von Lea Sophie Möller (September 2025)

Bei einem Spaziergang durch den alten, denkmalgeschützten Teil des Zoo Rostock stößt man am Rande des Rhododendronhains auf ein ungewöhnliches Bauwerk, das wie ein gelandetes Raumschiff wirkt. Der 1966 eröffnete Papageienpavillon aus Stahl, Glas und Aluminium ist trotz seiner markanten Architektur in Vergessenheit geraten. Im Jahr 2023 wurde der Pavillon im Rahmen einer Studienarbeit der Autorin an der Hochschule Wismar erstmals untersucht. Die untere Denkmalschutzbehörde Rostock hatte das Gebäude als Untersuchungsgegenstand empfohlen, da außer einem Zeitungsartikel und einer Fotografie keinerlei Informationen vorlagen. Das Bauwerk ließ sich als Teil einer ganzen Reihe von Tierhäusern identifizieren, die unter der Leitung des Architekten Heinz Graffunder (1926–1994) im Zoo Rostock entstanden. Anfang 2025 wurde der Denkmalwert des Pavillons offiziell festgestellt und die Eintragung des Dendrologischen Gartens in der Denkmalliste präzisiert.

Rostock, Zoo, Ausführungsplanung Papageienpavillon, Ansicht von Osten, 1963 (Bild: Archiv Zoo Rostock)

Rostock, Zoo, Ausführungsplanung des Papageienpavillons, Ansicht von Osten, 1963 (Bild: Archiv Zoo Rostock)

Vom Entwurf zur Ausführung

Die Anfänge des Zoo Rostock reichen ins 19. Jahrhundert zurück. Der Zweite Weltkrieg zerstörte jedoch fast alle Gebäude. Ab 1951 begann der Wiederaufbau und die Fläche wurde zunächst auf sieben Hektar und nur wenige Jahre später auf 56 Hektar erweitert. In diesem Zusammenhang wurde Heinz Graffunder damit beauftragt, einen Perspektivplan für den gesamten Zoo sowie Entwürfe für mehrere Tierhäuser zu erarbeiten. Eine Zeichnung des Kollektivs Graffunder im Volkseigenen Betrieb (VEB) Berlin Projekt aus dem Jahr 1961 zeigt einen frühen Entwurf für ein neues Papageiengehege. Mehrere Perspektiven, Ansichten und Skizzen aus den folgenden Jahren dokumentieren die Entwicklung und lassen ein klares Ziel erkennen: einen polygonalen Pavillon mit Kuppel und transparenter Hülle, der einen engen Dialog zwischen Gebäude und Außenraum ermöglicht. Die Ausführungsplanung übernahm der VEB Zentrales Entwicklungs- und Konstruktionsbüro (ZEKB) in Dresden. Im Juli 1966 wurde der Pavillon feierlich eröffnet.

Heinz Graffunder würdigte die Zusammenarbeit in Rostock in einem Beitrag zum Ehrenkolloquium für den Rostocker Chefarchitekten Wolfgang Urbanski (1928–1998) im Jahr 1988: „In diesem Rahmen fertigten wir komplette Projekte für die Eisbären- und Braunbärenanlagen, später noch für einen reizvollen Papageienpavillon aus Aluminium. Oft setzten wir zur Unterstützung der meist aus Spenden und Reserven der Betriebe zu realisierenden Maßnahmen weitere, uns bekannte Firmen aus Berlin und anderen Orten ein.“

Rostock, Zoo, Papageienpavillon (Bild: Lea Sophie Möller)

Rostock, Zoo, Eingangsseite des Papageienpavillons, 2025 (Bild: Joshua Delissen)

