von Uwe Bresan (25/3)

Chen Kuen Lee (1915–2003) war ein Ausnahme-Architekt: In der Nachkriegszeit baute er Villen und Landhäuser in der südwestdeutschen Provinz, die eines James Bond würdig gewesen wären. In den Medien wurde er damals als Hauskünstler und Architektur-Rastelli gefeiert. Und auf den Partys seiner vermögenden Bauherren war er ein gern gesehener Gast. In den 1970er Jahren folgte jedoch der Absturz: Seine expressiven und luftigen, jedoch energieintensiven Gebilde passten nicht mehr in die Zeit endlicher fossiler Brennstoffe. Und so wurde Lee vergessen. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er zurückgezogen in einer kleinen Berliner Sozialwohnung.

Geschichtete Eisschollen: Haus Straub Sr., Knittlingen, 1956/57 (Bild: Archiv Michael Koch, Stuttgart)

Wohnen mit Teich, Bar und Kinosaal

Wie Eisschollen schieben sich die Deckenplatten ineinander. Wo sie sich übereinander legen, dringen schmale Lichtstreifen ins Innere. Der Raum fließt auf unterschiedlichen Niveaus darunter hinweg und durch die große Glasfront in den Garten hinaus. Der schwarze Steinboden folgt ihm nahtlos. Ein kleiner Teich zieht sich wiederum von außen hinein und bildet mitten im Wohnzimmer ein amorphes Tauchbecken. An seinem Rand entfaltet sich ein grüner, dichter Wald aus großblättrigen Gewächsen, aus Palmen und tropischen Kletterpflanzen, die sich um eine filigrane, frei in den Raum schwingende Stahltreppe in die Höhe entwickeln und damit den Aufstieg zur offenen Galerieebene, wo die privaten Räume des Hausherrn und seiner Frau liegen, in einen Dschungel einhüllen. Daneben liegt die offene Bar und durch eine freistehende Wand ist ein kleiner Kinosaal abgetrennt.

Im Zentrum des Grundrisses steht wiederum ein großer, offener Kamin aus schwerem, dunklem Bruchsteinmauerwerk. Zwei Stufen führen in das halboffene, holzvertäfelte Rund, das ihn umgibt, hinunter. Eine mit schwarzem Leder bezogene Sitzbank folgt der offenen Rundung und schließt den höhlenartigen Raum gegen die Umgebung ab. Folgt man ihrem Verlauf, gelangt man vom Wohnraum in den offenen Essbereich, dessen Wände mit edlen, markant gemaserten Hölzern verkleidet sind. Kinder- und Gästezimmer schließen sich in einem eigenen Gebäudeflügel an. Ein dritter Flügel markiert in Richtung Straße den Eingang und nimmt die Mädchenkammer sowie die Küche auf.

Mein Haus, mein Garten, mein Zebra: Haus Straub Sr., Knittlingen (Bild: Archiv Michael Koch, Stuttgart)

Midcentury-Moderne in der südwestdeutschen Provinz

Wir kennen solche Häuser aus frühen James Bond-Filmen. 1971 etwa lässt sich Sean Connery in der Rolle des britischen Geheimagenten von zwei exotischen Akrobatinnen – ihre Namen sind Bambi und Klopfer – in einem ganz ähnlichen Interieur verprügeln, bevor er mit den beiden – im wahrsten Sinne atemberaubenden – Schönheiten im Pool des Hauses landet. Im Film, es ist übrigens die Episode „Diamonds are Forever“, sehen wir das berühmte Elrod House, das John Lautner 1968 in den Bergen über der mondänen Wüstenstadt Palm Springs realisierte. Wir sind hingegen zu Gast in der südwestdeutschen Provinz, in einer Kleinstadt zwischen Rhein und Neckar im Städtedreieck von Stuttgart, Karlsruhe und Heilbronn. Und doch verbindet die beiden Häuser ein gemeinsamer Geist.

