Berlin, IBZ (Bild: Mila Hacke, CC BY SA 4.0, 2013)

Hase und Igel

“Die Gebäude sind viel langsamer als die Wissenschaften selbst”, brachte es der Berliner Landeskonservator Dr. Christoph Rauhut heute Abend in der Veranstaltung zu den modernen Unibauten der Stadt auf den Punkt. Denn wo sich der Stamm der Studierenden im raschen Zyklus erneuert, wandeln sich auch immer schneller die Bedürfnisse. Im Rahmen der Reihe “Jung, aber Denkmal” standen diesmal die Wissenschaftsbauten der 1970er und 1980er Jahre auf dem Programm. Nach einer Einführung von Dr. Sabine Schulte (Abteilungsleiterin Inventarisation und Denkmalvermittlung des Landesdenkmalamtes Berlin) diskutierten die Expert:innen auf dem Podium – moderiert von der Architekturhistorikerin Kirsten Angermann – darüber, ob das Beharrungsvermögen der Architektur nun Wohl oder Wehe bedeutet.

Berlin, Tierversuchsanstalt der FU/sog. Mäusebunker (Bild: Rodib6950, CC BY SA 4.0, 2015)

Gegenstand eines Modellverfahrens: Berlin, Tierversuchsanstalt der FU/sog. Mäusebunker (Gerd und Maria Hänska, 1981) (Bild: Rodib6950, CC BY SA 4.0, 2015)

Zur Stadt hin öffnen

Eine zentrale Frage des Podiums war, wie sich die Wissenschaftsbauten in ihren architektonischen Werten stärker in die Stadtöffentlichkeit hineintragen lassen. Lars Oeverdieck, Kanzler der Technischen Universität (TU) Berlin, betonte die Bemühungen seines Hauses, die Übersichtlichkeit und den einladenden Charakter der Anlagen durch Beschilderung und Kunstwerke zu stärken. Doch auch die Nutzbarkeit müsse gewährleistet bleiben. Halb ernst, halb im Scherz bemerkte er: “Manchmal würde man sich wünschen, ein Gelände zu haben, wo man alle 30 Jahre platt macht und neu baut.”

Theresa Keilhacker, Präsidentin der Architektenkammer Berlin, hielt dagegen: Mit einer “Sehschule”, mit mehr Wissen ließe sich auch mehr Wohlwollen für diese Architekturen erzielen. Als positives Beispiel dafür nannte PD Dr. Arne Schirrmacher (Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität (HU) zu Berlin) das Projekt Wissenspfade, das den Nutzenden und Besuchenden der TU auch ihre baulichen Anlagen näher bringt. Der Journalist Dr. Jürgen Tietz regte ergänzend an, die gebauten wie digitalen Wissensräume der Universitäten stärker für diese Zwecke zu aktivieren.

Berlin, Umlauftank (Bild: Gunnar Klack, CC BY SA 4.0)

Vorbildhaft saniert: Berlin, Umlauftank (Ludwig Leo, 1974) (Bild: Gunnar Klack, CC BY SA 4.0)

“Die sind intelligent gebaut”

Keilhacker erneuerte das Plädoyer der Architektenkammer für den Erhalt, aus Gründen der Ressourcenschonung – und aus Respekt vor dem Geist der jeweiligen Bauzeit. Im Mittelpunkt stehe die Frage an die Räume: “Was atmen die für eine Zeit”, um mit diesem Wesenskern gestalterisch weiterarbeiten zu können. Ursula Hüffer, Leiterin der Technischen Abteilung III der Freien Universität (FU) Berlin, unterstrich diesen Gedanken. Meist erkenne man beim genauen Blick auf die Anlagen: “Die sind intelligent gebaut”. Auf dieser Grundlage könne man sie intelligent nutzen und ergänzen. Bei 219 Gebäuden im Eigentum der FU Berlin ließe sich auch mal eine Nutzung verschieben und damit individuell auf die Bedürfnisse und den Bestand eingehen.

Overdieck hingegen gab zu bedenken, dass am Ende oft das Geld fehle, um die Gebäude denkmalgerecht zu renovieren – “und dann rotten sie weiter vor sich hin.” Hier sei ein massiver Sanierungsstau der Nachwendezeit aufzuholen. Dem hielt Rauhut entgegen, dass der Bestand oft besser sei, als er geredet werde. Keilhacker pflichtete ihm bei, dass man das Problem positiv zum Alleinstellungsmerkmal wenden könne: indem die Sanierung denkmalgerecht und klimagerecht zugleich ausfalle. “Wenn sie einmal herausgeputzt sind”, dann ließe sich mit diesem Pfund international wuchern. Hüffner wünschte sich mehr Engagement vom Senat, um nicht nur über kurze Programme, sondern über eine mittel- und langfristige Finanzierung den Standort zu stärken.

Berlin, Silberlaube (Bild: Torinberl, CC BY SA 3.0, 2005)

(Noch) ein Geheimtipp: Berlin, Silberlaube (Bild: Torinberl, CC BY SA 3.0, 2005)

Geheimtipps

Einigkeit bestand am Ende darin, dass es mehr Geld brauche. Die Suche nach einem Goldesel wurde aus dem – dieses Mal tatsächlich teils analogen – Publikum scherzhaft beantwortet. Der erste Redebeitrag aus dem Auditorium betonte: Nein, er sei kein Finanzier, aber er habe zwei Glanzstücke im Gepäck. Und rasch plädierte er für die Unterschutzstellung der Rost- und Silberlaube (1982, Candilis-Josic-Woods mit Manfred Schiedhelm) sowie des Internationalen Begegnungszentrums (Otto Steidle, 1983). Auf die Schlussfrage an die Expert:innen, welches Wissenschaftsgebäude sie für einen Besuch am nächsten Tag des offenen Denkmals empfehlen würden, kamen dann doch lächelnd einige architektonische Lieblinge zum Vorschein. Sie reichten vom Mathematikgebäude (Georg Kohlmaier/Barna von Sartory, 1981) über das Produktionstechnische Zentrum (Gerd Fesel/Peter Bayerer/Hans-Dieter Hecker/Roland Ostertag, 1986) bis zum legendären Hygieneinstitut (Fehling+Gogel, 1974). Um es mit Jürgen Tietz zu sagen: “Das ist Zaha Hadid vor Zaha Hadid.” (kb, 10.11.21)

Berlin, Produktionstechnisches Institut (Bild: Rolf Dietrich Brecher, CC BY SA 2.0, 2018)

Berlin, Produktionstechnisches Zentrum (Bild: Rolf Dietrich Brecher, CC BY SA 2.0, 2018)

Titelmotiv: Berlin, IBZ (Bild: Mila Hacke, CC BY SA 4.0, 2013)