von Danuta Schmidt

Der Maler Günther Brendel ist am 8. Januar kurz vor seinem 96. Geburtstag gestorben. Und mit ihm ging auch der letzte Hinterbliebene der jungen berühmten DDR-Künstler der Aufbaujahre in der DDR. Walter Womacka und Werner Stötzer, seine Wegbegleiter, sind lange tot. Der gebürtige Thüringer Brendel studierte bis 1951 in Weimar, wechselte dann nach Dresden zur Wandtafel-Malerei und wurde 1969 als Professor für Malerei nach Berlin-Weißensee berufen. Die letzten beiden Jahre seines Lebens verbrachte Günther Brendel im Pflegeheim „Vincent van Gogh“, sehr passend und dort stellte er zum letzten Mal aus. Er hinterlässt der Nachwelt zahllose Zeugen aus dem Experiment Sozialismus der 1950er Jahre bis 1990 in der DDR.

Eine seiner berühmtesten Arbeiten ist der 40 Meter lange Wandfries im ehemaligen Staatsratsgebäude. Mit zarten Pinselstrichen und hellen Farben zeichnete Brendel auf echtem Meißener Porzellan „Das Leben in der DDR“. Es ist ein Bild eines erfüllten Sozialismus: Zwölf lebensnahe Alltagsszenen von Menschen, die kulturell tätig sind, für die volkseigenen Industriekombinate und die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft arbeiten, ihre Freizeit in der Natur genießen und sich unter Friedens- und Freundschaftsbannern für den Aufbau der DDR einsetzen. Ein Staatsauftrag.

Berlin, Güther Brendel im Atelier (Bild: Danuta Schmidt)

„Ich muss jeden Tag malen“

Die Werke des Berliner Malers hängen und stehen heute verteilt im Auswärtigen Amt, im Militärhistorischen Museum, im Familienarchiv mit Skizzen und Exotik und Erotik sowie im Museum Utopie und Alltag Beeskow, dem ehemaligen Kunstarchiv Beeskow. Noch im hohen Alter sagte er: „Ich muss jeden Tag malen!“ und bestätigte seinen tiefen inneren Antrieb zur künstlerischen Auseinandersetzung mit dem wirklichen Leben. Er wohnte seit 1988, mehr als 30 Jahre mitten in Berlin, am Thälmann-Park in einer von vier zweigeschossigen Atelierwohnungen mit Ost- und West-Licht, extra für ihre Künstler von der DDR konzipiert. Mit Blick auf das Zeiss-Großplanetarium. An den Wänden lehnen Leinwände mit Familienporträts, dem Karpfen auf dem Tisch und immer wieder Landschaften und Stadtansichten. Reisebilder. „Das wird ja eine Arbeit für meine Familie, dies alles zu sortieren und auszuräumen, wenn ich nicht mehr da bin“, sagte er kurz vor seinem 85. Geburtstag und lächelt still.

Brendels Sujet Nummer eins war die Natur, das Studium der Natur in ihrer Schönheit, Harmonie und ihrem Facettenreichtum. Oft Blumen-Stillleben. Zeitlos, kontextfrei, lassen sie wenig Spielraum für Deutung und Interpretation und sind somit in der kritischen – oft subjektiven – Kunstgeschichts-„Aufarbeitung“ auch nicht als so genannte „Auftragsmalerei“, den Begriff negativ konnotierend, einzuordnen. Und brachte Auftragsmalerei seit Jahrhunderten Künstlern und ihren Familien nicht Lohn und Brot, ob durch Kirche, Monarchie und hier eben durch den Sozialismus?!

