Pützer: Eine Kirche fürs Tintenviertel

Darmstadt, Pauluskirche (Bild: Karin Berkemann)
Darmstadt, Blick über den Paulusplatz (Bild: K. Berkemann)

Mit halben Sachen gab sich der Architekt Friedrich Pützer (1871-1922) nicht zufrieden – und in Darmstadt bekam er die Chance, eine Kirche auf einen ganzen Platz zu beziehen. Als das Dorf Bessungen 1888 eingemeindet wurde, entstand ein neues Wohnviertel für die beamten- und gelehrtenlastige Bürgerschaft. Für die neue Predigtstätte des „Tintenviertels“ hatte Pfarrer Hermann Rückert sehr genaue theologische Vorstellungen. Die Gemeinde und die – ebenfalls in Darmstadt residierende – Kirchenleitung stritten um die beste Lösung, wozu der ausgleichende Pützer passgenaue Pläne zeichnete. Am 29. September 1907 schließlich konnte der Bau auf längsrechteckigem Grundriss eingeweiht werden. Ihn rahmen nach Süden das Pfarrhaus und eine Treppenanlage, nach Osten der Kirchturm und das Küsterhaus.

 

 

Modern gedacht und vielfältig genutzt

Vom Paulusplatz kommend, den Pützer als gestalterische Fortsetzung des Kirchhofs wesentlich mit geprägt hat, betritt man zwischen Pfarrhaus und Kirche zunächst einen kleinen Vorplatz mit Brunnen. Ein repräsentativer Treppenaufgang erschließt den tonnengewölbten Gottesdienstraum, der nach Norden auf den erhöhten Chor zielt, wo man Altar, Kanzel und Steinmeyer-Orgel übereinander gruppierte. Zur reichen künstlerischen Ausstattung trugen u. a. die Bildhauer Augusto Varnesi (1866-1941) und Robert Cauer (1863-1947) sowie die (Glas-)Maler Heinrich Altherr (1878-1947) und Paul Gathemann bei. Im Untergeschoss konnte Pützer einen Gemeinde- und einen Konfirmandensaal unterbringen, wo durchdachte Details wie Verankerungen für Reck und Barren eine breitgefächerte Nutzung erlaubten.

 

Zerstört und in die Nachkriegszeit überführt

Die kriegsbeschädigte Kirche wurde 1948 in schlichter Form wiederhergestellt, um 1957 durch die Architekten Karl Gruber und Fritz Soeder sowie den (Glas-)Maler Helmuth Uhrig im Geist des Rummelsberger Programms (1951) umgestaltet zu werden: Die Kanzel rückte zur Seite, Chor und Schiff erhielten ein neues Bildprogramm und zuletzt landete die neue Schuke-Orgel (1968) auf die Südempore. Mit der Darmstädter Pauluskirche dürfte Pützer auch für die Kirchenleitung seine architektonische wie konfessionelle Eignung außer Frage gestellt haben: 1908 wurde er zum evangelischen Kirchenbaumeister im Großherzogtum Hessen ernannt. Zugleich hat der Darmstäter Bau – neben der Frankfurter Matthäuskirche (1905/55) – unter den Pützer-Kirchen die stimmigste (Um-)Deutung der Nachkriegszeit erfahren, die sich mit Pützers Architektur heute zu einer im besten Wortsinn modernen Kirche verbündet. (kb, 7.8.15)

Vom 6. September bis 11. Oktober 2015 ist in der Kunsthalle Darmstadt eine Ausstellung über Friedrich Pützer zu sehen. Begleitend erscheint ein Katalog.

 

Literatur und Quellen

Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Objektakte

Evangelische Paulusgemeinde Darmstadt, Pfarrarchiv

Die Pauluskirche. Eine Festschrift zur Einweihung am 29. September 1907, Darmstadt 1907 [Faksimile: Darmstadt 1992]

Fünfzig Jahre Pauluskirche zu Darmstadt. Festschrift, hg. vom Kirchenvorstand der Evangelischen Paulusgemeinde zu Darmstadt, Darmstadt 1957

Endemann, Traute u. a. (Bearb.), 75 Jahre Pauluskirche (Mittteilungen aus der Paulusgemeinde), Darmstadt o. J. [1982]

Britz, Emil u. a. (Bearb.), Die Chronik der Evangelischen Paulusgemeinde Darmstadt. 1902–1997, Darmstadt 1997

Jäger, Wolfram, Die Pauluskirche in Darmstadt (Sonderheft des Gemeindebriefs der Paulusgemeinde Darmstadt), Darmstadt 2007

