von Karin Berkemann (26/2)
Mit der Einweihung der Nuur-Moschee wurden Muslim:innen und ihre Glaubenskultur in Frankfurt 1959 sichtbarer. Der Bau lag am Stadtrand, am Sachsenhäuser Berg, in einem gerade erst entstehenden Wohngebiet an einer wichtigen Ausfallstraße, eben – und das war in der Mainmetropole neu – nicht mehr in einem Hinterhof. Für muslimische Diplomat:innen, Studierende, Geschäftsleute, Reisende und zunehmend auch für Gastarbeiter:innen profitierte die Nuur-Moschee von ihrer zentralen, verkehrsgünstigen Lage mit einem weiten Einzugsgebiet. Auch darüber hinaus bildete der Gebetsraum an der Babenhäuser Landstraße eine Besonderheit, denn er gilt als der zweite Moscheeneubau Westdeutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg.

links: Frankfurt am Main-Sachsenhausen, Henninger-Turm, 1961, Karl Emil Lieser, abgerissen 2013, rechts: Frankfurt am Main-Sachsenhausen, St. Wendel, 1957, Johannes Krahn sen. (Bilder: links: Dontworry, CC BY SA 3.0, 2010; rechts: Gaki64, CC BY SA 3.0, 2013)
Von Türmen umgeben
Als die Nuur-Moschee 1959 gebaut wurde, hatte die Erschließung des Sachsenhäuser Bergs gerade erst begonnen. Noch war die religiöse Infrastruktur des aufstrebenden Wohngebiets nicht festgezurrt. Da macht es Sinn, dass sich die beiden großen christlichen Konfessionen hier fast zeitgleich zum Moscheebau ihre neuen Stützpunkte einrichteten. Die evangelische Landeskirche konnte 1958 ein Gemeindehaus im Sachsenhäuser Landwehrweg einweihen. Von 1964 bis 1966 folgte hier am Südrand des Südfriedhofs die selbstbewusste brutalistische Bergkirche nach Plänen des Frankfurter Architekten Werner W. Neumann. Auf einem prominenten Eckgrundstück staffelte er beton- und backsteinsichtige Quader, bis sie in einem 42 Meter hohen Turm gipfeln.
Die römisch-katholische Gemeinde feierte ihre Messe in Sachsenhausen bereits ab 1938 in einem ehemaligen Brauereigebäude am Hainer Weg. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg verlagerte sie ihren Standort näher zu den entstehenden Wohnhäusern, an den Nordrand des Südfriedhofs. Nach den Plänen des Architekten Johannes Krahn sen. wurde von 1956 bis 1957 die burghafte Kirche St. Wendel errichtet. Dem hochgeschlossenen natursteinverkleideten Schiff wurde ein zylindrischer Campanile von 34 Metern Höhe an die Seite gestellt. Mit den beiden turmbewehrten Neubauten, mit der Bergkirche ebenso wie mit St. Wendel, brachten zwei christliche Gemeinden ihre religiöse Weltsicht zum Ausdruck. Dabei hatten sie den Kampf um die Lufthoheit in Frankfurt kurz darauf schon verloren, als 1961 der Henningerturm entstand. Das Brauerei-Hochsilo mit Drehrestaurant überragte mit rund 120 Metern erstmals deutlich den historischen Domturm am anderen Mainufer.

Frankfurt am Main-Sachsenhausen, Nuur-Moschee, 1959, Erwin Knaack, Eingangsseite zur Babenhäuser Landstraße (Bild: HolyArtThou, CC0 1.0, 2023)
Missionshaus mit Wohnung
Gegen die 120 Meter des Henningerturms, die 34 bzw. 42 Meter der Sachsenhäuser Kirchtürme mutet die Nuur-Moschee zunächst fast zurückhaltend an. Der niedrige Kuppelbau wird zur Straße hin von zwei schlanken, zylindrischen Minaretten flankiert, die je nur zehn Meter in die Höhe ragen. Damit folgt der Frankfurter Bau dem traditionellen osmanischen Moscheetypus, interpretiert ihn aber im international gedachten Stil der Nachkriegsmoderne. Während sich die Kirchen jeweils an ihren Pfarrbezirk, an die umgebenden Wohnbauten wenden, zielt die Nuur-Moschee auf ein sehr viel größeres Einzugsgebiet. Mit ihrer markanten Silhouette bildete sie ein Novum im Frankfurter Stadtbild. Auf dem schmalen langgestreckten Grundstück wurde der Bau von der Straße zurückgesetzt. Vor ihm liegen die lebensnotwendigen Parkplätze, dann führen drei Stufen zum mittigen Eingang des überkuppelten Gebetsraums. Für aus dem Umland anreisende Gläubige vollzog die Nuur-Moschee damit die passende städtebauliche Geste, und war zugleich für alle Vorbeifahrenden sichtbar, ohne zu sehr auftrumpfen zu müssen.
Initiiert wurde der Bau von der Ahmadiyya Muslim Jamaat (AMJ), einer 1889 begründeten islamischen Reformbewegung, die bereits 1957 die Hamburger Fazle-Omar-Moschee verantwortet hatte. Schon früh errichtete die AMJ in Europa erste Stützpunkte, kam über Großbritannien in der Mitte des 20. Jahrhunderts auch in die Schweiz und nach Deutschland. Das Frankfurter Ensemble firmierte in den Plänen entsprechend als Missionshaus mit Wohnung. Für den Entwurf zeichnete der Hamburger Architekt Erwin Knaack verantwortlich, für die Umsetzung vor Ort beauftragte man zuerst Ernst Wolf aus Bad Vilbel, dann Emil Michel aus Frankfurt. Zwischen der Grundsteinlegung am 8. Mai 1959 und der Fertigstellung am 12. September 1959 lagen gerade einmal vier Monate. Dass bei der Einweihung der pakistanische UN-Politiker und Präsident des Internationalen Gerichtshofs Sir Muhammad Zafrullah Khan zugegen war, zeugte vom damaligen Rang des Frankfurter Standorts. Ab 1969 lag hier für einige Jahre auch die AMJ-Deutschlandzentrale.

