Andere Räume?

AUSZEICHNUNG: Mannheim-Käfertal, Philippuskirche (Foto © Wüstenrot Stiftung)ftung
Eine der beiden Auszeichnungen erhielt die evangelische Philippuskirche (1963 Wolfgang Handreck, Umbau durch Veit Ruser und Partner, Karlsruhe) in Mannheim-Käfertal (Foto © Wüstenrot Stiftung)

“Was man nicht nützt, ist eine schwere Last.” Goethe, natürlich, womit sonst könnte man eine deutsche Preisverleihung würdiger eröffnen. Die Kunsthistorikerin Kerstin Wittmann-Englert tat dies aus gutem Grund, denn aus ihrer Sicht haben wir – so der bekanntere Anfang des Faustzitats – etwas von unseren Vätern ererbt, das wir erst erwerben müssen, um es wirklich zu besitzen. Es geht um Kirchenbauten, die offensichtlich historischen ebenso wie die nachkriegsmodernen. Ausgelobt hatte die Wüstenrot Stiftung einen Wettbewerb für die besten Projekte, wie man eben jene Kirchen in die Zukunft führen und erhalten könne. Und Letztere sieht (vor allem für die Räume der Nachkriegsmoderne) bundesweit nicht rosig aus

 

Problemlöser

AUSZEICHNUNG: Osnabrück, Hl. Familie (Bild: © Wüstenrot Stiftung)
Nach Osnabrück ging die zweite Auszeichnung für die Umgestaltung der Osnabrücker Kirche Hl. Familie (1961, E. A. Kroeber/H. Rickmann) durch das Münsteraner Büro Klodwig & Partner Architekten zum Kolumbarium (Bild: © Wüstenrot Stiftung)

Die Gründe der Misere sind bekannt: weniger Mitglieder, weniger Geld, gleichbleibend viele Kirchenbauten. Doch sieht die Wüstenrot Stiftung hier eher “Herausforderung und Chance”, ließe sich dieser Schatz doch für Kirche und Kommune gleichermaßen heben. Die Resonanz auf den Wettbewerb gibt den Initiatoren Recht, gingen doch stolze 291 Bewerbungen aus dem gesamten Bundesgebiet ein, davon wurden insgesamt neun prämiert, darunter mehrheitlich Nachkriegskirchen. Die Preise überreichte die Wüstenrot Stiftung am 27. April im Stuttgarter Hospitalhof, selbst ein Vorzeigebau für Kirche in der Stadt. Den Auftakt bildete am Nachmittag ein Kolloquium, das mit Vor- und Impulsbeiträgen sowie einem anschließenden Podium das Thema grundsätzlich einkreiste.

Denn, so einig sich alle waren, dass die Kirchen eine gute Zukunft verdienen, so unterschiedlich fielen die Positionen aus, was dieses “gut” bedeutet. Da zeigte Reinhard Miermeister, Landesbaudirektor der Evangelischen Kirche in Westfalen, viele behutsame Nutzungsöffnungen mit kirchengemeindlichem Schwerpunkt. Und im Kopf und in der Diskussion blieb doch der eine Umbau zum Restaurant (Bielefeld, Glück und Seligkeit). Geht das, Essen, Tanzen, Modenschauen in einer Kirche? Für Wittmann-Englert, die stellvertretend für die Fachjury vortragend zur Preisverleihung überleitete, geht es in den meisten Fällen nicht. Denn Kirchen seien – mit dem Philosophen Michel Foucault gesprochen – Heterotopien. “Andersorte”, welche die Schwelle zu einem Raum inszenieren, der den Blick zur Transzendenz hin lenkt.

 

Das böse A

Kehl-Goldschauer, Maria - Hilfe der Christen (Bild: Stefan Strumbel, CC BY SA 3.0, OTRS 2011062010011098)
Eine Anerkennung wurde für die Umgestaltung der Kirche Maria – Hilfe der Christen (1963) in Kehl-Goldscheuer mit dem Künstler Stefan Strumbel ausgesprochen (Bild: Stefan Strumbel, CC BY SA 3.0, OTRS 2011062010011098)

Steht und fällt Kirche aber mit dieser Heterotopie, dann wird es bei einer Umnutzung schwierig (Entschuldigung: herausfordernd und chancenreich). Bleibt dann nur die Alternative “Andersort” oder Abriss? Ist es doch häufig eben jener “sakrale Mehrwert”, der einen Kirchenbau für einen Käufer oder Neu-Nutzer interessant macht. Die Wüstenrot Stiftung und ihre Fachjury jedenfalls prämierten bewusst solche Projekte, die Kirchen als öffentliche Räume stärken und ihre vorhandenen architektonischen Qualitäten noch unterstreichen. Daher wurde auch nicht “nur” die jeweilige Gemeinde ausgezeichnet, sondern immer auch der Architekt mit dazu bedacht und auf die Bühne gebeten.

