von Dietrich Heißenbüttel (26/1)

Das Züblin-Parkhaus im Stuttgarter Leonhardsviertel war unter den ersten Projekten der Bauausstellung IBA’27, vorgestellt im Juli 2020. Seitdem ist viel geplant und geredet worden, aber nichts passiert. Was lässt sich zu einem Bauvorhaben sagen, bei dem nichts vorangeht, ja nicht einmal Entscheidungen getroffen werden? Sehr viel. Denn an dem 1962 errichteten Parkhaus, eines der ältesten der Stadt, zeigen sich im Kern alle Probleme der Autostadt Stuttgart. Weit mehr als ein Parkhaus, soll es zur „Neuen Mitte Leonhardsvorstadt“, das heißt entweder entfernt oder umgebaut werden – um die zwei einzigen halbwegs erhaltenen Altstadtgebiete Stuttgarts wieder miteinander zu verbinden. Abriss und Neubau oder Umbau: Darüber konnte noch keine Einigung erzielt werden.

Seit den 1960er Jahren sind Bohnen- und Leonhardsviertel, zusammen auch Altstadt genannt, durch das Züblin-Parkhaus getrennt. Und durch die achtspurige Bundesstraße 14 vom Stadtzentrum. Von der Stadtplanung vernachlässigt, wurde das Städtle, wie die Stuttgarter liebevoll sagen, zum Ausgeh- und Rotlichtviertel. Das Bohnenviertel hatte zu Beginn der 1970er Jahre abgerissen werden sollen, um einem Bürokomplex Platz zu machen, wie später auf der anderen Seite der B 14 die „vereinigten Hüttenwerke“ – Nachkriegsbaracken mit wenigen alten Resten – dem Schwabenzentrum, dem es inzwischen auch schon wieder an den Kragen geht. Dann kam das Europäische Denkmalschutzjahr 1975, und das Bohnenviertel wurde „behutsam“ saniert, das heißt nur etwa zur Hälfte durch Neubauten ersetzt und ergänzt, unter Beibehaltung der bestehenden Straßenzüge. Im Leonhardsviertel ist die Altbausubstanz dagegen weitgehend erhalten.

„Kunst und Kirche“: Stuttgart, Parkhaus Züblin, Oberdeck (Bild: IBA’27/Dominique Brewing)

Die Quartiere wiedervereinigen

Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle (Grüne) kämpft mit dem Schmuddel-Image des Quartiers. Sie liegt im Clinch mit Bordellbetreiber:innen, die billige Ware aus Osteuropa beziehen, und war besonders schockiert, als sich auf einem Kinderspielplatz direkt neben dem Parkhaus immer wieder Heroinspritzen fanden. Sie sah im Abriss des Parkhauses die Chance, aus den zwei Quartieren wieder eines zu machen: die alte Leonhardsvorstadt, auch Esslinger Vorstadt genannt. Schon bald nach Bekanntgabe der IBA-Projekte wurde das junge Büro Studio Malta, zusammen mit BeL aus Berlin, mit einem Beteiligungsprozess, dem „Planspiel Zukunft Leonhardsvorstadt“ beauftragt.

Ein ehemaliger Waschsalon diente als Anlaufstelle, Fragebögen wurden verteilt, Bauklötzchen (der „Städtebausimulator“) halfen den Bewohner:innen, ihre Vorstellungen zu visualisieren. Es gab Workshops und drei größere Diskussionsrunden, aber Studio Malta war sich bewusst, dass auf diese Weise nur die Gebilderteren, die Interessierten zu erreichen waren. So kam es ergänzend zu einer aufsuchenden Beteiligung: Menschen wurden auf der Straße angesprochen. Trotzdem gab es Kritik. „Baut bloß keinen Scheiß“, war unter einem Fenster zu lesen, „Keine Gentrifizierung“ und „Das Viertel bleibt dreckig“. Neben der berechtigten Angst vor einer „Aufwertung” im Sinne teurer Mieten ging es dann vor allem darum, was aus dem Parkhaus werden soll: Ein Park? Dichte Bebauung? Erstes Ergebnis: Kulturelle und nachbarschaftliche Zwecke sollten im Mittelpunkt stehen. Das ist seither Konsens und Planungsgrundlage.  Einen „vorbildlichen, zielgeführten und erfolgreichen Prozess“ nennt das die IBA.

