von Konstantin Manthey (25/4)

Berlin war ein Zentrum des Kinos der Weimarer Republik. In den Filmstudios in Babelsberg und in der Reichshauptstadt entstanden etliche Filme. Dort experimentierten Filmschaffende und entwickelten die Kinematografie weiter, vom Stummfilm mit Begleitmusik bis hin zum Tonfilm. Generell war die Zeit nach der Monarchie geprägt von Versuchen, Veränderungen und Verlusten. Das Trauma des verlorenen Kriegs lag über dem Land, die Folgen sind bekannt.

All dies traf auf viele Institutionen zu, auch auf die beiden großen Kirchen. Für die Katholik:innen war es die Zeit der Neuausrichtung, denn die Reichsverfassung gewährte beiden Volkskirchen nun gleiche Rechte. Im Berlin der Goldenen Zwanziger entstanden neue zeitgemäße Angebote. Zudem flammte die interne Debatte wieder auf, welche Haltung gegenüber modernen Strömungen einzunehmen sei. Konkret entstanden mit der neuen Freiheit kleinere Gemeindestrukturen für das schnellwachsende katholische Berlin mit ca. 500.000 Gläubigen. Schließlich gründete man 1930 ein Bistum – die Aufbruchsstimmung unter den Katholik:innen wurde greifbar. Neue Seelsorgestellen brauchten neue Sakralräume. Viele davon wurden als Notkirchen gebaut und sollten später durch größere, prächtigere Gebäude ersetzt werden.

Berlin-Rahnsdorf, Hl. Drei Könige (Bild: Archiv Konstantin Manthey, 2019)

Berlin-Rahnsdorf, Hl. Drei Könige, Altarfenster von Odo Tattenpach (Bild: Archiv Konstantin Manthey, 2019)

Christliche Kunstschaffende in Berlin

Zwischen 1918 und 1933 gab es weniger Bauaktivität. Also mussten sich Architekt:innen anders verdingen, hatten Zeit für Theorieentwicklung und freie Entwürfe. Ein bekanntes Beispiel dafür ist Otto Bartning mit seinen Idealkirchen und dem Buch „Vom neuen Kirchenbau“ von 1919. Architekt:innen, bildende Künstler:innen, Schauspieler:innen, Regisseur:innen u. a. kamen vermehrt in die Hauptstadt. Sie engagierten sich in kirchlichen Gruppen wie im Kreis Katholischer Künstler, den der Priester Carl Sonnenschein ins Leben rief. Zudem befreiten sich die Kunstschaffenden vom traditionell-kaiserlich geprägten Repertoire. Neue Kunst- und Architekturschulen entstanden, viele davon in Berlin. Verschiedene (Bau-)Formen und neue Stile wurden erprobt.

In der Zwischenkriegszeit spielte die aufkommende Massenkultur eine wesentliche Rolle: Mehr Menschen erlebten mehr künstlerische Angebote. Großausstellungen, Varietés, Volksbühnen und Lichtspieltheater wurden Orte des Unterhaltungsfortschritts. Ihren Baustil, ihre Form und Ausstattung versuchten die Gestaltenden an die neue Bedeutung und Funktion anzupassen. Damit entstand eine neue Intensität in der Zusammenarbeit der Künste. Hinzu kam eine Faszination für US-Amerikanisches – der Broadway geriet wohl auch für Berlin zum Ideal. Leuchtreklamen, markante Eingangsbereiche sowie avantgardistische und damit aufsehenerregende Kunstwerke aus vielen Bereichen machten das Neue sichtbar.

Diese Entwicklungen gingen am Sakralbau nicht spurlos vorbei, denn auch die Erwartungen an den Kirchenraum veränderten sich. Es scheint so, als habe man die Bühnenhaftigkeit des Altarraums wiederentdeckt. Dazu trugen die Debatten um Liturgie und Raum bei. Breite Chorbühnen etwa sollten eine bessere Mitfeier der Glaubensgeheimnisse ermöglichen und somit die Gläubigen in das sakrale Geschehen hineinnehmen. Abfallende Bankreihen zu Opfertisch und Predigtort erhöhten die Sichtbarkeit. Hinzu kamen teils dramatische Lichtführungen, lasierte Keramiken im Innenraum oder eine Reduktion der Bildzeichen. Nach außen hingegen betonte man bestmöglich den Ortes und seine ikonische Gestaltung, oft weit ab von klassischen Kirchenfassaden.