Was bleibt? Glückliche Preisträger, die zu Recht bestärkt und beschenkt nach Hause zogen, wohlwollende Gäste, die sich mit freuten und mit dachten, und engagierte Fachleute, die sich mit immer neuem Herzblut in eine Fragerunde warfen, die sie seit den 1980er Jahren in wechselnder Besetzung führen – wohl wissend, dass auch sie keine endgültige Antwort finden sollten. Und natürlich eine Wanderausstellung, die rund 20 vorbildhafte Einsendungen aus dem Wettbewerb bundesweit herumzeigen will. Auf dass die guten Beispiele Früchte tragen! (kb, 27.4.16)

Burn it?

München, Gasteig, Philharmonie (Bild: Schlaier, CC BY SA 3.0)
Die Philharmonie am Gasteig München (Bild: Schlaier, CC BY SA 3.0)

München diskutiert noch immer über seine Isar-Philharmonie: über den Neubau des Konzertsaals im Werksviertel, über die Sanierung des Kulturzentrums am Gasteig – und wieder über den möglichen Abriss der Philharmonie. Dabei geht es meist um die Kosten, nicht um die Architektur, denn beliebt war der Bau bei den Münchnern noch nie. Seit 1985 schlägt an dieser prominenten Stelle eigentlich das kulturelle Herz Münchens. Über einen steilen (auf bayrisch: gachen) Steig geht es vom Ufer der Isar hinauf in das Stadtviertel Haidhausen. Die schroffe und steile Fassade der Philharmonie nimmt die Steigung der Isarhochkante auf und überhöht sie. So thront der Konzertsaal als sichtbare Landmarke über der Isar.

 

Der gache Steig

Gasteig_Foyer_Schlaier_CC-ASA-3
Das “Foyerband” verbindet alle Einrichtungen (Bild: Schlaier, CC ASA 3.0)

In diesem “gachen” Baukörper sollte die Architektengemeinschaft Raue, Rollenhagen und Lindemann ein ganzes Knäuel von Kultureinrichtungen unterbringen: die große Stadtbibliothek, die Münchner Volkshochschule, das Richard-Strauss-Konservatorium und den Konzertsaal mit weiteren Sälen und Nebenräumen. Durch gemeinsame Formen und Materialien schufen die Architekten daraus ein abgestimmtes und vernetztes Ensemble: Das geschwungene warme Holz, mit dem der Konzertsaal ausgekleidet ist, die für München-Haidhausen typischen Ziegel und viel Sichtbeton. Charakteristisch ist die kassettierte Decke, die Benutzern der Stadtbibliothek genau so begegnet wie den Konzertbesuchern vor dem Carl-Orff-Saal. Ein “Foyerband” durchzieht das gesamte Ensemble und gibt immer wieder den Blick nach außen auf die Münchner Altstadt frei.

Der krönende Abschluss ist freilich die markante, plastische Fassade der Philharmonie, die von den Architekten auch als “Bastion” bezeichnet wurde. Die roten Ziegel ihrer schroffen Fassade sind bis weit über die Isar zu sehen – und erinnern vielleicht daran, dass unter dem Grundstück einmal eine Tongrube lag, aus der die gleichfarbigen Ziegel für die Münchner Frauenkirche und andere Bauten der Stadt gewonnen wurden. Die prismatischen Fassadenfenster nehmen die Formen der Orgel im Konzertsaal auf und machen Passanten, die von der Innenstadt aus direkt auf den Gasteig zu gehen, neugierig auf das Kulturzentrum. Doch nicht alle Münchner ließen sich davon ansprechen.

 

Burn it!

