von Ute Reuschenberg (August 2025)

„Meine Schüler werden es schwer haben“, prophezeite der Architekt Adolf Loos, einer der großen Wegbereiter der Moderne. Doch während man Richard Neutra bereits im Nachkriegsdeutschland feierte und man Heinrich Kulka immerhin aktuell in Wien mit einer Ausstellung würdigt, ist Leopold Fischer bislang noch ein Fall für Eingeweihte. Vor genau 50 Jahren, am 22. August 1975, starb er von der Architekturwelt unbemerkt im kalifornischen Exil. Dabei hatte ihn Elsie Altmann-Loos, die zweite Ehefrau von Adolf, als einen „der treuesten Loos-Schüler“ geadelt. Auch der Verfasserin dieses Beitrags war Fischer lange unbekannt – bis in ihrer Heimatstadt Werther bei Bielefeld vor einigen Jahren der Streit um ein Wohnhaus entbrannte, das er 1933 für den Arzt Dr. Steinborn gestaltet hatte. Die späteren Eigentümer:innen wehrten sich um 2018 gegen die geplante Unterschutzstellung, doch am Ende gelang diese und eine behutsame Sanierung. Und tatsächlich ist es eine kleine Sensation, dass ausgerechnet in der westfälischen Provinz ein Bau entstehen konnte, dessen minimalistischen Architektursprache klar auf Loos verweist.

Werther in Westfalen, Praxis- und Wohnhaus Dr. Steinborn, 1933, Leopold Fischer (Bild: Ute Reuschenberg, 2025)

Eine Zufallsentdeckung in Dessau

Es war die Kunsthistorikerin Irene Below, die damals an der Universität Bielefeld lehrte, die Leopold Fischer in den frühen 1990er Jahren während einer Dessau-Exkursion wiederentdeckte. Eigentlich wollte sie mit ihren Studierenden den Bauhaus-Siedlungsbau untersuchen, doch dabei stieß sie auf die verblüffend moderne, gleichzeitig hochökologische Siedlung am Knarrberg in Dessau-Ziebigk. Fischer hatte sie von 1926 bis 1928 gemeinsam mit dem Gartenreformer Leberecht Migge für den Anhaltischen Siedlerverband realisiert.

Wieder zurück zu Hause in Werther gelangte Below per Zufall ins einstige Haus Dr. Steinborn, wo ihr der Eigentümer ratsuchend die Baupläne vorlegte. Bisher hatte er vergeblich versucht, Informationen über den Architekten seines Hauses zu erhalten. Bei der folgenden intensiven Spurensuche begegnete Below auch der wichtigsten Zeitzeugin, Fischers ehemaliger Verlobte Gerda Vogt aus Bielefeld. So gelang es, sein Leben und Werk in den Grundzügen zu rekonstruieren.

Dessau-Ziebigk, Siedlung am Knarrberg (Bild: Geographisches Institut der Universität Kiel, CC BY NC ND 4.0, 1927)

Dessau-Ziebigk, Siedlung am Knarrberg, ab 1936, Leopold Fischer und Leberecht Migge (Bild: Geographisches Institut der Universität Kiel, CC BY NC ND 4.0, 1927)

Siedlungen in Konkurrenz zum Bauhaus

Geboren am 28. April 1901 in Bielitz in Österreichisch-Schlesien (heute Bielsko-Biala, Polen), stammte Leopold Fischer aus einer assimilierten jüdischen Familie. Früh ging er nach Wien, studierte ab 1920 an der privaten Bauschule von Adolf Loos und wurde 1921 dessen Mitarbeiter. Noch 1930, wenige Jahre vor dem Tod des verehrten Lehrers, war er Mitinitiator und -herausgeber einer Festschrift zu dessen 60. Geburtstag. Er arbeitete bei der „Mustersiedlung Heuberg“ mit, die Loos als Leiter des Siedlungsamtes von 1921 bis 1924 unter sozialen Gesichtspunkten kostensparend konzipiert hat. Hier lernte Fischer auch den Loos beratenden Leberecht Migge kennen – und schon jetzt spielten Nutzergärten zur Selbstversorgung eine große Rolle.

Als Loos 1924 nach Paris umgezogen war, folgte Fischer wohl im Folgejahr der Einladung von Walter Gropius an das Bauhaus in Dessau, an dessen Baubüro. Das Zusammentreffen dieser beiden so unterschiedlichen Charaktere endete im Streit. Es war vermutlich Migge, der Fischer an den Anhaltischen Siedlerverband vermittelte. Ab 1926 realisierten beide – in direkter Konkurrenz zum Bauhaus und dessen parallel entstehender Siedlung Dessau-Törten – die oben erwähnten Häuser am Knarrberg. Schon zur Schlüsselübergabe verfügte jeder der Typenbauten über einen fertig bepflanzten Garten, der mit dem Wohnhaus eine funktionale und gestalterische Einheit bildete. Dieser ganzheitliche Ansatz wurde durch den Entwurf passender Typenmöbel unterstrichen.

