von Cordula Schulze (25/3)
Rund mögen alle, eckig muss man wollen. Zeit für eine Erkundung der Ecke – als urbaner Ort, als Architekturcharakteristikum und nicht zuletzt als popkulturelles Gestaltungselement. Die Ecke, so banal sie auf den ersten Blick sein mag, birgt Potenziale für Freizeitunterhaltung ebenso wie für politische Grundsatzdiskussionen. Sie entzückt und enerviert – im 20. Jahrhundert und bis heute. Das muss man erstmal schaffen.

Keine Erklärung nötig: Velbert-Neviges, Wallfahrtskirche Maria Königin des Friedens (Bild: Cordula Schulze)
Orientierung durch die Ecke
Starten wir mit der Ecke im urbanen Raum. Sie ist positiv und negativ zugleich besetzt. Das Schöne an ihr ist, dass sie Orientierung bietet, neue Ausblicke, Übersicht. Als Kind im Urlaub mit meiner Oma fürchtete ich nichts mehr als den Satz, noch „um die nächste Ecke gucken“ zu wollen, weil dieser ganz ohne Zweifel noch mehrere weitere folgen würden. Heute ist es einer meiner Lieblingssätze beim Stadterkunden – so ändern sich die Zeiten. An Ecken bleibt man stehen, um den Stadtplan oder eine Kartenapp zu konsultieren. Man sucht sie, um vielleicht eine interessante Blickachse oder Fotoperspektive zu erhalten. Das ist keine Zufall. Viele moderne Städte folgen einem klaren Raster.
Berühmtes Beispiel ist das Manhattan-Grid, ein gleichmäßiges Netz aus Straßen und Grundstücksgrenzen. Aber auch viele Städte der ehemaligen Sowjetunion sind klar durchgeplant mit beeindruckenden Reihen ebenfalls klar gestalteter standardisierter Plattenbauten. Ein Beispiel für eine schachbrettartige Stadtstruktur in Deutschland ist Mannheim mit seinen innenstädtischen Quadraten. Hier tragen die Straßen Nummern und Buchstaben, keine Namen. Zum Glück hilft der hufeisenförmige Ring bei der Orientierung. In diesen gerasterten Stadtstrukturen kann man besonders gut „um die vier Ecken gehen“ und wieder am Ausgangspunkt anzukommen.

Urban um die Ecke gedacht: Rotterdam, Kubushaus, 1982–1984 (Bild: Cordula Schulze)
Cornern: Die Ecke als sozialer Raum
Straßen- und damit Gebäudeecken bilden oftmals auch Grenzen. Ein Stadtteil geht in den nächsten über, eine Funktionszone in eine andere, ein Revier in ein anderes. Zumindest in den USA. Von dort kommt auch der schöne Begriff „cornern“ (lose übersetzt: „an einer Straßenecke abhängen“). Er entstand in den 1980er Jahren, natürlich in New York: Rivalisierende Breakdance-Gruppen trafen sich an zentralen Straßenecken der Bronx, um ihr Können zu messen. Seit einiger Zeit nutzen Menschen in deutschen Großstädten den Begriff „cornern“ für eine weitaus friedlichere Beschäftigung: dem gemeinsamen Trinken, Plaudern und Leutegucken im öffentlichen Raum.
Die Ecke als gebautes Ding im städtischen Raum ist also ein Ort der Zuspitzung, der Aktion, der Verstärkung. In der Architektur selbst hat die Ecke ebenfalls vielfache und widersprüchliche Funktionen. Einerseits ist der eckige Kubus die Bauform, auf der (fast) alle anderen aufbauen. Ohne Ecken und Kanten zu bauen, ist also fast unmöglich oder zumindest sehr aufwändig, nicht umsonst bewundern wir die runde und geschwungene Form ganz besonders. Eckig ist solide, verlässlich und für viele Bauaufgaben schlicht: gut.

