mit Kommentaren von Sven Bardua (26/1)
Einige Jahre wurde um das sanft in die Jahre gekommene Hamburger Parkhaus Rödingsmarkt diskutiert: Abriss, Sanierung oder Umnutzung hießen die Schlagwörter. Vor 60 Jahren das größte Gebäude im Umfeld, wird es heute von der jüngeren Nachbarbebauung geradezu verdeckt. 2023 wurde das Parkhaus mit der berückend schönen Lichtkuppel schließlich unter rettenden Denkmalschutz gestellt. Sven Bardua, Spezialist für Industrie- und Ingenieurbauten, kommentiert einen Bildrundgang durch die Historie des Auto-Hauses an der Alster.

(Bild: HAA/Hamburgisches Architekturarchiv, Bestand Otto Rheinländer)
1965 nahm die städtische Sprinkenhof AG am Rödingsmarkt mit 1.000 Plätzen das bis dahin größte Hamburger Parkhaus in Betrieb: ein Stahlbetonskelettbau in konsequent moderner Gestalt mit einer horizontal gegliederten Fassade und mosaikverkleideten Brüstungen aus Betonfertigteilen.

(Bild: Sven Bardua)
Erstmals in Hamburg wurde eine doppelgängige Wendelrampe realisiert. Diese spiralförmig um einen Kern steigenden Rampen lassen sich komfortabel ohne größere Lenkbewegungen befahren. Doppelgängig heißt, die Auf- und Abfahrten liegen in der Helix übereinander. Somit gibt es bei dem Einbahnbetrieb keinen Gegen- oder kreuzenden Verkehr. Dies kommt dem Verkehrsfluss und der Sicherheit zugute.

(Bild: Urheber unbekannt, via Denkmalverein Hamburg)
Das Parkhaus Rödingsmarkt steht zentral zwischen der 1963 als Straßendurchbruch in der City eingeweihte Ost-West-Straße (heute Ludwig-Erhard-Straße, vorn) und dem Hafenrand. 1968/69 wurde es um ein Staffelgeschoss für Büros ergänzt. Der Entwurf stammt von dem Hamburger Architekten Peter Neve (Büro Herbert Sprotte und Peter Neve). Errichtet hat es die Hamburger Baufirma Paul Hammers AG. Für die Planung des Inneren war der damals noch unbekannte Architekt Volkwin Marg (später von Gerkan, Marg und Partner) verantwortlich, der als Student in dem Büro arbeitete.

(Bild: Fotografie Dorfmüller Klier)
Bei der leistungsfähigen Doppelhelix liegen die Auf- und die Abfahrten in der Spirale platzsparend übereinander und sind in ihrer Funktion getrennt. Mit jeder Etage wechselt die Ein- und Ausfahrt die Richtung. Die Geschosshöhe muss also jeweils mit einer halben Umdrehung überwunden werden, weshalb die Doppelhelices im Vergleich zu einfachen Wendelrampen mehr Durchmesser haben, damit die Steigung nicht zu groß ist.

(Bild: Sven Bardua)
Autoservice und Tankstelle gehören traditionell zur Ausstattung des 1964/65 errichteten Parkhauses. Seit langem ergänzen einige Läden und ein Autovermieter das Angebot. 1968/69 wurde das Staffelgeschoss mit Büroflächen aufgesetzt. Die heutige, wesentlich höhere Nachbarbebauung entstand zwischen 2009 und 2011.

(Bild: Kristina Sassenscheidt)
Ohne Firlefanz präsentiert sich der im Inneren von Sichtbeton geprägte Bau weitgehend unverändert als spätmoderne Inkunabel der Verkehrsarchitektur. Hier das freigestellte Erdgeschoss an der Alster, durch das die Straße „Herrlichkeit“ führt.

(Bild: Kristina Sassenscheidt)
Mit zahlreichen Aktionen, unter anderem Kinoabenden, rückte der Denkmalverein Hamburg das bedrohte Baudenkmal in die Öffentlichkeit. Der spektakuläre Lichthof der Wendelrampe zählt laut Denkmalverein zu den aufregendsten Raumschöpfungen der City.

(Bild: Kristina Sassenscheidt)
Das weiß geflieste Gebäude besticht durch seine detaillierte Gestaltung: Bei schlichter Funktionalität gliedern die weißen Brüstungsflächen sowie Fenster und Türen mit feinen Aluminiumrahmen den Bau.

Umbauentwurf „Kultur- und Bildungszentrum Neue Herrlichkeit“, Bülau-Wettbewerb 2021, Christine Feistl und Lisa Schmidt (Bild: C. Feistl, L. Schmidt, TU Berlin)
Im Jahr 2018 zeigte ein studentisches Entwurfsprojekt, wie vielfältig die Möglichkeiten eines Parkhaus-Umbaus sind. Nun will der Betreiber Sprinkenhof AG nach einem Wettbewerb bis zu 70 Millionen Euro investieren. Gewünscht sind: Gastronomie im Erdgeschoss, eine kreative Dachnutzung sowie die Sanierung der Parkflächen.

(Bild: Fotografie Dorfmüller Klier)
Im weichen Baugrund der Alsterniederung wurde das siebengeschossige Parkhaus Rödingsmarkt auf fortschrittlichen Benoto-Großbohrpfählen 18,60 Meter tief gegründet.

(Bild: Fotografie Dorfmüller Klier)
Die Doppelwendelrampe wird von einer flachen Kuppel überfangen. Eine geradezu sakrale Wirkung entfalten die runden Glasbausteine, die zu einer Blume angeordnet sind und dem Inneren ein diffuses Licht bieten.
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Inhalt

LEITARTIKEL: Die Anatomie des Parkhauses
Doppelhelix, Hotelzimmer und Split-Level: Joachim Kleinmanns über Parkhäuser und ihre technische Evolution.

FACHBEITRAG: Der lange Abschied von der Autostadt
Parken oder Kultur? Dietrich Heißenbüttel über ein vorerst ausgebremstes Projekt der IBA’27 in Stuttgart.

FACHBEITRAG: Ein Parkdeck als Gebäuderetter
Wie in den 1950ern Ressourcen geschont wurden: Martin Bredenbeck über das erstaunliche Parkdeck des Wuppertaler Kaufhofs.

FACHBEITRAG: Die Stadt und das Parken
Wohin mit dem Blech? Daniel Bartetzko über das jahrzehntealte großstädtische Parkplatz-Dilemma.

INTERVIEW: „Architektur für Autos und nicht für Menschen, Tiere oder Waren“
René Hartmann über Automobilismus als soziale Bewegung und ein bedrohtes Bauerbe.

PORTRÄT: Hochzeitskathedrale
Gottfried Böhms einziges Parkhaus steht in der Pfalz – Verena Pfeiffer-Kloss hat es besucht.

FOTOSTRECKE: Parkhaus Rödingsmarkt
Die schönste Spindel Hamburgs: Sven Bardua begleitet eine Bildreise durch das Auto-Haus an der Alster.

