Eine geheime Geschichte der Moderne

Fidus, Der Tempel der Erde, 1901, Druck 40 × 50 cm (© ehemals Eugen Lucius, Frankfurt am Main/Courtesy Villa Grisebach, Berlin/VG Bild-Kunst Bonn, 2015)
Fidus träumte 1901 von einem „Tempel der Erde“ (© ehemals Eugen Lucius, Frankfurt am Main/Courtesy Villa Grisebach, Berlin/VG Bild-Kunst Bonn, 2015)

Sie wollten nicht weniger als eine neue Welt bauen: In der Ausstellung „Künstler und Propheten. Eine geheime Geschichte der Moderne 1872-1972“ beleuchtet die Schirn in Frankfurt am Main bis zum 14. Juni 2015 ein unbekanntes Kapitel der europäischen Kunstgeschichte. Sie enthüllt die Wechselbezüge zwischen Künstlern der Moderne und selbsternannten „Propheten“. Anschaulich wird dies anhand von rund 400 Exponaten u. a. von František Kupka, Egon Schiele, Johannes Baader, Heinrich Vogeler, Friedrich Schröder-Sonnenstern, Friedensreich Hundertwasser, Joseph Beuys oder Jörg Immendorff.

 

Von Kohlrabi-Aposteln und Inflationsheiligen

Im deutschsprachigen Raum bildete sich um 1872 eine Bewegung von Künstler-Propheten – religiöse Abweichler und Sozialrevolutionäre zugleich. Von einer schweren Erkrankung genesen, wandte sich der Maler Karl Wilhelm Diefenbach (1851-1913) einer vegetarischen Lebensweise und freireligiösen Gedankenwelt zu. Der Bart- und Kuttenträger wurde zum „Urvater“ der frühen Künstlerpropheten, die sich in seinen wechselnden Kommunen die Klinke in die Hand gaben: so der von ihm Fidus genannte Illustrator Hugo Höppener (1868-1948) oder der sich selbst inszenierende Wanderprediger Gustav Nagel (1874-1952).

Später trieb die Inflation den neuen Heiligen ihre Anhänger scharenweise in die Arme. Der – anfangs ebenfalls Diefenbach nahestehende – Gusto Gräser (1879–1958) zog sich ins verwunschene Tessin zurück, ließ sich „Gras“ nennen (kein Individuum solle im Plural gerufen werden), verteilte selbstgemalte Sinnpostkarten und hinterließ eine nachhaltige Wirkung in der Künstlerelite, darunter der Dichter Hermann Hesse. Auch Pioniere der modernen Malerei zehrten von der Bilderwelt der Künstlerpropheten – von der Abstraktion eines František Kupka (1871–1957) bis zum Menschenbild eines Egon Schiele (1890-1918). Und Seelenfänger wie Friedrich Muck-Lamberty (1891–1984) zogen mit ihrer „Neuen Schar“ singend und tanzend durch die Republik.

 

Von Kommunisten und Ökoromantikern

Aus den Anfängen der Künstlerpropheten und ihren skurrilen Blüten in der Weimarer Republik wagt die Frankfurter Ausstellung einen Bogen in die deutsche Nachkriegszeit. Nach dem Krieg positionierte sich der Maler Friedrich Stowasser alias Friedensreich Regentag Dunkelbunt Hundertwasser (1928-2000) als Parade-Ökologe mit der Tendenz zum spiraligen Gesamtkunstwerk. Oder – mit nicht weniger politischem Konfliktpotenzial – inszenierte sich Joseph Beuys als neuer Messias und Träger der einzig wahren Revolution.