Ein UFO im Zoo

Der eingeschossige Pavillon hat einen sechseckigen Grundriss mit Seitenlängen von jeweils 10,4 Metern und einer Gesamtfläche von circa 200 Quadratmetern. Das äußere Erscheinungsbild wird durch die Gebäudehülle aus Glas und Aluminium, die außen liegenden Stahlstützen, die Oberlichtkuppel und die Form des Hexagons geprägt. Der leicht zurückspringende, gemauerte Sockel verleiht dem Gebäude einen schwebenden Charakter. Die freistehenden Stützen des Stahlskeletts führen über das Dach und schließen an einem Druckring an, auf dem die Oberlichtkuppel liegt. An dieser Tragstruktur ist der Baukörper frei aufgehängt und liegt auf dem gemauerten Sockel auf. Die Gebäudehülle gliedert sich an fünf Seiten in drei Reihen großformatiger, wabenförmiger Elemente aus Glas und Aluminium. Die Eingangsseite im Osten ist hingegen geschlossener gestaltet und gliedert sich in fünf Reihen rechteckiger, pyramidenförmiger Aluminiumelemente. Auf der linken und rechten Seite befindet sich jeweils ein schmales Fensterband.

Zwei Treppen führen über ein Podest zum leicht eingerückten Eingang. Betritt man das Gebäude, eröffnet sich nach wenigen Schritten der große, stützenfreie Innenraum. Heute ist dieser durch drei Volieren unterteilt, die einen Rundgang bilden.

Rostock, Zoo, Papageienpavillon (Bild: Joshua Delissen)

Rostock, Zoo, Innenraum des Papageienpavillons, 2025 (Bild: Joshua Delissen)

Vom Papageien- zum Regenwaldpavillon

2008 wurde der Papageienpavillon in ein Tiergehege mit dem Schwerpunkt Südostasien umgenutzt. Seitdem heißt er „Regenwaldpavillon“ und ist unter seinem ursprünglichen Namen kaum noch bekannt. Mit dem Umbau kam es zu leichten baulichen Veränderungen. Am deutlichsten sichtbar sind der Austausch der unteren Reihe der wabenförmigen Elemente (von Glas zu Aluminium), die neue Spitze und Absturzsicherung der Oberlichtkuppel sowie die nachträglich angebaute Außenvoliere im Süden.

Ursprünglich konnten die Besucher die Papageien in einem Rundgang von innen aus nächster Nähe oder von außen durch die gläserne Gebäudehülle betrachten. Im Zuge der Neugestaltung wurden raumhohe Volieren eingebaut, das Gehege bepflanzt, der Fußboden mit Rindenmulch bedeckt, ein Weg aus Terrassendielen angelegt und die Decke mit Tarnnetzen behangen. Durch diese Veränderungen sind der einstige Raumeindruck und die Innen-Außen-Beziehung kaum noch wahrnehmbar. Da die baulichen Eingriffe jedoch gering ausfielen, sind die ursprüngliche Gestalt und Konstruktion des Pavillons nahezu vollständig erhalten.

Rostock, Zoo (Bild: historische Abbildung)

Rostock, Zoo, Schimpansenhaus, 1967 (Bild: Archiv Zoo Rostock)

Heinz Graffunder – ein Spezialist für Zooarchitektur

Hinter dem Entwurf steht Heinz Graffunder, einer der prägendsten Architekt:innen der DDR. Er ist vor allem für den Palast der Republik und die Rathauspassagen in Berlin bekannt. Weniger bekannt ist seine Arbeit im Bereich der Zooarchitektur. Graffunder und sein „Kollektiv Graffunder“ im VEB Berlin Projekt entwarfen und realisierten vor allem in den 1950er und 1960er Jahren zahlreiche Perspektivpläne und Tierhäuser für verschiedene zoologische Gärten.

Neben dem Papageienpavillon entstanden unter Graffunders Leitung im Zoo Rostock unter anderem eine Eis- und Braunbärenanlage (genannt Bärenburg, 1958), ein Schimpansenhaus (1965), ein Elefantenhaus (circa 1965) sowie ein Vogel- und Reptilienhaus (1967). Die Bärenburg wurde bereits im Jahr 2017 abgerissen.

