invisibilis – der Kirchenwiederfinder

Kann eine moderne Kirche unsichtbar werden? Wenn sie aus dem liturgischen Gebrauch genommen, in andere Nutzung gegeben oder gar abgerissen wird, gehen oft auch ihr Name und ihre Geschichte „verloren“. Daher macht mR mit der virtuellen Karte „invisibilis“ diese verborgene Kirchenlandschaft Stück für Stück sichtbar – und für unbeschwerte Ausflüge haben wir noch ein paar einfach sehenswerte Kleinkirchen dazugepackt (K. Berkemann, seit 2017).

St. Elisabeth

Phönixstraße/Kalsmuntstraße, 35578 Wetzlar-Westend

2018 Profanierung beantragt, 2019 Plan bekanntgegeben, Kirche zu verkaufen und zugunsten neuer Wohnbauten abzureißen, 2020 aufgenommen in „Rote Liste“ des Deustschen Kunsthistorikerverbands, Dezember 2020 Profanierung und Verkauf an koptische Gemeinde angekündigt.

Bauform Im mittelhessischen Wetzlar erhebt sich St. Elisabeth auf der südöstlichen Hälfte eines Grundstücks, das von der Phönix- und der Kalsmuntstraße umfangen wird. Südwestlich der Altstadt, südlich der Lahn und der dort verlaufenden Erschließungsstraße, wird der skulptural freistehende Kirchenbau vorwiegend von locker gefügten Wohnhäusern umgeben. Das Schiff selbst ruht auf einem kreisrunden Grundriss, dem sich im Nordosten (zur Phönixstraße hin) die Sakristei auf einem weiteren Kreissegment anschließt. Im Südwesten (zur Kalsmuntstraße hin) wird die Kirchen von einem Campanile auf kreisrunder Grundfläche begleitet. Das Hauptportal ist dem Schiff im Westen auf einem quadratischen Grundriss vorgelagert.

Geprägt wird der Baukörper durch kreisrunde und sechseckige Formen, durch die Materialien Naturstein, Sichtbeton und Kupfer. Das hochgeschlossene Kirchenschiff erhält sein Licht über ein Fensterband: Die Mauern, die nach außen gelb- bis rotgetönten Naturstein tragen, werden unterhalb des Flachdachs von einem Betonband umfangen. Es verbindet eine regelmäßige Reihe langgestreckter sechseckiger Fensteröffnungen. Leicht nach Osten aus dem Zentrum gerückt, ist dem Baukörper eine kupfergedeckte Kuppel aufgesetzt. Hier bilden gaubenartige, ebenso sechseckige Fensteröffnungen eine (wieder nach Osten aus dem Zentrum gerückte) Laterne aus. Die Türen und Fallrohre der Kirche zeigen (nach außen) ebenfalls Kupfer. Demgegenüber sind der (vergleichen mit dem Schiff) niedrigere Sakristeianbau und der zylindrisch aufragende Campanile (ursprünglich) in Sichtbeton gehalten. Im begrünten Umfeld der Kirche sind zudem die geometrisch ausgeformten Betonpflaster- und Betonformsteinen hervorzuheben.

Baugeschichte Der Stadtbezirk Silhöfer Aue/Westend wird von einer Kaserne geprägt, die seit dem Abzug der Bundeswehr in den 1990er Jahren neuen Nutzungen zugeführt wird. Der Grundstein zur „Militärkirche“ St. Elisabeth wird 1965 gelegt, im Abschlussjahr des Zweiten Vatikanischen Konzils. In seinem zentralisierenden Grundriss spiegelt der römisch-katholische Kirchenbau einen Kerngedanken dieser Reformjahre: die Versammlung der Gemeinschaft um den Altar. Seit 2016 gehört St. Elisabeth zur Pfarrei „Unsere Liebe Frau Wetzlar“. Im selben Jahr verstirbt Pfarrer Dr. Albrecht Bender, der zur Bauzeit maßgeblich zum Raumkonzept beigetragen hatte. 2017 setzt sich der neue Pfarrgemeinderat mit der weiteren Nutzung von Kirche und Orgel auseinander. Im folgenden Jahr verschwindet der Kirchenbau aus den regulären Gottesdienstankündigungen. Die Gemeinde beantragt beim Bistum die Profanierung, um St. Elisabeth verkaufen zu können. Die 1994 erworbene Orgel hingegen will man vor Ort in St. Bonifatius weiterverwenden. 2019 berichtet die Presse, dass St. Elisabeth nach Verkauf des Grundstückes abgerissen werden soll – zugunsten neuer Wohnbauten.

Bedeutung Mit St. Elisabeth würde Wetzlar einen Sonderbau verlieren, der ein gutes Stück lokaler Nachkriegsgeschichte spiegelt und bis heute sein städtebauliches Umfeld prägt. Darüber hinaus zeichnet sich der architektonische Entwurf durch seine hohe Qualität aus: Vom Baukörper über die abstrahierende Fenstergestaltung bis hin zu den prägenden Elementen des Umfelds herrschen klare geometrische Formen vor. Anbauten und Zusätze werden durch Sichtbeton charakterisiert, die „Schmuckformen“ durch Kupfer besonders ausgezeichnet. Als Kernbau hebt sich das hochgeschlossene natursteinsichtige Schiff deutlich von der umgebenden Wohnbebauung ab. Zwischen dem Hauptportal im Westen und der Kuppel-Laterne im Osten spannt sich die liturgische Achse auf. Diese wird– mit dem Campanile im Südwesten und der Sakristei im Nordosten – nach außen gekonnt verschoben, um den Kirchenbau harmonisch auf sein städtebauliches Umfeld zu beziehen.
Bau
Patrozinium : St. Elisabeth
Konfession : röm.-kath.
Baujahr : 1965
Status : abgegeben
Ausstattung : Orgel von 1994 soll in Nachbarkirche St. Bonifatius aufgestellt werden.
Details : 1965 = Jahr des Grundsteins, Bau ehemals Garnisonskirche (nahegelegene Kaserne).
Adresse
Land : Deutschland
Bundesland : Hessen
Stadt : Wetzlar
Stadtteil : Westend
Straße : Phönixstraße/Kalsmuntstraße
Quellen
Internet : Link
Internet : Link
Bildnachweis : 1)-6) K. Berkemann, 2020; 7) Pfarrbrief, 2016.
abgegeben
1965