Gehrig, Gerlinde, Friedrich Pützer und das Paulusviertel in Darmstadt (Quellen und Forschungen zur hessischen Geschichte, 169), Darmstadt 2014

Ein Raumflugplanetarium im Umbruch

Luftaufnahme des Raumflugplanetariums "Sigmund Jähn" aus der Bauzeit (Bild: Stadtarchiv Halle, Foto: Josef Münzberg)
Luftaufnahme des Raumflugplanetariums „Sigmund Jähn“ in Halle (Saale) aus der Bauzeit (Bild: Stadtarchiv Halle, Foto: Josef Münzberg)

Die Stadt Halle möchte mit Fluthilfe-Fördergeldern ein neues Planetarium im stillgelegten Gasometer der größten Saale-Insel bauen: ein vielversprechendes Projekt. Denn seit der Errichtung von Halle-Neustadt ist die durch große Brachen gekennzeichnete Saline-Insel das geographische Zentrum der Doppelstadt. Ihre „Revitalisierung“ würde das Zusammenwachsen der beiden Stadthälften positiv beeinflussen. Das frühere Raumflugplanetarium „Sigmund Jähn“ (1976-78) steht dagegen in einem schlecht angebundenen Naturschutzgebiet der kleineren Peißnitzinsel. In den letzten Jahren war es zweimal vom Hochwasser betroffen, wobei die Flut 2013 auch noch den teuren Projektor beschädigte. Da die Stadt sich für dieses eigenwillige Bauwerk keine andere Verwendung vorstellen konnte (und daher den weiteren Unterhalt nicht übernehmen wollte), zielte ihr Fluthilfeantrag auf einen „Ersatzneubau“. Man erklärte den Altbau zum „wirtschaftlichen Totalschaden“ und sah eine Abbruchförderung vor.

 

Einmalige Betonschalen-Sonderkonstruktion

Im Zuge der immer konkreter werdenden Abrisspläne wurde jedoch – auf Initiative des Arbeitskreises Innenstadt e. V. sowie der Freunde der Bau- und Kunstdenkmale Sachsen-Anhalt e. V. – intensiv über den hohen baukünstlerischen Wert und die konstruktiven Details dieser Anlage diskutiert: Entworfen vom Architekten Klaus Dietrich (1937-86) zusammen mit dem Bauingenieur Herbert Müller (1920-95), verfügt die Anlage nicht nur über HP-Schalen auf dem Dach und vorgeblendete HPZ-Zylinderschalen an der Fassade des Sternwarten-Anbaus. Das kegelförmige, speziell für die Sternenshow des „Spacemaster“-Projektors konzipierte Planetarium besteht auch noch aus einer einmaligen Betonschalen-Sonderkonstruktion.

Als das Landesamt für Denkmalpflege Sachsen-Anhalt daraufhin das Planetarium im Juni 2015 als Baudenkmal unter Schutz stellte, modifizierte die Stadt Halle ihre Pläne lediglich verbal: zu einem „denkmalgerechten Rückbau“. Ende des Monats beschloss der Finanzausschuss, die dafür notwenigen Mittel in den Haushalt einzustellen. Dabei wurde ein Antrag auf Erhalt des Gebäudes abgeschmettert und eine weitere Sitzung, welche die völlig neuen Rahmenbedingungen näher untersuchen könnte, gar nicht erst anberaumt.

 

Zukunft als Architektur-Skulptur?

Denn ein Abriss kann jetzt – so die Auskunft des Landesamtes für Denkmalpflege – nur noch nach einer Genehmigung durch die Obere Denkmalschutzbehörde (Landesverwaltungsamt) erfolgen. Dafür muss die Stadt nachweisen, dass sie als Eigentümer alle Erhaltungs- und Veräußerungsmöglichkeiten ausgeschöpft hat. Sollten sich genug aktive Freunde der Nachkriegsmoderne finden, die sich für die Sicherung als Architektur-Skulptur stark machen, dürfte dies nicht förderschädlich für das neue Planetarium sein: Die Förderrichtlinien des Fluthilfefonds zwingen nicht zum Abriss. Um den (noch nicht bewilligten) Zuschuss von rund 6,8 Millionen Euro für den Ersatzbau nicht zu gefährden, ist es bis zum Ende der Bindefrist jedoch ausgeschlossen, das alte Planetarium zu nutzen. Der Denkmalstatus bietet jetzt allerdings die Chance, in Ruhe konkrete langfristige Perspektiven für dieses ostmoderne Bauwerk zu entwickeln. (ts, 12.7.15)

