mit Bildern von Beate Düber (25/2)
Die interessanteste Städtetrip-Konkurrenz zu Chemnitz führt dieses Jahr wohl ins slowenische Nova Gorica, das zusammen mit dem italienischen Gorizia ebenfalls den Titel Europäische Kulturhauptstadt 2025 trägt. Noch mehr als das ehemalige Karl-Marx-Stadt ist Nova Gorica eine prestigeträchtige sozialistische Planstadt, was in der besonderen Geschichte ihrer Teilung begründet liegt. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs trennte eine neue Grenze einen kleinen Teil der bis dahin italienischen Stadt Gorizia von der historischen Innenstadt ab. Es entstand eine eigenständige Gemeinde, die fortan im damaligen Jugoslawien lag.
Tito ordnete an, diese Gemeinde direkt an der Grenze zum „Westen“ in eine sozialistische Stadt auf der grünen Wiese zu verwandeln: Nova Gorica. 1948 wurde der Grundstein gelegt – es wurde das größte Projekt für den slowenischen Architekten und Stadtplaner Edvard Ravnikar (1907–1993), eines Schülers von Le Corbusier und Jože Plečnik. Im Jahr 2025 bilden nun das kleinere Nova Gorica und das größere Gorizia gemeinsam die erste grenzüberschreitende Kulturhauptstadt Europas, parallel zu ihrem deutschen Gegenstück. Die Chemnitzer Künstlerin Beate Düber – Botschafterin des Gebäckstücks Chemnitzer Platte und Mitglied im Institut für Ostmoderne – reiste daher schon 2023 nach Nova Gorica. Für moderneREGIONAL hat sie eine Auswahl ihrer Architekturfotografien zusammengestellt.

Das vom Architekten Vinko Glanz (1902–1977) von 1949 bis 1953 gestaltete Rathaus wurde zu einem frühen Vorzeigebau im Stil des sozialistischen Realismus und zeugt in seinem Bildprogramm vom vorangegangenen nationalen Freiheitskampf Jugoslawiens. Der Portikus wird gekrönt von vier monumentalen Skulpturen, die Revolutionäre, einen Partisanen und einen Bauern zeigen, die der Bildhauer Boris Kalin (1905–1975) geschaffen hat. Fresken und Mosaike des Malers Slavko Pengov (1908–1966) setzen das Thema im Innenhof und im Foyer fort. (Bild: Beate Düber, 2023)

Der Architekt Vojteh Ravnikar (1943–2010), aufgewachsen in Nova Gorica, begann 1987 mit den Plänen für das dortige Nationaltheater. In der Nach-Tito-Zeit hatte die postmoderne Bewegung hier gerade ihren Höhepunkt erreicht. Als der Bau 1994 fertiggestellt wurde, war der Glaube an die Vergangenheit bereits verblasst – die Gesellschaft suchte nach neuen Wegen im nun unabhängigen Slowenien. (Bild: Beate Düber, 2023)

In Nova Gorica wurde das Apartment- und Geschäftshaus Čebelnjak, wegen seiner bunten, wabenförmigen Loggien auch Bienenstock genannt, vom Architekten Ernest Bergant in den1960er Jahren gestaltet. (Bild: Beate Düber, 2023)

Im Jahr 1909 flog Edvard Rusjanu als erster Pilot slowenischer Herkunft ein Motorflugzeug seiner eigenen Konstruktion, die EDA I. Diesen Namen trägt heute auch das höchste Gebäude von Nova Gorica: das 62 Meter hohe Eda Center, von 2007 bis 2011 gestaltet von Dans Architect (Miha Dešman). Vor dem Eingang findet sich das 1960 von Janez Lenassi für Rusjanu geschaffene Ikarus-Denkmal. (Bild: Beate Düber, 2023)

Das Park Hotel und Casino von Nova Gorica, das mit der historischen Bauform der Rotunde spielt, wurde 1984 eröffnet. (Bild: Beate Düber, 2023)

Im Februar 1947 zogen die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs auf der Pariser Friedenskonferenz eine neue Grenze zwischen Italien und Jugoslawien – hier die Grenzstation auf slowenischer Seite. (Bild: Beate Düber, 2023)

Das Vorzeigeprojekt Nova Gorica mit modernen Spitälern, Schulen und Wohnbauten, breiten Boulevards und viel Grün – hier ein Blick in die Fußgängerzone mit Modni Dom – geriet zum Gegenpol des historisch gewachsenen Gorizia im kapitalistischen Italien. (Bild: Beate Düber, 2023)

Die Stadt wurde zu Beginn der Bauarbeiten von mehr als 6.000 Jugendbrigaden aus ganz Jugoslawien erbaut. In den folgenden Jahren entstanden in Nova Gorica moderne Wohnhochhäuser wie dieses in der Innenstadt. (Bild: Beate Düber, 2023)

In Nova Gorica wurden industrielle und standardisierte Verfahren dazu genutzt, in kurzer Zeit Wohnraum für viele Menschen zu schaffen – hier eine Siedlung in Plattenbauweise. (Bild: Beate Düber, 2023)

Auf der slowenischen Seite der Grenze, in Nova Gorica, leben heute 13.000 Menschen, hier ein Haus der 1950er Jahre an der Magistrale. Der italienische Teil Gorizia hingegen kommt auf 33.500 Einwohner:innen. (Bild: Beate Düber, 2023)
Texte: Verena Pfeiffer-Kloss
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Inhalt

LEITARTIKEL: Kulturhauptstadt mit Ausdauer
Verena Pfeiffer-Kloss über eine Kulturhauptstadt, die lange abwartet, um sich dann zu überschlagen.

FACHBEITRAG: Kaufhäuser in Chemnitz
Fabian Schmerbeck über den Wettstreit der Warenhäuser.

BEGEGNUNGEN: Chemnitz blau-gelb
Mit Martin Maleschka auf Streifzug durch die Farbwelten der Chemnitzer Ostmoderne.

FACHBEITRAG: Chemnitz und die Automobilindustrie
Daniel Bartetzko über die Wiege der Massenmotorisierung in Sachsen.

PORTRÄT: Das Adventhaus in Chemnitz
Karin Berkemann über ein Paradebeispiel des Zackenstils.

INTERVIEW: „Jugendliche mit einem Kofferradio“
Nancy Mickel über ihr Azubi-Projekt: ein wiki zu Skulpturen und Plastiken in der Chemnitzer Innenstadt.

FOTOSTRECKE: Nova Gorica
Beate Düber war mit der Kamera in der anderen Kulturhauptstadt 2025.