Berlin, Staatsratsgebäude (Bild: Danuta Schmidt / Claudia Brendel)

Berlin, Staatsratsgebäude (Bild: Danuta Schmidt / Claudia Brendel)

Stark vertreten im Schaudepot Beeskow

34 Gemälde hängen im Schaudepot Beeskow, und damit ist der gebürtige Thüringer der am häufigsten vertretene Künstler aus dem Fach Malerei. „Hier in Beeskow sind es vor allem Berliner Stadtansichten, vom Alexanderplatz und vom Aufbau Marzahns“ sagt Angelika Weißbach, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums und beauftragt, den Bestand zu bewahren, zu beleuchten, zu vitalisieren. Doch wie kamen sie dorthin? Als die treuhänderische Abwicklung von Immobilien, Institutionen, FDGB-Ferienheimen, SED-Bezirksleitungen Anfang der 1990er passierte, wurden sehr viele Bilder freigesetzt. „Zum Glück hat die Treuhand damals realisiert, dass es in den Gebäuden originale Kunst gab.“ Immerhin. In Monika Flacke vom Deutschen Historischen Museum wurde eine fachkundige Betreuerin gefunden. Auch Kolleginnen vom Kulturbund der DDR brachten sich seinerzeit ein, als die Welt in der DDR Kopf stand.

Die Kunstwerke wurde nach Berlin geschafft, Fundort und andere Details wurden protokolliert. „Es ist davon auszugehen, dass auch viel weggekommen ist.“ Schließlich einigte man sich, die Kunst nach dem Fundortprinzip aufzuteilen. Der Anteil von Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern kam in den frühen 1990ern nach Ostbrandenburg. Hier baute Herbert Schirmer die Burg Beeskow als Kulturzentrum auf und fand Räume und Möglichkeiten, die Werke zu lagern und zu zeigen.“ So kamen auch die Brendel-Werke und sind seither im Schaudepot und auch als Leihgaben (Museum Barberini) in Ausstellungen zu sehen.

Beeskow, Schaudepot: Brendel-Bild „Bauarbeiter des Alexanderplatzes“ von 1969 (Bild: Danuta Schmidt)

Werke von 1962 bis 1990

Sein frühestes Werk stammt von 1962, sein spätestes ist von 1990, eine Draufsicht auf den Alexanderplatz, womöglich von der Kommode am August-Bebel-Platz gesehen. Seine Auftraggeber waren der Magistrat Berlin, die SED, der FDGB. „Wir sind keinesfalls eine klassische Kunstsammlung“, betont Angelika Weißbach. Bedeutsame Sammlungen gäbe es in den Museen in Dresden, Leipzig, Cottbus, Halle, Erfurt, im Prinzip in jeder ehemaligen Bezirksstadt. „Die Kunst, die hier in Beeskow aufbewahrt wird, ist in keinster Weise repräsentativ. Unsere große Chance ist, verantwortungsbewusst und offen mit Skulptur, Grafik und Malerei und deren Autoren umzugehen, Verbindungen aufzubauen und mit musealen Institutionen und Universitäten zu kooperieren.“

Da es von keiner Seite gelungen ist, in den vergangenen 20 Jahren eine große Schau mit Brendels Bildern zu organisieren, die nur so sprühen vor Intensität, Proportionalität und Lebensfreude, Liebe und gemalt sind mit seiner meisterhaften Fähigkeit, Farben zum Strahlen zu bringen, kommt vielleicht nun die Chance. „Papa hat immer davon geträumt, vielleicht nochmal in der Berliner Nationalgalerie auszustellen“ sagt Tochter Claudia und lacht. „Auch das „Minsk“ in Potsdam könnte ich mir vorstellen.“ Angelika Weißbach versuchte, den Maler in Beeskow im Gespräch ins Gespräch zu bringen. Doch da war er bereits zu betagt. Wäre nicht Erfurt als Landeshauptstadt Thüringens eine geeignete Adresse, dem verstorbenen Künstler eine letzte Ehre zu erweisen?

Berlin-Friedrichshagen, Christophorus-Kirche mit Brendel-Mosaik (Bild: Danuta Schmidt)

Titelbild: Günther Brendel bei der Arbeit 2020 (Bild: Danuta Schmidt)

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