von Daniel Bartetzko (25/3)

Am Ufer des Ossiacher Sees im österreichischen Steindorf steht ein Haus, das aussieht, als habe man versucht, ADHS mit Stahl, Glas und Stein begreifbar zu machen. Die Assoziationen angesichts dieses Bauwerks sind endlos: Caspar David Friedrichs „Eismeer“ in Beton gegossen, Metropolis nach dem Zusammenbruch, eine tektonische Verschiebung, ein explodierter Plattenbau. Dazu passend kommt der vordergründig völlig irre Grundriss: Hat hier jemand ein konventionelles Mietshaus geplant, die Entwurfszeichnung zusammengeknüllt und dann genau dieses Knäuel realisiert?

Die Entwurfszeichnung zusammengeknüllt und dann gebaut? Domenig Steinhaus, 2013 (Bild: MMueller, CC BY SA 3.0 at)

Aus dem Boden gewachsen

Tatsächlich ist dieses Inferno aus Ecken und Kanten, in- und übereinandergeschobenen Ebenen und dem totalen Bruch mit jeglichen Erwartungen an Architektur ein durchdachtes Manifest. Und wenn es so wild wird, ist dann der Stilbegriff Dekonstruktivismus nicht weit. Der Architekt Günther Domenig, geboren 1934 in Klagenfurt, gestorben 2012 in Graz, gilt als einer der Wegbereiter dieser auch mit der Moderne brechenden Richtung. Er hat seine Kindheitserinnerungen an die kantigen Felsen des Kärntner Mölltals in die sanft schwingenden Hügel am Ossiacher See transloziert.

Herausgekommen ist das von 1982 bis 2008 gegen viele Vorschriften und Widerstände realisierte „Domenig Steinhaus“: Skulptur, Atelier, Museum, Bildungszentrum und – klingt pathetisch, ist aber so – das Projekt seines Lebens. „Aus dem Boden wachsen Hügel, aus denen Felsen brechen. Durch die Schlucht getrennt. Felsen aus Metall, Hügel aus Mauern, durchdrungen von Räumen und Wegen, unter das Wasser reichend.“ So beschrieb es Günther Domenig selbst, so steht es auf der Homepage des Steinhauses. „Ein Haus um des Gebauten Willen, nicht um eines Zweckes Willen.“ Bereits vier Jahre nach seiner Fertigstellung, im Todesjahr des Erbauers, wurde es unter Denkmalschutz gestellt.

„Hügel, aus denen Fenster brechen“: Domenig Steinhaus (Bild: Johann Jaritz, CC BY SA 3.0)

Mit Hingabe polarisierend

Günther Domenig studierte 1953 bis 1959 Architektur in Graz und hat dort an der TU ab 1980 auch als Professor gelehrt. Als Architekt arbeitete er ab 1962 zusammen mit Eilfried Huth (*1930) mit Büros in Graz und München. Architektur war für Domenig immer Kunst. Und unter Inanspruchnahme künstlerischer Freiheit polarisierten die Entwürfe von Domenig/Huth gerne, stets war ein Gebäude zugleich Geste. Die 1969 geweihte Pfarrkirche Oberwart (durchaus eine Antwort auf Gottfried Böhms Mariendom in Neviges) steht direkt vor der ursprünglichen Barockkirche. Das betonsichtige Ensemble mit Kirche und Gemeindezentrum war seinerzeit für konservative Gemüter ein Schlag ins Gesicht, heute gilt es als Ikone des Brutalismus.

Für die damalige Österreichisch-Alpine Montangesellschaft entstand von 1970 bis 1973 in Leoben ein neues Forschungs- und Rechenzentrum – ein tollkühn aufgehängtes, vierflügeliges Hochhaus über einer Sockelbebauung aus Laborhallen (auch dies womöglich eine Antwort auf den zeitgleich gebauten „BMW-Vierzylinder“ von Karl Schwanzer in München). Aufgrund seiner Verkleidung aus Cortenstahl erhielt es bald den Spitznamen „Rostschwammerl“. Mittlerweile ist der Bau Sitz der Montanuniversität. Von 2008 bis 2010 wurde er energetisch saniert, dabei hat man die Fassade zerstört: Sie ist heute mit glatten Alublechen verkleidet, die futuristische High-Tech-Architektur ist kaum mehr erkennbar.

