Darf ick dir eine kleben?

Sie gehört zum Berliner Stadtbild wie Currywurst, Latte-Machiatto-Mütter und die BVG: gemeint ist die Litfaßsäule. 1854 erlaubte der Berliner Polizeipräsident, nach jahrelangen Verhandlungen mit dem Druckereibesitzer Ernst Litfaß, überall in der Stadt „Annoncier-Säulen“ aufstellen zu lassen. Die um sich greifende Wildplakatierung sollte so in Schach gehalten werden. Von da an herrschte auch in der preußischen Reklamewelt Zucht und Ordnung. Der sensationshungrige Berliner wusste nun, wo er sein tägliches Fressen finden konnte. Die bunte Camouflage der Stelen sorgte bald dafür, dass sie selbst zu einer Ikone wurden. Durch die Präsenz in Film und Literatur, zum Beispiel auf dem berühmten Cover Kästners „Emil und die Detektive“, hat sich der Werbeträger in unser kollektives Gedächtnis als Künder der Weltmetropole eingebrannt.

Der aufmerksame Beobachter wird leider in diesem Jahr feststellen, dass der Säulenwald etwas lichter wird. Das für die Pflege zuständige Unternehmen hat in diesem Jahr eine Ausschreibung vom Senat verloren. Das Ergebnis: 2500 Exemplare müssen fallen. Dass die Berliner auch in Zeiten der Digitalisierung ihr „Klebemedium“ nicht aus den Augen verloren haben, beweist die Künstlerin Tina Zimmermann. Sie sorgt mit Ihren Aktionen dafür, dass die Litfaßsäule auch heute nichts von Ihrem anziehenden Potential einbüßen und sich Menschen ohne Facebookveranstaltung begegnen. (jm, 27.3.19)

Hamburg, Litfaßsäule, 1975 (Bild: Norbrit, CC BY SA 3.0)