Frankfurt am Main-Sachsenhausen, Nuur-Moschee, 1959, Erwin Knaack, Gebetsraum mit nach Osten gewendeter Gebetsnische, rechts der Zugang zu den Nebenräumen (Bild: HolyArtThou, CC0 1.0, 2023)
Gerichtet im Achteck
In Sachsenhausen erzielt die Nuur-Moschee mit einfachsten Mitteln maximale Wirkung. In der Denkmalausweisung beschreibt der Architekturhistoriker Robinson Michel, dass der Bau „aus Hohlblocksteinen errichtet und außen mit einem weißen Kellenputz versehen“ wurde. In Grün – deutbar als Farbe des Islam – sind gliedernde Elemente hervorgehoben: der Sockel und das Kuppeldach, die Minarettspitzen und die Fensterumrandungen, der Haupteingang und die darüber angebrachte Kalligrafie in arabischer Sprache. Die Kuppel bildet „eine einfache Holzkonstruktion, die mit Bitumenpappe gedeckt ist.“ Im Gebetsraum zeichnet sich die Kuppel nicht ab, stattdessen wird er von einer flachen Decke überfangen.
Wo sich die Fassade der Moschee zur Straße nach Südwesten ausrichtet, ermöglicht der achteckige Grundriss dennoch die erforderliche Orientierung: In einer der Ecken weist die hölzern verkleidete Gebetsnische (Mihrab) nach Mekka. Davon abgesehen ist der bis zu 125 Menschen fassende Innenraum flexibel gehalten. Neben der hölzernen Kanzel für die Predigt des Imam können auf dem Teppichboden bei Bedarf Stühle gestellt werden. Hinter dem Gebetsraum erstreckt sich ein flachgedeckter eingeschossiger Bau, teils unterkellert, mit Funktionsräumen, Büros und einer Wohnung für den Imam.

links: Frankfurt am Main-Westend, Orangerie im Grüneburgpark, 1850, 1959 abgegeben an griechisch-orthodoxe Gemeinde (Georgioskirche), 1998 neu errichtet auf den Fundamenten der Orangerie; rechts: Frankfurt am Main-Nordend, Hallgartenstraße, Church of Christ, 1954, P. Holzmann AG, 2005 umgenutzt für Wohnzwecke (Bilder: links: GeorgDerReisende, CC BY SA 4.0, 2020; Karin Berkemann, 2024)
Je näher, je schwerer
In Sachsenhausen, am südlichen Stadtrand von Frankfurt, fand die Nuur-Moschee 1959 zu einer klugen Balance aus Präsenz und Pragmatik. Wer sich von den kleineren Gemeinschaften näher ans Zentrum wagte, wer überhaupt ein entsprechendes Grundstück für religiöse Zwecke ergattern konnte, bekam es durchaus mit Bedenken zu tun. 1954 ließ sich die texanische Gemeinde Church of Christ im Stadtteil Nordend von der P. Holzmann AG einen Bau errichten, nur eine Straße entfernt von der zeitgleichen römisch-katholischen Kirche St. Michael. Dort äußerte man sich am 30. April 1954 mit Argwohn über die internationale Nachbarschaft, „deren Einfluß auf die Kinderwelt bedeutend ist: sie holen Kinder jedes Bekenntnisses über den ganzen Sonntag zusammen“. Während das von Rudolf Schwarz entworfene Schiff von St. Michael, ein freistehender Bau auf elliptischem Grundriss, 1962 durch Karl Wimmenauer um einen markanten Campanile ergänzt wurde, musste sich die Church of Christ begnügen. Vergeblich hoffte sie darauf, ihr in den Straßenzug eingereihtes Domizil um einen prominenten Eckbau zu erweitern. So blieb die texanische Kirche nach außen ein zurückhaltendes, zweigeschossiges Gemeindehaus, wie sie in den frühen 1950er Jahren zahlreich entstanden.
Auch wenn die innerkonfessionelle Konkurrenz immer wieder an baulichen Details zwischen Turmhöhe und Standortwahl ausgefochten wurde, verfügte die Messestadt doch schon in der frühen Nachkriegszeit über eine große religiöse Weitherzigkeit. Viele, teils sonst kaum in Westdeutschland vertretene Gemeinschaften hatten in den boomenden 1950er und 1960er einen Frankfurter Stützpunkt. Selbstbewusste Neubauten wie die Unitarische Weihehalle in direkter Domnähe, 1960 nach den Entwürfen von Alfred Schild eingeweiht, blieben die Ausnahme. Wer es sich leisten konnte, wählte ein Grundstück im innenstadtnahen Nordend. Wer weniger finanziellen Rückhalt hatte, wich an die Außenbezirke und in den Speckgürtel aus. Auch Bestandsbauten wurden für religiöse Gemeinschaften (re)aktiviert. Neben der Wiederherstellung der Westend-Synagoge für die jüdische Gemeinde zogen die griechisch-orthodoxen Christ:innen 1959 in die ehemalige Orangerie im Grüneburgpark. Nicht zu vergessen religiöse Gruppen ohne architektonisch hervorstechende Räume – immerhin zählte Frankfurt 1955 zu den Gründungsorten der Deutschen Buddhistischen Union.