Gebaute Gymnastik (mit Waggonwohnen)

Loheland, Leuchte (Bild: K. Berkemann)
Selbst die Leuchten nähern sich der Natur (Bild: K. Berkemann)

Es geht nicht um „Bauch-Beine-Po“ (das hätten die Loheländerinnen mit Naserümpfen als „hygienische Übung“ entlarvt), es geht um eine Gymnastik, die den ganzen Mensch in Bewegung setzen will. Vom 29. bis 30. Mai 2015 trafen sich Kunsthistoriker, Kulturwissenschaftler und Architekten in Loheland bei Fulda, um sich mit der Tagung „Die Frauensiedlung Loheland im Kontext der Moderne des 20. Jahrhunderts“ dem gebauten Ausdruck dieser Körperbildung anzunähern. Nach sieben Jahren voller Provisorien konnten Louise Langgaard und Hedwig von Rohden – beide reformbewegte Gymnastinnen mit Kontakt zu Rudolf Steiner – ihrer Lehre 1919 endlich einen festen Ort geben. Heute gilt Loheland als die älteste anthroposophische Siedlung Deutschlands, die u. a. auf Planungen des Gartenarchitekten Max Karl Schwarz zurückgeht. Einige der Bauten, die hier in den folgenden Jahrzehnten entstanden, ersetzten den rechten Winkel durch viel Fantasie. Doch daneben war ebenso Platz für viele schlaue Provisorien und ungewöhnliche Einzellösungen.

 

Evahaus, Franziskusbau und Waggonia

Zu Beginn der Tagung, zu der das Landesamt für Denkmalpflege Hessen und die Loheland Stiftung eingeladen hatte, näherten sich die Teilnehmer dem Thema nicht nur mit den Ohren (man trug vor und diskutierte), sondern ganz „loheländisch“ auch mit den Füßen (man erkundete die gewachsene Streusiedlung). Zunächst hatten die Loheländerinnen die notwendigsten Räume geschaffen: das Holzhaus für die Landwirtschaft (1919), den Rundbau für die gymnastischen Übungen (1920), Wohnhäuser, Werkstätten und Trafostation (1923) – und erste prägende Steinbauten wie das hochaufragende Evahaus (1924), das organische Steinhaus (1925) und den expressiven Franziskusbau (1925/1982).

Der zweite Tagungstag beleuchtete die Geschichte der Bauten und ihrer Gemeinschaft und stellte beide in ihren zeitlichen Kontext: von der osteuropäischen Künstlersiedlung bis zu den Werkstätten Hellerau. In Loheland selbst handelte man in der Lehre konsequent, im Leben pragmatisch. Im regen Austausch mit den Anthroposophen, dem Bauhaus oder dem Werkbund erarbeitete man sich in den 1920er Jahren einen guten Ruf. Man bildete eine ganze Frauengeneration im Sinne einer ganzheitlichen Wahrnehmungsschulung und betrieb erfolgreich kunstgewerbliche Werkstätten. Auch die Loheländer Tänzerinnen, allen voran Eva-Maria Deinhardt und Berta Günther, erregten Aufmerksamkeit. Baulich halfen günstige Holzbauten durch die wirtschaftsschwachen Jahre: wie die charmante Post (1927) oder die experimentelle „Waggonia“ (1927), eine holzverkleidete Verbindung von vier Vierte-Klasse-Eisenbahnwaggons.

 

Durch den Krieg, nach dem Krieg

Nach 1933 suchte Loheland einen Mittelweg: Man bildete für das neue Regime Gymnastiklehrerinnen aus und blieb zugleich eines der letzten Refugien für bombengeplagte Freidenker. Nach Kriegsende wurde weiter gelehrt und gebaut – vom Wiesen- (1958) bis zum Giebelhaus (1962). Langsam gewann die Waldorfschule mit ihren Um- und Neubauten der 1980er Jahre an Bedeutung. Ein Versuch, die ruhende Gymnastinnen-Ausbildung wiederzubeleben, endete 2009 (vorerst) endgültig. Geblieben sind markante Bauten, für die auf der Tagung durch die Denkmalpflege das Konzept der Gesamtanlage vorgestellt wurde: Schutz für das gesamte Gelände und seine Bauten (letztere teils als Einzelkulturdenkmäler). Es soll eine Reihe von Fachtagungen rund um Loheland folgen, stellt es doch – so der Einladungstext zur ersten Konferenz – „in seiner ideellen und gebauten Idee ein Gesamtkunstwerk von herausragender kulturgeschichtlicher Bedeutung dar.“ (kb, 30.5.15)

 

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