Den Jugendstil in Rente schicken: Behrens-Bau, Oberhausen, 1921–1925 (Bild: Cordula Schulze)
Scharfkantiger Expressionismus, Reduktion bei de Stijl und am Bauhaus
Ob die Eckigkeit gestalterisch geschätzt wird – das scheint sich in einer Wellenbewegung immer wieder zu ändern. Das 20. Jahrhundert startet zunächst mit lieblichen, organischen Formen des Jugendstil, mit gründerzeitlicher Verziertheit. Und dann tut sich was! Besonders im Westen und Norden entstehen expressive Backsteingebäude, die Kanten und Ecken als Gestaltungsmerkmale geradezu wollüstig feiern – sieht nicht zum Beispiel das Chilehaus in Hamburg aus wie ein überdimensioniertes Schneidewerkzeug? In der Kunst zerlegt der Kubismus Formen; Rietveld und die De Stijl-Bewegung lehrt die Menschen Schönheit in der Reduktion. Und am Bauhaus geht es los mit sehr durchdachten, aber ornamentfreien Entwürfen für Geschirr, Textilien und Gebäude. Traditionalisten toben: Schräge Dächer müssen her! Verzierung, Schmuck! Wo kommen wir denn hin, wenn alle Form Ecke ist?!
Nicht lange danach entstehen die ersten Bürohochhäuser mit Vorhangfassaden aus Stahl und Glas. Ikonischer Startpunkt des International Style ist Anfang der 1950er Jahre das Lever House in New York. Noch heute hat in Deutschland jede Stadt, die etwas auf sich hält, ein daran inspiriertes Haus mit Vorhangfassade – ein schönes denkmalgeschütztes Beispiel ist das ehemalige Postscheckamt in Essen. Größe, Proportionen und Materialien wirken, es geht um Leichtigkeit, Eleganz, um den Mad-Men-Moment der Architektur. Less is more!

Ein Hoch der Vorhangfassade: Lever House, pardon, Landratsamt Karlsruhe, leider 2024 abgerissen (Bild: Cordula Schulze)
Brutalismus: Eckigkeit besonders prägnant verkörpert
Kaum haben alle mal durchgeschnauft und sich dran gewöhnt, hat der Beton-Brutalismus seinen großen Auftritt. Zugegebenermaßen gibt es gebogene und organisch wirkende Gebäude des Brutalismus – schließlich lädt das flüssige Material ein zum Experiment – doch viele von ihnen verkörpern eine gewisse dinosaurierhaft-zackige Formensprache. Man könnte sogar sagen: die Archiskulptur kommt groß in Mode. Denken wir an das gezackte Dach des Mariendoms in Neviges zum Beispiel. Kanten, wohin man blickt.
Die oft ungeliebten Betonmonster und öffentlichen Bauten der Moderne wie das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe entstehen dort, wo Demokratie, Bildung und Sozialstaat Nachholbedarf haben, als Universitäten, Rathäuser und als Sozialbauten. Sie markieren ihr Revier, machen sich mit Absicht breit und unverrückbar. Das Demokratische ist rational und widersetzt sich bewusst Pomp und hierarchischen Spielereien.

Alle mal um die Ecke denken: Rubik’s Cube (Bild: Kenny Eliason, via Unsplash)
Postmoderne Würfel: Zum Spielen und zum Wohnen
Und wieder kommt man kaum zum Ausruhen im Gewohnten, denn schon erregt die extravagante Postmoderne mit ihrer besonderen Vorliebe für geometrische Formen und für das Spiel von Rundung und Ecke die Aufmerksamkeit. Besonders schön hat das Oswald Mathias Ungers durchexerziert, aber auch viele seiner Kollegen dieser Zeit freuten sich sichtbar an der Zuspitzung im wahrsten Wortsinne. Im Jahrzehnt des kultigen, ab 1980 erhältlichen Zauberwürfels entsteht auch das strukturalistische Kubushaus in Rotterdam: Die würfelförmigen Baukörper rufen dem Betrachter geradezu ihre Innovationsfreude entgegen. Und so ist es keine Überraschung, dass mit dem sich mit der Postmoderne überlagernden Dekonstruktivismus eine besonders spitze und ausdrucksvolle Eckigkeit das Jahrhundert wieder ausläutet. Ein besonders markantes Exemplar ist der Cineplex Kristallpalast in Dresden.
Interessant ist, dass Liebhaber:innen der guten alten Zeit und des gefälligen Stadtbilds schier am Kubus, an der Serie, an Ecken und Kanten verzweifeln. Wenn sich die Gestaltung so ganz der Ornamentik entzieht und allein durch ihre Proportion – und nicht zu vergessen die Funktion – überzeugen will, dann schwellen wieder Halsschlagadern. Dann geht es gegen „Depressionswürfel“, dann soll es wieder heimelig sein, dann sollen verdammt noch mal traditionelle Werte auch wieder ins Entwerfen und Gestalten einziehen. Nicht überraschend also ist, dass eine ultra-rechte Partei in Sachsen-Anhalt sich der 100-Jahr-Feier des Bauhauses in Weimar widersetzt mit dem 100 Jahre alten Argument, das Bauhaus sei ein „Irrweg der Moderne“. Man könnte auch sagen: Man goutiert die Ecke nicht, wünscht klassische Schönheit und die damit einhergehenden Ideale. Es geht um Verachtung für die Prinzipien der Moderne, die sich so besonders gut an der Architektur festmachen lassen. Denn so eine gebaute Eckigkeit erfreut sich ja in der Regel einer gewissen Langlebigkeit. Man kann sie nicht in einem Archiv verschwinden lassen, aber wohl abreißen. Obacht also!

