Ulrich Coenen sprach mit dem Bühler Oberbürgermeister Hubert Schnurr (November 2025)
Nur wenige Oberbürgermeister sind gelernte Architekten. Mit 70 Jahren ist Hubert Schnurr in Bühl in den Ruhestand gegangen. Im Interview blickt er auf mehr als drei Jahrzehnte Architektur und Stadtplanung in der baden-württembergischen Mittelstadt, deren Entwicklung er als Bauamtsleiter, Baubürgermeister und Rathauschef maßgeblich mitbestimmt hat.
Ulrich Coenen: Warum sind Sie in die Kommunalpolitik gegangen?
Hubert Schnurr: Das war eher eine zufällige Entwicklung. Kommunen haben mich immer gereizt. Ich habe in meiner Studienzeit in meiner Heimatgemeinde Forbach den Flächennutzungsplan fertiggestellt. Nach Diplom an der Technischen Universität Kaiserslautern 1981 und dem Baureferendariat in Baden-Württemberg mit Staatsexamen zum Regierungsbaumeister 1983 hatte ich verschiedene berufliche Stationen, neben dem öffentlichen Dienst auch in einem Büro. Mein richtiger Einstieg in die Kommunalverwaltung war bei der Stadt Karlsruhe, wo ich als Abteilungsleiter im Stadtplanungsamt tätig war.

Hubert Schnurr ist Architekt und war Oberbürgermeister der Stadt Bühl in Baden-Württemberg (Bild: Ulrich Coenen)
UC: Abteilungsleiter sind aber doch normale Beamte und gewiss keine Politiker.
HS: Das ist richtig. Der Einstieg in die Kommunalpolitik war meine Wahl zum Ersten Beigeordneten und Baubürgermeister der Stadt Bühl 1997. Das hat sich ergeben, weil ich bereits seit 1993 als Leiter des Bauamtes der Stadt Bühl tätig war. Es gibt merkwürdige Entwicklungen im Leben. Ich hatte bei der Stadt Karlsruhe einen Kollegen, der unbedingt Baubürgermeister werden wollte, es aber nie geschafft hat. Für mich war das Amt des Baubürgermeisters oder Oberbürgermeisters ursprünglich überhaupt kein Ziel.
UC: Was kann ein Architekt als Oberbürgermeister besser als ein Jurist oder Verwaltungsfachmann?
HS: Uns Architekten und Stadtplaner zeichnen das konzeptionelle Denken und die konzeptionelle Vorgehensweise aus.
UC: Bevor Sie vom Gemeinderat zum Bau-Bürgermeister und 2011 von ihren Mitbürgern zum Oberbürgermeister von Bühl gewählt wurden, waren Sie im Rang eines Stadtbaudirektors Abteilungs- bzw. Amtsleiter in Karlsruhe und Bühl. Ist der Einfluss auch in solchen Führungspositionen im Vergleich zur Politik begrenzt?
HS: Er ist nicht unbedingt geringer, aber er ist ausschließlich fachlich begründet. Als Stadtbaudirektor habe ich in Bühl zunächst das gesamte Bauwesen verantwortet, zu dem damals auch die Tiefbauabteilung gehörte. Das war schon eine herausragende Stellung innerhalb der Stadtverwaltung. Die Wahl zum Baubürgermeister hat vieles verändert, vor allem durch den direkten Kontakt zum Gemeinderat. Das war als Bauamtsleiter nicht so gegeben. Als Baubürgermeister konnte ich viele Projekte bereits im Vorfeld beeinflussen. Als Bauamtsleiter war ich außerdem immer von meinem politischen Vorgesetzen abhängig.
UC: Welche Projekte haben Sie dann als Bau-Bürgermeister in Bühl in Angriff genommen?
HS: Das erste große Projekt für mich in Bühl war die Erschließung des Gewerbegebiets Bußmatten, das in meiner Zeit als Bauamtsleiter unter Oberbürgermeister Gerhard Helbing angestoßen wurde. Der war gleichzeitig der mir vorgesetzte Dezernent. Es war ein mutiger Schritt zur Erweiterung unseres Industriegebiets über den Autobahnzubringer hinaus. Wir haben damals die Idee gemeinsam entwickelt, weil unser größter Arbeitgeber Schaeffler sich erweitern wollte.
UC: Was war damals anders als heute?
HS: Bereits in meiner ersten Gemeinderatssitzung als Baubürgermeister Ende 1997 hat der Gemeinderat die Erschließung vergeben. Ein Zeitrahmen von nur vier Jahren ist wegen der ausufernden Bürokratie heute unvorstellbar. Dennoch ist das Gewerbegebiet Bußmatten vorbildlich, nicht nur wegen der Durchlüftungsschneisen, sondern auch wegen der Retentionsflächen. Heute würde man von einer Schwammstadt sprechen. Das haben wir vor drei Jahrzehnten hinbekommen, also zu einer Zeit, in der man nicht für jeden Belang ein Gutachten erstellen lassen musste.

