von Johann Gallis und Lukas Malli (26/2)
Im Sommer 2026 könnte das von Architekt Matthias Szauer geplante Freizeitzentrum Bad Tatzmannsdorf sein 50-jähriges Bestehen feiern. Doch dazu wird es nicht kommen: Vor wenigen Wochen wurde die Anlage in ihrer bisherigen Form (bis auf ein in seiner Struktur bestehen bleibendes Schwimmbecken) dem Erdboden gleichgemacht. Ein Beispiel, das symptomatisch für das gegenwärtige Verschwinden einer ganzen Generation von Bädern der Nachkriegs- und Spätmoderne in Österreich steht – Bauten, die als kulturhistorische Zeugnisse eines gesellschaftlichen Aufbruchs, als (Erinnerungs-)Orte des gemeinsamen Erlebens, weit über ihre funktionale Bestimmung hinausweisen.

Freizeitzentrum Bad Tatzmannsdorf, 1976, Ansichtskarte, ca. 1977 (Bildquelle: Archiv Johann Gallis)
Bad Tatzmannsdorf
Der traditionsreiche südburgenländische Kurort Bad Tatzmannsdorf diskutierte seit mehr als zehn Jahren über die Zukunft seines Freizeitzentrums: eine weitläufige, zentrumsnahe Anlage, die unmittelbar neben einem Freilichtmuseum verortet ist. Gerade diese kleinteilige Umgebung prägte in den 1970er Jahren die Entwurfsprinzipien von Matthias Szauer. Der Architekt war vor allem für seine Sichtbetonbauten im Stil des Brutalismus bekannt, wählte hier jedoch einen anderen Weg. Sensibel in den Hang gestaffelte, kleinmaßstäbliche, horizontal gelagerte, weiß verputzte Baukörper mit Satteldächern aus Welleternit bilden die Grundlage einer Bade- und Freizeitlandschaft. Auf exzellente Weise nutzt sie die ansteigende Topographie und schafft mit einigen Sichtbeton-Akzenten eine architektonisch äußerst reizvolle Atmosphäre. Die benachbarten Bauformen und vor allem die Maßstäblichkeit der anonymen Alltagsarchitekturen vergangener Jahrhunderte werden hier in die Materialität der 1970er Jahre übersetzt und funktional weiterentwickelt.
Fast fünf Jahrzehnte blieb die Anlage nahezu unverändert bestehen. Dass nach einer so langen Zeitspanne nun umfassende Sanierungsmaßnahmen notwendig wären, ist naheliegend. Gleichzeitig spricht diese lange Nutzungsdauer auch für die Langlebigkeit und Nachhaltigkeit des Bestands. Doch anstatt diese Gelegenheit aufzugreifen, die architektonische Qualität der Entstehungszeit zu bewahren und zeitgemäß fortzuschreiben, entschied man sich für die Tabula-Rasa-Variante. Bis auf das zentrale Becken sollen alle Bauten abgebrochen werden. Auch das hier angewandte Auswahlverfahren für Neubau-Planungsleistungen – ohne eine Kooperation mit der Kammer der Ziviltechniker:innen – wirft Fragen nach Transparenz und fachlicher Eignung auf. Ein derartiges Vorgehen lässt kaum erkennen, ob die Expertise im Umgang mit bedeutender Bausubstanz überhaupt ein Auswahlkriterium war. Fragt man nun konkret, was an die Stelle der abgeräumten Bausubstanz tritt, fällt das Ergebnis ernüchternd aus: ein völlig austauschbarer, großvolumiger Baukörper, der alle Nutzungen aufnimmt, die bisher in den feingliedrigen Einzelbauten aufgegliedert waren. Zudem wird der Neubau aufgrund seines Maßstabs und Volumens den Hang verstellen.
Es erscheint nachvollziehbar, dass das bisherige Bad nicht unter Denkmalschutz stand, denn dieser Status könnte nicht für alle Gebäude ausreichend begründet werden. Dennoch verfügt die bestehende Anlage in vielerlei Hinsicht über eine solide Qualität, wie sie für viele Bäder der „zweiten Reihe“ typisch ist. Gerade diese Objekte sind derzeit nahezu ungeschützt: Das wird häufig als Freibrief für einen Abriss verstanden – ein grundlegendes Problem, das weit über die Typologie der Bäder hinausgeht.

