von Martin Bredenbeck (26/1)

Auch wenn seine allergrößte Zeit in der Wirtschaftswunder-Ära begann, ist das Kaufhaus in der Innenstadt keine Erfindung der Nachkriegszeit. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden die ersten großen Warenhäuser – so der damals gängige Name. Für das Warenhaus Leonhard Tietz entstand nach Plänen von Wilhelm Kreis von 1910 bis 1912 in der Innenstadt von Elberfeld (ab 1929 zentraler Stadtteil von Wuppertal) ein repräsentativer Neubau. Kreis (1873–1955) war seit 2008 als Nachfolger von Peter Behrens Direktor der Düsseldorfer Kunstgewerbeschule, 1926 wechselte es als Nachfolger von Heinrich Tessenow an die Kunstakademie Dresden. Sein Gebäude, konstruktiv ein Pfeilerskelett in Eisen-Beton-Bauweise, erhielt drei Schauseiten mit aufwendiger Werksteinverkleidung, Fensterbahnen und Erkern. Dazu kamen an den Schmalseiten große Schweifgiebel, die Hauptfront auf der Längsseite wurde mit einem breitgezogenen Segmentbogengiebel und einem Figurenprogramm des Bildhauers Johannes Knubel im Erdgeschoss betont.

Im Zuge der nationalsozialistischen „Arisierung“ wechselte das Kaufhaus 1933/34 in den Besitz der Westdeutschen Kaufhof AG. Im Zweiten Weltkrieg wurde es bei Luftangriffen 1943 beschädigt, konnte aber bereits in den späten 1940er Jahren wiedereröffnet werden. Ende der 1950er erfolgte dann der Umbau des als nicht mehr Zeitgemäß empfundenen Kauf-Palasts auf die Corporate Identity des Kaufhof-Konzerns. Lichthöfe und großzügige Treppenhäuser wurden zugunsten einer frei gestaltbaren Warenverkaufsfläche zurückgebaut, zudem wurde das Gebäude auch an das neue Leitbild der autogerechten Stadt angepasst.

Wuppertal, Kaufhof-Nordfassade von 1912 (Bild: Atamari, CC BY-SA 3.0)

Vom Warenhaus-Palast zur Kaufhof-CI

Für die Umgestaltung und umfangreiche Erweiterung des Bestandsbaus lieferte die Bauabteilung der Kaufhof AG unter Leitung von Prof. Hermann Wunderlich (1899–1981) im August 1958 die Pläne. Vorgesehen war die Ausbildung einer neuen Hauptfassade zum Neumarkt hin und der Abbruch der großen Giebel sowie des vierte Obergeschosses des Altbaus. Im dritten OG und auf dem neuen Dach waren insgesamt 319 PKW-Stellplätze vorgesehen, eine Autospindel zur Ein- und Ausfahrt sollte an der gegenüberliegenden Ecke Grünstraße/Neumarktstraße entstehen.

Der Bauantrag war von umfangreichen Ausnahme-Anfragen begleitet, unter anderem ersuchte die Kaufhof AG darum, die zulässige Ausnutzung des Grundstücks in Höhe und Tiefe zu überschreiten und im Untergeschoss die Lebensmittelabteilung einzurichten. Schon im Oktober 1958 wurde ein veränderter Antrag mit veränderter Planung vorgelegt. Nun war vorgesehen, den Altbau bis zum Traufgesims zu erhalten, sein drittes und viertes Obergeschoss jedoch unausgebaut leerstehen zu lassen. Die Einrichtung von PKW-Stellplätzen und die Autospindel wurden aufgegeben.

Wuppertal, Kaufhof-Fassade am Neumarkt, 2023 (Bild: Martin Bredenbeck, LVR-ADR, 2023)

