Vorbei die Zeiten, als man sich beim Berufswunsch zwischen Archivar:in und Architekt:in entscheiden musste. Bei einem Bauhof der neuen Art geht beides, denn daraus kann mit einigen klugen Änderungen ein „Umbauhof“ werden. So zumindest das Thema einer neuen Veröffentlichung im Birkhäuser-Verlag, die Erfahrungen eines österreichischen Modellprojekts aus dem Jahr 2024 dokumentiert und um Fachbeiträge ergänzt. Die Idee von „asphalt/Kollektiv für Architektur“ ist so einfach wie klug: Warum nicht die bestehende Infrastruktur an kommunalen Bauhöfen, die alle möglichen Materialien von Bau bis Grünpflege lagern, um eine zirkuläre Praxis ergänzen? So ließen sich, wie das asphalt-Kollektiv herausarbeitet, Bauabfälle reduzieren und Bauteile wiederverwenden.
Genius loci
Eine Zuschreibung will das Musterprojekt grundsätzlich nicht akzeptieren: Wenn wir etwas Müll nennen, ist das reines Kopfkino, denn dahinter steckt ein Material, das wir ebenso gut nutzen könn(t)en. Auch bei Grundstücken funktioniert diese Argumentation, denn ein Stück Land ist nie leer, sondern immer mit Natur, Materialien und Sinnstiftung gefüllt. Insofern wird jeder Akt des Bauens zum Umbau, der so nicht mehr als Notlösung gelten kann.
Umbau ist schlicht ein Akt kultureller Praxis. Was zur Umbaukultur fehlt, ist auch die Gelegenheit, die Infrastruktur. Hier macht das Projekt den österreichischen Bauhof aus, in dem Materialien gesammelt, bewertet, sortiert und in eine neue Richtung gebracht werden. Ziel des Projekts Umbauhof ist es, dieses Netzwerk an Einrichtungen, Menschen und Wissen in den Dienst der Wiederverwendung zu stellen. Und dabei könne die Kommune als Betreiberin der Bauhöfe eine Schlüsselrolle spielen.
Reinszenierung
Schon im Vorwort ruft das Umbauhof-Team den Kairos aus: Denn, so die Kernthese, neu ist nicht der Umbau selbst, „sondern der historische Moment, in dem er zur zentralen kulturellen und politischen Aufgabe wird.“ Entsprechend breit gefächert ist das Team des Projekts und des zugehörigen Buchs: von der Architektur über die Ressourcen- und Umweltwissenschaften sowie die Kunst- und Architekturgeschichte bis hin zu Performance und Theater sowie kommunaler Verwaltung und Kreislaufwirtschaft.
Der vom asphalt-Kollektiv vorgelegte Band dokumentiert das Pilotprojekt des „Umbauhofs“ wie eine künstlerische Performance. Da betreten schneeweiß gekleidete Kräfte einen grün umrahmten Bauhof, um ausgebaute oder geborgene, besser gerettete Elemente von Tür bis Backstein vor einem weißen Hintergrund sorgfältig zu fotografieren, mit Etiketten zu versehen und damit fast in den Rang eines Museumsexponats zu versetzen. Immerhin werden sie für einen neuen Auftritt, für ein zweites Leben vorbereitet.
Pragmatik nach Quadratmetern
Mit seinem pragmatischen Ansatz, bestehende Strukturen in die Pflicht zu nehmen und mit einem neuen Geist zu versehen, ist das Umbauhof-Projekt wohltuend positiv. Der ländliche Raum, die Rolle der Kommune vor Ort, all das wird in seinen Stärken ernst genommen und für das höhere Ziel eingebunden. Doch bei all der sympathischen kulturellen Herleitung bleibt die Ökonomie seltsam unberücksichtigt.
Und, nicht zuletzt, eines der Probleme der Umbaudebatte wird hier mit Händen zu greifen: Wäre nicht der verhinderte Abriss der bessere kulturelle Akt? Gehören die wunderbar inszenierten alten Türen, Fenster und Backsteine nicht besser an ihren historischen Ort? Hier könnte die Praxis der Denkmalpflege, die in den 1970er und 1980er Jahren schon einmal gute Netzwerke für engagiert Fachwerkhausbesitzer:innen auf der Suche nach Balken, Klinken und Biberschwänzen eingerichtet hat, mit ihrem Erfahrungswissen eine hilfreiche Partnerin sein. (kb, 4.8.26)

Arbeiten für Abbildungen zur Publikation „Umbauhof“ bei Birkhäuser (Bild: Clara Maria Fickl)