Wie die Natur ins Haus hinein geholt wird, wie Steine, Pflanzen und Wasser einen tropischen Hintergrund bilden, wie sich der Raum über Treppen, Ebenen und Niveausprünge verteilt und sich der dunkle Steinboden zum Kamin hin zur Sitzlandschaft entwickelt, das sind Motive der besonders zukunftsfreudigen und utopieverliebten amerikanischen Nachkriegsarchitektur, deren Stil wir heute gern als Midcentury-Moderne bezeichnen. In Deutschland ist es die Zeit des sogenannten Wirtschaftswunders und so spießig der Begriff heute klingt, so spießig stellt man sich gemeinhin auch die deutsche Architektur jener Jahre vor. Und deshalb überrascht dieses Haus in der deutschen Provinz auch so über alle Maßen. Es steht eben nicht im milden Klima Kaliforniens und ein James Bond hat sich nie hierhin verirrt, stattdessen stehen wir im Haus des Polstermöbelfabrikanten Carl Straub, errichtet in den Jahren 1955/56. Sein Architekt war Chen Kuen Lee.

Stuttgart, Haus Ketterer, 1956 (Bild: Pjt56, via Wikimedia Commons, CC BY SA 4.0)

Der Hauskünstler Lee und sein Traumbauwerke

In einer Ausgabe der legendären Nachkriegs-Illustrierten „Film und Frau“ aus dem Jahr 1963 sind das Haus und sein Architekt beschrieben. Die Rede ist von einem „Traumbauwerk“, das der „Hauskünstler“ Lee hier gestaltet habe. Im Text wird auf die „Gefahr“ angespielt, „daß manches an solchem Traumbauwerk sich zu phantasiegeladen in spielerische Tändeleien mit Formen, Farben und Baustoffen verlieren“ könnte. Mit dem Haus sei jedoch ein „Balanceakt“ gelungen, „in dem ein Architekt mit atemberaubender Könnerschaft so tut, als ob bei allen seinen Tricks doch eigentlich gar nichts dabei wäre.“ Und so schließt sich der Vergleich mit dem „Ballzauberer Rastelli“ an, „der im Spiel mit seinen Bällen, die ihn nach seinem Willen umschwebten, auch immer wie ein lächelnder Knabe“ gewirkt habe.

Der Architekt als gefeierter Jongleur und Ballakrobat, der mit dem Raum und seinen Elementen spielt, als hätten Mauern, Wände und Decken kein Gewicht; der hoch elaborierte Grundrisse mit komplexen Statiken und verschwenderischen Formen entwickelt und sich dabei die Leichtigkeit, Freude und Unverzagtheit eines spielenden Kindes bewahrt? – Wenn man die Porträts betrachtet, die von Chen Kuen Lee überliefert sind, so ist der Vergleich vielleicht gar nicht so weit hergeholt, wie man zunächst vermuten könnte. Auf Bildern wirkt der Architekt mit seiner zierlichen, ja fast knabenhaften Gestalt bis ins hohe Alter hinein seltsam alterslos. Und selbst wenn einmal kein Lächeln seine Lippen umspielt, was selten ist, so sind es seine Augen, die Lees schier unverwüstliche, innere Vergnügtheit zu verraten scheinen.

Stuttgart, Eduard-Pfeiffer-Straße 29, 1960 (Bild: Zinnmann, CC BY-SA 3.0)

Stuttgart, Eduard-Pfeiffer-Straße 29, 1960 (Bild: Zinnmann, via Wikimedia Commons, CC BY SA 3.0)

Von der Architekturgeschichte vergessen

Mag sein, dass es lediglich das für die individuellen Merkmale und Feinheiten fernöstlicher Physiognomien so blinde Auge des Europäers ist, das in den Porträts des Chinesen Lee immer nur den alterslosen Knaben zu erkennen meint. Und mag sein, dass das Foto, das Lee bei Zen-Übungen im Garten zeigt, unsere Vorstellung des allzeit in sich ruhenden Architekten, der auch noch den widrigsten äußeren Umständen stets mit einem Lächeln begegnet, mehr prägt, als es der Wirklichkeit entsprach.

