von Daniel Bartetzko (26/2)

Jeder Ort, an dem Menschen nachbarschaftlich zusammenleben, ist immer auch ein soziales Konstrukt. Es entstehen – ob in Konsens oder durch das Recht des Stärkeren herbeigeführt – Hierarchien, bevorzugte wie unbeliebte Areale, Räume des Privaten und Räume der Gemeinschaft. Die Soziologie sieht den städtischen Raum gleichermaßen als Ausdruck wie als Bedingung sozialen Handelns: Der Raum entsteht durch ebenjene Handlungen, gleichwohl beeinflusst er sie. Und genau so wird auch seit Jahrhunderten gebaut; mal mehr, mal weniger geglückt. Und mal mehr, mal weniger freiwillig. Öffentliche Räume und auch teilprivate Räume der Gemeinschaft entstehen dabei auch oft genug durch Aneignung: die Grünanlage als Grillfläche, der Baumarkt-Parkplatz als Bikertreff, der Wochenmarkt, der abends nahtlos in eine Freiluftparty übergeht. Die große Küche im Studierendenwohnheim, die zum Gemeinschaftsraum wird oder die Moschee in der ehemaligen Lagerhalle: Man trifft sich dort, wo es schön ist oder man es sich macht. Wo es inspirierend ist, oder wo man Gemeinsamkeit ohne Zwänge zelebrieren kann.

Saarbrücken, Uni-Mensa (Bilder: Karin Berkemann, 2025)

Die Uni-Mensa als Raum der Zusammenkunft, Saarbrücken 2025(Bild: Karin Berkemann)

Von der Utopie zur (Wohn-) Realität

Ein Dorf- oder Marktplatz findet sich überall, Platz- und Parkanlagen in jeder etwas größeren Stadt. Und auch das Wohnen, das Private, wurde ab dem 19. Jahrhundert zunehmend sozialisiert – als Antwort auf die aufkommende Wohnungsnot und erste Verelendungstendenzen der wachsenden Städte im Zuge der Industrialisierung. Das „Phalanstère“ als Produktions- und Wohngemeinschaft wurde vom französischen Antikapitalisten Charles Fourier erdacht und 1832 gegründet. Die Menschen sollten in einer schlossähnlichen Anlage gemeinsam arbeiten, wohnen, leben und lieben! Diese Gemeinschaft überdauerte nur wenige Jahre bis zur Auflösung. Doch Projekte mit weniger radikalen Konzepten folgten in den späteren Jahrzehnten und wurden erfolgreicher. In dieser Utopie mögen durchaus die Anfänge des heutigen (urbanen) Zusammenlebens liegen. Der geförderte Wiener Wohnungsbau ab den 1920er Jahren, Laubenganghäuser mit Gemeinschaftsgärten und heutiges genossenschaftliches Wohnen lassen sich ohne viel Phantasie bis auf Fourier (zumindest als Impulsgeber) zurückführen, und die Kommune 1 in West-Berlin war 1967 wieder ziemlich nahe an seinen Ideen dran! Letztlich transportierten selbst Reihenhaussiedlungen in ihrer architektonischen Hierarchiefreiheit Reste dieser Ansätze.

Gemeinsam Wohnen in Hamburg, Siedlung Dulsberg/Barmbek, Laubenganghäuser von 1927 (Bild: Staro1, CC BY SA 3.0)

Ein deutsches Problem?