Die Mediathek in Bühl wurde 2001 eröffnet. Sie entstand auf der Basis eines Wettbewerbs nach Entwurf von wurm + wurm und wurde von der Architektenkammer Baden-Württemberg als „Beispielhaftes Bauen“ ausgezeichnet (Bild: Ulrich Coenen)
UC: Die drei Großprojekte Mediathek, Realschule und Großsporthalle, an denen Sie als Baubürgermeister mitgewirkt haben, wurden von Bund Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) beziehungsweise von der Architektenkammer Baden-Württemberg ausgezeichnet.
HS: Da blicke ich mit Stolz drauf. Alle genannten Projekte waren Architektenwettbewerbe. Das zeigt, dass man mit Wettbewerben Qualität erlangt. Als Auftraggeber schaut eine Stadt auf diese Weise über den Tellerrand hinaus und holt das bestmögliche für das jeweilige Projekt heraus. Ich kann meinem Nachfolger nur empfehlen, das Wettbewerbswesen weiter zu betreiben.
UC: Als die Bühler Bürger Sie 2011 zum Oberbürgermeister gewählt haben, waren Sie bereits zweite Hälfte 50. Was hat Sie in einem Alter, in dem andere bereits an den Ruhestand denken, zu diesem Karriereschritt angetrieben?
HS: Ich habe es damals nicht hinnehmen wollen, dass irgendjemand, mit dem ich mich vielleicht nicht verstehe, mein neuer Chef wird. Deshalb habe ich selbst kandidiert. Das war der richtige Weg, weil ich um mein Ansehen in der Bürgerschaft wusste.

Die Carl-Netter-Realschule in Bühl wurde 2005 eröffnet. Sie ist ein Wettbewerbserfolg von wurm + wurm und wurde vom Bund Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) mit der Hugo-Häring-Auszeichnung prämiert. Das ist der wichtigste Architekturpreis in Baden-Württemberg (Bild: Ulrich Coenen)
UC: Konnten Sie als Oberbürgermeister das Bild der Stadt nach Ihren Vorstellungen formen?
HS: Das habe ich bereits als Baubürgermeister. Als OB konnte ich dann aber das eine oder andere Thema forcieren. Wir haben die Innenstadt in dieser Zeit wirklich gut geformt. Denken Sie an die Sanierungen der denkmalgeschützten Rathäuser I und II, die Neugestaltung von Markt- und Kirchplatz und die neuen Shared-Space-Straßen. Die Neugestaltung des Stadtgartens konnte ich noch anstoßen, mein Nachfolger wird sie vollenden.