Berlin-Wannsee, St. Michael (Bild: Archiv Konstantin Manthey, 2021)

Berlin-Wannsee, St. Michael (Bild: Archiv Konstantin Manthey, 2021)

St. Michael in Wannsee

Die 1927 geweihte St. Michael-Kirche in Berlin-Wannsee gilt als erstes Beispiel der katholischen Kirchenbaumoderne in Berlin. Dort spielen Architektur und Design im sakralen Kontext eng zusammen, denn der Architekt Wilhelm Fahlbusch involvierte andere Kunstschaffende. Die (bis auf den Turm) äußerlich einfach gehaltene, expressionistische Kirche entfaltet im Inneren große Wirkung.

St. Michael bildet eine zur Bühne hin angelegte Kirche, die aufgrund der Spitzbögen besonders die dramaturgische Staffelung beherrscht. Alle Skulpturen stammen hier von Otto Hitzberger, allen voran ist der aussagestarke Kreuzweg zu nennen: eine großformatige Schnitzerei in expressiv-roher Gestalt. Mit dem Chorwandmosaik, einer Adaption des Abendmahls von Leonardo da Vinci, stammt von Heinrich Schelhasse, der ebenfalls die Textilen der Kirche entwarf. Zur aufeinander abgestimmten Ausstattung gehören passende Vasa sacra des Goldschmieds Ernst Schmidt.

Berlin-Prenzlauer Berg, St. Augustinus (Bild: Archiv Konstantin Manthey, 2025)

Berlin-Prenzlauer Berg, St. Augustinus (Bild: Archiv Konstantin Manthey, 2025)

St. Augustinus im Prenzlauer Berg

Die 1928 geweihte St. Augustinus-Kirche von Josef Bachem und Heinrich Horvatin ist heute wohl die bekannteste katholische Expressionismuskirche. Zwar musste sich der Baukörper in den Häuserblock einfügen, doch er erhielt einen besonderen Rhythmus, indem er sich an christlich-jüdischer Zahlensymbolik orientiert. Am häufigsten kommen die Ziffern sechs und sieben vor, die für (noch) nicht erreichte Fülle und Vollkommenheit stehen.

Durch eine offene Eingangshalle und zwei Portale betritt man den Narthex. Von dort erschließen sich Nebenorte wie die Taufkapelle. Dabei wird der Blick vor allem auf den Kirchenraum gelenkt. Das zentral angelegte Schiff, von oben und durch eine Seite beleuchtet, mündet in einen langgezogenen dreischiffigen Hochchor. Obwohl die Architekten hier gotische Ideen zitieren, ist die Raumaufteilung alles andere als traditionell. Mit seinen beiden Ebenen wirkt der Chor lang in die Tiefe des Raumes hinein: Insgesamt sieben Stufen führen zum hochgestaffelten Altaraufbau.

Im Zentrum von St. Augustinus steht die Anbetung des gekreuzigten Christus. Das Kreuz wurde aus Holz gefertigt, die figürlichen Mosaikarbeiten darunter stammen von Otto Hitzberger. Dargestellt sind – wie bereits außen über den Eingängen – die Heilige Monika und der Heilige Augustinus, was sehr ungewöhnlich ist. Noch überraschender erscheint das Material des emporragenden Retabels: Keramik mit Zinnglasur. Der Aufbau mit den ursprünglichen Kerzenleuchtern erinnerte an ein Röhrensystem, das zu Gott führt. Mit der 2007 wiederhergestellten Farbwirkung aus hellem Blau (Wandflächen), Terracotta (Gliederungen) und Gold (Seitenaltarnischen und Sängerbalkone) erzeugt die Kirche eine hohe Dramatik, eben wie im Kino.

