von Ute Reuschenberg (Mai 2025)

Fast alle Bielefelder:innen kennen das Harms-Haus, wenn auch unter einem anderen Namen: Das „Meißener Kachelhaus“ ist tatsächlich vollständig mit Keramikfliesen aus eben jener Stadt verblendet. Im Gegensatz zu diesem schmucken Geschäftshaus von 1928 ist sein Architekt Paul Löwenthal fast in Vergessenheit geraten. Da es zu ihm keinen Nachlass gibt, erweist sich die Spurensuche als äußerst mühsam – erst recht, wenn es um das gebaute Werk geht. Paul Gershon Löwenthal wird 1890 in Eberwalde geboren und studiert von 1910 bis 1914 in Berlin Architektur, sehr wahrscheinlich an einer Vorgängereinrichtung der Hochschule der Künste. Am Ersten Weltkrieg nimmt er als Soldat teil und gelangt über einen Genesungsaufenthalt nach Bielefeld. Dort trifft er Selma Schönfeld, die Tochter des Vorstands der örtlichen jüdischen Gemeinde, und heiratet sie 1919. Ein Jahr später macht sich Löwenthal als Architekt selbständig und findet seine ersten Aufträge wohl im Umfeld der jüdischen Gemeinde.

Bielefeld, Harms-Haus (Bild: Stadtarchiv Bielefeld)

Bielefeld, Harms-Haus („Meißener Kachelhaus“), koloriertes Foto (Bild: Stadtarchiv Bielefeld)

Ein abwaschbares „Lebensmittelhaus“

Mit dem Wettbewerbsentwurf „Gesteigerte Front“ für das neue Haupthaus der Stadtsparkasse Bielefeld erlangt Löwenthal 1927 größere Aufmerksamkeit. Seine jüngste Tochter Käthe, die spätere Schriftstellerin Karen Gershon, vermerkt in ihrer Autobiografie „Das Unterkind“: Das Gebäude sei nach den Plänen ihres Vaters entstanden, aber bekannt unter dem Namen des Zweitplatzierten, eines „arischen Architekt(en)“ und Logenbruders. Tatsächlich realisiert der Bielefelder Bernhard Kramer, Mitbegründer der dortigen Loge „Freiherr vom Stein“, das heute denkmalgeschützte Gebäude. Diese Aussage steht seitdem im Raum – doch ob Löwenthal tatsächlich Urheber des Entwurfs ist, wird sich wahrscheinlich nicht klären lassen.

Spätestens das bereits erwähnte Harms-Haus („Meißener Kachelhaus“) an der Ecke Gold-/Hagenbruchstraße verhilft Löwenthal 1928 zum Durchbruch. Das Bielefelder Wohn- und Geschäftshaus ist benannt nach dem Bauherrn, dem umtriebigen Lebensmittelhändler Wilhelm Harms. Aufgrund seiner Fassade und technischen Finessen erregt es einiges Aufsehen. Obwohl die Dachgestaltung teils wie ein traditionelles Wohnhaus gestaltet ist, versteht sich das innen und außen abwaschbare „Lebensmittelhaus“ als „Zweckbau“: Die vollständige Fassadenverblendung mit Meißener Keramikplatten soll der Hygiene dienen, auch im Ladenbereich und im Untergeschoss mit den Kühlanlagen. Dabei zeigt das seegrün gehaltene Erdgeschoss expressionistisches Dekor, während das Obergeschoss hellgrau abgesetzt ist.

Für das Harms-Haus ist eigentlich ein drittes Geschoss geplant, das jedoch aus Kostengründen ausbleibt. Auf diesen Umstand spielt ein augenzwinkernder Sinnspruch an, der in die Fassade integriert wird: „Paul Löwenthal hat dies Haus ersonnen / Wilhelm Harms hat den Draht gesponnen / Hätten wir gewusst, was es kust / hätten wir’s gelust.“ Allerdings wird Löwenthals Namenszug von den Nazis abgeschlagen. Es ist seinen Töchtern Lise Loewenthal-Montecorboli und Karen Gershon zu verdanken, dass der Name ihres Vaters 1979 wieder ergänzt werden kann.

links: Paul Löwenthal, Foto von 1938; rechts: Bielefeld, Sera-Kleinpreis-Kaufhaus, Foto vom Mai 1933 (Bilder: Stadtarchiv Bielefeld)

