Interview mit Dieter Bankert (26/2)

„Die DDR hat ja funktioniert wie ein Großbetrieb“, antwortet der Dessauer Architekt Dieter Bankert heute auf die Frage, wie es sich denn so gearbeitet hat im ostmodernen Kollektiv. „Das kann man gar nicht sagen, dass man in der DDR alleine Architekt ist“ – stattdessen war Bankert Teil einer großen Arbeitsgemeinschaft vom Entwurf bis zur Umsetzung. Im Gespräch berichtet er von prestigeträchtigen Projekten wie dem Berliner Friedrichstadtpalast (1984, ingenieurhochbau berlin, Entwurfsbereich Walter Schwarz; Dieter Bankert, Manfred Prasser u. v. a.), vom Wechsel an die Lehre am Dessauer Bauhaus und von der Freude an der direkten Begegnung mit Bauherr:innen in der Nachwendezeit.

Berlin, Friedrichstadtpalast, Entwurf für den Großen Saal, 1982 (Skizze: Dieter Bankert)

Beim Entwurf für den Großen Saal im Friedrichstadtpalast war das Fernsehpublikum für Dieter Bankert mindestens so wichtig wie die Zuschauerin vor Ort (Bild: IRS/Wissenschaftliche Sammlungen, Zeichnung: Dieter Bankert, 1982)

Telegen

Geboren 1938 in Leipzig, führte der berufliche Weg von Dieter Bankert über das Dresdener Studium gezielt nach Berlin. Hier war er unter dem DDR-Generalbaudirektor Ehrhardt Gißke an verschiedenen Großprojekten beteiligt. „Innerhalb dieser kurzen Zeit hat dieser geniale Mensch Ost-Berlin aufgemöbelt. (…) Und ich hab da immer das Glück gehabt, mitmachen zu können“, erinnert sich Bankert. Dazu gehörten, um nur einige aufzuzählen, der Palast der Republik (1976, Kollektiv Heinz Graffunder), das Charité-Hochhaus (1982, Kollektiv Walter Schwarz/Karl Ernst Swora, Fassaden und Bettenhaus Dieter Bankert) und eben der Friedrichstadtpalast.

Das Ost-Berliner Revuetheater wurde auf mediale Wirkung hin gebaut, denn die meisten Zuschauer:innen saßen nicht im Saal, sondern daheim vor dem Fernseher. Entsprechend wichtig waren im Großen Saal die Kamerastandorte: „Das war eigentlich ein Studio.“ Natürlich sollten auch die Besucher:innen vor Ort auf ihre Kosten kommen, immerhin wurde ein Großteil der Karten nach Westberlin verkauft. „Von allen Plätzen gibt es gute Sicht, dafür kann ich bürgen.“ Aber nicht nur das Innere, auch auf die äußere Erscheinung ist Bankert stolz. „Das Gesicht des Hauses ist schon meine Arbeit gewesen.“

Berlin, Friedrichstadtpalast, 1980 (Bild: Ben Kaden, CC BY NC 2.0, via flickr, 2016)

Die berühmte reliefierte Fassade des Berliner Friedrichstadtpalastes führt Dieter Bankert auch auf die akustische Wirkung im Straßenraum und bei Straßenlärm zurück (Bild: Ben Kaden, CC BY NC 2.0, via flickr, 2016)

Mehr als Schallschutz

Wer wie Dieter Bankert in der Planwirtschaft bauen wollte, musste den richtigen Zeitpunkt erwischen. Genau dann, wenn es z. B. keinen Stahl gab, war es klug, antizyklisch mit diesem Material zu planen – zum Beispiel beim Internat Ecke Gendarmenmarkt. An dessen Stahlskelett hängte man kleinformatige Plattenmodule, die den Einsatz von großen Kränen ersparten. Für den Friedrichstadtpalast hingegen standen plastisch geformte Großplatten zur Verfügung, berichtet Bankert. Die eingegossenen Rohglaskörper in den kleineren Montageelementen waren zur „Wertsteigerung“ preiswert zu haben.

Auch die Akustik spielte eine Rolle, denn der Straßenlärm werde an reliefierten Oberflächen besser abgedämpft. Bankert verweist dafür auf den Unterschied zwischen einem Straßenzug mit Kaiserzeit-Häusern oder mit DDR-Plattenbauten. Aber ja, natürlich ging es auch um die Ästhetik. Das Auge hatte sich einfach satt gesehen an den „arschglatten Fassaden“ der DDR-Architektur. Mit dem Begriff der Postmoderne, hier verweist er stolz auf die Dissertation von Kristen Angermann, könne er sich im Rückblick schon identifizieren. Doch, und das ist ihm wichtig, nicht in ihrer eher kantigen Ausprägung. Für ihn zählt der Friedrichstadtpalast zu einer vom Bild her denkenden Postmoderne.