Der energetischen Sanierung zum Opfer gefallen: Forschungs- und Rechenzentrum Leoben, 2004 (Bild: Gunnar Klack)

Ein organisches Zwischenspiel

Die Partnerschaft mit Eilfried Huth endete 1975. In den Folgejahren arbeitete Günther Domenig überwiegend alleine, schickte zunächst die Ecken und Kanten zugunsten organischer Formen in Vorruhestand. Das Sparkassen-Gebäude in Wien-Favoriten (1975–1979) ist Ausdruck jener Ära – wiewohl auch Zeugnis, dass Mut und Wille zur Provokation ungebrochen waren: Mit seiner geschwungenen Edelstahl-Fassade und dem psychedelisch gestalteten Treppenaufgang samt überdimensionaler Betonhand, die in menschliche Eingeweide zu greifen scheint, ist dieser Bau wiederum alles – außer konventionell. Bald darauf kehrten die verschobenen Kuben und der Sichtbeton zurück, und die Arbeit am programmatischen Steinhaus begann.

Zeitgleich etablierte sich Domenig im öffentlichen Bauen, ab 1998 in Bürogemeinschaft mit Hermann Eisenköck und Herfried Peyke. Nach dem Ende dieser Kooperation war Domenigs letzter Partner ab 2003 Gerhard Wallner, das Büro Domenig & Wallner existiert heute noch. Viele seiner späteren Büropartner waren Studenten von ihm, bis 2000 hatte er den Lehrstuhl an der TU Graz inne.

Die Hand am Puls der Zeit: Wien-Favoriten, ehemalige Zentralsparkasse, 1975–1979 (Bild: Karl Ha, CC BY SA 4.0)

Von der Skizze zum Endergebnis in 28 Jahren

Um 1980 entstand eine erste programmatische Skizze des Steinhauses. Günther Domenig zerlegte ein traditionelles Bauernhaus in mehrere Teile und schichtete die Ebenen um. Zwei Jahre später begann der Bau auf dem schmalen Grundstück in Steindorf, das der Architekt von seiner Großmutter geerbt hatte. Zunächst entstand ein Steg zum See, 1986 startete die Arbeit am Gebäude. Doch auch wenn es Steinhaus heißt – ist dies wirklich ein Haus? Domenig und teils auch seine jeweiligen Büropartner gestalteten eigentlich das Gegenteil: An diesem Ort bricht Architektur auf, zersplittert regelrecht. Polyeder aus Stahl, Glas und Beton in einem komplexen Raumgefüge mit teils abenteuerlichen Wegführungen erheben das Gebäude zur Skulptur. Beim Durchschreiten offenbart sie die Inspiration und die Gedankengänge, die beim Entwerfen von Baukunst eine Rolle spielen.

Gleichwohl trägt die Raum- und Wegefolge autobiografische Züge: Es gibt etwa die „Schwebesteine“, den „Hohen und den Tiefen Weg“, den „Huckepack“, die „Schlucht“, den „Trog“, den „Nixnutznix“ und den „Spiralraum“. Das klingt alles ein wenig egomanisch und getrieben: Die Person Günther Domenig war so komplex wie ihr Opus Magnum. 2023 gab es im österreichischen Kunsthaus Mürz in der Kleinstadt Mürzzuschlag die Ausstellung „Wir Günther Domenig. Eine Korrektur“, welche respektvoll die in der Heldenbiographie oft unterschlagenen Mitarbeiter:innen und Weggefährt:innen würdigt – insbesondere beim Steinhaus-Projekt (das Buch zur Ausstellung erscheint im November 2025 bei Park Books).

