegten Pastoren, die uns keine Märchen vom Christkind mehr verkaufen wollten. Und uns stattdessen am christlichen Lagerfeuer vorsangen, was das weiche Wasser mit dem Stein macht. Also warfen wir selbigen nicht mehr gegen die Dinge, die uns hätten kaputtmachen können, sondern ins Wasser und warteten auf die versprochenen Kreise – teilweise bis heute.

 

… heute haben wir Angst

Heute haben wir Angst, die Stelle zu verlieren (oder gar nicht erst zu bekommen), einen Auftraggeber zu vergraulen (oder gar nicht erst zu finden). Angst vor „den“ Entscheidungsträgern, vor Vater Staat und Mutter Kirche. Denn beide schließen sich gerade zur jeweils eigenen Wagenburg zusammen. Längst sind die Nischenstellen (vom universitären Perlenfach bis zum Jugenddiakon) für Elfenbeintürmer und geistbegabte Sonderlinge wegrationalisiert. Längst sind alle Räume (vom zuschussbedürftigen Bürgerhaus bis zum herben Kirchenzentrum) auf ihre Verwertbarkeit hin katalogisiert – und erste Exemplare aussortiert. Je kälter der Wind der gesellschaftlichen Bedeutungslosigkeit um die institutionellen Nasen weht, desto eisiger werden die dazugehörigen Gesichter am Verhandlungstisch. Entscheidungen werden hier nicht mehr getroffen, sondern mitgetragen. Verantwortung wird nicht mehr übernommen, sondern höchstens noch geteilt.

 

Gegen Gummiwände rennt sich schlecht

Die britische Armee fertigt Molotowcocktails gegen die deutsche Invasion von 1940 (Bild: Kessell, IWM Non Commercial Licence)
Statt Apfelbäumchenpflanzen: Soldaten der britischen Armee fertigen 1940 Molotowcocktails in Serie gegen die gefürchtete Invasion der deutschen Kriegskollegen (Bild: Kessell, IWM Non Commercial Licence)

Der Beton der 1970er Jahre brannte schlecht, aber er ließ sich wenigstens sprengen (Liebe Immobilienentwickler, das ist eine Metapher!). Noch nicht einmal heldenhaft blaue Augen gibt es bei unseren heutigen Gummiwänden – und selbst die hat man längst in „Weichzelle“ umbenannt, damit sich auch wirklich niemand daran stößt. Vielleicht gründet die Scheu vor dem Aufstampfen nicht nur in unserer anersungenen Beißhemmung. Vielleicht liegt es auch an dem, was der Journalist Ruben Donsbach den „neoliberalen Schaumteppich“ nennt. Gegen gesamtgesellschaftliche Watte hilft weder Treten noch Schubsen. Vielleicht Pusten? Dann wird bestimmt alles wieder gut! (kb, 19.11.15)

Offener Brief zum Cityhof Hamburg

Der Hamburger Cityhof in den 1950er Jahren
Einst blendend weiß: der Cityhof beim Hamburger Hauptbahnhof in den 1950er Jahren

Es ist unser erster – Offener Brief. Aber bei diesem Anlass mussten wir einfach: Am 11. November 2015 haben ICOMOS Deutsches Nationalkomitee Bund Heimat und Umwelt in Deutschland den folgenden Offenen Brief an Olaf Scholz, Erster Bürger der Freien und Hansestadt Hamburg, gesendet, dem wir uns hiermit gerne und mit großer Überzeugung anschließen. (db, kb, jr, 11.11.15)

 

Sehr geehrter Herr Erster Bürgermeister,

mit großer Sorge haben wir die unerwartete Nachricht aus der Freien und Hansestadt erhalten, dass nunmehr die Finanzbehörde dem Senat vorschlagen will, die Bürgerschaft darüber entscheiden zu lassen, dass das Grundstück einem Bewerber anhand gegeben wird, der den Abbruch des Baudenkmals und eine Neubebauung des Grundstücks projektiert. Wir halten diese jüngste Entwicklung um die Zukunft dieser landeseigenen Denkmalimmobilie nicht nur aus konservatorischer Sicht für kontraproduktiv, sondern auch im Verfahren und im Ergebnis dem Ansehen der jungen Welterbestadt Hamburg für abträglich. Wir möchten Sie und den Hamburger Senat dringend bitten, diese Vorentscheidung der Hamburger Finanzbehörde grundsätzlich zu überdenken und eine offene wie öffentliche Diskussion um die Zukunft des Baudenkmals zu ermöglichen.

