Das Lager verliert gerade sein Schmuddelkind-Image, zumindest in der Rückschau. Als „Instant-Städte“, als Experimentierfelder des Urbanen nimmt sie die Forschung inzwischen wahr. Immerhin lassen sich in diesen Massenunterkünften auf Zeit sehr gut die jeweiligen Tendenzen von Städtebau, Infrastruktur und Zusammenleben beobachten – wie unter dem Brennglas beobachten. Genau das tut Antje Senarclens de Grancy, Associate Professor am Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften der TU Graz, mit ihrem neuen Buch im Birkhäuser Verlag. In der Buchreihe „Exploring Architecture“ stehen bei ihr mit den Kriegsflüchtlingslagern der Habsburgermonarchie vor allem Konzepte des Ersten Weltkriegs im Mittelpunkt.

Dass sich die Autorin hier aus der Perspektive der Architektur- und Städtebaugeschichte annähert, ist nicht selbstverständlich. Galten Lager doch lange eher als Gebiet der Soziologie. Doch Antje Senarclens de Grancy arbeitet an ihrem Beispiel heraus, wie sich diese Baugattung eben als architektonische Aufgabe aus der Zeit heraus verstehen und deuten lässt. Denn genau in diesen Auf-Zeit-Städten haben sich, so die Autorin, Entwicklungen der Moderne verdichtet, beschleunigt und radikalisiert. Dabei blendet sie nicht aus, dass sich hier – vor allem in den damals staatlich eingerichteten Internierungsanlagen – nicht nur im positiven Sinne moderne Auffassungen finden, sondern nicht minder Aspekte von Kontrolle und Ausgrenzung. Damit bietet das Buch einen frischen Blick auf den Wohn- und Städtebau des frühen 20. Jahrhunderts, bereitet bislang noch unveröffentlichte Quellen auf – und bietet das Ganze zudem als pdf im Open Access kostenfrei dar. (kb, 15.8.25)

Senarclens de Grancy, Antje, Lager als Architektur. Kriegsflüchtlingslager der Habsburgermonarchie und Architektur der Moderne (Exploring Architecture), Birkhäuser Verlag, 2024/25, 416 Seiten, 16 × 24 cm, 155 Schwarz-Weiß-Abbildungen, Hardcover, ISBN 978-3-0356-2735-0, E-Book, ISBN: 978-3-0356-2739-8, Open Access.

Yuba City in Kalifornien, Camp der FSA (Farm Security Administration) für Saisonarbeiter mit Stahlhütten und Mehrfamilienunterkünften, 1940 (Foto: Dorothea Lange, Bild: National Archives at College Park, via wikimedia commons, PD)

Yuba City in Kalifornien, Camp der FSA (Farm Security Administration) für Saisonarbeiter mit Stahlhütten und Mehrfamilienunterkünften, 1940 (Foto: Dorothea Lange, Bild: National Archives at College Park, via wikimedia commons, PD)

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