Selten habe ich so viel über Raumteiler diskutiert wie auf diesem Kirchbautag: in den Workshops, vor dem Eröffnungsgottesdienst, am Rand der Exkursionen, nach den Vorträgen – und in der Schlange zum Mittagspausendöner am stylishe Food Truck. Denn das beherrschende Tema hinter dem Tagungsmotto „Wege und Wirklichkeiten“ waren gute Formen, die Gottesdiensträumen eine Mischnutzung und damit eine Zukunft ermöglichen sollen. Immer ging es darum, das Eigentliche, das Besondere der Kirchen zu schützen. Was das denn genau sei, darum wurde lebendig gerungen. Von hybriden und sozialen, von atmosphärischen und spirituellen Räumen war die Rede. Stattdessen plädierte der Schweizer Theologe Johannes Stückelberger dafür, weiterhin von Kirche zu sprechen. Mit der erweiterten Nutzung solle man nicht den Kirchenbegriff begrenzen, sondern lieber öffnen. Auf der anderen Seiter der Fachdebatte wurden Trennwände, Stufen oder Altarschranken ausgelotet, um die Kernzone liturgischer Feier als besondere Raumreserve zu bewahren .

Box und Arche

Einer der Austragungsorte der traditionsreichen Fachkonferenz für Kirchbauleute war die Villa Elisabeth mit der gleichnamigen Schinkelkirche, die das Miteinander verschiedener Partner:innen eindrucksvoll vorlebt. Was lange (halb) Ruine war, inszeniert sich heute klug als Kultur- und Festraum für vieles. Hier verlieh die Stiftung Kiba, wie inzwischen traditionell am zweiten Tagungstag, ihren Preis, dieses Mal unter der Überschrift „RaumWunder Kirche“. Nicht umsonst erhielt die Heilig-Kreuz-Kirche im thüringischen Vogelsberg den zweiten Preis. In die historischen Mauern hat man mit viel lokalem Engagement eine hölzerne „Arche“ eingestellt, die Raum für Gottesdienst und mehr möglich macht. Eine angefügte gläserne Apsis gibt dabei den Blick frei ins Draußen. Weitere Preise gingen an ähnliche Lösungen, in denen man Boxen in den historischen Raum stellte, um das Haus im Haus zu bauen. Dann bildet die Kirche den großen Rahmen, in den sich die vielfältigen kleinen Nutzungen hineinpuzzeln.

Die innere Schwelle

Andersherum gedacht, lässt sich der liturgische Kern im Kleinen von der anderen Nutzung im Großen abgrenzen. Solche Ansätze nennt der Bonner Liturgiewissenschaftler Albert Gerhards die „innere Schwelle“. Hierin wird die hohe Kunst der kommenden Jahre liegen. Denn, will man Mensch einladen, offen sein, den Kreis der Besucher:innen erweitern, dann soll am Eingang nichts einschränken. Aber damit wächst auch die Sorge der angestammten Nutzer:innen, dass das Besondere verloren geht. Muss dafür nun der Altarraum abgeschrankt werden? Hatten wir das nicht mit der Reformation mühsam beseitigt, die Hierarchie des Stufenbergs, die das Volk der Lai:innen von der Priesterelite trennte? Was der Lettner dem Mittelalter, war die Faltwand der Nachkriegsmoderne. Man hatte eine – mehr oder weniger stille – Raumreserve für den Fall der Fälle. Und im evangelischen Gemeindezentrum war der Nudelsalat auf dem Altartisch, wenn neben ihm und um ihn herum die Gemeinde lustvoll Profanes feierte, durchaus ein gewolltes und positives theologisches Statement.

Einkreisen statt ausgrenzen

Jetzt baut man hölzernen und gläserne Boxen ins Kirchenschiff. Oder man trennt den Altar vom Schiff. Und ein Abschlussvotum der Fachkonferenz wird sicher für mehr Offenheit aufrufen und die Achtsamkeit vor dem geistlichen Kern einfordern. Bleibt die Frage, wer wird da vor wem geschützt? Im Gedankenspiel hilft mir eine Urlaubserfahrung aus dem schweizerischen Genf. Was ich in einem leicht nostalgischen Anfall aufgesucht hatte, die Kathedrale St. Pierre als Leitbau reformierter Tradition, überraschte mich. Der in Teilen noch romanische Raum schien mich zur stillen Andacht zu mahnen. Was ich erlebte, war das Gegenteil: Junge Familien saßen in den Bänken rund um die Kanzel und schwatzten. Die Kinder tobten durch die Reihen, andere tranken und aßen etwas. Dazwischen ich, zunächst verwundert, dann zuschauend, teilhabend, wie am Einzeltisch eines Straßencafés. Kurz, es war herrlich. Lasst uns die Altäre nicht verstecken, sondern voller Leben umkreisen. Das bisschen Nudelsalat sollte unser geringstes Problem sein.

Berlin, Kirchbautag, Warten in der kommunikativen Schlage zu "Kebab with Attitude" vor Kirche und Villa Elisabeth (Bild: Karin Berkemann, 2025)

Berlin, Kirchbautag, Warten in der kommunikativen Schlage zu „Kebab with Attitude“ vor Kirche und Villa Elisabeth (Bild: Karin Berkemann, 2025)

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