Nach wie vor sind Gebäude wie Kirchen, Schwimmbäder, Stadien, Büchereien oder Einkaufszentren noch immer Räume der Gemeinschaft – auch, wenn viele von ihnen gerade an (sozialer) Bedeutung verlieren. Was umso tragischer ist, da sie gezielt der Segregation – der räumlichen Trennung von Bevölkerungsgruppen – entgegenwirken. Vielleicht ist der allmähliche Bedeutungsverlust dieser Gebäude und Plätze auch ein deutsches Problem. Südlich der Alpen ist es nicht so duster um gemeinschaftliche Orte bestellt. Auf der Piazza del Campo in Siena etwa geraten zweimal im Jahr rund 50.000 Zuschauer:innen im wahren Wortsinn aus dem Häuschen, wenn der „Palio“ stattfindet: Vertreter der einzelnen Altstadtviertel treten in einem recht brachialen, kaum zwei Minuten dauernden Pferderennen gegeneinander an. Die Piazza del Campo, an der auch der – nomen est omen – Palazzo Pubblico steht, gibt es seit etwa 1150, der Palio findet in seiner heutigen Form seit 1656 statt. Und auch außerhalb der Urlaubssaison ist der zentrale Altstadt-Platz reich frequentiert. Die ihn rahmenden Restaurants sind stets voll, einmal im Jahr rollt die Oldtimer-Rallye Mille Miglia vorm Palazzo Pubblico vorbei. Seit etwa 750 Jahren ist dieses Areal also in Besitz der Stadtgemeinschaft. Hach Italien, Du hast es besser! Nach funktionierenden Plätzen muss man dort nicht lange suchen. Aber zugegeben: Probleme mit verödenden Stadtteil-Zentren und Gemeinschaftsbauten in Großsiedlungen gibt es längst auch dort.

Siena, Piazza del Campo und Palazzo Pubblico (Bild: Manfred Heyde, CC BY-SA 3.0)

Hier bitte ausrasten: Siena, Piazza del Campo und Palazzo Pubblico (Bild: Manfred Heyde, CC BY SA 3.0)

Das neu erfinden als Dauerzustand

Im deutschsprachigen Raum ist das zunehmende Hadern mit den Orten der Gemeinschaft, auch ihr permanentes Umgestalten und „neu erfinden“, vorrangig ein Phänomen des späten 20. Jahrhunderts. Nicht nur die Verheerungen des Zweiten Weltkriegs haben dazu beigetragen. In zahllosen Klein- und Mittelstädten wird seit 1945 im Schnitt alle 20 Jahre eine „Neue Mitte“ zu rekonstruieren versucht oder – noch schlimmer – auch gebaut. Dauerhaft tragfähig sind nur wenige dieser Instant-Konzepte: Die Freizeitgesellschaft verändert sich, genauso das Einkaufsverhalten und erst recht die Religiosität. Hunderte Kirchbauten fallen aus der Nutzung und drohen als öffentliche Räume verloren zu gehen. Shopping-Malls und Fußgängerzonen veröden, gekauft wird online. Und selbst Freizeit-Center und Spaßbäder, die in den 1970er bis 1990er Jahren boomten, liegen mittlerweile mehrheitlich in Agonie. Das dauerhafte Umbauen selbst funktionierender Orte scheint dabei eher Ausdruck von Hilflosigkeit gegenüber gesellschaftlichen Entwicklungen zu sein. Es versucht mit bisweilen sinnfreien Veränderungen gleichwohl zu signalisieren, dass man sich der Probleme annehme.

München, Public Viewing WM 2006 (Bild: René Stark, CC BY-SA 3.0)

Unbefangener Jubel mit Deutschlandfahne: Public Viewing im Olympiapark, WM 2006 (Bild: René Stark, CC BY SA 3.0)

Rückzug in die Bubble

Das Gefühl der Gemeinschaft scheint allmählich verloren zu gehen. Die Trennung der Bevölkerungsgruppen ist wieder auf dem Vormarsch. Gemeinsam jubelnde Fans wie beim Public Viewing zur Fußball-WM 2006, noch dazu mit Massen von Deutschlandfahnen bestückt, hat man (nicht nur aus Sicherheitsgründen) schon lange nicht mehr gesehen. Die Ausstattung öffentlicher Gebäude, natürlich auch die Gebäude selbst, leiden seit Jahren unter kommunalem Sparzwang. Derzeit geht der Freizeit-Trend zu selbst eroberten Räumen wie Parks, Flussufern und eben auch Grünflächen in Wohnanlagen – meist aber nicht die, die von den Planer:innen als Treffpunkte vorgesehen wurden. Das „Weg-Bier“, das seit den frühen Nullerjahren die teuer zu bezahlenden Club- und Kneipenspirituosen abgelöst hat, war Vorbote dieses Do-it-yourself-Gemeinschaftsvergnügens. Doch egal, wie gut die Stimmung intern dann auch sein mag: Die Clique bleibt unter sich. Selbst das genossenschaftliche Wohnen entwickelt sich zunehmend zur WG mit der Peergroup. Haus- und Hoffeste werden stärker reglementiert; Gartenzäune – einst als Symbol des Spießbürgertums verpönt – werden wieder hochgezogen. Mitunter auch gegen das grillende Völkchen, das sich eigene Orte zu erobern sucht. Nachbarschaft und Begegnung? Ja – aber nicht mit jedem und bitte unter den eigenen Bedingungen…