Dessau, unrealisierter Entwurf zur Rathauserweiterung (Skizze: Dieter Bankert, 1991)

Der Entwurf von Dieter Bankert (Projektgesellschaft mbH am Bauhaus) zur Erweiterung des Rathauses bis zur damals noch ruinösen Marienkirche aus dem Jahr 1990/91 blieb unrealisiert (Bild: IRS/Wissenschaftliche Sammlungen, Zeichnung: Dieter Bankert)

Zwischen Bauhaus und Rathaus

Nach seiner Berliner Zeit wechselte Dieter Bankert 1988 nach Dessau. Am liebsten erinnert er sich hier an das Entwerfen mit niederländischen Studierenden, an das gemeinsame Entfalten von Ideen. In den Wendejahren gründete er sein eigenes Büro, dem er zunächst den Zusatz „am Bauhaus“ gab. Was heute jede Apotheke und Dönerbude im Welterbe-Dunstkreis tut, stieß damals nicht nur auf Zustimmung. Nicht minder kontrovers verlief die Debatte um die Erweiterung des Dessauer Rathauses. Bankerts Entwurf, eine blitzförmig gezackte Verbindung zur damals noch ruinösen Marienkirche, erzielte im Wettbewerb 1990/91 den ersten Preis (mit Chr. Morgenstern). Aber zuletzt ging der Auftrag dann doch nicht an ihn, sondern an Josef Paul Kleihues.

Mit größerer Freude berichtet Bankert vom direkten Gespräch mit den Bauherr:innen, von den scheinbar kleinen Projekten in Dessau. Da ist etwa das Diakonie- und Gemeindezentrum (1998, Dieter Bankert, Jacqueline Lohde, Anne-Barbara Sommer) an der „holländisch-barocken“ Georgenkirche. „Das ist, ich glaube, mein schönstes Haus“, schwärmt er, weil es bis heute wertgeschätzt wird. Beim Blick auf seine Atelierwand wendet sich das Gespräch zuletzt noch eine Schicht tiefer – oder höher hinaus, je nach Perspektive. Auf einem Pappdreieck hat Dieter Bankert seine Weltdeutung – das Beziehungsnetz zwischen Theorie, Praxis und Dogma – in ein grafisches System gebracht. Dieses formale Spiel führt Bankert selbst auf sein Studium zurück. In eine Zeit, als er um 1960, noch vor dem Mauerbau, zweimal nach Westen reisen konnte. Zwischen Italien und Spanien sammelte er neue Eindrücke, weitete den Horizont und ließ die Gedanken frei kreisen. Doch beim Entwerfen, da wird Bankert deutlich, lebt er ganz konkret von der Begegnung mit den Menschen. Am Ende ist Architektur eben Beziehungsarbeit.

Das Gespräch führte Karin Berkemann.

Dessau, Dieter Bankert (Bild: Karin Berkemann, 2026)

In Dreiecksform stellte Dieter Bankert seine Perspektive auf Welt und Architektur grafisch zusammen (Bild: Karin Berkemann, 2026)

Literatur

Angermann, Kirsten, Die ernste Postmoderne. Architektur und Städtebau im letzten Jahrzehnt der DDR, Weimar 2025 (zugl. Dissertation, Bauhaus-Universität Weimar, 2022).

Bankert, Dieter, Die Utopien des Dieter Bankert. Zeichnungen – Malerei – Architektur, Halle (Saale) 2020, 3. Auflage.

Berlin, Platz der Republik, 1976 (Skizze: Dieter Bankert)

An der Gestaltung des Palastes der Republik (1976, Kollektiv Heinz Graffunder) konnte Dieter Bankert mitwirken (Bild: IRS/Wissenschaftliche Sammlungen, Zeichnung: Dieter Bankert, 1976)

Dessau, Dieter Bankert (Bild: Karin Berkemann, 2026)

Dieter Bankert im Gespräch in seinem Dessauer Atelier (Bild: Karin Berkemann, 2026)

Zum Nachhören

Das Gespräch mit Dieter Bankert führte Karin Berkemann am 23. April 2026 (DOI 10.5281/zenodo.21560179.

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Keine Werbung (Bild: Dennis Skley, CC BY ND 2.0, 2015, via flickr.com)

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