Aus "Mainz 1945-75" (Bild: DIe Betonisten)

INTERVIEW: Die Betonisten und Mainz 45+

“Die Betonisten” sind seriös geworden: Zusammen mit Architekten Rainer Metzendorf und dem Stadthistorischen Museum Mainz haben sie gerade ein klassisches Buch zur Nachkriegszeit erarbeitet. Unter dem Titel “Mainz 1945–1970” werden 68 Bauten in Texten und historischen Bildern porträtiert. Damit soll, hier trifft sich die Publikation mit dem Kernanliegen der jungen Aktivist:innen, die ursprüngliche Schönheit der Moderne greifbar werden. Unter dem Namen “Die Betonisten” engagieren sich seit rund drei Jahren Studierende, Dozent:innen und Doktorand:innen vornehmlich der Kunstgeschichte für diesen verkannten Baustil. moderneREGIONAL sprach mit drei von ihnen – Eva Authried, Robinson Michel und Maximilian Kürten – über knallgelbe Stühle, das Jacobsen-Rathaus und andere Nicht-Orte.

"Die Betonisten" (Bild: Felix Tauber)

Bei den “Betonisten“, einer offenen Gruppe von rund 10 Personen, reicht die Altersspanne von 23 bis 35 Jahren (Bild: Felix Tauber, 2020)

moderneREGIONAL: Als Betonist:innen arbeiten Sie an der Ehrenrettung der Mainzer Nachkriegsmoderne. Schauen Sie mit einem fremden oder mit einem vertrauten Blick auf die Stadt?

Eva Authried: Beides – die meisten von uns kommen aus der Rhein-Main-Region, viele haben einen engen Mainz-Bezug. Aber gerade die Jüngeren in unserer Gruppe sind noch im Studium und haben damit eine Außenperspektive auf das Stadtgefüge. Und auch für uns Ältere erneuert sich der vertraut gewordene Blick in der Recherche zu einzelnen Bauten immer wieder.

mR: Wie sind Sie als Gruppe zusammengekommen?

Maximilian Kürten: Der Ausgangspunkt war das Rathaus, das 1974 nach Entwürfen von Arne Jacobsen und Otto Weitling fertiggestellt wurde. Eva Authried und ich hatten bereits um 2013 eine Hochschulgruppe gegründet, die eine Ausstellung zum Rathaus kuratieren wollte. Dann kamen nur wenige Jahre später der drohende Abriss bzw. die möglicherweise entstellende Sanierung dazwischen. Daher haben wir uns mit Professoren und Dozenten zu den “Freunden des Mainzer Rathauses” zusammengefunden. Im Verlauf des Projekts stellten wir fest, wie gut das auch für andere Formen von Architektur und öffentlichem Raum funktionieren könnte. Es gibt in Mainz so viele tolle Gebäude der 1960er und 1970er Jahre … Seitdem nennen wir uns “Die Betonisten”.

EA: Das ist eine wunderbare Plattform gerade für junge Studierende, um sich auszuprobieren. Ich selbst arbeite heute, neben meiner Dissertation, als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem Kooperationsprojekt der Universität mit der Landesdenkmalpflege an historischen Ortskernen. Da ist es sehr hilfreich, einen scharfen Blick für das späte 20. Jahrhundert zu haben.

Robinson Michel: Das kann ich nur bestätigen: Ich wurde von Kommilitonen angesprochen, ob ich Lust hätte, mitzumachen. Das passte sehr gut zu meiner Beschäftigung mit der Architekturmoderne im Bachelorstudium “Baukulturerbe” in Wiesbaden. Aktuell bereite ich mich auf den Kunstgeschichte-Master in Mainz vor.

MK: Für mich sind die Betonisten ein wichtiges Engagement und inzwischen ein schönes Hobby (lacht). Nach meinem Abschluss habe ich in einem Frankfurter Architekturbüro gearbeitet und stecke jetzt mitten in der Dissertation über Koolhaas.

Mainz, die Ludwigsstraße in den Nachkriegsjahrzehnten (Bild: Die Betonisten)

Bilder wie diese werden von den Betonist:innen gesammelt, um die Nachkriegszeit lebendig werden zu lassen (Bild: Mainz, die Ludwigsstraße in den Nachkriegsjahrzehnten, Foto: Die Betonisten)

mR: Ihre Gruppe rangiert irgendwo zwischen Schüler:innen-Klimastreik und ergrautem Geschichtsverein … Geht man heute als Forscher:in anders mit Architektur um?

RM: Bei den Betonisten wird die Wissenschaft von unserem Engagement geprägt. Auch methodisch ist das ein anderer Ansatz, als man ihn an der Uni mitbekommt. Wir arbeiten ganz praktisch für eine Sache, die uns am Herzen liegt.