Die Eisenbahnstraße in Bühl wurde nach dem Anschluss der Stadt an die Bahn 1846 als Prachtstraße mit zahlreichen Villen angelegt. Sie ist Bühls „Tor zur Welt“. Im 19. Jahrhundert galt es als modern, in Bahnhofsnähe zu wohnen. Hubert Schnurr setzte eine Erhaltungssatzung für die Eisenbahnstraße durch (Bild: Ulrich Coenen)
UC: Sie haben als OB die erste Erhaltungsatzung für Bühl durchgesetzt.
HS: Das war ein harter Kampf. Aber es war notwendig, um das Erscheinungsbild der Eisenbahnstraße zu bewahren. Die ist im 19. Jahrhundert als Villenstraße in Richtung Bahnhof und damit als Bühls „Tor zur Welt“ entstanden. Die beiden Neubauten neben der spätklassizistischen Villa Walchner, die inzwischen entstanden sind, fügen sich gut ein, ebenso die drei rückwärtig anschließenden Punkthäuser, beides nach Entwürfen des Büros Planum. Das ist ein tolles Ensemble, gerade auch in Zusammenhang mit Realschule, Mediathek und Bürgerhaus Neuer Markt. Das vermittelt der Stadt ein sehr modernes Gesicht.
UC: Der Weg zur neuen Mensa war holprig, weil der ursprünglich geplante eingeschossige Pavillon wegen eines vom städtischen Schulamt ermittelten Raummangels zu einem dreigeschossigen Kubus mit sechs zusätzlichen Klassenräumen erweitert werden musste.
HS: Städtebaulich ist das aber die bessere Lösung, weil der Kubus in seiner Höhenentwicklung auf die Nachbargebäude reagiert. Auch die Mensa nach Entwurf von Plan 7 Architekten (Stuttgart) ist das Ergebnis eines Wettbewerbs. Die Teilnehmerfelder sind, gerade auch im Fall der Mensa, nicht nur mit Hochbauern, sondern auch mit Stadtplanern und Landschaftsarchitekten besetzt. So viel Fachwissen bekommen Sie für Ihr Geld nirgendwo.

Die Großsporthalle in Bühl ist ein Wettbewerbserfolg von Löweneck und Schöfer (München). Sie wurde 2012 eröffnet und von der Architektenkammer Baden-Württemberg als „Beispielhaftes Bauen“ ausgezeichnet (Bild: Ulrich Coenen)
UC: Sie haben die rund 35 Millionen Euro teure Sanierung des Windeck-Gymnasiums gegen Widerstände im Gemeinderat durchgesetzt und einen Wettbewerb ausgelobt. Auch Abriss und Neubau auf der grünen Wiese standen zur Diskussion.
HS: Ich wollte die graue Energie aus Gründen der Nachhaltigkeit schonen. Das Stahlbetonskelett der 1970er Jahre bleibt erhalten. Ein Abriss wäre eine Verschwendung von Ressourcen.
UC: Karlsruhe und die Nachbarstadt Baden-Baden haben Gestaltungsbeiräte. Wieso gibt es ein solches Gremium nicht in Bühl?
HS: Ein wenig bin ich mein eigener Gestaltungsbeirat. Wir reden ständig über Bürokratieabbau. Ein Gestaltungsbeirat ist eine weitere Hürde, die man aufbaut. In einer Großstadt wie Karlsruhe und auch in Baden-Baden, das zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, hat ein Gestaltungsbeirat aber seine Berechtigung.

Das historische Stadtzentrum von Bühl wird durch die neugotische Pfarrkirche St. Peter und Paul und das Rathaus geprägt (Bild: Ulrich Coenen
Bühl ist eine Mittelstadt mit knapp 30.000 Einwohnern in Baden-Württemberg. Sie liegt im Oberrheingraben zwischen Karlsruhe und Freiburg, am Fuß des Schwarzwalds. Bühl ist ein wichtiger Industriestandort. Größte Arbeitgeber sind die Automobilzulieferer Schaeffler und Bosch, aber auch der legendäre Kleberhersteller Uhu hat dort seinen Sitz. Die Stadt bietet mehr als 21.000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze.