Der Ausstellung gelingt ein mutiger Brückenschlag. Man folgt dem nicht enden wollenden Fries von Diefenbachs süßlich-gekonnten Kinderbildern in die nebeldurchzogenen Ägyptenfantasien eines Kupka. Man begreift mit vielen Bild- und Tondokumenten, wie schmal der Grat zwischen skurrilem Nerd und gefährlichem Seelenfänger in der Weimarer Republik verlaufen konnte. Und man steht ebenso belustigt wie fasziniert vor dem hohen Anspruch der kommunistisch-ökologischen Welterneurer eines steif gewordenen Nachkriegsdeutschlands. Eine Fülle an Bildern und Texten, die wohl mehrere Besuche braucht, um sich in all ihren Verästelungen und Verknüpfungen zu erschließen. (kb, 4.4.15)

Das vergessene Autohaus

1975 schlossen sich die Türen des Autohauses Hausmann in Passau. Im Februar 2015 gab es noch einmal die Chance, eine Zeitkapsel zu betreten (Bild: Stephan Lindloff)
1928 wurde das Autohaus Hausmann in Passau eröffnet. 1975 schlossen sich seine Türen für die folgenden 40 Jahre. Im Februar 2015 wurde es ausgeräumt – und mR war mit der Kamera dabei (Bild: Stephan Lindloff)

Ein Stück Automobil-, Familien- und Architekturgeschichte konnte im Februar 2015 ein letztes Mal besucht werden: Das 1928 eröffnete Autohaus Hausmann in der Passauer Theresienstraße gehörte einst zu den größten Ford-Händlern Bayerns. Mitte der 1960er wechselte man die Marken und stieg um auf Peugeot, Simca und British Leyland. 1975 war Schluss in der City, eine Filiale am Stadtrand wurde zum Hauptsitz. In der Theresienstraße parkten fortan Neufahrzeuge im Erdgeschoss. Die oberen Etagen des Gebäudes betrat außer dem Seniorchef nur noch der Stromableser. Otto Hausmann starb 1987, das Autohaus machte um 1992 komplett dicht – und keine Schraube, kein Fahrzeug, kein Möbelstück und keine Akte sollten mehr die Hallen verlassen.

 

Als wäre sämtliches Leben eingefroren

Anfang 2015 starb die letzte Besitzerin des Hausmann-Imperiums. Ein Enkel erbte die beweglichen Gegenstände in der Theresienstraße – nicht aber die Immobilie selbst. Deren Räumung war so faszinierend wie beklemmend. Auf vier Etagen herrschte geschätzt das Jahr 1960. Gleichwohl schien sämtliches Leben eingefroren: Kassenzettel, Prospekte, Arztberichte, Tageszeitungen, mit der Grußformel „Heil Hitler“ unterzeichnete Geschäftspost der 1930er – wirklich alles fand sich in den berstend vollen Aktenschränken. Den Autofan begeisterten ein dutzend Oldtimer und ein Ersatzteillager, nach dem sich jeder Restaurator die Finger lecken würde. Für den Architekturliebhaber boten sich Bakelitschalter und -steckdosen, Terrazzoböden, Neonröhren en masse sowie der Einblick, wie im Lauf der Jahre ein Altstadthaus sukzessive zum Autosalon umgebaut wurde.

 

Als Kulturerbe ist das Autohaus nun verloren

Der Ursprungsbau in der Theresienstraße dürfte aus dem 19. Jahrhundert stammen. Heute ist er nur noch an einem Gewölbekeller ablesbar – und an Fotos, die beim Ausräumen auftauchten. Nach dem Krieg wurde er aufgestockt und der ohnehin sparsame Fassadenschmuck entfernt. 1954 erfolgte die letzte Umgestaltung, bei der die alten Holzstiegen durch eine zentrale Treppe ersetzt wurden und die Fassade ihre Bandfenster erhielt – so sollte es bis in diese Tage bleiben. Als Kulturerbe ist das Autohaus Hausmann nun verloren und droht sogar, zum Zankapfel zu werden: Noch während der Räumung wurde von Seiten anderer möglicher Erben eine einstweilige Verfügung erwirkt, laut der dem Enkel vorerst der Zutritt zum Haus verwehrt wird. Die Türen in der Theresienstraße sind im Moment wieder zu. (db, 15.3.15)

 

