Leerer Raum (Bild: DarkWorkX, via pixabay)

Der Raum ist sehr geräumig

Der Begriff ist ein bisschen 2002 – als mit einem Mal die Kunst des Yoga, der unverpackte Konsumartikel und die Selbstbestimmung ihre jeweils eigenen Räume erhielten. Zumindest sprachlich, denn der Raum hatte aufgehört, vier Wände und eine Zimmerdecke zu brauchen. Er war aus den Fußballkommentaren und Sozialpädagogengesprächen in die Geisteswissenschaften übergewechselt. Diesem vielzitierten „spatial turn“, der Kehre zum Raum, hat der Medientheoretiker Stephan Günzel nun ein eigenes Buch gewidmet. „Der Raum“, erschienen 2018 in zweiter Auflage im transcript Verlag, ist nicht mehr (und will nicht weniger sein) als eine „kulturwissenschftliche Einführung“. Damit wagt Günzel nicht nur eine Zwischenbilanz der bisherigen Debatte, sondern auch den nächsten Schrit vom Raum zur Landschaft, von der Ikonographie zur Topologie.

Vorlaufend entfaltet Günzel die Gründe und Grundzüge für die Wende zum Raum, um im ersten Kapitel deren „Antinomien“, die Verwerfungslinien darzulegen: Verschwinden vs Erstarken, Determinismus vs Possibilismus, Raum vs Ort. Die sich daraus ergebenden Raumtheorien stehen im Mittelpunkt von Kapitel zwei, als deren Synthese er in Kapitel drei seine Theorie der Topologie anbietet. Unterwegs wird der Leser mit den Größen der Debatte – Ratzel, Simmel, Lewin, Heidegger, McLuhan, Levinas, Benjamin, Foucault, Spencer Brown, Bourdieu, Deleuze, de Certeau – bekannt gemacht. Und genau in dieser Beiläufigkeit liegt eine der großen Stärken der Publkation: Mit dem Autor glückt auch theorieschreckhaften Lesern der Parcours durch die Disskissionsuntiefen der letzten Jahrzehnte. Denn egal, ob man den Raum bricht oder faltet, stapelt oder weit macht, mit Günzel wird man mit den jeweils eigenen Raum-Bildern – noch so ein 2000er-Begriff – im besten Wortsinn anschlussfähig. (kb, 6.5.19)

Günzel, Stephan, Der Raum. Eine kulturwissenschaftliche EInführung, transcript Verlag, Bielefeld 2018, 158 Seiten, 2. Auflage, ISBN 978-3-8376-3972-8.

Leerer Raum (Bild:DarkWorkX , via paxabay)