Gasteig_Saal_Andreas Praefcke_CC-BY-2.5
Schlechte Akustik? Schöne Aussicht! Das Interieur der Philharmonie (Bild: Andreas Praefcke, CC BY 2.5)

“Burn it!” hatte schon 1986 ein zorniger Leonard Bernstein ins Konzerthaus-Gästebuch geschrieben – weil die die Münchner zu zaghaft applaudiert hatten, nicht wegen der angeblich schlechten Akustik. Doch genau diese machte die Presse für Bernsteins Unmut verantwortlich. So begann ein “jahrelanges Gerangel um die Saalakustik” und der Konzertsaal fiel in Ungnade. Noch dazu kam der Dauerstreit zwischen den Münchner Philharmonikern und der Orchester des Bayerischen Rundfunks, die sich das Konzerthaus teilen müssen. Die heutige Diskussion ist wohl eine weitere Eskalationsstufe, nur dieses Mal wird es ernsthaft gefährlich für den Gasteig: Es muss dringend saniert werden, aber das droht teuer zu werden, darum denkt man im Stadtrat immer lauter über einen Abriss nach – entweder der Philharmonie oder sogar des ganzen Ensembles. Doch so würde die Stadt München ein brummendes kulturelles Zentrum und eine ihrer wenigen Landmarken der Nachkriegsmoderne verlieren. (ps, 27.4.16)

Der Milchhof Arnstadt

Arnstadt, Milchhof (Bild: Giorno2, CC BY SA 4.0)
1928 eröffnet: das kubische Ensemble im Bauhausstil von Martin Schwarz sollte Arnstadt mit “hochwertiger, einwandfrei behandelter Milch” versorgen (Bild: Giorno2, CC BY SA 4.0)

“So wird es unbedingt mit Freuden begrüßt werden, daß nun auch Arnstadt […] eine Genossenschaftsmolkerei erhalten hat, mit einem neuzeitlichen Betrieb, der fortan berufen ist, die Bevölkerung mit hochwertiger, einwandfrei behandelter Milch und Milchprodukten zu versorgen.” Nicht ohne Stolz beschrieb der örtliche Architekt Martin Schwarz sein Projekt im “Arnstädter Anzeiger” zur Eröffnung am 4. Dezember 1928. Noch wenige Jahre zuvor hatte sich Schwarz virtuos historischer Stilzitate bedient. Doch für das neue Industriegebäude übernahm er 1928 die klare Formensprache des Bauhauses: Die modernen Produktionsmethoden sollte man dem Milchhof schon von weitem ansehen.

 

Im Geist des Bauhauses

Auf einem Eckgrundstück zwischen Bahnhof und Schlossgarten ordnete Schwarz den Grundriss nach den Produktionsabläufen – und ergänzte ihn um Aufenthalts-, Schlaf- und Waschräume für die Mitarbeiter. Für die Konstruktion des Milchhofs kamen Ziegel an der Fassade, Eisenbeton für die Treppen- und Geschossdecken, Stahl für die Fenster, Schiebetüren und Geländer zum Einsatz. Schwarz staffelte die Räume zu einem Kubus, der durch Flachdach, Attika, Fensterbänder und Backsteinfriese einen lagernden Charakter erhält. Noch zu DDR-Zeiten baute man den Milchhof mehrfach um, nach 1990 stand der Kubus endgültig leer. Bis heute blieben jedoch die Grundstruktur des Bauwerks, selbst der originale Fassaden-Schriftzug in klaren Großbuchstaben erhalten.

 

Schon bald wird hier gefeiert und getagt

Nachdem mehrere Investoren- und Abrisspläne gescheitert waren, erwarb die Milchhof Arnstadt GmbH 2014 das denkmalgeschützte Ensemble. Die Initiative um den Arnstädter Kulturmanager Jan Kobel will die rund 1.700 Quadratmeter Nutzfläche mit dem Berliner Architekten Walter Grunwald – nach denkmalgerechter Sanierung – neu erschließen: als Veranstaltungszentrum und Galerie in einem. Unterstützt durch Fördermittel, konnte 2015 eine Notsicherung die Wasserführung wiederherstellen. Aktuell läuft eine restauratorische Befunduntersuchung, 2017 soll eine Musterachse an der Fassade angelegt werden. Schon 2015 zeichnete man das Vorhaben mit dem “Thüringer Förderpreis für Denkmalpflege” aus. (kb, 22.4.16)

NICHT VERPASSEN: die Tagung “Bauhaus 2019 – Denkmalpflege und die Bauten der Moderne” im Milchhof Arnstadt am 29. Juni 2016.