Mülheim-Kärlich, Abriss des Kühlturms (Bild: Lothar Spurzem, CC BY SA 2.0, 2018)

Orientierungsverluste

So muss es sich in den 1990er Jahren für ehemalige DDR-Bürger angefühlt haben (und oft immer noch anfühlen): Da verschwindet in einem Streich die bauliche (tief Luft holen) Heimat einer ganzen Generation. Nicht nur einzelne Inkunabeln aus der Silhouette, sondern ganze Häuserzeilen und Infrastrukturen. Mit einem Mal fehlt dem Auge der Halt. Nach längerer Abwesenheit zieht sich der Magen auf der Fahrt nach Hause flau zusammen. Man zählt rasch durch: Hochhausspitzen, Kirchtürme, Fernsehturm, Hochstraße, Brücke. Und im Nahabgleich noch den Kiosk um die Ecke. Irgendwas fehlt immer.

Aerobus zur Buga 75 in Mannheim (Bild: historische Postkarte, 1975, Alfred Ziethen Verlag, Sinthern)

Kommt (fast) alles weg: Mannheim zu Zeiten der Buga 75 (Bild: historische Postkarte, 1975, Alfred Ziethen Verlag, Sinthern)

Jetzt ließe sich kontern: Aus einer Stilepoche, die groß dachte und groß baute, gibt es eben auch viel abzureißen. Und die Moderne war selbst nicht gerade zimperlich mit den vorgefundenen Stadtbildern. Doch die Menge und Geschwindigkeit der aktuellen „Stadtreparaturen“ von Ludwigshafen, Mannheim, Heidelberg, Hamburg (bitte in Gedanken ergänzen) lässt selbst Fortschrittsnostalgiker schnappatmen. Was an die Stelle der Verluste tritt, muss formal nicht schlechter sein, aber es ist allzu oft dichter. Der Stadtraum schließt sich, verliert an Freiflächen und Nischen für karriereferne Bastler, liebevolle Krauterer und sinnsuchende Flaneure.

Potsdam, Terrassenrestaurant "Minsk", Esssaal während der Bauzeit (Bildquelle: Privatarchiv Wladimir Stelmaschonok)

In letzter Sekunde: Aus dem Potsdamer Terrassenrestaurant „Minsk“ wird gerade ein Kunstmuseum (Bildquelle: Esssaal während der Bauzeit, Privatarchiv Wladimir Stelmaschonok)

Da finden wir uns in Tagungen zusammen und wärmen das geschundene Modernistengemüt an den geretteten, gut sanierten oder hoffnungsvoll in Liebe gehüllten Einzelbeispielen. Oder wir trösten uns mit ästhetischen Dokumentationsfotografien (kurz bevor der Bagger kommt). Doch es gibt sie noch, die Überraschungen: Wer hätte ernsthaft noch mit dem Potsdamer Terrassenrestaurant Minsk gerechnet? Oder dass ein offener Brief die Berliner U-Bahn unter Schutz und ins Museum bekommt? Gelegentlich unterliegt der Architekturdarwinismus. (Optimistisch sind wir hier morgen wieder. Versprochen.) (2.3.20)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Mülheim-Kärlich, Abriss des Kühlturms (Bild: Lothar Spurzem, CC BY SA 2.0, 2018)