In Mainz geht es einem Neufert-Bau an den Kragen: Die Schott AG lässt gerade ihre Verwaltungszentrale – genauer gesagt, das Bürogebäude V1 – abreißen, die 1952 nach den Entwürfen von Ernst Neufert errichtet wurde. Der Architekt (1900–1986) ist Generationen von Architekturstudierenden durch sein Standardwerk „Bauentwurfslehre“ bekannt, das nach dem Erscheinen 1936 in immer neue Auflagen herausgegeben wurde. In der Weimarer Republik war Neufert eng mit dem Bauhaus verbunden, u. a. als Mitarbeiter von Walter Gropius. Während der NS-Zeit wirkte Neufert vorwiegend im Bereich Industriebau und arbeitete teils im Auftrag von Albert Speer in Fragen der Baunormung sowie später im Arbeitsstab für den Wiederaufbau bombenzerstörter Städte. Nach Kriegsende gründete er ein eigenes Büro in Darmstadt und übernahm Aufträge in seiner bevorzugten Baugattung, u. a. für die Dyckerhoff Zementwerke.
Schott hatte seine Firmenzentrale nach dem Zweiten Weltkrieg infolge der deutsch-deutschen Teilung von Jena nach Mainz verlagert und hier 1952 von Neufert seine Hauptverwaltung errichten lassen. Erst 2009 wurde der weiter angewachsene Bau saniert und im Mitteltrakt vom Frankfurter Büro JSK Architekten neu gestaltet. Damit sollte auch das Produkt Glas als prägendes Element in Erscheinung treten. Nachdem man im Juli 2026 entkernt hatte, laufen aktuell die sichtbaren Abrissarbeiten der Geschosse am Bürogebäude V1 in der Hattenbergstraße. Schott erklärte gegenüber der Presse, sowohl die Bausubstanz als auch die technische Ausstattung „entsprachen nicht mehr den heutigen Anforderungen an moderne Arbeitswelten sowie den geltenden Standards in den Bereichen Brandschutz und Energieeffizienz“. (kb, 6.8.26)

Mainz, Schott-Verwaltungsgebäude (Bild: Schott AG, CC BY SA 4.0, 2020)

Mainz, Schott-Verwaltungsgebäude (Bild: Schott AG, CC BY SA 4.0, 1950er Jahre)