Berlin-Mitte, St. Hedwig (Bild: Archiv Konstantin Manthey, 1932)

Berlin-Mitte, St. Hedwig (Bild: Archiv Konstantin Manthey, 1932)

St. Hedwig in Mitte

Mit der Neugestaltung der Berliner Hauptkirche St. Hedwig durch Clemens Holzmeister im Jahr 1932 erhielt die Zwischenkriegsmoderne ein signifikantes Vorbild. Es wirkt trotz der Kriegszerstörung bis heute nach. In der Kathedrale des neuen Bistums realisierte Holzmeister – gemeinsam mit dem Diözesanbaurat Carl Kühn als Bauleiter – einen modernen Innenraum mit historischen Zutaten. Dabei wurde die klassizistische Fassung der Raumhülle in großen Teilen belassen oder sogar wiederhergestellt. Lediglich die Leichtbauverkleidung der Kuppel mit Tondi von Peter Hecker macht die Änderung der Umfassung sichtbar.

Für den Zentralbau indes schuf der Architekturprofessor Holzmeister zwei sich überschneidende Kreissegmente. Der Grundriss des Hauptraums wird durch einen – von der Annexrunde herausgehenden – Radius durchschnitten. Das entstehende Segment bildet einen sehr breiten Chorraum. In der kleinen Rotunde ist das Allerheiligste untergebracht, im Altarbereich finden sich alle weiteren Ausstattungen bis hin zum Chorgestühl des Domkapitels und zwei Orgelprospekten. Durch seinen Entwurf setzte Holzmeister neue Maßstäbe für die moderne Innenraumgestaltung.

Berlin-Mitte, St. Adalbert (Bild: Archiv Konstantin Manthy, 2024)

Berlin-Mitte, St. Adalbert (Bild: Archiv Konstantin Manthey, 2024)

St. Adalbert in Mitte

Nach dem Kathedralauftrag konnte Clemens Holzmeister noch einmal eine Kirche realisieren – diesmal im nördlichen Berlin-Mitte, im Jahr 1934, in der Rosenthaler Vorstadt: Zwischen Wohnbauten errichtet, hatte St. Adalbert wenig Chancen, nach außen sichtbar zu sein. Der Haupteingang verlief durch ein Wohnhaus, sodass Holzmeister die Außenwand des Altarraums in die Straßenfront der Linienstraße einbezog. Dort entstand eine Skulptur in rotem Backstein, dessen zylindrischer Altarturm in die Wandfläche einschneidet. Ebenso wird der Seiteneingang an der östlichen Längswand, im zweiten Innenhof, durch eine symmetrische Anordnung ausgezeichnet.

Für den Innenraum inszenierte Holzmeister eine Chorbühne, die über die gesamte Breite der Kirche verläuft. Im Halbrund steht der Hauptaltar, die Wände sind mit vier Heiligenmosaiken und den Symbolen der Sakramente geschmückt. Die Nebenaltäre flankieren diese Anlage und sind von Antikglas-Langfenstern hinterfangen. So entstand eine schlichte moderne Hinterhofkirche – in Anlehnung an eine liturgisch-fortschrittliche Raumeinteilung.

Berlin-Rahnsdorf, Hl. Drei Könige (Bild: Archiv Konstantin Manthey, 1990er Jahre)

Berlin-Rahnsdorf, Hl. Drei Könige (Bild: Archiv Konstantin Manthey, 1990er Jahre)

Hl. Drei Könige in Rahnsdorf

Weniger bekannt ist hingegen ein katholisches Kirchenbauprojekt, das nur die erste Stufe erreichte. Hl. Drei Könige in Rahnsdorf wurde im Juli 1934 geweiht, doch der Bau war als Notkirche gedacht. Später sollte er als Pfarrsaal genutzt werden, sobald er durch eine größere Kirche abgelöst worden wäre. Die modernen Ideen des Architekten Josef Vassillière, Mitarbeiter Mies van der Rohes, lassen sich bis heute ablesen: Realisiert wurde ein einfacher Raumquader mit kleinem Eckturm auf abfallendem Baugrund.