CentrO Oberhausen (Bild: Giggel, CC BY SA 3.0)

Bitte amüsieren: CentrO Oberhausen (Bild: Giggel, CC BY SA 3.0)

„Kommt zusammen Leute, lernt Euch kennen!“

Wer heute noch Stadthallen und Bibliotheken in den Dimensionen der ultraoptimistischen 1970er Jahre baut, wird ebenso scheitern, wie derjenige, der weiterhin glaubt, das Shopping-Malls und Spaßbäder Publikumsmagneten seien. Vollständig gepflasterte Plätze ohne Grün und Baum sind in Zeiten steigender Temperaturen genauso menschenfeindlich wie anonymisierte, arktisweiß-anthrazitfarbige Eigentumswohnungs-Anlagen mit Schottergärten, die anstelle von Kirchenbauten oder aufgegebenen Sportplätzen entstehen. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich geändert: Mobilität und Migration, Klimawandel und Bodenspekulation, Radikalisierung politischer wie religiöser Lager, eine veränderte Altersstruktur – dies alles sind Faktoren, die auf das (öffentliche) Miteinander Einfluss haben. Doch es wird niemals kein einziges Konzept geben, mit dem man alle Probleme des räumlichen Miteinanders lösen kann. Dazu ist Gesellschaft schon seit jeher zu heterogen – und das ist auch gut so. Doch ein zunehmendes Gefühl der „Einsamkeit mittendrin“ ist nicht wegzureden.

Augsburg, Neue Stadtbücherei (Bild: Requix, CC BY-SA 3.0)

Gemütlich draußen sitzen im vollgepflasterten Glutofen? Stadtbücherei Augsburg, eröffnet 2009. (Bild: Requix, CC BY-SA 3.0)

Dahin schauen, wo es (noch) funktioniert

Doch was tun? Vielleicht hilft es, wieder vor allem dort genau hinzusehen, wo Räume der Gemeinschaft funktionieren und zu analysieren, warum sie dies tun. Bisweilen ist diese Analyse des Bestands hilfreicher, als den Blick vorrangig auf gescheiterte, verlorene Räume zu richten und als Konsequenz komplett neue Konzepte zu erdenken, die womöglich umgehend scheitern oder nur wenige Jahre tragfähig sind. Welche Räume der Gemeinschaft haben sich über Generationen bewährt? Es sind Orte, die entweder im Grünen oder naturnah sind, oder solche, die (wie ein Stadion, ein Schwimmbad oder ein Kulturhaus) für ein gemeinsames Erlebnis geschaffen wurden. Die Begegnung ermöglichen, Nachbarschaft stärken und generell ein Gefühl von Zusammengehörigkeit schaffen. So viele Kriterien sind das nicht. Sie müssen nicht ständig neu definiert werden: Es muss nur gesichert sein, dass die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen sie friedlich nutzen, mindestens aber akzeptieren. Das ist eine politische Frage und sie droht, zum größten Problem zu geraten. Die räumliche Frage ist dagegen fast einfach: Es stehen zahllose Gebäude zur Transformation bereit, zahllose sollten in ihrer Funktion erhalten und gefördert werden. Und es gibt zahllose öffentliche Räume, die auf ihre friedliche Eroberung warten. Das mag jetzt etwas arg optimistisch klingen – und wird wiederum nicht ohne politische Unterstützung funktionieren. Doch unser neues Heft „Zusammen“ gibt Beispiele und Einblicke. Es gibt nichts Gutes, außer: man tut es.


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Keine Werbung (Bild: Dennis Skley, CC BY ND 2.0, 2015, via flickr.com)

Inhalt

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