Dresden, Kulturpalast (Bild: SchiDD, CC BY SA 4.0, 2017)

Kulti für alle

Der DAM-Preis für Architektur geht 2019 an das Büro von Gerkan, Marg und Partner – nicht für ein Neubauprojekt, sondern für eine Sanierung: Der Kulturpalast Dresden (Entwurf Leopold Wiel, ausführender Architekt Wolfgang Hänsch) wurde 1969 eingeweiht und zeigt sich heute nach dem mehrjährigen Umbau samt Neuaufteilung noch immer als ein lichtdurchtetes Bauwerk der Internationalen Moderne. Und steht damit für einen so ganz anderen Stil als jenen, der derzeit die Architekturdebatten beherrscht. Nennen wir ihn einfach mal „Rekonstruktivismus“.

Die Revision der Moderne (um gleich nochmal das DAM mit seiner 1984er Eröffnungsausstellung zu zitieren) wird immer lauter und emotionaler gefordert. Und das natürlich nicht zugunsten der Postmoderne – die ist längst auch schon ad acta gelegt. Es geht ums Ganze: um traditionelle, jeglicher Moderne unverdächtiger Architektur mit hochrechteckigen Sprossenfenstern, Satteldächern, Steinfassaden, gerne auch Fachwerk. Und wo immer sich die Chance bietet, sich von einem öffentlichen Bau der Jahre 1945 bis 1995 zu verabschieden oder eine grundlegende Umgestaltung dräut, stehen die Wiederaufbaufans bereit. Was an Stelle der ungeliebten Nachkriegs-, Spät- oder Postmoderne einst stand, soll doch bitteschön dort wieder entstehen (Zugegeben: Das Beispiel Frankfurter Altstadt zählt zu den Besseren). Wie wohltuend ist in dieser allgemein historisierenden Gemengelage die diesjährige Frankfurter Juryentscheidung – in der man mehrere Botschaften und Bezüge erkennen mag.

Als hessischer Kulturbürger fühlt man sich angesichts des Dresdner Wunderwerks an Zuhause erinnert. Genauer: an die Städtischen Bühnen Frankfurt. Die 1963 fertiggestellte, dem „Kulti“ ausgesprochen ähnliche Doppelanlage aus Oper und Theater (in der auch noch das historistische alte Schauspielhaus von 1902 steckt) steht schon länger in der Diskussion. Abriss oder Umbau lautet die Gretchenfrage bezüglich des sanierungsbedürftigen Ensembles von ABB Architekten. Währenddessen wird in Sachsen ein eleganter Wiedergänger einfach so – gegen den Trend – gerettet. Eine bewusste Entscheidung der barocksatten Stadt Dresden für einen identitätsstiftenden Bau der Moderne. Und mit Gerkan, Marg und Partner auch für ein Architekturbüro, das andernorts nicht erwünscht war, um ein weiteres prägendes Nachkriegsgebäude zu restaurieren: Volkwin Marg lief 2015 mit seinem Sanierungsentwurf für die Hamburger City-Höfe ins Leere. Der Bau von Rudolf Klophaus soll trotz Denkmalschutz plattgemacht werden. Was bleibt den Entscheidungsträgern in Frankfurt und Hamburg nun angesichts des im wahren Wortsinn ausgezeichneten Kulturpalasts Dresden zu sagen? „Bürgermeister der Republik – schaut auf diese Stadt!“ Das Heil liegt nicht immer im Rückgriff auf Vorgestern. (27.1.19)

Daniel Bartetzko

Titelmotiv: Dresden, Kulturpalast (Bild: SchiDD, CC BY SA 4.0, 2017)