Ich habe ihn immer gerne gelesen, aber nur selten bis in alle Verästelungen hinein verstanden. Aber darum ging es auch nicht, denn der Architekt Nikolaus Kuhnert wollte vor allem einen Diskurs anstoßen, und das ist ihm über fünf Jahrzehnte hinweg gelungen. Als (leitender) Redakteur und später auch Herausgeber hat er mit der Fachzeitschrift Arch+ – in gedruckten Ausgaben und zunehmend auch in einer bemerkenswerten Online-Fassung – entscheidende Themen gesetzt und entfaltet. Denn bei (fast) jeder Recherche, die eine:n rund um die Architekturmoderne zur Suche zwingen, landet man am Ende dann doch bei mindestens einem der Hefte von Arch+. Entsprechend wurde Kuhnert für seine Arbeit verdient und wiederholt ausgezeichnet, vom Schellingpreis für Architekturtheorie (1996) bis zum BDA-Preis für Architekturkritik (2021).
Nachdem Kuhnert 2015 durch eine Krankheit zurückgeworfen worden war, widmete er eine Arch+ (und einen zugehörigen autobiographischen Roman) dem Blick auf sein eigenes Leben und Schaffen. Als Leitmotive identifiziert er die Skepsis gegenüber Begriffen wie Post- oder Spätmoderne (das verleugne den Fortschritt innerhalb der Architektur), und die Freude am diskursiven Entwerfen (wie anders sollten Räume für deren Nutzer:innen geöffnet werden). Geboren 1939 in Potsdam als Kind einer jüdischen Mutter, begleitete ihn nicht zuletzt die Auseinandersetzung mit diesen Wurzeln. Er schloss seine Selbstreflektion 2016 mit einem Aufbegehren: „Sonst hatte ich immer das Gefühl, als Überlebender alles überleben zu können, auch die schwere Krankheit 2015, als ich nach einem Blutsturz in die Charité eingeliefert wurde, immer mit dem Gefühl: Wenn ich schon Hitler überlebt habe, dann wird mich auch dieses Aneurysma nicht umbringen.“ Gestern verstarb Nikolaus Kuhnert in Berlin im Alter von 86 Jahren. (kb, 21.8.25)

Nikolaus Kuhnert (Bild: Edwin Gardner, CC BY NC SA 2.0, via flickr, 2006)
