Endlich mal wieder ein Denkmalbuch, das den Mut zu seitenfüllenden Bildern hat. Alles andere wäre auch verschenkt bei diesem schönen Thema: „Kirchenbau nach 1945“ in Westfalen-Lippe. Hinter der opulenten Optik stecken auch ebensolche Inhalte, denn mit der Publikation erntet der zugehörige Landschaftsverband (LWL) die Arbeitsergebnisse vieler Jahre. Ab 2009 hatten Expert:innen im staatlichen Auftrag unter dem Titel „„Erkennen und Bewahren“ den Kirchenbau der Nachkriegszeit in Nordrhein-Westfalen (NRW) erfasst. Im nun vorgelegten Abschlussband für Westfalen-Lippe werden nicht klassisch alle erfassten Bauten in Reihe gestellt, sondern besonders bemerkenswerte Beispiele nach Themen geordnet in eine allgemeineren Kontext gestellt.
Ein ganzes halbes Jahrhundert
Diese Gattungstopografie nimmt gleich ein halbes Jahrhundert in den Blick, zwischen dem Kriegsende und dem Millennium. Mehr als 1.300 Kirchen sind, so zählen es die Inventarisator:innen, in diesem Zeitraum in Westfalen-Lippe errichtet worden. Genauer gesagt, widmete sich das Projekt den römisch-katholischen und evangelisch-landeskirchlichen Pfarr- und Filialkirchen der Region. Denn schon vor fast 20 Jahren war das Schwinden der Baugattung – wegen der schwindenden Finanz- und Mitglieder- und Finanzstärke der beiden großen Konfessionen – in NRW mit Händen zu greifen.
Auch im Werben um Schönheit und Wert dieser Bauten, peilen Michael Huyer, Heinrich Otten und Knut Stegmann auf satten 433 Seiten eine breite Zielgruppe an. Dafür wurden 606 großformatige Abbildungen (von Angelika Brockmann-Peschel, Hartwig Dülberg und Greta Schüttemeyer), frisch gezeichnete Grundrisse (von Gabriela Hillebrandt und Martina Bange) und teils Lageplänen mit klugen Texten kombiniert. Jede der ausgewählten Kirchen wird einer Gruppe oder einem Thema – von Demographie bis Wandbild, von katholisch bis evangelisch, von Gemeindezentrum bis Betonburg – zugeordnet. Nicht zu vergessen das umfangreiche Verzeichnis der kirchbauschaffenden Personen, meist mit Funktion und Lebensdaten, sowie der erwähnte Orte.
Zum Blättern und Klicken
Ausdrücklich versteht sich die Publikation nicht als Denkmalbuch im rechtlichen Sinne, sondern als ebenso wissenschaftlich fundierte wie breit verständlich aufbereitete Erfassung. In seinem Vorwort unterstreicht Holger Mertens, Landeskonservator von Westfalen-Lippe: Das Buch, Teil der LWL-Reihe „Arbeitshefte“, möge „auch ein zusätzlicher Ansporn sein, den ausgewählten, jedoch noch nicht in Denkmallisten eingetragenen Kirchen zeitnah den gebührenden gesetzlichen Schutz zukommen zu lassen.“ Denn die eigentliche denkmalfachliche und -praktische Arbeit geht jetzt erst los.
Da ist es nur konsequent, dass der vorgelegte Band nicht allein analog im Tecklenborg-Verlag erschienen ist, sondern den Schritt weiter in den digitalen Raum geht. Nicht genug, dass aus dem Erfassungsprojekt heraus ein auf youtube einsehbarer Film der Reihe „Markantes Erbe“ entstanden ist. Auch das Buch selbst kann über die Universitätsbibliothek Münster unentgeltlich heruntergeladen werden. Aber am Ende wäre es schade, nicht doch den ein oder anderen Kaffeetisch analog mit diesem Buch um lesenswerte Inhalte zu bereichern. (kb, 4.4.26)

Gelsenkirchen-Erle, evangelische Thomaskirche, 1965 (Bild: LWL/Hartwig Dülberg)
