Berlin, Hansaviertel, Niemeyerhaus (Bild: Kurt Weinland (Vater), CC BY SA 3.0, 1957)

Spießig ist das neue modern

Während der Brutalismus eine späte Ehrenrettung in den populäreren Medien findet, während das Bauhaus bis zur Übersättigung durchfeiert, hat sich im Windschatten der akzeptierten Moderne eine andere Spielart des 20. Jahrhunderts zurückgemeldet: die Idylle. Streng genommen war sie nie weg, aber wir hatten sie in die Nische der plakativen Ironie abgedrängt. Der röhrende Hirsch war salonfähig, solange er zusammen mit mauve-farbenen Schaffellen und einer kupfergetönten Designerlampe auftrat. Neu ist die unverhohlene Freude, mit der in den Sozialen Medien die Schnappschüsse von Gartenzäunen, Hauseingängen und Ladeneinrichtungen der 1950er und frühen 1960er Jahre geteilt werden. Abseits des reduzierten Designs der großen Stilikonen hat die geranientaugliche Moderne neue Freunde gefunden.

Eigentlich musste es so kommen. So aufgeräumt wie die Moderne in den letzten Monaten museal inszeniert wird, fand sie nur in den Vorzeigebunglows einer kleinen Geschmackselite statt. Und das wohl auch nur, wenn der Fotograf fürs Fachmagazin vorbeischaute. Der gemeine Endverbraucher lebte pragmatisch mit dem neuen Design. Mit Zierdeckchen und Mixed-Pickles-Etagere würde es schon gehen. Was für die 1968er-Generation tausendjährigen Muff verströmte, hat inzwischen den Grad der Unschuld wiedererlangt. Und je energischer wir die undogmatische, manchmal kitschig daherkommende Alltagsmoderne zugunsten eines aufgebügelten Bauhaus-Stils weggentrifizieren, desto kostbarer werden die letzen Spuren der einstigen Idylle.

Die wahre Avantgarde liegt genau dort, wo bei den meisten die Geschmackssperre einsetzt: Auf Berliner Flohmärkten wird, so berichten es zumindest sammelwütige Freunde, der Arcoroc-Octime-Teller der 1990er Jahre inzwischen zu hohen Preisen gehandelt. Schwarz, achteckig und unkaputtbar hatte sich diese eigenwillige Geschirrform gefühlt gerade erst aus den Wohnzimmervitrinen in die ostdeutschen Nachwendeimbissbuden zurückgezogen. Vielleicht kündigt sich hier auch die lange beschworene Renaissance der postmodernen Baukunst an. In jedem Fall sucht die neue Lust an der idyllischen Moderne nach dem echten Leben jenseits der Hochglanzmagazine, nach dem menschlichen Maß in Architektur und Design. Und damit unterscheidet sie sich wohltuend von nostalgisch verbräunten Rekonstruktionsträumen. (15.7.19)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Berlin, Hansaviertel, Niemeyerhaus (Bild: Kurt Weinland (Vater), CC BY SA 3.0, 1957)