Das Einheitspreisgeschäft „Sera“

Auf das Harms-Haus folgen rasch weitere Aufträge: 1931 plant Löwenthal gegenüber ein – vermutlich unrealisiertes – „monumentales“ Wohn- und Geschäftshaus, das er stilistisch an die gegenüberliegende, frisch fertiggestellte Rudolf-Oetker-Halle anpasst. Ein Jahr später modernisiert er das 1910 eröffnete Friedmann‘sche Kaufhaus in der Niedernstraße – am 18. November 1932 wird es als drittes Einheitspreisgeschäft „Sera“ eröffnet. An der Ecke zur Hagenbruchstraße erweitert Löwenthal den Bau bis hin zum Nachbargrundstück in der Güsenstraße. Dabei gibt er dem neuen Kaufhaus eine einheitliche Außengestaltung. Nach innen verwandelt er das Erd- und das Obergeschoss in zwei große, helle Verkaufsräume, indem er die Front 60 Zentimeter höher setzt. Für Besucher:innen hält der Bau zwei Attraktionen bereit: die erste Rolltreppe der Stadt und eine Imbissecke, die wie schon beim Harms-Haus mit Meißener Keramik verblendet wird.

Da die Eigentümer der neuen „Sera“ jüdischer Herkunft sind, ist das Unternehmen schnell Schikanen ausgesetzt. So verweigert man den Kaufhaus-Betreibern die Konzession zum Ausschank von Kaffee. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialist:innen wird der Druck massiver und endet mit der Schließung im Oktober 1933. Die Max Textor GmbH lässt das Gebäude anschließend zum „Spezialhaus“ umbauen – und vermeidet dabei den Begriff „Warenhaus“, der offensichtlich als jüdisch gilt. Zufrieden stellt die Westfälische Zeitung am 28. Oktober 1933 fest, dass die ehemalige „Sera“ nun dem „nationalsozialistischen Staat bzw. der deutschen Arbeitsfront in unzweideutiger Form eingereiht ist.“

Bielefeld, Harms-Haus, Foto um 1935 (Bild: Stadtarchiv Bielefeld)

Bielefeld, Harms-Haus, („Meißener Kachelhaus“), Foto um 1935 (Bild: Stadtarchiv Bielefeld)

Das Ende einer Karriere

Auch für Löwenthal endet die Karriere 1933 abrupt. Durch den Boykott jüdischer Geschäfte brechen seine Einkünfte zusammen. Er muss die Angestellten entlassen, kurze Zeit später das Büro ganz schließen. Parallel darf er nicht länger seiner gutachterlichen Tätigkeit bei Gericht nachgehen, die seit 1922 ein wichtiges Standbein bildet. Auch aus ehrenamtlichen Tätigkeiten, etwa der im Vorstand des Bielefelder Mietervereins, wird Löwenthal verdrängt. Einzig für die jüdische Gemeinde darf er noch entwerfen, wenn auch laut Karen Gershon nur Grabmale. Sein (bisher) letztes nachweisbares Projekt als Architekt bildet die 1936 geplante (bescheidene) Gemeindehauserweiterung der jüdischen Gemeinde Bielefeld.

Im Dezember 1941 werden Paul Löwenthal und seine Frau Selma nach Riga deportiert, Löwenthal wird dort 1943 ermordet. Selma Löwenthals Todesdatum ist unbekannt, vermutlich kommt sie 1944 ebenfalls in Riga ums Leben. Nur die drei Töchter Anne (1921-1943), Lise (1922–2003) und Käthe Löwenthal (1923–1993) überleben den Holocaust durch Kindertransporte nach England. Während Anne nach einer schweren Krankheit bereits 1943 als junge Frau im Dienst der Royal Army in Bristol verstirbt, werden sowohl Lise (später Lise Loewenthal-Montecorboli) als auch Käthe (Künstlername Karen Gershon) erfolgreiche Schriftstellerinnen. Das architektonische Werk ihres Vaters hingegen wartet noch auf seine Wiederentdeckung.

Bielefeld, Harms-Haus, Foto von 2022 (Bild: ZornigeAmeise2017, CC BY SA 4.0)

Bielefeld, Harms-Haus, Foto von 2022 (Bild: ZornigeAmeise2017, CC BY SA 4.0)

Literatur

Reuschenberg, Ute, Löwenthal, Paul Gershon. Art., auf: Jüdische Architekten, Mai 2025.

Warhaftig, Myra, Deutsche jüdische Architekten vor und nach 1933 – Das Lexikon. 500 Biographien, Berlin 2005, S. 335–338

Gershon, Karen, Das Unterkind. Eine Autobiografie, Düsseldorf 2023 (Neuauflage der Erstausgabe von 1992 mit einem Nachwort von Naomi Anne Shmuel).

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