Durch oberflächliche Ähnlichkeiten wurden die kubischen Flachdachbauten am Knarrberg schon früh als „Bauhaus-Siedlung“ verkannt – ein Umstand, den der Architekturkritiker Hans Josef Zechlin bereits 1929 in den Wasmuths Monatsheften bemängelte. Die Häuser in Törten orientierten sich vielmehr, betonte Zechlin, an Loos-Prinzipien wie dem „Haus mit einer Mauer“. Doch während diese Siedlung heute als Vorbild für kostensparendes und funktionelles Bauen zum UNESCO-Weltkulturerbe Bauhaus zählt, geriet Fischers Werk in Vergessenheit. Schlimmer noch, es wurde in der öffentlichen Wahrnehmung kurzerhand dem Bauhaus zugeschlagen. Ironischerweise war er es, der die Siedlung Törten nach Gropius‘ Weggang vollendete. Von Fischers 65 geplanten Doppelhäusern wurden 30 fertiggestellt.

Haus Dr. Tittel (Bild: Privatbesitz 1960er Jahre)

Bielefeld, Haus Dr. Tittel, 1932, Leopold Fischer (Bild: Privatbesitz, 1960er Jahre)

Neustart als Wohnhausarchitekt

Bis der Anhaltische Siedlerverband mit der  Weltwirtschaftskrise 1930 Konkurs anmelden musste, realisierte Fischer über 300 Typenhäuser in und um Dessau. Neben Ziebigk errichtete er Siedlungen in Klein-Kühnau, Coswig, Zerbst, Köthen und Bernburg. Vergeblich hatte er sich darum bemüht, den Verband zu retten, und am Ende einen Nervenzusammenbruch erlitten. Ein Sanatoriumsaufenthalt führte ihn nach Dresden, wo er 1932 seine spätere Verlobte kennenlernte. Die Bielefelderin Gerda Vogt, Schülerin der Tänzerin Mary Wigman, unterstützte ihn nach Kräften dabei, als freier Architekt wirtschaftlich Fuß zu fassen.

Nun widmete sich Fischer dem privaten Wohnhausbau, in dem er bei Loos erfolgreich Erfahrungen gesammelt hat. Auch in Dessau hatte er bereits 1927/28 für die Modistin Hedwig Liebig ein kubisches Wohn- und Atelierhaus mit Flachdach errichtet, getreu dem Raumplan-Konzept seines Lehrers. In diesem Geist gestaltete Fischer 1933 in Werther das erwähnte Praxis- und Wohnhaus Dr. Steinborn oder kurz zuvor in Bielefeld ein Haus für Dr. Paul Tittel, den damaligen Leiter der Volkshochschule. Weitere Projekte folgten bis 1936 in Stuttgart, Kronach und Berlin. Zwei kleinere Wohnhäuser in der Nähe des Wannsees – eines für Gerdas Mutter Klara Vogt, eines für den Künstler Franz Mutzenbecher – dürften Fischers letzte Bauwerke in Deutschland gewesen sein.

Leopold Fischer und seine Verlobte Gerda Vogt, aufgenommen 1936 mit dem Selbstauslöser (Bild: Sammlung Below)

Leopold Fischer und seine damalige Verlobte Gerda Vogt, aufgenommen 1936 mit dem Selbstauslöser am Tag des Abschieds in Rotterdam (Bild: Sammlung Below)

Übersee im Büro von Frank Lloyd Wright

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialist:innen 1933 geriet auch Leopold Fischer aufgrund seiner jüdischen Herkunft immer mehr unter Druck. Diskriminierung, Ausgrenzung und Verfolgung waren an der Tagesordnung. 1936 war er gezwungen, die Konsequenzen zu ziehen: Im September 1936 reiste er in Begleitung von Gerda Vogt nach Rotterdam, um – ohne sie – die Schiffsreise in die USA anzutreten. Zwar dürfte der Weg mühsam gewesen sein, doch konnte er nach diesem Bruch in Los Angeles (und Umgebung) als Architekt Fuß fassen. 1938 bis 1940 war er Mitarbeiter bei Frank Lloyd Wright. Bis heute ist sein dortiges Werk weitgehend unbekannt. Dies ändert sich glücklicherweise im November diesen Jahres, wenn Volker M. Welter, Architekturhistoriker an der University of California in Santa Barbara, seine Forschungsergebnisse über Fischers Häuser in den USA als Buch vorlegen wird.

Fischer im Herbst 1957 in Los Angeles (Bild: Sammlung Below)

Leopold Fischer im Herbst 1957 in Los Angeles (Bild: Sammlung Below)

Literatur

Welter, Volker M., Exiled in L. A., The Untold Story of Leopold Fischer’s Domestic Architecture, Los Angeles 2025 (erscheint November 2025).

Gropp, David, Das Haus des Dr. Steinborn in Werther und sein Architekt Leopold Fischer, in: Denkmalpflege in Westfalen-Lippe 2021, 2, S. 42–49.

Below, Irene, Das Leben von Leopold Fischer, in: Leopold Fischer. Architekt der Moderne. Planen und Bauen im Anhalt der Zwanziger Jahre, hg. vom Bauhaus Dessau, Dessau 2010, S. 12–23.

Below, Irene, Leopold Fischer (1901–1975) – Die Jahre vor Dessau, in: es gab nicht nur das bauhaus – wohnen und haushalten in dessauer siedlungen der 20er Jahre, hg. vom Bauhaus Dessau/Oberstufenkolleg Bielefeld, Katalogbuch mit Beiheft zur gleichnamigen Ausstellung des Oberstufen-Kollegs, Magdeburg 1994, Beiheft, S. 37–41.

Zechlin, Hans Josef, Die Siedlungen von Adolf Loos und Leopold Fischer, in: Wasmuths Monatshefte für Baukunst 13, 1929, 2, S. 70–78.

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