WDWM in Dortmund

"Welche Denkmale welcher Moderne", Frühjahrstagung 2015 in Dortmund (Bild: K. Berkemann)
Der Forschungsverbund traf sich an der TU Dortmund (Bild: K. Berkemann)

„Welche Denkmale welcher Moderne?“: eine große Frage, der sich die Frühjahrstagung des gleichnamigen Forschungsverbunds vom 12. bis zum 13. März 2015 in Dortmund widmete. Genauer gesagt ging es den Veranstaltern – der Bauhaus-Universität Weimar und der Technischen Universität Dortmund – ums Erfassen, Bewerten und Kommunizieren von Nachkriegsmoderne. Der erste der insgesamt fünf Themenblöcke kreiste um die Denkmalerfassung von Baukunst nach 1945. Aus verschiedenen innereuropäischen Blickwinkeln schilderten die Referenten – Katja Hasche und Torben Kiepke aus Weimar, Michael Hanak aus Zürich und Marieke Kuipers aus Delft – die unterschiedlichen Herangehensweisen. Braucht ein guter Bau im einen Land 30 bis 50, genügen im andere kaum zehn Jahre bis zum Denkmalschutz.

 

Die DDR, der Denkmalwert und die Migranten

Die Referenten der zweiten Gruppe – Simone Bogner aus Weimar, Hans-Georg Lippert aus Dresden sowie Sandra Uskokovicz und Boris Bakal aus Dubrovnik bzw. Zagreb – beleuchteten das Tagungsthema mit Blick auf den Staatssozialismus: „Wie schuf und wie behandelten Systeme wie die DDR ihre eigenen Denkmale?“. Im Anschluss stellten acht Nachwuchswissenschaftler im „Forschungsfenster“ in kurzen Schlaglichtern ihre Projekte vor, die am Rande der Tagung ebenso auf Postern erkundet und diskutiert werden konnten: von den Planungsphasen der Berliner U-Bahn über die Industriearchitektur der DDR bis zur Frage, wie sich die Architekturdebatte der 1970er Jahre ganz konkret in ausgewählten Siedlungen des Ruhgebiets niederschlug.

Im dritten Themenblock „Denkmalbegriff erweitert“ knüpften die Referenten – Ingrid Scheuermann aus Dortmund, Dietmar Schenk aus Berlin und Bernhard Serexhe aus Karlsruhe – nicht allein an die Diskussion des Europäischen Denkmaljahrs 1975 an. Sie fragten auch danach, worin ein Denkmalwert künftig liegen könnte. Im vierten und vorletzten Schwerpunkt beleuchteten die Referenten – Carsten Müller aus Weimar, Lika Sharifi Sadegh und Laura Torreiter aus Weimar – die Rolle der Einwanderer. „Was ist geblieben von denen, die geblieben sind“ – hatten Migranten wirklich fassbaren, „materiellen“ Einfluss auf die bauliche Gestaltung der Nachkriegsjahrzehnte?

 

Großbauten, Heimat und ein Ausblick

Zuletzt kehrten die Referenten der fünften Einheit – Sonja Hnilica aus Dortmund, Silke Langenberg aus München sowie Angelika Schnell und Lisa Schmidt-Colinet aus Wien – zu den großen Fragen und Bauten zurück. Welche Zukunft haben Großformen und Megastrukturen, nutzt oder schadet Denkmalschutz ihrem Erhalt? In der abschließenden Diskussionsrunde suchten Kooperationspartner des Forschungsverbunds von Bonn bis Breslau nach Perspektiven für das Forschungsvorhaben: Heimat, so Martin Bredenbeck vom BHU, könne neu bestimmt werden als „der Ort, mit dem ich tiefe Gefühle verbinde, an dem ich in Beziehung mit anderen trete und für den ich ganz konkret Verantwortung übernehme“. Ein hohes Ziel, das – so Barbara Welzel (Dortmund) – nur in enger Zusammenarbeit mit den Schulen umzusetzen sei. (kb, 13.3.15)