Stuttgart, Parkhaus Züblin am Leonhardsplatz (Bild: IBA’27 / Dominique Brewing)

Zähmen oder Entsorgen?

Doch dann kam es zum Zwist. Sollte das Parkhaus weg oder wie der „Gröninger Hof“ in Hamburg umgebaut werden? „Zähmung des Monsters oder Entsorgung als Abfall?“ fragte die IBA in einem Positionspapier, auf die Kampagne „SOS Brutalismus – Rettet die Betonmonster“ des Deutschen Architekturmuseums Frankfurt (DAM) anspielend. Für einen Umbau spräche immerhin, dass das Parkhaus längst nicht mehr nur als Parkhaus dient. Schon seit 2012 wird ein Erdgeschossraum, der sich zuerst „Ebene 0“, dann Kulturkiosk nannte und heute Utopia Kiosk heißt, mit Kulturveranstaltungen bespielt. Fast so lange wird auf dem Dach gegärtnert, gelegentlich fanden dort auch Konzerte statt und sogar Fotoausstellungen auf den Parkdecks. Das Parkhaus ist also bereits ein Ort der Kultur und Begegnung.

Zudem existieren bereits einige interessante Vorüberlegungen. Eine Bachelorarbeit untersucht, wie das umgenutzte Parkhaus zu einem Ort des sozialen Austauschs werden kann. Und schon vor zehn Jahren hat Ferdinand Ludwig, Pionier der Baubotnaik, des Bauens mit lebenden Gehölzen, heute Professor für „Green Technologies in Landscape Architecture“ an der TU München, im Auftrag der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz (LUBW) die Umwandlung des Parkhauses in ein grünes Park-Haus vorgeschlagen.

Stuttgart, Parkhaus Züblin, Urban Gardening (Bild: IBA’27 / Dominique Brewing)

Das Lieblingsinstrument: die Machbarkeitsstudie

Die IBA hat sich nicht festgelegt: Ob  sich das Parkhauses für eine Umnutzung eigne, heißt es in einem Positionspapier 2021, „ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht seriös bestimmbar. Was wir heute aber schon wissen: Dass sich das Raumprogramm im bestehenden Bauwerk des heutigen Parkhauses mit An- und Neubauten grundsätzlich unterbringen ließe, dies zeigen erste Abklärungen.“ Baubürgermeister Peter Pätzold reagierte mit seinem Lieblingsinstrument: einer Machbarkeitsstudie, die jedoch vom Bezirksbeirat angegriffen wurde. Die Frage wurde schließlich dem künftigen Bauherrn übertragen, einem Konsortium oder gemeinwohlorientierten Bauträger, der in einem Konzeptverfahren gefunden werden sollte, das zuerst 2022, dann 2024 hätte stattfinden sollen – und noch immer nicht stattgefunden hat.

Das hat mehrere Gründe. Da ist zunächst die übliche Langsamkeit der Verwaltung. „Das Konzept durchläuft mehrere Ämter, es gibt viele Wünsche, und wir sind gerade an der Überarbeitung“ – Originalton Pätzold im Sommer 2023. Dass es dann auch im folgenden Jahr zu keiner Ausschreibung kam, liegt laut IBA-Intendant Andreas Hofer daran, dass die Stadt angesichts der Baukostenexplosion befürchte, keine geeigneten Bewerber zu finden. Vordergründig kam aber noch dazu, dass inzwischen das 1958 eröffnete Breuninger-Parkhaus schräg gegenüber, das älteste der Stadt, abgerissen ist. Das Nobelkaufhaus auf der anderen Straßenseite, so heißt es, habe bei Oberbürgermeister Frank Nopper interveniert, der für Belange des Autoverkehrs immer ein weit offenes Ohr hat.

Nachspielzeit statt Umbau: Stuttgart, Parkhaus Züblin, Spielflächen (Bild: Floriansan, CC0)

Irgendwann kommt die Ausschreibung

An der Stelle des Breuninger-Parkhauses entsteht nun das Haus für Film und Medien, das die Stadt neuerdings „Stuttgart Moving Image Center“ nennt – als ob das irgendetwas besser machen würde – immerhin auch ein Projekt aus dem weiteren IBA-Netz. Um Ersatz für die 650 Stellplätze zu schaffen, baut Breuninger derzeit im Anschluss daran ein deutlich voluminöseres Parkhaus, das sich nun Mobility Hub oder denglisch Mobilitäts-Hub nennt. Es soll zwar nur 480 Stellplätze enthalten, und auf den Renderings sind ausschließlich Fahrräder zu sehen, doch mit seinen sechs Etagen steht es wie ein überdimensionierter Riegel vor den zumeist nur fünfgeschossigen Häusern der Esslinger Straße und des Bohnenviertels. Für die Übergangszeit, bis der Mobilitäts-Hub fertig ist, beansprucht Breuninger nun die Stellplätze im Züblin-Parkhaus, und da die Stadt ohnehin mit der Ausschreibung zögert, war es auch kein Problem, das Parkhaus weiter zu betreiben.