Domenig Steinhaus, Grundriss (Bild: Domenig Stiftung)

Splitternde Ikone

Es liegt auf der Hand, dass an diesem Ort auch Architektur gelehrt wurde. Betreiber des Steinhauses ist seit Anbeginn die Günther Domenig Privatstiftung. Aus seinem Privatvermögen hat der Architekt bis zur Fertigstellung etwa 3 Millionen Euro investiert, das Land Kärnten und der Bund 1,1 Millionen. Heute sind das Land Kärnten und die Privatstiftung die Eigentümer:innen. Das Architekturhaus Kärnten ist mitverantwortlich für das Programm. Mittlerweile ist das Steinhaus ist auch gelistet in der weltweiten Architekturplattform „Iconic Houses“.

Doch der Ikone setzen zunehmend Witterungsverhältnisse zu: Beton splittert ab, Dichtungen werden porös, Bleche biegen sich. Der ehemalige Domenig-Schüler und -Mitarbeiter Georg Wald, der bereits am Bau beteiligt war, betreut das Steinhaus seit 2008. Er war auch verantwortlich für die jüngste Instandsetzung, nachdem im Sommer 2020 die unteren Geschosse infolge Starkregens überflutet wurden. Nach zwei Jahren Bauzeit fand die Wiedereröffnung zum 10. Todestag Günther Domenigs statt. Mehrere Handwerksfirmen aus der Gegend haben sich auch bereiterklärt, bei den weiterhin anfallenden Sanierungen bevorzugt mitzuhelfen. Der einst eher ungeliebte Betonbau ist mittlerweile im Herzen der Nachbarschaft angekommen – und nicht zuletzt zum Hotspot für Kulturtouristen geworden.

Steindorf, Steinhaus, Uferstraße 31 (Bild: Johann Jaritz, CC BY 3.0 AT)

Wo, wenn nicht hier

Das Zerschlagen und Infragestellen, das Abarbeiten nicht zuletzt an der eigenen Familiengeschichte waren Triebfedern Günther Domenigs. Sein bedeutendstes Werk neben dem Steinhaus befindet sich in Deutschland: das 2001 eröffnete Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. Domenigs Eltern waren überzeugte Nationalsozialist:innen, sein Vater NSDAP-Funktionär und freiwillig an der Front. 1945 wurde er von Partisanen hingerichtet. Für Günther Domenig galt „Nie wieder ist jetzt!“ sein Leben lang. Wo, wenn nicht an einem Symbolort der NS-Barbarei, wäre Dekonstruktion also sinnfällig. Auf dem Reichsparteitagsgelände Nürnberg wagte er den schonungslosen Eingriff in den nie fertiggestellten Bestandsbau der Kongresshalle. Wie ein Speer (nein, kein Witz!) aus Stahl und Glas durchdringt die Domenig’sche Gegenthese aus Stahl und Glas die monumentale Symmetrie der steinernen Halle von Ludwig und Franz Ruff. Die Raumfolge im Inneren orientiert sich ebenfalls an ihm, der NS-Bau bleibt bloße Hülle und wird selbst zum Ausstellungsstück. Nach vierjähriger Umbauphase ist das Dokumentationszentrum mit seiner Dauerausstellung seit 2025 wieder vollständig geöffnet. Wem der Weg nach Kärnten zum Steinhaus zu weit ist, kann auch in Nürnberg neben der würdigen NS-Dokumentation auch viel über den Architekten und Mensch Günther Domenig erfahren. Der durch ihn geprägte Dekonstruktivismus scheint indes spätestens mit dem Tod von Zaha Hadid 2016 ein Ende gefunden zu haben.

Nürnberg, Dokumentationszentrum (Bild: Kater Begemot, CC BY 3.0)

Nürnberg, Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände, 2011 (Bild: Kater Begemot, CC BY 3.0)


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Keine Werbung (Bild: Dennis Skley, CC BY ND 2.0, 2015, via flickr.com)

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