Vor dem Hintergrund der fachlich verschiedentlich bestätigten Denkmaleigenschaft des Bauwerks und seiner prominenten Lage in der Pufferzone des im Juni 2015 als Welterbe eingetragenen Kontorhausviertels steht die nunmehr publik gewordene Abrissabsicht im eklatanten Widerspruch zu der Vorbildrolle der Freien und Hansestadt Hamburg als Denkmaleigentümer und zu der Selbstverpflichtung, im Welterbekontext behutsam mit der Erhaltung und Entwicklung des kulturellen Erbes umzugehen. Mit der offensichtlich beabsichtigten oder wenigstens akzeptierten Eliminierung eines über Hamburg hinaus bedeutenden Großstadtdenkmals der Nachkriegs- und Wiederaufbauzeit würde die Finanzbehörde einreißen, was die Kulturbehörde kürzlich mit ihrem erfolgreichen Welterbantrag für die Speicherstadt und das Kontorhausviertel aufgebaut hat. Der Freien und Hansestadt droht ein erheblicher Glaubwürdigkeitsverlust in das Bekenntnis zu Denkmalschutz und Denkmalpflege.

Hamburg, Cityhof (Bild: Hagen Stier)
Heute grau verkleidet: der Hamburger Cityhof (Bild: Hagen Stier)

Auch passen die geplante Vernichtung einer innerstädtischen Großanlage, zu deren Errichtung ein erheblicher Energieaufwand erforderlich war, und ein ebenfalls Energie verschlingender Ersatzbau kaum mehr in die heutige Zeit mit ihrer Forderung nach einer bestandsorientierten und ressourcenschonenden Stadtentwicklung. Die diskutierte Schaffung innerstädtischen Wohnraums und dessen Verknüpfung mit anderen urbanen Funktionen ließe sich auch bei Verzicht auf eine Neubaulösung erzielen, ebenso eine kreative ästhetische Aufwertung des denkmalgeschützten Bauwerks und der Außenräume. Dies haben jüngst auch viele Entwürfe aus dem Kreis der Hochschulen (Rudolf-Lodders-Preis 2015 und Accademia di architettura Mendrisio/Universita della Svizzera italiana – Prof. Martin Boesch) nachgewiesen. Hier könnte Hamburg ein zeitgemäßes Zeichen für ein modernes städtebauliches und stadtökonomisches Denken setzen, statt auf die Abrisskarte zu setzen.

Schließlich steht das von den zuständigen Hamburger Behörden gewählte Bewertungs- und Auswahlverfahren in der Kritik der Öffentlichkeit und der Fachwelt aus Architektur und Denkmalpflege. Mit der Verabschiedung eines Transparenzgesetzes hat sich Hamburg an die Spitze der Körperschaften gesetzt, die Bürgerinnen und Bürgern Einblick in das Verwaltungshandeln ermöglichen und Chancen kompetenter Mitwirkung eröffnen wollen. Auf keinen Fall darf der Eindruck entstehen, dass Verwaltung und Politik „in eigener Sache“ die hoch gehaltenen Regularien eines transparenten Bieterverfahrens verletzen könnten. Ein Neustart des Verfahrens um das Grundstück am Klosterwall bietet die Möglichkeit, eine bereits in die öffentliche Kritik geratene Verfahrens-und Denkmalkultur zu rehabilitieren. Die Unterzeichner dieses Offenen Briefs appellieren an Sie persönlich und an den Senat der Freien und Hansestadt Hamburg, dem Neuanfang des beschädigten Verfahrens und der Erhaltung und Revitalisierung des City-Hofes eine Chance zu geben.

 

Mit freundlichen Grüßen

ICOMOS Deutsches Nationalkomitee

Bund Heimat und Umwelt in Deutschland

moderneREGIONAL – Online-Magazin zu Kulturlandschaften der Nachkriegsmoderne