Im Inneren ist der Chorraum eingezogen, als Altarbild dienen die Drei-Königs-Fenster von Odo Tattenpach. Auch seine Betonguss-Reliefs für die Seitenaltäre sind noch erhalten. Mit seiner bauzeitlichen Ausstattung entfaltet der kleine kubische Kirchenraum bis heute eine beeindruckende Wirkung

Berlin-Alt Mariendorf, Martin-Luther-Gedächtniskirche (Bild: Archiv Konstantin Manthey, 2015)

Berlin-Alt Mariendorf, Martin-Luther-Gedächtniskirche (Bild: Archiv Konstantin Manthey, 2015)

Martin-Luther-Gedächtniskirche in Alt Mariendorf

Nicht zuletzt sei an einen Bau erinnert, der durch seine Ausstattung der NS-Zeit bekannt gewordene ist: die Martin-Luther-Gedächtniskirche von Curt Steinberg. Zwar lagen die Grundsteinlegung (1933) und die Einweihung (1935) bereits in nationalsozialistischer Zeit, doch die Pläne stammen aus dem Jahr 1929. Das Gebäude soll hier losgelöst von der bildhauerischen Ausstattung und Gestaltung mit NS-Symbolen betrachtet werden, die von den Bildhauern Heinrich Mekelburger und Hermann Möller stammt.

Der Architekt Steinberg hatte einen breiten Chorbogen geplant – wie die Bühnenöffnung eines Theaters. Vom Eingang bis zur Apsis fällt der Boden ab. Zum Altarraum hin laufen die Emporen rund aus, zudem wurden an ihren Unterseite Leuchten-Bänder angebracht. Fast so, als müsse zur Gottesdienstvorstellung das Licht gedimmt oder gelöscht werden. Insgesamt entstand ein Raum, für massentaugliche Gottesdienste. Nach 1933 wurde die Martin-Luther-Kirche ein Ort für nationalsozialistisch-evangelische Feiern. Bis heute ist die historische Ausstattung erhalten, sodass der Raum der Erinnerung und dem Gedenken dient.

Berlin-Mitte, St. Adalbert (Bild: Archiv Konstantin Manthy, 2024)

Berlin-Mitte, St. Adalbert (Bild: Archiv Konstantin Manthy, 2024)

Mut zum Experiment

Viele weitere expressiv-moderne Gottesdiensträume finden sich in Berlin und im gesamten Osten Deutschlands. Bauten wie die Kirche am Hohenzollernplatz prägen mit ihrer Monumentalität unseren Eindruck der Zwischenkriegsmoderne in der Metropole. Etliche Standorte sind hingegen bis heute nahezu unentdeckt geblieben – wie die katholische Kirche St. Joseph in Werneuchen oder die gleichnamige Kapelle in Lindow (Mark). Hinzu kommen viele unrealisierte Entwurfsideen oder bereits zerstörte Innenräume wie in der katholischen Kirche St. Clara in Berlin-Neukölln.

All diese Beispiele zeichnen ein lebhaftes Bild davon, wie sich die Akteur:innen mit den Kunstströmungen der Weimarer Zeit auseinandersetzten. Erkennbar sind Motive, die wir in den Kinos und an anderen Versammlungsorten der Stadt finden. Architekt:innen und Künstler:innen waren trotz der komplizierten Bauherrschaft Kirche offen gegenüber den Neuerungen. Ihre Bauten bezeugen bis heute das mutige Experimentieren und Sich-Einlassen auf neue Anforderungen und Verständnisse von Kirche.

Literatur

Bartning, Otto, Vom neuen Kirchbau, Berlin 1919, Neuauflage 2019.

Goetz, Christine/Beyer, Constantin, Das Sichtbare und das unsichtbare, Lindenberg 2017, 2. Auflage.

Bresgott, Klaus-Martin (Hg.), 100 Kirchen der Klassischen Moderne, Zürich 2019.

Wesner, Marina, Sakrale Topographie von Berlin. Gotteshäuser im Stadtraum – Bedeutung und Wechselwirkungen, Berlin 2024.

Manthey, Konstantin, Carl Kühn (1873–1941). Kirchen für das junge Bistum Berlin, Berlin 2021.


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Keine Werbung (Bild: Dennis Skley, CC BY ND 2.0, 2015, via flickr.com)

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LEITARTKEL: Lichtspiele

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Klaus-Martin Bresgott über Kirche und Kino im Expressionismus.

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