Es sind Klischees und Projektionen, doch nach allem, was wir über Lee wissen, scheint sich das Bild, das wir uns von dem Architekten durch die Porträts machen können, zu bestätigen. Überprüfen können wir dieses Bild heute nicht mehr. Lee starb um die Jahrtausendwende. Vergessen war er schon zu Lebzeiten: Die große Zeit des Architekten endete in der Ölkrise der 1970er Jahre, als seine in der Nachkriegszeit entstandenen Landhausentwürfe mit ihren vielfach gebrochenen Geometrien, ihren leichten Dächern und Wänden und ihren übergroßen Glasflächen nicht mehr in die Zeit endlicher fossiler Energieträger passen wollten. Knapp drei Dutzend Villen und große Stadthäuser hatte Lee seit den 1950er Jahren im südwestdeutschen Raum realisiert und dafür viel Aufmerksamkeit erhalten.

links: Stuttgart, Chen Kuen Lee, ca. 1980 (Bild: Archiv Michael Koch, Stuttgart); rechts: Stuttgart, Eduard-Pfeiffer-Straße 29 im Plakat vom Klaus Staeck, 1972 (Bild: Edition Staeck)

Lee-Villen als Symbol für Dekadenz

Eine Fotografie von Lees Apartmenthaus in der Stuttgarter Eduard-Pfeiffer-Straße 29, errichtet zu Beginn der 1960er Jahre für den legendären Bauunternehmer Hans Bense, diente etwa als Vorlage für das berühmte Plakat „Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen“ von Klaus Staeck. Es wurde zur Bundestagswahl 1972 in einer Auflage von 75.000 Stück produziert und machte den Plakatkünstler über Nacht berühmt. Lees Karriere hingegen entwickelte sich zu dieser Zeit bereits in die entgegengesetzte Richtung. Den neuen Anforderungen an die Architektur konnte sich Lee in den 1970er und 1980er Jahren nicht mehr anpassen. Die kompakten Formen, die die neuen Wärmeschutzverordnungen nötig machten, liefen seinen Ideen des offenen Raumes und der fließenden Verbindung von innen und außen entgegen. Und die Postmoderne lag ihm nicht. Auch der Versuch, sich in Taiwan, wohin Lee in den späten 1980er Jahren als Professor berufen wurde, eine zweite Karriere aufzubauen, scheiterte. Es war das Ende von Lees einst so glänzender Laufbahn. Als er 2003 in einer winzigen Berliner Sozialwohnung verstarb, war er vollkommen mittellos.

Stuttgart-Sonnenberg, Kettenhäuser, 1963 (Bild: Pjt56, via Wikimedia Commons, CC BY SA 4.0)

Hans Scharoun, Freund und Mentor

Die Umstände seines Todes bilden dabei den denkbar größten Kontrast zu seiner Herkunft und den Verhältnissen, in denen Lee in Shanghai aufwuchs. Der Großvater war ein bedeutender Seidenfabrikant und belieferte den chinesischen Hof. Der Vater wiederum leitete ein angesehenes Bankhaus und so wuchs der 1915 geborene Lee unter geradezu fürstlichen Bedingungen auf. Das Elternhaus war ein Palast mit Personal, einer eigenen Leibwache und privaten Hauslehrern und so groß, dass nach der Enteignung durch die neuen kommunistischen Herrscher in den späten 1940er Jahren mehr als 50 Familien in dem Gebäude Platz fanden.

1931 schickte der Vater Lee nach Berlin, wo ein Onkel lebte. Hier lernte er die deutsche Sprache und begann ein Architekturstudium an der Technischen Hochschule. Der berühmte Hans Scharoun, der Begründer des organischen Bauens in Deutschland und bis heute als Architekt der Berliner Philharmonie weltweit verehrt, wurde sein Freund und Mentor. Bei ihm arbeitete Lee von 1937 bis 1953, bis er sich als Architekt in Stuttgart selbständig machte und sich – wie wir gesehen haben – schnell als gefragter Villenarchitekt im südwestdeutschen Raum etablierte.

