Die Legende zum berühmten brutalistischen Mariendom von Neviges will es, dass der Architekt Gottfried Böhm den fast erblindeten Kardinal Frings erst dann von seinem skulpturalen Entwurf überzeugen konnte, als er ihm ein Modell zum Ertasten in die Hände gab. In jedem Fall steht die Wallfahrtskirche „Maria, Königin des Friedens” seit ihrer Fertigstellung 1968 im Mittelpunkt ungezählter Geschichten, Forschungsarbeiten und Bildbände. In seiner neuen Publikation zu Böhms Hauptwerk will der Architekturtheoretiker Steffen Kunkel einen bislang vernachlässigten Aspekt beleuchten. Für ihn ist Neviges ein ganzer Wallfahrtsbezirk, quasi eine städtebauliche Anlage, die vom Kindergarten bis zum Pilgerhaus unterschiedlichsten Anforderungen gerecht werden muss.
Entsprechend zieht Kunkel bei seiner Annäherung an Neviges weite thematische Kreise: Böhms Raum- und Stadtbilder, Stadt und Gemeinde, Religion und Welt, Materialität und Monumentalität, und nicht zuletzt der Nachkriegskirchenbau im Allgemeinen. Er untersucht detailliert die Zeugnisse des Planungsprozesses wie ein überliefertes Pappmodell zur Perfektionierung des Tragwerks. Oder entfaltet anhand der Böhmschen Stuhlentwürfe, wie der Architekt seinen ohnehin reformorientierten Entwurf mit den wachsenden Möglichkeiten des Zweiten Vatikanischen Konzils nachschärfte. Denn, da ist sich Kunkel sicher, für Böhm ging es am Ende um einen Gemeinschaftsbau, der – einer Stadt vergleichbar – den diffusen Pluralismus der ankommenden Pilger:innen auch durch die Kraft des Baukörpers zur sinnstiftenden Versammlung zusammenbindet. (kb, 8.4.26)

Neviges, Bau des Mariendoms (Bild: Saintambroise, CC BY SA 4.0, 2017)
