von Wolfram Friedrich (August 2025)
Zwischen 1936 und 1942 avancierte der Hamburger Architekt Hermann Distel – mit mehr als 80 Bauprojekten und einer Fülle theoretischer Arbeiten – zum meistbeschäftigten Krankenhausarchitekten der NS-Zeit. Über das gesamte Reichsgebiet verteilt, dienten vor allem seine Lazarette, bei deren Gestaltung und Ausstattung nicht gespart wurde, der Versorgung von Heer, Luftwaffe und Marine. Geboren am 15. September 1875 in Weinsheim im Landkreis Heilbronn, absolvierte Distel zunächst eine Steinmetzausbildung in seinem Geburtsort und begann 1898 in Stuttgart sein Architekturstudium. Dieses konnte er 1900 an der Technischen Hochschule Fridericiana in Karlsruhe fortsetzen und 1902 mit der akademischen Prüfung abschließen. Nach dem Besuch der Kunsthochschule in Breslau führten ihn seine ersten beruflichen Stationen als Architekt bis Freiburg, Zürich, Breslau und Berlin.

Hamburg-Fuhlsbüttel, Luftschiffhalle, 1911, Distel & Grubitz (Bild: historische Postkarte)
Anfänge in Hamburg
In Hamburg machte sich Distel 1905 mit seinem Studienfreund August Grubitz selbständig und wurde zugleich Mitglied im Bund Deutscher Architekten (BDA). Das Büro Distel & Grubitz entwarf zunächst Einfamilienhäuser. Doch schon wenige Jahre später siegten die beiden Architekten – gegen 85 Mitbewerber – beim Wettbewerb für das Vorlesungsgebäude der späteren Hamburger Universität und erhielten den Auftrag zu dessen Ausführung. Es folgten größere Projekte in der Hansestadt wie die Luftschiffhalle in Fuhlsbüttel, die Kirche St. Stephanus in Eimsbüttel und das Verwaltungsgebäude der Werft Blohm und Voss.
Im Jahr 1912 verwirklichte Distel mit dem Wilhelm-Augusta-Krankenhaus (früher: Augusta-Viktoria-Krankenhaus) in Ratzeburg eine erste Klinik. Die praktische und theoretische Beschäftigung mit dem Krankenhausbau sollte einmal den Schwerpunkt seines Schaffen bilden. Hinzu kamen städtebauliche Themen und – mit dem Botschafterpalais in Washington – die Beteiligung an einem internationalen Wettbewerb.

Hamburg, Hauptgebäude der Universität, 1911, Distel & Grubitz (Bild: Merlin Senger, CC BY SA 3.0, 2005)
Der Krankenhausspezialist
Der Erste Weltkrieg bringt für das Architekturbüro einschneidende Veränderungen – Distel wird 1917 als „kriegsverwendungsfähig“ eingestuft. Weltwirtschaftskrise, Inflation und Massenarbeitslosigkeit kennzeichnen die 1920er Jahre, die für ihn aber auch zu einer sehr produktiven Zeit werden. 1929 reist er als Teil einer deutschen Delegation zum Ersten Internationalen Krankenhauskongress nach Atlantic City und erfährt hier für sein weiteres Schaffen wichtige Impulse. Auf dem Kongress wird über Wirtschaftlichkeit im Krankenhausbau diskutiert, das Thema bestimmt Distels berufliches Leben in den 1930er Jahren ganz wesentlich. 1931 und 1932 veröffentlicht er zwei Bücher zum Krankenhausbau, die ihm internationale Anerkennung einbringen. Aus dem „Allroundarchitekten“ ist ein national und international anerkannter und erfolgreicher Krankenhausspezialist geworden.
Ein Jahr nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Hermann Distel Mitglied der Reichskammer der bildenden Künste, einer der sieben Sektionen der NS-Reichskulturkammer unter Vorsitz Joseph Goebbels. Eine Mitgliedschaft in der Reichskulturkammer war Voraussetzung, um als Architekt weiterhin arbeiten zu dürfen.

Halle-Dölau, Luftwaffenlazarett, 1940, Hermann Distel (Bild: Archiv Wolfram Friedrich, um 1940)
Internationale Projekte
In der NS-Zeit wird Diestel mit zahlreichen Lazarettprojekten und Gutachten zu Krankenhausentwicklungen beauftragt. Nach einem von Reichsbauinspektor Albert Speer ausgeschriebenen Wettbewerb überträgt man ihm 1938 die Planung einer Universitätsklinik mit 3.250 Betten in der Nähe des Berliner Olympiastadions, welche jedoch nicht realisiert wird.
Insbesondere nach Kriegsausbruch sollen internationale Krankenhausprojekte dem NS-Regime dabei helfen, dringend benötigte Devisen zu beschaffen. Durch Vermittlung der Reichsregierung erhält Distel daher Aufträge für zwei Kliniken in Lissabon und Porto (Portugal). Diese Großprojekte mit 1.550 bzw. 1.300 Betten werden erst 1954 (Lissabon) bzw. 1959 (Porto) von Distels Sohn Walter (1904–1993) fertiggestellt, der 1933 in das Büro eingetreten war.

Lissabon, Hospital de Santa Maria, 1953, Hermann und Walter Distel (Bild: Ivendrell, CC BY SA 3.0, 2009)
Tod durch Schlaganfall
Im Sommer 1943 wurde Hermann Distel bei einem Unfall schwer verletzt, als er aus seinem stark beschädigten Büro in der Hamburger Innenstadt Unterlagen sichern wollte. Ein wenig genesen, nahm er die Arbeit an seinem Programm der Standard-Krankenhäuser (u.a. für TBC-Krankenhäuser) wieder auf. 1945 erlitt er einen Schlaganfall, von dem er sich nicht wieder erholte. Am 5. August 1945, wenige Wochen vor seinem 70. Geburtstag, verstarb er in seinem Haus in der Bergedorfer Bismarckstraße, die 1949 in Hermann-Distel-Straße umbenannt wurde.

Hamburg-Bergedorf, Wohnhaus von Hermann Distel (Bild: Wolfgang Meinhart, CC BY SA 3.0, 2009)
Literatur und Quellen
Pawlik, Peter R., Von Bergedorf nach Germania. Hermann Distel 1875–1945. Ein Architektenleben in bewegter Zeit, Herzogenrath 2009.
Friedrich, Wolfram, Das Luftwaffenlazarett in der Dölauer Heide, in: Sachsen-Anhalt-Journal 2020, 3, S. 20–22.
Unterlagen über eine Mitgliedschaft Distels in der NSDAP wurden nicht gefunden. Vermutlich wegen seines Todes im August 1945 gibt es auch keine Entnazifizierungsakte über ihn und seinen Büropartner August Grubitz.