Heiligenhaus, Haus Kiekert, 1960 (Bild: Archiv Michael Koch, Stuttgart)

Heiligenhaus, Haus Kiekert, 1960 (Bild: Archiv Michael Koch, Stuttgart)

Architekt mit Engel: Lee und sein junger Freund

Damals, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, lernte er auch seinen Engel kennen – Werner Engel. Die Bilder in Lees privaten Fotoalben, die heute zusammen mit seinem zeichnerischen Nachlass im Baukunstarchiv der Berliner Akademie der Künste lagern, zeigen Engel zum ersten Mal im Jahr 1962 bei einem gemeinsamen Ausflug nach Helgoland. Engel, damals gerade Anfang zwanzig, steht an Deck eines kleinen Motorbootes. Er trägt ein weißes Hemd, unter dem sich deutlich seine muskulöse Statur abzeichnet. Ein schwarzer Wollschal ist eng um seinen Hals gebunden und unter einem modischen, schwarz-weiß gestreiften Hut mit schmaler Krempe schaut sein dunkles Haar hervor. Alles an ihm verrät den Handwerker, den Baugesellen, der unter freiem Himmel arbeitet und dabei allein der Kraft seines Körpers vertraut. Tatsächlich lernt Lee Engel auf einer seiner Baustellen kennen und verliebt sich augenblicklich in den kräftigen Burschen. Die Zuneigung beruht auf Gegenseitigkeit und entwickelt sich bald zu einer großen Liebe, die ein ganzes Leben lang halten wird. In Stuttgart-Stetten wohnen sie gemeinsam in einer von Lee errichteten Häuserzeile.

Eckengebirge: Berlin, Märkisches Viertel – Wohnhausgruppe 915, 1968–1970 (Bild: Gunnar Klack, CC BY SA 4.0)

Acht Ebenen in drei Geschossen

Obwohl in den Dimensionen viel bescheidener als seine großbürgerlichen Villen und mehr in die Höhe ragend, als in die Breite gehend, ist das kleine Haus, das sie bewohnen, ganz von Lees Architekturidealen durchdrungen. Alles ist offen und einsichtig, nur die Bäder und Toiletten besitzen Türen. Acht Ebenen, die durch kurze Treppen miteinander verbunden sind, hat Lee in dem nach außen gerade einmal dreigeschossigen Bau untergebracht. Zu ebener Erde liegen die Büroräume. Darüber entfalten sich die verschiedenen Lebensbereiche mit einem teilweise zweigeschossigen Wohnraum auf der Höhe des ersten Obergeschosses als Höhepunkt. Spiegel und farbige Wandflächen verleihen dem Raum Dynamik, während eine große Bar mit breitem Tresen den Grundriss dominiert. Sie ist Lees Lieblingsplatz und ein Markenzeichen seiner Architektur. In keiner seiner Villen fehlt sie.

Der Architekt ist auch ein Lebemann! Er ist oft zu Gast auf den Festen und Partys seiner vermögenden Bauherrn, er ist charmant und unterhaltsam und er tanzt gern. Bei ihm zu Hause stapeln sich die Jazzplatten in den Regalen. Und Engel ist immer an seiner Seite – auch dann noch als die Bauherren wegbleiben und die Einladungen weniger werden; und auch noch als der Architekt zuerst in Berlin, dann in Taiwan nach einer zweiten Chance sucht. Und zuletzt auch noch, als Lee gezwungen ist, sich auf eine Wohnung mit zwei kleinen Zimmern im Märkischen Viertel, einer Trabantenstadt am Rande Berlins, zu beschränken. Lee hatte das Haus, ein bis zu 17 Geschosse hoch aufragendes Wohngebirge, Ende der 1960er Jahre noch selbst entworfen.

Dieser Beitrag ist in geänderter Fassung auch enthalten in: Voigt, Wolfgang/Bresan,Uwe (Hg.), Schwule Architekten . Verschwiegene Biografien vom 18. bis zum 20. Jahrhundert, Wasmuth & Zohlen, Berlin 2022.


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Keine Werbung (Bild: Dennis Skley, CC BY ND 2.0, 2015, via flickr.com)

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