Stellplatzpoker und Lebensmittelkeller

Die Genehmigungsbehörde beurteilte nicht nur das „Lebensmittel-Basement“ kritisch, da es den Arbeitsplatzvorschriften widerspreche, sondern legte größten Wert auf die Bereitstellung der vorgeschriebenen PKW-Stellplätze. Das entsprechende Schreiben an die Kaufhof AG datiert vom 24. Dezember 1958 – „bei Kerzenlicht“ – und teilt mit, dass für das Bauvorhaben 155 nachweispflichtige Stellplätze errechnet und nachzuweisen seien. Die Kaufhof AG hingegen wies in ihrer Antwort vom 6. Januar 1959 (ohne nähere Bezeichnung der Lichtsituation!) darauf hin, dass das Bauvorhaben lediglich eine Erweiterung des Bestandsbaus sei. Dessen Fläche müsse somit aus der Berechnung herausgenommen werden, sodass lediglich 29 Stellplätze nachzuweisen seien. Das Ergebnis des anschließenden, nicht langen aber offenbar kontroversen Genehmigungsverfahrens trägt ein wenig den Charakter eines Deals: Der Kaufhof durfte am Ende das Grundstück tiefer bebauen und im Basement tatsächlich die Lebensmittelabteilung einrichten. Im Gegenzug verzichtete man nicht nur darauf, das vierte Obergeschoss des Altbaus abzureißen, sondern ging auf den ersten Bauantrag zurück, in dem die Nutzung des dritten und vierten Obergeschosses als Parkhaus sowie die Errichtung der Autospindel vorgesehen waren. Die mit dieser Parksituation nunmehr erstellen 207 Stellplätze waren offenbar Grund genug, die Genehmigung für die Lebensmittelabteilung „im Keller“ zu erhalten.

Die im Februar 1959 separat beantragte Parkplatz- und Auffahrtslösung, ein Entwurf des Wunderlich-Mitarbeiters Reinhold Klüser, dürfte 1961 fertiggestellt worden sein, da die Ausnahmegenehmigung durch das Regierungspräsidium dies ausdrücklich gefordert hatte. Das Parkhaus selbst ist, wie im Antrag vorgesehen, ins dritte und vierte Obergeschoss des Altbaus integriert. Zu diesem Zweck hat man aus dessen Werksteinfassade die Fenster entsprechend zur Belüftung teilweise entfernt. Die Auffahrrampe auf dem gegenüberliegenden Eckgrundstück ist als Doppelhelix aus hell gefasstem Beton errichtet. Sie erschließt mit drei Zufahrtsbrücken über der Grünstraße auf Höhe des dritten und vierten Obergeschosses sowie der Dachzone den Parkbereich. Der umgebaute und erweiterte Kaufhof ist heute eines der wichtigsten Zeugnisse der Wiederbelebung der Elberfelder Innenstadt als Geschäftszentrum in der Zeit des Wirtschaftswunders, entstanden auch als Ausdruck der Konsum- und Lebenswelt jener Zeit. Das mit dem Warenhaus kombinierte Parkhaus war ein bedeutender Beitrag zum Erfolg des Kaufhofs zu einer Zeit, die den individuellen PKW-Verkehr stark förderte. Zugleich war die Unterbringung der Stellplätze im Bereich des Altbaus eine organisatorisch wie städtebaulich beispielgebende Lösung der Verkehrsproblematik. Und letztlich trug sie sogar dazu bei, wesentliche Teile des Bestandsgebäudes zu retten, auch wenn sie in dieser Form vor allem aus Kostengründen entstanden sein dürfte.

Zeitschichten: Wuppertal, Brücken der Auffahrspindel über der Grünstraße (Bild: Martin Bredenbeck, LVR-ADR, 2023)

Die Erschließung des Wirtschaftswunders

Trotz späterer Veränderungen im Inneren und an Details wie den Werbeschriftzügen ist der Zustand der Wirtschaftswunderzeit im Wesentlichen noch heute erhalten. Das Gebäude ist ein wichtiges Forschungsobjekt für die Baugeschichte der Kaufhof AG, insbesondere mit Blick auf die sehr gut erhaltene Fassade im Firmen-Design und auf die damals ungewöhnliche Verbindung von Alt- und Neubau. Die Einbindung des Parkhauses und die dazugehörige Autospindel sind eine in dieser Form einzigartige Lösung im Baugeschehen des Konzerns. Sie verdankt sich der vorgefundenen städtebaulichen Situation, bei der nur ein begrenztes Eckgrundstück für die Erschließung zur Verfügung stand. Die Spindel gewinnt über ihre Funktionalität hinaus eine weitere städtebauliche Qualität durch ihre betonte Ecklage und ihre motivische Verwandtschaft mit den kurvierten Fassadenecken des älteren Baubestandes.

