Denkmalpflege zwischen System und Gesellschaft

Wer über den Erhalt von Gebäuden entscheidet, entscheidet über das Geschichtsbild der kommenden Generation. Kurz: Es geht bei Denkmalpflege immer auch um Macht und Politik. In den vergangenen Jahren hat sich die Forschung daher verstärkt auf die Frage konzentriert, wie kulturelles Erbe gemacht und geteilt wird und was das über uns aussagt. Vor diesem Hintergrund hat die Kunsthistorikerin Franziska Klemstein (Bauhaus-Universität Weimar) in ihrer Dissertation einen Blick auf Denkmalpflege und Denkmalschutz in der DDR gewagt. Bislang sei dieses Thema, so Klemstein, zu polarisierend behandelt worden: Entweder man verweist auf ein diktatorisches System, das kaum Spielraum für fachliche oder individuelle Entscheidungen gelassen habe. Oder man durchstreift die Beispiele der Praxis, die von politischen Großkonflikten weitgehend unberührt geblieben sei.

Dabei war in der Denkmalpflege zu DDR-Zeiten mehr Diversität möglich, als bislang angenommen. Ihre Dissertation ist aktuell im Transcript-Verlag erschienen und konzentriert sich speziell auf die Jahre 1952 bis 1975. Entlang des Akteur-Struktur-Modells (auf den Ebenen Person, Organisation, Regierung), unterstützt durch datenbankbasierte Methoden der Digital Humanities, beschreibt sie die damaligen Handlungsfelder der institutionellen Denkmalpflege zwischen Kultur und Bauwesen. Exemplarisch wirft sie einen intensiveren Blick auf ausgewählter Akteur:innen wie Ludwig Deiters, Fritz Rothstein und Käthe Rieck. Das ganze Buch gibt es online auch im Open-Access als pdf – aber mal ehrlich, analog ist bei solch einer Lektüre nicht zu schlagen. (kb, 19.12.21)

Klemstein, Franziska, Denkmalpflege zwischen System und Gesellschaft. Vielfalt denkmalpflegerischer Prozesse in der DDR (1952-1975) (Public History – Angewandte Geschichte 9), Transcript-Verlag, Bielefeld 2021, analog: 426 Seiten, Dispersionsbindung, 18 Farbabbildungen, 29 Schwarz-Weiß-Abbildungen, ISBN 978-3-8376-5779-1; digital: 26 Seiten, 18 Farbabbildungen, 29 Schwarz-Weiß-Abbildungen, ISBN 978-3-8394-5779-5.

Titelmotiv: Detail aus dem Buchcover