In bürokratischer Sprache: „Aufgrund der nachstehend beschriebenen weiteren Vorhaben im Umfeld, Mobility Hub und Stuttgart Moving Image Center samt bestehender Abhängigkeiten (u.a. Verfügbarkeit Baustellen-Einrichtungs-Flächen) wurde die Ausschreibung zeitlich etwas nach hinten geschoben“, antwortet die Stadt Stuttgart auf die Frage nach dem Stand der Dinge und betont: „die Planung läuft jedoch weiter und die Projektziele bleiben bestehen.  Auch spielt die wirtschaftliche Umsetzbarkeit des Vorhabens eine Rolle, die es im Vorfeld zu klären gilt.“ Ziel sei nun, die Ausschreibung „in 2026“ durchzuführen.

Stuttgart, Projekt Leonhardsvorstadt von Studio Malta (Bild: Studio Malta)

Abschied von Leitbildern

Stuttgart tut sich unendlich schwer, sich vom Leitbild der „autogerechten Stadt“ zu verabschieden. Züblin- und Breuninger-Parkhaus waren Teil des in den 1960er Jahren verwirklichten Ringstraßenkonzepts mit seinen sechs- bis achtspurigen Straßen, die seither das Bohnen- und Leonhardsviertel auf zwei Seiten von ihrer Umgebung trennen. 2020, zur selben Zeit, als das Züblin-Parkhaus IBA-Projekt wurde, lud die Stadt 24 Büros zu einem städtebaulichen Wettbewerb ein mit dem Ziel, den Verkehr auf der B 14 zu halbieren. Ulm macht mit seiner „Neuen Mitte“ seit zwanzig Jahren vor, wie das geht, Stuttgart diskutiert, angesichts der „Kulturmeile“, eines anschließenden Abschnitts der B 14, schon seit den 1980er Jahren darüber. Doch während Stadtplaner:innen von einem „Stadtboulevard“ träumen, können sich die Verkehrsplaner:innen unter keinen Umständen vorstellen, dass auch nur ein Auto weniger auf der Bundesstraße verkehren könnte als die derzeit 100.000 am Tag.

Dem Wettbewerb „Neuer Stadtraum B 14“ ging eine Bürgerbeteiligung voran. Seit Oktober – fünf Jahre später – läuft nun eine weitere Bürgerbeteiligung auf der Grundlage des Wettbewerbs mit dem Ziel, einen Rahmenplan zu entwickeln. So arbeitet der Stuttgarter Baubürgermeister: Er erstellt Machbarkeitsstudien, initiiert Beteiligungsverfahren mit dem Ziel, Pläne zu entwickeln, aber er tut sich schwer damit, etwas in die Hand zu nehmen. Das Züblin-Parkhaus gehört der Stadt, die es im Erbbauverfahren verpachtet. Statt das Areal 2022, als die Stadt noch Geld hatte und es noch keine Baukostenkrise gab, selbst zu entwickeln, hat sie zwei Jahre damit vertan, eine Konzeptvergabe zu konzipieren, die aber bis heute nicht stattgefunden hat. Statt den Wettbewerb zur B 14 umzusetzen, was den Verkehr und damit auch den Parkraumbedarf halbiert hätte, laboriert sie noch an einem Beteiligungsverfahren, um festzustellen, inwieweit die Bürger:innen die Ziele und Ergebnisse des Wettbewerbs mittragen. Oder ob sie vielleicht neue Ideen hätten, wie die Stadt mit ihrem Dilemma umgehen könnte, über dem sie seit fünfzig Jahren herumbrütet.

Stuttgart, Parkhaus Züblin (Bild: IBA'27 / Niels Schubert)

Stuttgart, Parkhaus Züblin (Bild: IBA’27 / Niels Schubert)


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Keine Werbung (Bild: Dennis Skley, CC BY ND 2.0, 2015, via flickr.com)

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