Postmodernes Role Model in allen Beziehungen: Grace Jones, 1982 (Bild: Daniel Bartetzko)
Als auch Frauenkörper und Autodesign eckig wurden
Eckig eckt also an, ganz bewusst. Die Kante ist ein kulturelles Statement. Das wird in den 1980er Jahren besonders deutlich, wenn die Schulterpolster auf den Schultern der Frauen Platz nehmen. Der weibliche Körper ist nicht mehr sanft, rund, verfügbar, sondern business-like und stark – eine Kampfmaschine gar. Unvergessen die Szene mit Grace Jones und Christopher Walken im 1985er James-Bond-Film „A view to a kill“/“Im Angesicht des Todes“.Eckiges, nicht auf den ersten Blick harmonisches Design, erobert die Konsumwelt insgesamt in den 1980er Jahren. Auf den Esszimmertischen erscheint schwarzes, achteckiges Geschirr, in die Unterhaltungswelt hält ein zweiter Bildschirm, der des PC mit seinen pixeligen Spielewelten, Einzug. Frankreich bringt den überaus eckigen, orangefarbenen Schnellzug TGV auf die Schiene.
Die Autos verabschieden sich von Streamline, Chrom und Geschwindigkeitsrausch, um Platz zu machen für moderne Konzepte. Erste – sehr eckige – Elektroautos kommen auf den Markt. Trevor Fiore gestaltet mit dem Citroën-Modell Karin im Jahr 1980 gefühlt eine Ecke auf vier Rädern. Leider ging Karin mit ihrem Bordcomputer nie in Serie. Dafür teilt der Lamborghini Countach einfach die Luft entzwei mit seinem kantigen Design. Im normalen Leben erobern VW Jetta, Fiat Panda, Renault Espace, Volvo 740 und Citroen XM Straßen und Garagen.

Das Konzept für die 1980er: Citroën Karin, gestaltet von Trevor Fiore (Bild: Daniel Bartetzko)
Die Ecke als Gegentrend
Mit welcher Perspektive entlässt uns dieser Ritt durch die Eckigkeit des 20. Jahrhunderts nun mit Blick auf Bauen und Raum? Die Ecke und ihre Schwester, die Kante, bleiben uns als Diskussionsgrund erhalten. Denn als Gegentrend zu organischem, grünem Bauen, wird es mehr seriell gefertigte Bauteile geben. Rechtwinklige Elemente sparen Material und Energie, man kann sie vielfältig einsetzen. Die Renaissance der Platte schmeckt nicht allen und wird sicher alte Fragen neu aufwerfen. In verwirrenden, volatilen Zeiten hat Eckigkeit sicher aber auch etwas Tröstliches. Sie ist nicht nur Stil, sondern Denkform, die Ordnung schafft.

Eine ordnungschaffende Denkform: Essen, SANAA-Gebäude, 2006 (Bild: Cordula Schulze)
Download
Inhalt

LEITARTIKEL: Die Ecke und ihre Schwester
Cordula Schulze über eine ordnungschaffende Denkform in verwirrenden Zeiten.

FACHBEITRAG: James Bond in Südwestdeutschland
Uwe Bresan über den zuletzt aus der Zeit gefallenen „Architektur-Rastelli“ Chen Kuen Lee.

FACHBEITRAG: Das Haus als Manifest
Daniel Bartetzko über das Lebensprojekt des Architektur-Aufbrechers Günther Domenig.

FACHBEITRAG: Egal wohin, Hauptsache voran!
Till Schauen über Glanz und Elend der Kante im Automobildesign.

PORTRÄT: Arcoroc Octime
Karin Berkemann über einen achteckigen Designklassiker, der nie einer sein wollte.

INTERVIEW: „Mit dem Universum in Einklang“
Peter Cachola Schmal über Wohl und Wehe eines Museumsbaus, der vom Meister des Quadrats geschaffen wurde.

FOTOSTRECKE: Kirchenelemente
Gregor Zoyzoyla und sein fotografischer Blick auf die kantige Kirche der römisch-katholischen Hochschulgemeinde Köln.