Frankfurt am Main-Innenstadt, Unitarische Weihehalle, 1960, Alfred Schild (Bild: UnitarierFFM1845, CC BY SA 4.0, 2011)
Ein Stück religiöse Vielfalt
So unterschiedlich die religiösen Gemeinschaften waren, die sich in den Nachkriegsjahrzehnten in Frankfurt eingewurzelt haben, so klar teilen sie heute ein Problem: Weniger Mitglieder und weniger Geld erzeugen einen hohen Druck auf den Baubestand. Bereits 2005 wurde die Church of Christ für private Wohnzwecke umgenutzt. St. Michael dient als Trauerkirche mit Columbarium. Viele weitere Beispiele ließen sich nennen, und die nächste Sparwelle zeichnet sich bereits ab. Davon unberührt steht die Moschee am Sachsenhäuser Berg weiterhin ihn ihrer angestammten religiösen Nutzung. Auch baulich sind kaum Veränderungen zu verzeichnen. Interessanterweise wurde die Nuur-Moschee jüngst nicht aus künstlerischen oder städtebaulichen, sondern aus „religions- und migrationsgeschichtlichen Gründen“ unter Schutz gestellt – welch schöne Würdigung der der gewachsenen religiösen Vielfalt am Main.

Frankfurt am Main-Sachsenhausen, Nuur-Moschee, 1959, Erwin Knaack (Bild: rupp.de, CC BY SA 3.0, 2007)
Literatur und Quellen
Berkemann, Karin, Nachkriegskirchen in Frankfurt am Main (1945–76), hg. vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland; Kulturdenkmäler in Hessen), Stuttgart 2013 (zugl. Dissertation, Kirchliche Hochschule Neuendettelsau, 2012).
Kraft, Sabine, Islamische Sakralarchitektur in Deutschland. Eine Untersuchung ausgewählter Moschee-Neubauten (Ästhetik – Theologie – Liturgik 21), Münster in Westfalen/Hamburg/London 2002 (zugl. Dissertation, Universität Marburg, 2000).
Michel, Robinson, Eintrag zum Bau in der hessischen Denkmaldatenbank denkXweb (Babenhäuser Landstraße 25, Frankfurt am Main).
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Inhalt
LEITARTIKEL: Zusammen
Daniel Bartetzko über den Balanceakt zwischen Vereinzelung und Vereinnahmung.

FACHBEITRAG: Badeschluss
Johann Gallis und Lukas Malli über Bäder der österreichischen Nachkriegsmoderne als bedrohte Orte des gemeinsamen Erlebens.

FACHBEITRAG: Gebetsgemeinschaften
Karin Berkemann über das Zusammenleben der Religionen im Frankfurt der Nachkriegsmoderne.

FACHBEITRAG: Der Betonhaufen
Studierende haben sich in Stuttgart gleich mehrere Studierendenwohnheime von Atelier 5 vorgenommen.
PORTRÄT: Berlins geheime Gärten
Anna Schiel über die Park- und Grünflächen des Berliner Reichstags der Nachwendezeit.

INTERVIEW: Dieter Bankert
Dieter Bankert im Gespräch über kollektives und gemeinschaftsorientiertes Bauen vor und nach der Wende.

FOTOSTRECKE: Ein Busbahnhof bei Nacht
Bilder von Gemeinschaft auf Zeit, zwischen Ankommen und Abfahren, am Münchner Busbahnhof Aidenbachstraße.

