Es herrscht Krise, nicht nur eine, sondern multiple – und die sehr deutsche Reaktion darauf ist: Wir machen Pläne. Im alljährlichen Baukulturbericht, den die Bundesstiftung Baukultur ganz frisch herausgebracht hat, geht es genau darum. Wie gestalten wir das Unwägbare, ohne uns selbst dabei die kreative Luft abzuschnüren. Unter dem Überbegriff „Gestalten“ werden baukulturelle Manifeste und Leitlinien verglichen, mit Praxisbeispielen abgeglichen und zu Forderungen verdichtet.
Hervorgehoben werden wie gewohnt einige Beispiele, die als Vorbild dienen könnten. Darunter findet sich junges Kulturerbe wie die Baller-Bauten am Berliner Fraenkelufer im Rahmen der IBA 84/87. Sie haben, so der Baukulturbericht, bei engem Kostenrahmen eine individuelle Gestaltung in bestehenden Strukturen möglich gemacht und so die damalige Bauausstellung als Impulsgeber bestens genutzt. Auch erste Transformationen werden herausgehoben, wie der Teilabriss der Frankfurter Dornbuschkirche (Meixner Schlüter Wendt, 2005) als Stärkung des öffentlichen Raums. Hier hätte jedoch ein würdigender Blick auch auf die Verluste, das Ursprungskonzept des landeskirchlichen Baubüros (Ernst Görcke, Ludwig Müller) von 1962, gut getan.
Auf einem guten Weg
Ein guter Prozess gestaltet sich, so die Empfehlung, in sechs Schritten: Als Basis dienen Wissen und Bewusstsein für Baukultur, damit in der Zusammenarbeit aller Akteur:innen die Phase 0 (Vorplanung) gut aufgesetzt und die Phase 10 (Erhaltung) gleich mitgedacht werden können. Damit führt der Weg, im besten Fall, zu gemeinwohlorientierten Räumen von hoher, gesicherter Qualität. Am Ende, und hier schließt sich der Kreis zur Bewusstseinsbildung vom Beginn, steht eine neue positive Haltung zu einfacher, robuster und langlebiger Qualität im Bauwesen.
Um eine Baugattung herauszugreifen, sei der Kirchenbau genannt. Hier schätzt die Bundesstiftung, dass bis 2065 rund 15.000 Kirchen (das entspricht rund einem Drittel der Gemeindekirchen der beiden großen Konfessionen) ihre ursprüngliche Funktion verlieren. In der Summe schließt sich damit der Baukulturbericht dem Leitsatz des (von der Bundesstiftung mit verfassten) Kirchenmanifests an: Kirchen sind Gemeingüter, die möglichst für öffentliche Nutzung durch reversible Maßnahmen mit viel Freiraum neu erschlossen werden können. Dass Kirchen immer noch zu den am meisten geschätzten baukulturellen Zeugnissen in Deutschland zählen, macht eine Umfrage der Bundesstiftung deutlich. Unter den Top 5 finden sich der Kölner Dom auf Rang 1 und die Dresdner Frauenkirche auf Rang 4. Aber die Liste macht ebenso deutlich, dass andere Baugattungen gleichauf ziehen, denn auf Rang 1 findet sich auch die Hamburger Elbphilharmonie.
Behutsam und vorausschauend
Die Grundbotschaft ist nicht überraschend, aber kann nicht oft genug und nicht grafisch ansprechend genug dargelegt werden: Baukultur hat gesellschaftliche Bedeutung, und dafür tragen alle Akteur:innen gemeinsam Verantwortung. Schon in der Ausbildung, schon vor dem Start der eigentlichen Bauarbeiten, ist im Bestand mit Qualität zu gestalten. Denn, so der Baukulturbericht, Gestaltung muss sich am Menschen orientieren, mit Materialien vorausschauend und behutsam umgehen, mehr Grün und Demokratie in den öffentlichen Raum bringen. Dem sollen Bund und Länder schon bei den Vergabeprozessen Rechnung tragen, dem sollen die Kommunen mit einer wachsamen und gemeinwohlorientierten Bodenpolitik zuarbeiten.
Nicht zuletzt ist der Faktenanteil bemerkenswert – allein 20 Prozent des Volumens gehen auf statistische Erhebungen und Projektdaten, auf Link- und Literaturlisten. Und wer den Effekt gleich verstärken will, kann bis zum 1. Juli 2026 Mitglied bei der Bundesstiftung werden – die spendet dann einen Satz ihres Baukultur-Schulbuchs an eine Schule Ihrer Wahl. (kb, 15.6.26)

Berlin, Wohnhaus am Fraenkelufer, 1984, Projekt von Inken und Hinrich Baller im Rahmen der IBA 84/87 (Bild: Gunnar Klack, CC BY SA 4.0, 2012)