Hallenbad Neusiedl am See, Blick zum Lehrschwimmbecken, 1977 (Bild: Lukas Malli, 2019)
Hallenbad Neusiedl
Dass aber auch ein Objekt mit Denkmalschutz massiv in die Defensive geraten kann, zeigt das nächste Beispiel: das Hallenbad Neusiedl am See. Als einer der markantesten Bäderbauten des Burgenlands, entworfen von den Architekten Walter Hutter und Rüdiger Stelzer, ist der Holzbau über einem Sockelgeschoß aus Beton sensibel in die Uferlandschaft des Neusiedlersees eingefügt. Er zeigt, dass der Brutalismus weit über die reine Verwendung von rohem Beton hinausgeht. Denn hier ermöglicht es eine Holzkonstruktion, die Innenbereiche größtmöglich zu öffnen und die einzigartige Landschaft regelrecht in das Innere des Gebäudes fließen zu lassen.
Trotz seiner Unterschutzstellung ist dieser authentische Bestand massiven Veränderungen ausgesetzt. Für den derzeit laufenden Umbau wurde kein Architekturwettbewerb ausgelobt, sondern die Planungsleistung stattdessen direkt vergeben – bei geschätzten Kosten von 32,9 Millionen Euro (Stand: Dezember 2024). Die bisherigen Entwurfsentscheidungen lassen wenig Sensibilität für die strukturelle Integrität und den konstruktiven Ausdruck der ursprünglichen Anlage erkennen. So wurde der Trakt des südseitigen Lehrschwimmbeckens zum Abbruch freigegeben, um ein neues Sportkampfbecken zu ermöglichen, dessen konstruktiv nicht schlüssig integrierter Baukörper den Blick auf die Landschaft massiv beeinträchtigen wird. An der Nordseite errichtet man ein Budget-Hotel in Fertigteilbauweise. Kurz gesagt: Der Bestand ist von zwei Seiten massiv unter Druck, wodurch die räumlichen Synergien zwischen Bad und Landschaft dauerhaft verloren gehen. Hinzu kommt, dass die noch weitgehend bauzeitlich erhaltenen Innenbereiche massiv entkernt werden.
Das Hallenbad Neusiedl am See steht damit exemplarisch für eine zunehmende Entwertung der Nachkriegsmoderne, die selbst dort keine Sicherheit genießt, wo rechtlicher Schutz bereits besteht. Dass solche Sanierungen auch vielschichtige Disziplinen herausfordern, darf nicht unerwähnt bleiben. Die technische Infrastruktur folgt heute teilweise anderen Standards, was den Prozess komplex macht. Doch anstatt daraus ein präzises architektonisches und haustechnisches Konzept zu entwickeln, das Bestand und Technik miteinander vermittelt, werden häufig additive Lösungen gewählt. Sie überformen dann – nicht nur in Neusiedl am See – vollständig den räumlichen Charakter und die gestalterische Logik der ursprünglichen Planung.

Parkbad Ternitz, 1960 (Bild: Johann Gallis, 2017)
Parkbad Ternitz
Die Reise zum dritten Anlassbeispiel führt ins nur wenig entfernte Ternitz, wo sich der Umgang mit einem weiteren Zeugnis österreichischer Badekultur im Spätherbst 2025 zugespitzt hat: beim früheren Parkbad Ternitz, dem heutigen „Blub“. Das kurze, aber intensiv diskutierte politische Hin und Her war geprägt von Uneinigkeit über den Umgang mit dem charakteristischen Sprungturm und dem dazugehörigen Tauchbecken – einem wesentlichen bauzeitlichen Teil des denkmalwürdigen Gesamtensembles. Mit dem Argument, die jährlichen Betriebskosten seien nicht mehr tragbar, wurde der Abbruch des Beckens initiiert und in der Folge auch ausgeführt. Letztlich blieb jedoch der Sprungturm des bekannten österreichischen Architekten Roland Rainer erhalten. So entstand eine wohl einzigartige Absurdität: ein Sprungturm ohne Schwimmbecken.
Roland Rainer verstand Bäder stets als öffentliche Räume: Orte sozialer Begegnung, vermittelt durch Architektur. In diesem Sinn sind Anlagen wie jene in Ternitz Teil einer größeren kulturellen Erzählung, die heute kaum noch rezipiert wird. Die Summe der Jahr für Jahr verschärften Normen, unterlassenen Instandhaltung und steigenden Betriebskosten führte schließlich zur Entscheidung, das Becken abzubrechen. Besonders bezeichnend ist, dass das Bundesdenkmalamt die Schutzwürdigkeit der Anlage verneinte – ein Schritt, der faktisch abermals einem (teilweisen) Abbruchbescheid gleichkommt. Ohne Schutzstatus fehlt (in Ternitz wie in Bad Tatzmannsdorf) jeder rechtliche wie politische Rahmen, um Alternativen zur Zerstörung überhaupt verhandeln zu können.
Was als pragmatischer Kompromiss erscheinen mag, befördert die Situation ins Groteske. Es stellt sich unweigerlich die Frage, ob der Erhalt des Turms als planerischer Teilerfolg zu werten ist – immerhin bleibt ein Zeugnis der Architekturgeschichte und lokaler Badekultur erhalten. Oder ob die halbherzige Lösung das Scheitern nur umso deutlicher manifestiert, als ein vollständiger Abbruch es getan hätte. Die Gemeinde selbst scheint darauf keine belastbare Antwort zu haben: Welche „geeigneten Nachnutzungen“ für einen derart monofunktionalen Restbestand denkbar wären, bleibt offen. Für eine Struktur, die ohne das ihr zugehörige Becken jegliche Grundlage verliert, gestaltet sich die Suche nach sinnvoller Weiternutzung ausgesprochen komplex. Damit wird nicht nur ein Stück lokaler Erinnerung ausgelöscht, sondern auch ein bedeutendes Beispiel jener Baukultur, die das Verständnis des öffentlichen Raums in der Nachkriegszeit maßgeblich geprägt hat.