Rostock, Zoo, Papageienpavillon (Bild: historische Abbildung)

Rostock, Zoo, Innenraum des Papageienpavillons, ca. 1967 (Bild: Archiv Zoo Rostock)

Blick nach vorn

Der Papageienpavillon ist in seiner Gestaltung und Konstruktion einzigartig und vermittelt das Gefühl, dass hier einst ein Stück Zukunft gelandet war. Damit hat sich ein besonderes Zeugnis der Nachkriegsmoderne mit nahezu vollständig erhaltener, originaler Bausubstanz im Zoo Rostock erhalten. Doch der Zustand ist kritisch. Die derzeitige Nutzung als Tiergehege mit Schwerpunkt Südostasien verträgt sich nicht mit der Konstruktion des Bauwerks. Die nutzungsbedingten hohe Temperaturen im Innenraum, die fehlende Lüftung und zahlreiche undichte Stellen der Gebäudehülle haben bereits zu massiven Feuchtigkeitsschäden geführt.

Um den Pavillon zu erhalten und eine zunehmende Verschlechterung des Zustands zu verhindern, sind umgehend Maßnahmen notwendig. Für einen langfristigen Erhalt muss die derzeitige Nutzung aufgegeben werden. Denkbar wäre eine Nutzung als Tiergehege mit angepassten Bedingungen. Eine weitere Möglichkeit wäre die Umnutzung zum Ausstellungsraum, in dem die Zoo- und Architekturgeschichte vermittelt werden könnte. Ein solches Konzept hätte das Potenzial, die Identität und das Bewusstsein für den Zoo und seine Geschichte zu stärken, und der Pavillon würde selbst wieder zum Ausstellungsobjekt werden. Sicher ist: Wenn nichts geschieht, droht ein Stück Baukultur verloren zu gehen.

Rostock, Papageienpavillon (Bild: Joshua Delissen, 2025)

Rostock, Zoo, Papageienpavillon, 2025 (Bild: Joshua Delissen, so auch das Titelmotiv)

Literatur

Bauen im Ostseebezirk – Gesellschaftliches Bauen, hg. vom Rat des Bezirkes Rostock, Bezirksbauamt, Bd. 3, Rostock 1966.

Meuser, Natascha, Heinz Graffunder – Bauten für Zoologische Gärten, Berlin 2021.

Möller, Lea Sophie, Der ehemalige Papageienpavillon im Zoo Rostock – Wissenschaftliche Arbeit, freies Wahlpflichtmodul Historische Baukonstruktionen im Masterstudiengang Architektur der Hochschule Wismar, Wintersemester 2023/2024, Betreuung durch Prof. Dr.-Ing. Frank Braun, unveröffentlichte Studienarbeit.

Möller, Lea Sophie, Der ehemalige Papageienpavillon im Zoo Rostock – Entwurfsprojekt Denkmalpflege, freier Entwurf im Masterstudiengang Architektur der Hochschule Wismar, Sommersemester 2024, Betreuung durch Prof. Dr.-Ing. Frank Braun, unveröffentlichte Studienarbeit.

Jahresbericht 1966, hg. vom Zoo Rostock, Rostock 1966.

Eine erweiterte Fassung des Textes erscheint in der nächsten Ausgabe „KulturERBE in Mecklenburg und Vorpommern“ des dortigen Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege. In Zusammenarbeit mit dem Zoo Rostock untersucht die Autorin fortlaufend die Planungen und Realisierungen von Heinz Graffunder und seinem Kollektiv. Die futuristisch interpretierbare Gestaltung wird Teil weiterer Forschungen der Autorin im Kontext des „Retro-Futurismus“ in der Nachkriegszeit sein.

Bildergalerie

Rostock, Zoo, Papageienpavillon, Grundriss, Schnitt und Ansicht, 1961 (Bild: historischer Plan)

Rostock, Zoo, Entwurf des Papageienpavillons mit Vogelterrassen, 1961 (Bild: Archiv Zoo Rostock)

Rostock, Zoo, der Papageienpavillon ein Jahr nach seiner Eröffnung, 1967 (Bild: Archiv Zoo Rostock)

Rostock, Zoo, Papageienpavillon, ein Jahr nach seiner Eröffnung, 1967 (Bild: Archiv Zoo Rostock)

Rostock, Zoo, Papageienpavillon (Bild: Lea Sophie Möller)

Rostock, Zoo, freistehende Stahlstütze und Gebäudehülle des Papageienpavillons, 2025 (Bild: Joshua Delissen)

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