Im Denkmalschutzjahr 1975 wurde die Kaufhausarchitektur der 1950er Jahre noch kritisiert: „Die Warenhäuser haben die üblichen Fassaden aus Glas und Metall erhalten. Auch die originelle Muschelkalk-Fassade des Kaufhofs mußte sich diesem Allerweltsstil anpassen und wurde mit Kunststoff ‚frisiert‘“, hieß es seinerzeit in der Publikation „Wuppertal wiederentdeckt“, die eine Fotoausstellung über die historischen Bauten der Stadt begleitete. Als Denkmal, schon gar nicht als (zaghaften) Akt der Denkmalpflege, sah man die Bauen jener 1975 noch nicht abgeschlossenen Epoche nicht. 1994 wurde der Altbau des Kaufhofs Wuppertal unter Schutz gestellt. Die jüngeren Ergänzungen jedoch nicht.

Schnittstelle alt/neu; hinter den oberen Fensteröffnungen des Altbaus liegt das Parkdeck (Bild: Martin Bredenbeck, LVR-ADR, 2023)

Das Denkmal fortgeschrieben

50 Jahre nach dem Internationalen Denkmalschutzjahr hat sich die Sichtweise geändert: Das LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland hat 2024 bei der Unteren Denkmalbehörde der Stadt Wuppertal den Denkmalschutz für ebendiese jüngere Fassade und den Erweiterungsbau von 1958 beantragt, ebenso für die Autospindel aus Beton. Diese Fortschreibung des Denkmals, dessen wesentliche Bauteile gut 45 Jahre voneinander getrennt entstanden sind, ist konsequent. Denn es soll künftig für ein Warenhaus um 1900 ebenso stehen wie für Einkaufserlebnis und Konsumverhalten der Wirtschaftswunderzeit auf ihrem Höhepunkt. Es gibt hier nicht nur den einen authentischen Bau: Dieses Denkmal setzt sich aus zwei Zeitschichten zusammen. Und zu eben dieser zweiten Zeitschicht gehört untrennbar das Unterbringen von Parkplätzen.

Im Zuge der Signa-Pleite ist der Kaufhof (zuletzt Galeria) Wuppertal seit Anfang 2024 geschlossen. Aktuell verhandelt die Stadt Wuppertal mit dem Projektentwickler Coinel Development GmbH und der derzeitigen US-Eigentümergesellschaft darüber. Angedacht ist, in dem Gebäude die Zentralbibliothek, Wohnungen und Kultureinrichtungen unterzubringen. Auch darüber, ob die Stadt das Gebäude nach einem Umbau kauft oder anmietet, wird noch nachgedacht.

Wuppertal, Parkspindel zum Kaufhof-Parkdeck (Bild: Frank Vincentz, CC BY-SA 3.0)

Die Nutzung ist weg – bis auf das Parkdeck

Da sich der erweiterte Denkmalschutz vorrangig auf die Fassade und nicht auf das frei gestaltbare Innere bezieht, sind die Möglichkeiten breit gefächert. Der Antrag des LVR auf Fortschreibung des Denkmals wurde medial vielfach aufgegriffen und hat in der Öffentlichkeit lebhafte Reaktionen ausgelöst hat – zustimmend wie ablehnend. Auch seitens der Stadt ist man nicht erfreut von der angestrebten Eintragung und versucht diese nach Möglichkeit abzuwenden. Offenbar in der Befürchtung, keine Gestaltungsmöglichkeiten im Gebäude mehr zu haben. Ungeachtet aller Meinungsverschiedenheiten und Zukunftspläne hat sich ein wesentlicher Teil des Gebäudes bis jetzt in seiner ursprünglichen Nutzung erhalten: Auf die Parkplätze und ihre skulpturale Zufahrt (die mit etwas Phantasie sogar ans New Yorker Guggenheim Museum erinnert!) kann nach wie vor nicht verzichtet werden. Sie waren nach dem Galeria/Kaufhof-Aus 2024 nur kurz geschlossen und dienen jetzt wieder als Parkhaus.

Mit bestem Dank an die Untere Denkmalschutzbehörde Wuppertal für die Unterstützung bei der Recherche.

Wuppertal, Ansicht in die Grünstraße, 2022 (Bild: privat)


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Keine Werbung (Bild: Dennis Skley, CC BY ND 2.0, 2015, via flickr.com)

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