Strandbad Gänsehäufel, 1950 (Bilder: Johann Gallis, 2009)
Strandbad Gänsehäufel
Dass es auch anders gehen kann, beweist das denkmalgeschützte Strandbad Gänsehäufel in Wien – eine nach einem Wettbewerb in den späten 1940er Jahren von den Architekten Max Fellerer und Eugen Wörle entworfene Anlage der frühen Nachkriegszeit. Unter der Planung von Wolfgang Holzhacker gelang es bereits in den 2000er Jahren, die bauliche Identität über Jahrzehnte hinweg zu bewahren und gleichzeitig inhaltlich zu erneuern. Die Kombination aus denkmalpflegerischer Aufmerksamkeit, technischer Adaptierung und kontinuierlicher Instandhaltung hat dazu geführt, dass das Gänsehäufel bis heute als lebendiger, sozialer Raum funktioniert – ohne seinen architektonischen Charakter zu verlieren. Im Sinne der Moderne ist Transformation also möglich, wenn der Bestand als Ressource und nicht als Hindernis begriffen wird.
Es braucht neue Strategien, die technische, rechtliche und kulturelle Aspekte gleichermaßen berücksichtigen – und vor allem eine Haltung, die zwischen Bewahren und Weiterbauen vermittelt. Denn die Bäder der Nachkriegsmoderne sind mehr als nur Bauwerke einer vergangenen Zeit: Sie sind materielle Zeugnisse eines gesellschaftlichen Optimismus, der das öffentliche Leben als Raum der Gemeinschaft verstand. Sie zu bewahren bedeutet, sich zur Verantwortung für dieses Erbe zu bekennen – und zugleich das Vertrauen in eine zukunftsfähige Architektur des Gemeinsamen neu zu beleben.
Rundgang

Freizeitzentrum Bad Tatzmannsdorf, 1976, Detail (Bildquelle: Archiv Johann Gallis, Auszug aus: Matthias Szauer Architektur, 5.11.–8.12.1976, Landesgalerie im Schloss Esterházy, Eisenstadt)

Hallenbad Neusiedl am See, 1977 (Bildquelle: Neusiedler Stadtarchiv, Teilnachlass Rüdiger Stelzer)

Parkbad Ternitz, 1960 (Bild: Johann Gallis, 2017)

Strandbad Gänsehäufel, 1950 (Bild: Johann Gallis, 2009)
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Inhalt
LEITARTIKEL: Zusammen
Daniel Bartetzko über den Balanceakt zwischen Vereinzelung und Vereinnahmung.

FACHBEITRAG: Badeschluss
Johann Gallis und Lukas Malli über Bäder der österreichischen Nachkriegsmoderne als bedrohte Orte des gemeinsamen Erlebens.

FACHBEITRAG: Gebetsgemeinschaften
Karin Berkemann über das Zusammenleben der Religionen im Frankfurt der Nachkriegsmoderne.

FACHBEITRAG: Der Betonhaufen
Studierende haben sich in Stuttgart gleich mehrere Studierendenwohnheime von Atelier 5 vorgenommen.
PORTRÄT: Berlins geheime Gärten
Anna Schiel über die Park- und Grünflächen des Berliner Reichstags der Nachwendezeit.

INTERVIEW: Dieter Bankert
Dieter Bankert im Gespräch über kollektives und gemeinschaftsorientiertes Bauen vor und nach der Wende.

FOTOSTRECKE: Ein Busbahnhof bei Nacht
Bilder von Gemeinschaft auf Zeit, zwischen Ankommen und Abfahren, am Münchner Busbahnhof Aidenbachstraße.