MK: Zum einen freuen wir uns natürlich, wenn man unserer Arbeit den Respekt zollt, den wissenschaftliche Arbeit verdient. Zum anderen wollen wir eine Brücke schlagen und mit den Menschen außerhalb der Universität auf Augenhöhe ins Gespräch kommen: über die Stadt und die Prozesse, die dahinterstecken.

mR: Dann denken Sie vom Ziel her?

EA: Ja, denn mit den standardisierten Kommunikationskanäle der Forschung – Tagung und Buch – erreichen wir vor allem nicht die breite Öffentlichkeit sowie das junge Publikum. Also haben wir uns das ein oder andere abgeschaut von Initiativen, die ihre Forschungsergebnisse medial vermitteln, z. B. von der Bonner Werkstatt Baukultur.

RM: Darüber bekommt man auch andere Informationen als über die rein wissenschaftlichen Kanäle. Denn über unsere Themen wurde noch nicht so viel geschrieben, sie funktionieren noch stark über Emotionalität, über den Dialog mit den Menschen.

"Schaustelle" vor dem Mainzer Rathaus (Bild: DIe Betonisten)

Der Anfang des Engagements war der Streit um das Mainzer Rathaus – hier während der Aktion “Schaustelle” der “Betonisten” (Bild: Die Betonisten)

mR: Welche Ihrer Aktionen hat besonders gut funktioniert?

MK: Das war sicher unsere Schaustelle auf dem Rathausplatz: Wir hatten überall knallgelbe Stühle verteilt, um die Aufmerksamkeit der Leute zu erregen. Dafür hatten wir pro Stuhl kleine Hefte vorbereitet, die dazu anregten, sich mit der Umgebung auseinanderzusetzen. Der Dialog, der sich daraus ergab, war für alle ein besonderes Erlebnis.

mR: Mit ihrem aktuellen Buch haben Sie dann doch ein traditionelles Medium gewählt.

MK: Mit dem wachsenden Bekanntheitsgrad unsrer Gruppe kommen andere Protagonisten auf uns zu. So erhielten wir die Chance, mit Rainer Metzendorf zusammenzuarbeiten, der über Jahrzehnte im Mainzer Stadtplanungsamt tätig war.

RM: Es wäre ein Fehler, diese klassische Zielgruppe außen vorzulassen.

EA: Und es ist nicht “nur” ein Buch, sondern eine wahre Freude an historischen und aktuellen Bildern. Das macht uns Betonisten aus, die visuelle Vermarktung – um genau die ursprünglichen und zugrundeliegenden Konzepten zu zeigen, die heute oft nicht mehr sichtbar sind.

Aus "Mainz 1945-75" (Bild: DIe Betonisten)

Damit die Baukunst in “Mainz 1945–1970” noch mehr Freund:innen findet, haben die “Betonisten” an einem Architekturführer mitgewirkt (Bild: Mainz, MAN-Stahlhaus, Bilds: Alfred Büllesbach)

mR: Wenn Sie einen Wunsch für die Betonist:innen frei hätten – und Geld und Genehmigungen spielten keine Rolle, …

EA: … dann wäre das ein städtebauliches Open-Air-Filmfestival, gespickt mit kleinen Vorträgen, am Ende der nicht weitergeführten Verkehrstangente am Mainzer Hauptbahnhof. Dieser Nicht-Ort wäre ideal für uns.

MK: Ich bin ein großer Freund davon, die Menschen an den Orten anzusprechen, an denen sie sich aufhalten. Aktuell nähern wir uns der Rheinuferbebauung des Landschaftsarchitekten Gottfried Kühn. Dazu könnte ich mir gut ein Festival mit Vermittlungsaktionen vorstellen.

RM: Wir wollen auch weiter interdisziplinär arbeiten, wie in diesem Sommer bei einer Summer School mit der Hochschule Rhein-Main. Daraus könnte ein Netzwerk entstehen – mit Menschen und Hochschulen aus den unterschiedlichsten Branchen. Dann hätten wir eine breite Basis, um mit neuen Themen an die Öffentlichkeit zu gehen.

Das Gespräch führte Karin Berkemann (30.10.21).

Mainz, Allianz-Haus (Bild: Die Betonisten)

Mainz, Allianz-Haus (Bild: Die Betonisten)

Mainz, Rathaus (Bild: Die Betonisten)

Mainz, St. Petrus Canisius (Bild: Die Betonisten)

Mainz, St. Petrus Canisius (Bild: Die Betonisten)

Druckfrisch

Metzendorf, Rainer (Hg.), Mainz 1945–1970. Die verkannte Epoche des Wiederaufbaus, Morisel-Verlag, München 2021, Hardcover, 128 Seiten, ISBN 978-3-943915-52-5.

Titelbild: Mainz, ZDF (Bild: Landeshauptarchiv Koblenz)